Literatur"Ich kenne Amerika nicht mehr"

Wie veränderten sich die Welt, die Liebe, unsere Gewissheiten nach dem 11. September? In seinem neuen Roman "Falling Man" hat sich Don DeLillo diesen Fragen gestellt. Ein Gespräch. von 

Mister DeLillo, wir würden gerne ein Werkstattgespräch mit Ihnen führen, darüber, wie Sie arbeiten, wie Sie denken und wie es zu Ihrem Roman Falling Man kam.

Normalerweise vergesse ich einen Roman sofort, wenn ich ihn geschrieben habe. Diesmal ist es anders. Ich habe über ein Jahr gebraucht, bis ich mich einigermaßen davon frei fühlte. So ganz hat es bis heute nicht geklappt.

Dabei haben Sie sich in Ihren Büchern schon oft mit politischen Verschwörungen und Attentaten beschäftigt.

Ja, aber dieser 11. September ist anders. Er ist so nahe an mir dran, an allen New Yorkern, immer noch. Vor kurzem brannte das Gebäude der Deutschen Bank in Manhattan, ein vergleichsweise harmloser Brand. Aber als ich die Bilder sah, schlug mein Herz sofort lauter.

Haben Sie nach dem 11. September jemals gedacht: Diese Geschichte hätte ich mir ausdenken können?

Nein, nein! Aber ein Freund rief mich drei Tage nach den Anschlägen an und sagte mit zitternder Stimme, er halte gerade ein Exemplar meines Romans Unterwelt in der Hand. Es zeigt das World Trade Center im Nebel. Ich hatte an das Motiv auf dem Buchumschlag gar nicht gedacht. Eigentlich wollte ich nie einen Roman über den 11. September schreiben. Ich hatte eine Idee für ein anderes Buch, an dem ich schon ein halbes Jahr gearbeitet hatte, bis plötzlich ein Bild in meinem Kopf auftauchte: ein Mann, der nach dem Angriff durch die Straßen von Manhattan geht, eingehüllt von Wolken aus Staub und Asche. Später habe ich herausgefunden, dass es dieses Foto wirklich gibt, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das Bild war einfach da, in meinem Kopf. Mit diesem Motiv ging es los, mehr hatte ich nicht.

Sie hatten kein Foto vorliegen, sondern…

…das Bild existierte zunächst nur in meiner Vorstellung.

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, in dem dieses Bild auftauchte?

Irgendwann im Jahr 2004. Ein paar Monate später habe ich angefangen, an Falling Man zu arbeiten. Dieses Datum weiß ich noch genau: Es war der Tag nach der Wiederwahl von George W. Bush im November 2004. Ich brauchte ein inneres Gegenwicht. Ich recherchierte, las Artikel und Bücher über den 11. September und entdeckte auch das Foto, das ich bislang nur in meinem Kopf hatte. Es zeigt einen Geschäftsmann in Asche und Staub, in der Hand eine Tasche. Es ist nach den Attentaten in vielen Zeitungen erschienen. Ich fragte mich: Wer ist dieser Mann? Was ist seine Geschichte? Und was hat es mit der Tasche auf sich? Ich habe diese Fragen mit meiner Vorstellungskraft versucht zu beantworten. Plötzlich kam ich auf die Idee, dass die Tasche dem Mann gar nicht gehört. Wem gehört sie? Warum hat er sie in der Hand? Ich habe mich wie ein Detektiv in meine eigene Handlung begeben.

Wie sieht Ihr Alltag aus, wenn Sie einen Roman schreiben?

Ich gehe morgens nach dem Frühstück in mein Zimmer und schreibe auf meiner manuellen Schreibmaschine drei, vier Stunden lang. Dann mache ich eine Pause, besuche meinen Buchhändler, gehe im Supermarkt einkaufen, esse etwas. Und wenn es gut läuft, kehre ich am späten Nachmittag zurück an den Schreibtisch.

Wer ist Ihr erster Leser? Ihre Frau?

Ja, sie liest das Manuskript, aber erst, wenn ich es zu Ende geschrieben habe. Und meine Lektorin natürlich. Es ist eine Schande, dass der Berufsstand des Lektors in Amerika ausstirbt! Was soll das? Lektoren sind immens wichtig, sie können Karrieren retten! Nehmen Sie meinen Fall. Wenn ich das Manuskript meines ersten Romans Americana heute einem Verlag anbieten würde – es würde nie veröffentlicht werden. Es bestand aus 700 chaotischen Seiten, ein ziemliches Durcheinander. Aber es fand sich ein Lektor, der sagte, in diesem Chaos steckt etwas Interessantes. Und er ging mit mir den Text durch, in langen Gesprächen, schlug Änderungen vor, Kürzungen. Ich habe dann vieles geändert. Das wäre heute nicht mehr möglich. Eine Schande!

Und wie sind Sie im Fall von Falling Man vorgegangen?

Bei Falling Man habe ich zwei Drittel des Buchs innerhalb eines Jahres geschrieben, indem ich meinem Instinkt gefolgt bin. Dann habe ich die einzelnen Teile neu zusammengefügt, um eine innere Struktur zu schaffen, eine Balance, einen Rhythmus, damit bestimmte Elemente in einem sinnvollen Abstand immer wieder auftauchen können. Ich habe mich wie ein Architekt gefühlt, der ein Gebäude entwirft. Wie Hemingway gesagt hat, get black on white, setze schwarze Buchstaben auf weißes Papier, dann folgt ein Satz dem nächsten.

Sie haben einmal gesagt: „Ich denke Satz für Satz.“

Ja, ich denke Satz für Satz, Stein auf Stein. Ich lerne aus meinen eigenen Sätzen etwas über die Figuren eines Romans. Die Sätze bringen mir auf eine merkwürdige Art etwas über das Buch selbst bei. Ich begreife erst während des Schreibens, was ich wirklich sagen will. So geht es dann voran. Diese Erfahrung mache ich auch oft, wenn ich über Politik diskutiere. Bevor ich über ein bestimmtes Thema nicht diskutiert habe, kenne ich meine eigene Position meistens noch nicht.

Ist Falling Man ein politisches Manifest?

Nein, ich wollte mich aber mit dem 11. September beschäftigen, Tag für Tag, Satz für Satz. Ich bin erst seit den Anschlägen wieder regelmäßig wählen gegangen. Wobei ich zugebe, dass mich meine Frau geradezu dazu zwingt: Sie schiebt mich am Wahltag praktisch aus der Tür, damit ich meine Stimme abgebe.

Wo verorten Sie sich politisch?

Ich bin unabhängig. Und mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Warum nicht?

Nun, in der Bronx, wo ich aufgewachsen bin, hätten wir früher gesagt: Because it’s none of your fucking business.

Für die Leser unseres Gesprächs müssen wir jetzt hinzufügen, dass Sie lachen.

Ja. Ich möchte mich politisch nicht öffentlich festlegen lassen.

Was denken Sie über das Amerika von heute?

Wir befinden uns in einem merkwürdigen Zustand. Nach dem 11. September standen die Amerikaner hinter ihrer Regierung, es gab kaum Proteste gegen den Afghanistan-Einsatz und zunächst auch keine Kritik am Irakkrieg. Und selbst heute, obwohl die Stimmung in den Umfragen gekippt ist, spürt man nichts von einer öffentlichen Protesthaltung, die auch nur im Entferntesten an die Zeit von Vietnam erinnern würde. Wie es eine Figur in Falling Man ausdrückt, so denke auch ich: Ich kenne Amerika nicht mehr. Übrigens bekam ich erst, nachdem ich den Text zu Ende geschrieben hatte, ein Gefühl dafür, wie man mit den Mitteln der Literatur auf solche Ereignisse reagieren kann. Mit Literatur können Sie das Innenleben eines solche Ereignisses ausleuchten. Der Schriftsteller kann das Gefühl von Angst und Verlust eines Einzelnen mit Dialogen beschreiben, mit Träumen, mit Gedanken, die einem Historiker oder einem Biografen verschlossen bleiben. Ein Schriftsteller muss nichts beweisen, jedenfalls nicht im Sinne eines Sachbuchautors. Denn wie wollen Sie Träume mit einer historischen Quelle belegen? Trotzdem können sie eine andere, nicht weniger wertvolle Wahrheit beschreiben.

Die beiden Hauptfiguren in Falling Man heißen Keith und Lianne, ein Paar, das sich vor dem 11. September getrennt hat. Welche Wahrheiten spiegeln sich in den beiden?

Keith und Lianne sind die Hauptfiguren, ein getrennt lebendes Paar. Es gibt noch ein zweites Paar, Nina, Liannes Mutter, und ihren deutschen Lebensgefährten Martin. Und was geschieht nach den Anschlägen? Keith und Lianne nähern sich einander an, erneuern ihre Beziehung, während Nina und Martin in eine Krise geraten und auseinandergehen. Hier sehen Sie die Macht des Terrors: Er verändert unser Leben.

Wer ist Keith?

Ironischerweise ist das die Frage, die sich Keith nach den Anschlägen erstmals selbst stellt: Wer bin ich? Was ist meine Identität? Plötzlich begreift er, wie sehr er seinen Sohn liebt, dass er in seiner Nähe sein möchte. Lianne wollte immer wie andere sein, erst durch den 11. September findet sie stärker zu sich selbst. Sie liest alles, was sie in die Hände bekommt, besonders intensiv die Nachrufe auf die Opfer der Anschläge, die täglich in der Zeitung erscheinen.

Sie reden über Ihre Figuren, als lebten Sie mit ihnen.

Aber es ist nicht so, dass ich sie liebe oder hasse. Ich würde eher sagen, dass wir gemeinsam einen Weg gehen, und ich gespannt darauf bin, was ich mit ihnen erlebe.

Falling Man ist ein Buch über Intimität geworden.

Ja, ich erzähle eine intime Geschichte, die umgeben ist von einem globalen Ereignis. Es ist aber auch ein Buch über Erinnerungen geworden und darüber, was sie für unser Leben bedeuten. Ich habe vor zehn Jahren regelmäßig an Treffen einer Gruppe von Alzheimer-Patienten teilgenommen, ohne zu wissen, dass ich jemals darüber schreiben würde. Zu Beginn schrieb jeder der Teilnehmer zwanzig Minuten lang Erinnerungen aus seinem Leben auf, anschließend las man sich die Texte gegenseitig vor und unterhielt sich darüber. Die Teilnehmer haben diese Treffen geliebt, ich war lediglich ein stiller Beobachter und Zuhörer.

Wie kamen Sie dazu, sich mit Alzheimer zu beschäftigen?

Meine Schwiegermutter war an Alzheimer erkrankt, meine Frau hatte deshalb die Gruppe überhaupt erst ins Leben gerufen. Es war ergreifend, diesen Menschen zuzuhören, wie sie sich gegenseitig aus ihrem Leben erzählten, ihre Erinnerungen, Momente, Gefühle, die in den Massenmedien von heute völlig untergehen. Die Treffen fanden Anfang der neunziger Jahre statt, aber als ich mich jetzt mit dem 11. September und dem Thema der kollektiven Erinnerung auseinandersetzte, sind mir diese Runden wieder eingefallen, und so habe ich sie literarisch verarbeitet, als Beispiel, wie wir mit unseren eigenen Erinnerungen umgehen können: Wir müssen sie uns gegenseitig erzählen.

In Ihrem Roman Mao II haben Sie die Kraft einer terroristischen Aktion mit dem wesentlich geringeren Einfluss eines Schriftstellers verglichen. Das klang fast eifersüchtig.

Es ist eine Figur in Mao II , die so spricht, nicht der Schriftsteller Don DeLillo. Wenn ich Literatur schreibe und meinen Figuren Sätze in den Mund lege, denke ich nicht darüber nach, ob ich hinter diesen Sätzen stehe.

Versuchen wir es anders: Gibt es Ähnlichkeiten zwischen einem Terroristen und einem Schriftsteller?

Der Terrorist kann die Welt verändern, in seinem Sinn beeinflussen, der 11. September ist dafür ein schreckliches, angsteinflößendes Beispiel. Danach ist alles anders, die Stadt, die Menschen, die Welt. Der terroristische Akt hat, wenn Sie so wollen, eine einfache, klare Struktur, auch daraus bezieht er seine Attraktivität. Und der Terrorist verschafft sich dadurch eine eigene Rolle, die ihn vom Rest der Welt unterscheidet. Als ich das berühmte Foto des Attentäters Atta sah, das in seinem amerikanischen Führerschein klebte, konnte ich meinen Blick nicht von seinen Augen lassen. Es war, als ob sie ein besonderes Wissen ausstrahlten: denn Atta wusste, dass die Tatsache, dass er nun einen amerikanischen Führerschein besaß, die Welt für immer ändern würde.

Und Sie spüren diese Sehnsucht auch?

Natürlich ist ein direkter Vergleich zwischen dem Terroristen und Schriftsteller großer Unsinn, darüber sind wir uns einig, ja? Aber es gab einmal eine Zeit, in der Schriftsteller auch einen Einfluss darauf hatte, wie seine Zeitgenossen denken, wie sie die Welt sehen, wie sie leben. Kafka, Beckett, ihnen ist das noch gelungen. Kafkas Werk hat den Blick, wie wir die Welt sehen, für immer verändert. Hat Literatur heute noch diese Kraft? Nein, ich glaube, sie hat diese Kraft verloren. Es werden immer noch großartige Romane geschrieben, aber sie verändern nicht mehr die Welt.

Warum nicht? Was stimmt Sie so pessimistisch?

Wir leben in einer Zeit der schnellen Massenmedien, des Fernsehens, des Internet. Sie bestimmen unseren Takt, nicht mehr Bücher.

Aber kämpfen Sie als Schriftsteller, der sich den großen Themen unserer Zeit stellt, nicht genau dagegen an?

Ich habe Ideen und setze sie um. Mir würde es Angst machen, wenn meine eigenen Bücher diesen Einfluss hätten. Ich wollte die Welt nie verändern. Norman Mailer wollte das, er hatte sich zum Ziel gesetzt, das Bewusstsein unserer Zeit zu verändern. Und ich glaube, dass er in den sechziger Jahren durchaus nahe dran war, das zu schaffen. Aber ich? Nein, nein, ich wollte so etwas nie. Ich bin nicht maileresk.

Sie schreiben doch Romane auch, um Leser zu erreichen, um Ihre Sicht auf die Welt zu beschreiben.

Henry James hat einmal gesagt, dass der Zweifel die Leidenschaft des Schriftstellers ist. Das trifft die Sache ziemlich genau. Während der Arbeit an einem Roman schwankt mein Selbstzweifel von Seite zu Seite, mal ist er schwächer, dann blitzt er wieder mächtig auf. Ich weiß auch nie vorher, ob ein Buch von mir auf große Reaktionen stoßen wird. Als ich Unterwelt zu Ende geschrieben hatte, habe ich mir keine allzu großen Hoffnungen gemacht, um ehrlich zu sein. Es ist ein ziemlich komplizierter Stoff, 800 Seiten, 100 verschiedene Figuren – wer sollte sich dafür interessieren?

Ihre Agentin gab Ihnen nach der Lektüre den dringenden Rat, ein ausführliches Inhaltsverzeichnis anzulegen.

Ja, sie hielt das für eine gute Idee…

…die Sie nicht umgesetzt haben. Unterwelt wurde schließlich ein internationaler Bestseller. Die Kritiker feierte ihn als amerikanische Antwort auf Ulysses als Jahrhundertwerk.

Niemand war davon mehr überrascht als ich. Ich hatte das fertige Manuskript nicht nur meiner Agentin, sondern auch einigen Freunden und Kollegen zum Lesen gegeben, und schon nach einer knappen Woche erreichten mich erste positive Reaktionen. Diese freundlichen Menschen hatten 800 Seiten innerhalb einer Woche gelesen! Allein das war ein Kompliment, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Der britische Observer hat Sie einmal die „Medusa unserer Zeit“ genannt, weil Sie Themen aufgreifen, die oft erst Jahrzehnte später einer größeren Öffentlichkeit bewusst werden.

Ich habe das auch über mich gelesen.

Sie schauen gerade, als hätten Sie in eine Zitrone gebissen.

Habe ich mein Gesicht verzogen? Mmmh.

Sie mögen das Zitat nicht.

Medusa war selbst nicht besonders glücklich, richtig? Ich hingegen bin durchaus kein unglücklicher Autor.

Sie sind ein glücklicher Autor?

Ich glaube, dass es so etwas wie einen glücklichen Autor nicht gibt. Schreiben ist schwierig, frustrierend, der Anfang ist immer das Schwerste, aber dann, oft erst nach der Hälfte des Buchs, erlebt der Autor oft ein besonderes Glück: Das Geschriebene ergibt plötzlich Sinn, die Dinge werden klarer, das Schreiben fällt ihm leichter.

Sind Sie eine Medusa?

Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, wie mich andere sehen. Ein Schriftsteller sollte vermeiden, der zu werden, für den ihn die Öffentlichkeit hält. Wenn einem das nicht gelingt, friert man ein, erstarrt in einer Pose der Selbstdarstellung. Und der Autor in Ihnen stirbt. Sehen Sie, es ist nicht so, dass mir ein zeitgeschichtliches Phänomen auffällt und ich es geschickt in einen Roman einbaue. Ich schreibe unbewusst. Ich bin darin wohl einem Künstler ähnlich, der Bilder malt oder Skulpturen schafft, die ein Zeitgefühl widerspiegeln, ohne dass er dieses analysieren könnte.

In Ihrem ersten Roman Americana , erschienen vor 36 Jahren, nehmen Sie das heutige Lebensgefühl vorweg, das durch die mediale Selbstdarstellung auf Internetseiten wie MySpace und den Realityshows im Fernsehen entstanden ist: Sie schreiben, dass viele Menschen nur noch glauben, sie existieren, wenn es Videoaufnahmen von ihnen gibt.

Gerade gestern habe ich eine wissenschaftliche Arbeit in der Post gehabt über mein Werk, darin wird diese Stelle auch zitiert. Ich muss zugeben, dass ich diesen Satz längst vergessen hatte. Merkwürdig, oder? Was geht im Kopf eines Schriftstellers vor? Ich kann Ihnen gerade einmal beschreiben, was in meinem los ist. Aber bei anderen Schriftstellern stehe ich auch vor einem Rätsel. Es ist unendlich schwer, über das Schreiben zu sprechen. Wenn ich meine Schriftsteller-Freunde treffe, unterhalten wir uns lieber über Filme, über Politik, über Sport, im Grunde über alles, nur nicht über Literatur.

Bei diesen Themen spüren Sie keine Rivalität untereinander?

Natürlich erleichtert das die Gespräche. Mit anderen Schriftstellern über deren Bücher oder auch über meine eigenen zu sprechen erfordert die hohe Kunst der Diplomatie. Was sagen Sie einem guten Freund, dessen neuen Roman Sie gerade gelesen haben und leider grauenvoll finden? Entweder suchen Sie höflich nach ein paar positiven Details – oder zwischen Ihnen ist eine wirklich enge Freundschaft, die von ehrlicher Kritik nicht beschädigt wird. Das kommt nur leider sehr selten vor.

Sind Sie ein optimistischer oder ein pessimistischer Mensch?

Ich denke nicht in diesen Kategorien. Meine Eltern waren Einwanderer aus Italien, aus den Abruzzen, einfache Menschen, die erst in New York zusammengekommen sind, in der Bronx, wo ich aufgewachsen bin. Sie kamen nach Amerika, weil sie Arbeit suchten und erlebten, dass dieses Land ihnen gegenüber seine Versprechen gehalten hat: Es hat ihnen Perspektiven geboten, eine neue Gesellschaft, in der sie Arbeit fanden und einen gewissen Wohlstand erreichten. Ich habe mich einmal gefragt, warum ich in meinen Bücher so wenig auf meine Kindheit in der Bronx eingegangen bin, und die einzige Antwort, die ich geben kann, ist: Auf eine bestimmte Art bin ich dem Antrieb meiner Eltern gefolgt, mich mit dieser neuen Gesellschaft im Großen und Ganzen zu beschäftigen und nicht nur mit den drei Straßen, in denen ich aufgewachsen bin. Es ist sicher kein Zufall, dass mein erster Roman Americana heißt.

Sie sind Jahrgang 1936. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Verzeihen Sie bitte, dass ich wieder mit einem Bildmotiv beginne. Vor kurzem habe ich in der Zeitung ein Foto gesehen von einem Baseball-Spiel von 1951. Auf den Rängen trug jeder Zuschauer Anzug und Krawatte. Das hatte ich komplett vergessen! Dieses Beispiel zeigt, wie unendlich weit weg die Zeit meiner Kindheit, meiner Jugend aus heutiger Sicht wirkt. Mein Vater, er war Versicherungsvertreter, trug immer Anzug und Krawatte und nur an besonders heißen Tagen ein weißes, kurzärmeliges Hemd.

Und wie war der kleine Donald DeLillo?

Ich war immer auf der Straße. Als kleiner Junge habe ich mir die meiste Zeit damit vertreiben, dass ich mir vorstellte, ein Baseball-Kommentator im Radio zu sein. Ich konnte mir stundenlang Spielzüge ausdenken. Wir lebten zu elft in einem kleinen Haus, aber die Enge war nie ein Problem. Ich kannte es nicht anders. Wir sprachen ständig Englisch und Italienisch wild durcheinander, meine Großmutter, die fünfzig Jahre in Amerika lebte, hat Englisch nie gelernt.

Eine späterer Freund hat Sie einmal einen „leidenschaftlichen Einzelgänger“ genannt.

Zum Einzelgänger wurde ich mit Anfang zwanzig, und wahrscheinlich bin ich bis heute einer geblieben. Es ist gut möglich, dass dies eine Reaktion auf meine laute Kindheit war, in der ich nie allein war.

Was haben Sie in der Bronx für den Rest Ihres Lebens gelernt?

Poker.

Sind Sie gut darin?

Ich war ein ziemlich guter Spieler, aber ich habe lange nicht mehr gespielt. Ich gehörte zu einer Pokerrunde, die jahrelang jede Woche stattfand. Dann sind einige Teilnehmer gestorben, ein anderer zog in eine andere Stadt, also mussten wir aufhören.

Ihre Figur Keith in Falling Man spielt ebenfalls bei einer wöchentlichen Pokerrunde mit. Es ist das Einzige, was ihm nach der Trennung von Lianne Freude macht.

Stimmt. Und tatsächlich kannte ich auch mal einen Mann, der wie Keith nach der Trennung von seiner Frau in eine kleine Wohnung zog, und das erste Möbelstück, das er kaufte, war ein Poker-Tisch.

Was fasziniert Sie am Pokern?

Die Herausforderung. Man muss smart sein und mutig. Man muss sich ganz auf das Spiel konzentrieren, und deshalb hilft einem Poker, alle Probleme, die man hat, für ein paar Stunden zu vergessen. Poker erzählt dir vieles über deinen eigenen Charakter: Bist du bereit, ein Risiko einzugehen? Kannst du leicht Entscheidungen treffen? Es ist nicht immer angenehm, die Antworten darauf zu erfahren. Poker ist da gnadenlos.

Poker ist ja seit einiger Zeit ein weltweit erfolgreiches Fernseh-Phänomen. Was denken Sie: Woher kommt dieser Erfolg?

Darf ich Ihnen mit Keith aus meinem Buch antworten? Er glaubt, dass der Erfolg von Poker im Fernsehen nicht am Poker liegt, sondern am Fernsehen. Er hat recht. Poker-Spiele im Fernsehen werden wie Soaps oder Wrestling inszeniert mit Charakteren, die irgendwelchen Klischees entsprechen. Sehen Sie, das Fernsehen hat auch Baseball verändert, ein Spiel, das eigentlich aus langen Unterbrechungen besteht. Weil das Fernsehen aber die Technik der Wiederholung erfunden hat, wiederholen sie in den Pausen einzelne Szenen, selbst wenn sie zu nichts geführt haben. Und am Ende besteht die Übertragung eines Baseball-Spiels vor allem aus Wiederholungen – wir Menschen haben diese Technologie erfunden, also muss sie eingesetzt werden.

Mister DeLillo, Sie sollen erst spät angefangen haben, Bücher zu lesen.

Ja, als Kind habe ich vor allem Radio gehört. Bücher habe ich erst als junger Erwachsener entdeckt, Hemingway, Faulkner, Thomas Wolfe, romantische epische Romane. Dann entdeckte ich die Europäer, Albert Camus vor allem.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie ihnen sagten: Ich möchte Schriftsteller werden?

Ich bin der erstgeborene Junge, der genießt in italienischen Familien größere Freiheit als seine Geschwister. Meine Eltern haben vielleicht deshalb nicht protestiert. Ich war schon 28, als ich meinen Job bei einer Werbeagentur gekündigt habe, weil ich Romane schreiben wollte. Ich bin eines Morgens aufgewacht und dachte: Heute kündige ich. Das einzige Problem an diesem Tag war, dass ich meinen Chef nicht finden konnte. Ich erreichte ihn am späten Nachmittag, und er war nicht sonderlich überrascht. Ich sagte: „Ich gehe jetzt, und ich komme nicht wieder.“ Ich glaube heute, dass er lange vor mir wusste, dass ich eines Tages kündigen würde.

Und dann fingen Sie an, Ihren ersten Roman zu schreiben?

Nein, gekündigt habe ich 1965. Mein erstes Buch erschien erst sechs Jahre später. Ich habe damals viel Zeit im Kino verbracht, am liebsten besuchte ich Nachmittagsvorstellungen, weil ich dann oft allein im Saal saß. Ich hing so herum.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten damals nicht gewusst, ob Sie wirklich ein Schriftsteller werden würden, aber Sie wollten wenigstens das Leben eines Schriftstellers führen, das aus drei Dingen besteht…

…Kaffee, Zigaretten und hin und wieder einen Blick auf die Welt werfen. Ich war fasziniert davon.

Welche Bilanz ziehen Sie heute, vier Jahrzehnte später?

Ich habe das Rauchen längst aufgegeben und trinke lieber eine Tasse Tee. Aber alles andere ist so gekommen.

Das Gespräch führten Christoph Amend und Georg Diez

Don DeLillo wurde 1936 in New York geboren. Er wuchs in der Bronx auf, inmitten von Immigranten. Seine Eltern waren aus Süditalien nach Amerika gekommen. 1971 erschien sein erster Roman Americana , danach lebte er einige Jahre in Griechenland, wo auch ein großer Teil seines Romans Die Namen (1982) spielt – wie häufig bei DeLillo eine Meditation über Leben und Kultur in Amerika. Die Medien, die Massengesellschaft, die Konsumwelt, Paranoia, Angst und Terror, das sind Themen, die er schon in Weißes Rauschen (1984), Sieben Sekunden (1988), Mao II (1991) und Unterwelt (1997) behandelt hat und die in Falling Man vor dem Hintergrund des 11. September zusammenfinden. Don DeLillo ist ein Meister post-modernen Erzählens: Er verweigert sich oft einer linearen Schilderung und überlässt es dem Leser, das Geschehen zusammenzusetzen. Zum Schriftsteller, sagt er, sei er durch seine Stadt geworden, „weil ich in New York lebte und all die großartigen, überraschenden, gefährlichen Dinge sah und hörte und fühlte, die hier geschehen.“

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    • Schlagworte Literatur | Don DeLillo
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