Nobelpreis Und immer sind die Gene schuld

Der alternative Nobelpreis geht an ein kanadisches Landwirtspaar, das gegen Gentechnik auf dem Acker protestiert. Damit senden die Stifter eine verhängnisvolle Botschaft

Die Signale könnten widersprüchlicher kaum sein. Einer der »alternativen Nobelpreise« geht in diesem Jahr an Percy und Louise Schmeiser. Der kanadische Landwirt und seine Frau werden »für ihren Mut bei der Verteidigung der Artenvielfalt und der Rechte der Bauern« mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet. Jakob von Uexküll hatte den Preis 1980 begründet, weil ihm das Themenspektrum der klassischen Nobelpreise zu sehr auf die Interessen der Industrienationen beschränkt war.

Die Preisträger kämpften gegen überzogene Forderungen des Saatgutunternehmens Monsanto. Heute gehören die Schmeisers zu den Galionsfiguren im Widerstand gegen die grüne Gentechnik. Dass der Preis auch diesen Widerstand würdigen soll, daraus machen die Juroren keinen Hehl.

Der diesjährige Nobelpreis für Physiologie und Medizin geht an drei Genetiker, die US-Forscher Mario Capecchi und Oliver Smithies sowie den Briten Sir Martin Evans. Sie erhalten die Auszeichnung für das gezielte Ausschalten von Genen in Mäusen. Capecchi, Smithies und Evans haben mit ihren Arbeiten eine wichtige Grundlage für die experimentelle Medizin geschaffen. Die Entscheidung des Komitees stößt auf ungeteilte Zustimmung.

Im Dezember werden die Nobelpreise wie ihre alternativen Pendants in Stockholm verliehen. In der Logik ihrer Stifter haben beide Ehrungen ihre Berechtigung. Doch die widersprüchlichen Botschaften drohen eine Haltung zu zementieren, die in der ideologiebesetzten Debatte über die Gentechnik schon jetzt verhängnisvolle Folgen hat: Gentechnik in der Medizin ist eine gute Sache, Gentechnik auf dem Acker grundsätzlich eine böse.

Dabei ist die Gentechnik noch immer nicht mehr als eine Sammlung von Methoden. Nicht jeder Einsatz im medizinischen Bereich ist sinnvoll und nützlich, wie das dramatische Scheitern gentherapeutischer Experimente zeigt. Und nicht jeder Einsatz auf dem Acker ist – wie Kritiker behaupten – gefährlich und vom rücksichtslosen Gewinnstreben einiger weniger Saatgutunternehmen bestimmt.

»Es scheint keinen anderen Weg zur nächsten Grünen Revolution zu geben als mit genetisch modifizierten Pflanzen.« Mit ihnen könne man in Zukunft möglicherweise auch versalzene Böden oder Dürreregionen landwirtschaftlich nutzen. Diese Einsicht stammt nicht von einem Monsanto-Manager, sondern von Edward O. Wilson, einem der prominentesten Kämpfer gegen den Verlust der Artenvielfalt.

Der Evolutionsbiologe wäre ein guter Kandidat für den Right Livelihood Award. Mit ihm als Preisträger könnte das Alternativkomitee beweisen, dass es seine Ehrungen auch in Sachen Gentechnik ideologiefrei vergibt. Andreas Sentker

 
Leser-Kommentare
    • Jacek
    • 13.10.2007 um 16:27 Uhr

    >> »Es scheint keinen anderen Weg zur nächsten Grünen Revolution zu geben als mit genetisch modifizierten Pflanzen.« Mit ihnen könne man in Zukunft möglicherweise auch versalzene Böden oder Dürreregionen landwirtschaftlich nutzen. <<

    Genauso hatte man uns schon vor 40 Jahren weismachen wollen, das Krebs heute kein Thema mehr sein wird. Mit berauschenden Versprechen warb und wirbt die Industrie für Akzeptanz ihrer eigennützigen Projekte. Ich jedenfalls kenne kein einziges Beispiel wo Gen veränderte Pflanzen besser mit widrigen Bedingungen zurecht kämmen als konventionell gezüchtete Früchte, im Gegenteil. Auch wenn jedwede Neuerung in Gewerbe in klugen Sprüchen verpackt daher kam, entpuppten sich die Versprechen stets als Lüge. Das in vielen Neuerungen eingebaute Terminator-Gen zur Abtötung des Samen´s derer Nachkommen, verdeutlicht nur zu gut wie perfide und unsozial die Industrie den Bauern gegenüber steht.

    • Akakor
    • 14.10.2007 um 14:43 Uhr

    Wie ideologiefrei (bzw. idiotiefrei) ist denn die Vergabe des Friedensnobelpreises an Klimascharlatan und CO2-Hedge-Funds-Betreiber Gore?

    Gerhard Wisnewski hat gerade eine DVD zum Thema Klima rausgebracht, zum Thema "unbequeme Wahrheiten", Empfehlung an den Autor.

    "Grüne Revolution": Jaja, wenn nicht gerade Reform ist, dann eben Revolution. Wer eine "grüne" anzetteln will, sollte sich als Autor dann evtl. mal mit dem Urzeit Code von Luc Bürgin beschäftigen und nicht nur wieder Monsanto & Co hurra schreien. Ein Konzern übrigens, bei dem die Mitarbeiter darauf bestehen, dass das Essen in der Kantine gentechnikfrei ist...

    Wie immer darf man also in der Zeit ideologiefreies, den Interessen der Industrie gegenläufiges und alternatives lesen. Frau Herman war auch wahrlich eine Demagogin als sie die deutsche Presse gleichgeschaltet nannte...

    PS: Bei manchen Chefredaktionen ist wohl analog zu den nobelpreiswürdigen Mäusen mit ausschaltbaren Genen, etwas anderes abknipsbar...

  1. Natürlich ist die Vergabe der beiden Nobelpreise an gegeneinander strebende Gruppen ideologiefrei. Aber andererseits positioniert sich das Vergabekomittee damit nicht auf eine Seite, was ich auch nicht unbedingt schlecht finde. Denn die Gentechnik bringt uns wohl am meisten wenn es Befürworter UND Gegner gibt. Ihre Möglichkeiten sind nahezu unerschöpflich, das steht außer Frage, nur muss das ganze eben auch in einem gewissen Rahmen gehalten werden!

  2. 1) Gentechnik ist grundsätzlich riskant, denn es gibt Nebenwirkungen z. B. auf Nutzinsekten etc., ferner -- wie auch bei Pflanzengiften -- die Gefahr der Entwicklung von Resistenzen bei Schadinsekten.

    2) Monsanto glänzt durch Schadenersatzforderungen gegenüber Landwirten, auf deren Äcker ihr Saatgut verblasen wurde. Das zu bekämpfen ist den Preis auch wert!

  3. Ich werte es als ein sehr gutes Zeichen, dass der Alternative Nobelpreis an die für freies Saatgut und liberale Menschenrechte sich einsetzenden Herrn und Frau Schmeiser gehen soll."Dabei ist die Gentechnik noch immer nicht mehr als eine Sammlung von
    Methoden. "Diese Methoden haben ein hohes "schöpferisches" Potenzial und ermöglichen die Veränderung von Pflanzen und Tieren mit dem Ziel ihrer "Verbesserung". Dies ist anders als in der konventionellen Züchtung, in welcher übrigens ja auch nicht nur unkritische Methoden zum Einsatz kommen, sogar über die Grenzen des Tier- und Pflanzenreiches hinweg möglich. Es lassen sich also mit diesen gesammelten Methoden neue Kreaturen schaffen, die dann mehr oder weniger gezielt, neu kombinierte Lebewesen darstellen. Von dieser Bauart ist auch der so harmlos geschaffene Mais mit einem Konstrukt aus dem Bacillus thuringiensis dann ganz ohne Zutun der Gentechnik auf dem Europäischen und somit auch deutschen Markt zu kommen. Dies wollte nicht die "Gentechnik", dies wollten die Konzerne, die diese Technik für die Entwicklung neuer Produkte einsetzt. Die Pflanze ist aus Sicht der Hersteller (siehe z. B.  www.monsanto.de) eine unbedenkliche "sichere" (bakterienkonstruktangereicherte-)Pflanze die praktischerweise während der gesamten Wachstumszeit ihr "eigenes" Gift erzeugt, was je nach Zuchtlinie, gegen Zweiflügler oder Käfer wirkt und diese nach ihrem Biss in die Pflanzengewebe tötet. Dies ist übrigens kein Verdienst der Gentechnik sondern nach der Logik des Autors, wohl eher eine großartige "Erfindung" der Konzerne die diese Pflanzen vermarkten. So ist es auch nicht "die Gentechnik" sondern die sie fördernde bzw. einsetzende Industrie, die sich für die Folgewirkungen diesesmodernen Pflanzenbaus verantworten muss. So will es auch die EU. In der Freisetzungsrichtlinie 2001/18 und weiteren untergesetzelichen Regelwerken und den sich daran orientierenden nationalen Gesetzgebungen ist festgelegt, dass es vor der Vermarktung Risikoforschungen, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Datensammlungen geben soll, die die Unbedenklichkeit der Pflanzen hinsichtlich ihrer Umweltwirkungen und gesundheitlichen Wirkungen belegen sollen."Und nicht jeder Einsatz auf dem Acker ist – wie Kritiker
    behaupten – gefährlich und vom rücksichtslosen Gewinnstreben einiger
    weniger Saatgutunternehmen bestimmt."Unter Gefahr ist, denke ich, zu verstehen, dass Schäden für Mensch und Umwelt entstehen können. Genau dies ist bei dem beschriebenen Mais der Fall. - Es fehlen aussagekräftige Freilanduntersuchungen hinsichtlich der Wirkungen auf die Organismen die nicht getötet werden sollen.- Es fehlt eine aussagekräftige wissenschaftlich fundierte Beobachtung dieser Wirkungen- dieses Langzeitmonitoring sollen die vertrauenswürdigen Konzerne selbst durchführen, aber bisherige Berichte werden nicht veröffentlicht und eingesetzte Methoden und Untersuchungsdesigns halten keinerlei wissenschaftlichen Standards stand.- Es fehlt eine idiologiefreie Diskussion über die tatsächlichen Folgen des Einsatzes gentechnisch veränderter Pflanzen, da bewusst von den kostensparenden und natürlich gewinnstrebenden Konzernen die notwendigen Untersuchungen unterbleiben.- Die aus menschlicher Sicht entstehenden Vor- und Nachteile sollten auch in Artikeln wie diesem offengelegt und einer Abwägung unterzogen werden.

    • Colon
    • 29.10.2007 um 22:05 Uhr

    Eine ideologiefreie Wissenschaft, das bleibt eine vielleicht notwendige utopische Vorstellung, aber in der Realität bleiben Erkenntis und Interesse immer miteinander verknüpft. - Wissenschaftler können, wie Journalisten die es ehrlich meinen, bis zu einem gewissen Grad Transparenz bezüglich der  Erkenntnisinteressen herstellen. Aber ideologiefrei können sienicht sein. Positiv gewendet, müssen sie ja zumindest davon überzeugt sein, dass ihr Tun, ausser persönlichem ökonomischen Profit abzuwerfen, also Beruf zu sein, auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Menschen und der Umwelt nutzt, zumindest nicht schadet.
       Dabei geht es mittlerweile besonders um die Gene. Denn Gewinn lässt sich auf dem Markt der Medizin, wie auf dem Markt der grünen Gentechnik nur dann erzielen, wenn nicht ein einzelner, oder ganz wenige kranke Menschen, eine einzige schlecht wachsende oder kranke, bzw. befallene Pflanze, sondern eine große Population, möglichst alle wichtigen Sorten, bzw. möglichst viele Menschen, behandelt, versorgt, präventiv untersucht (gescreent) und letztlich selektiert werden. - Das ist die Crux, die Lücke in der Gentechnologie, die der "Teufel" Interesse mit Bestimmtheit sucht.
       In manchen Wissensgebieten (z.B. Pflanzenschutzmittelforschung, grüne Gentechnologie) sind mittlerweile fast alle Wissenschaftler der Grundlagenforschung existentiell von der Wirtschaft abhängig. Wer sich die Mühe macht und einmal die Viten der Wissenschaftler in den zuständigen Kontrollbehörden untersucht, der findet auch dort an leitender Stelle ebenfalls Entscheider, die fast ausschließlich aus der Industrie kommen. Die Universitäten funktionieren ebenfalls nicht mehr nach dem alten Humboldtschen Gedanken, sondern etablieren sich immer mehr als hochspezialisierte vorgeschaltete Werkbänke, bei denen die Drittmittelforscher den Ton angeben.
       Die Risikofolgenabschätzung z.B. für die neuen Totalherbizide und die entsprechenden gentechnisch veränderten Pflanzen lieferten die Herstellerkonzerne fast komplett selbst. Wer es nicht glauben mag, der fordere, selbstverständlich auf eigene Kosten, die entsprechenden Genehmigungsunterlagen bei der EU einmal an. Leider entspricht diesem deutlichen Übergewicht auf der Forschungsseite nicht auch eine entsprechende umfassende juristische Verantwortung für eintretende Schäden und schon überhaupt nicht die Verpflichtung eine Beweislast im Schadensfall zu tragen. Die Gesetzgebungbewegt sich hier fast noch auf dem Niveau der Jahrzehnte zurückliegenden Holzschutzmittelprozesse und des Talidomid-Skandals.
       Erstmals wurden diese Zusammenhänge bei der Entwicklung der Kernenergietechnologie, einer noch vergleichsweise groben Großtechnologie, deutlich.
       Ich finde, ein Wissenschaftsjournalist sollte diese Tatsachen häufiger in seinen Artikeln reflektieren, anstatt den Versuch zu unternehmen, die letzten für ihn unabhängig" erscheinendenForscher und Bewerter zu suchen.
       So mag der BT-Mais als Schutz gegen den Maiszünzler für sich genommen unproblematisch erscheinen, aber die beständige und vielfache Beschleunigung der genetischen "Verbesserung" von Nutzpflanzensorten, wie z.B. die Entwicklung von einigen wenigen Totalherbizid-resistenten Mais, Weizen und Reissorten (Roundup-ready), von einigen wenigen Hochertragssorten, die intensive Bodenbewirtschaftung erfordern und die Bauern völlig dem Patentschutzanspruch der Firmen unterwerfen und sie der Logik und Logistik eines Weltmarktes ausliefern, haben Folgen (Rückgang der Biodiversität bei den Nutztieren und Nutzpflanzen,sehr selektive Zuchtziele, Übernutzung der Böden, Überdüngung, Verdrängung lokaler Sorten und Anbaumethoden) die auch weniger hochkarätige Wissenschaftler und ganz normale Bürger erkennen können, wenn Sie die notwendigen Informationenerhalten.
        Seien wir für einen Moment wenigstens ehrlich. Auch die weiße Gentechnologie, wenn sie zur Humangenetik wird und nicht als reine Prozesstechnologie in einem geschlossenen System, z.B. zur Herstellung von Antibiotika, betrieben wird, trägt die große Versuchung des vielfachen Mißbrauchs in sich.
        Wer um den Chromosomensatz weiß und die Patienten/Klienten berät, wer einzelne Mutationen oder gar Risikostrukturen am Erbgut erkennen kann und dafür Prozentsätze errrechnet, der betreibt ein zumindest hinterfragenswürdiges Geschäft, denn er wird unter Garantie um Rat gefragt und erteilt ihn auch. Denn nichts ist verheerender als den Ratsuchenden ein Ergebnis an den Kopf zu werfen, ohne ihnen zu sagen, was man persönlich damit anfangen würde.
       Ab wann ist dann ein Samen, eine Eizelle, eine befruchtete Eizelle schon riskant? Beim Faktor 1:100, 1:1000,1:10 000? Oder vielleicht schon dann, wenn das Geschlecht nicht stimmt, eine Gliedmaße fehlt, ein Intelligenzmangel, durch was und wen auch immer,droht?

  4. wenn man mal ganz vernünftig und "ideologiefrei" die vor- und nachteile betrachtet überwiegen nun einmal die argumente gegen den anbau genmanipulierter pflanzen bzw. die grüne gentechnik sehr massiv. und wenn man berücksichtigt zu was für absurden zuständen die zulassung solchen saatguts führt, bestes beispiel ist eben jener herr schmeiser, dann fällt es sehr schwer eine ideologiefreie und rein objektiv debatte zu führen. man möchte schreien. der beitrag in ihrer zeitschrift ist bei seinem bemühen so objektiv und ausgeglichen wie möglich zu sein einfach nur grausam. wo werden die  risiken geschildert, herbizidresistente unkräuter, die zu höheren ausbringungsmengen an bekämpfungsmitteln führen anstatt zu geringeren, bedrohung der artenvielfalt durch auskreuzung-die mindestabstände sind lächerlich, lizenzstrafen für ungewollte anteile an genmanip. pflanzen(!) auf äckern freier bauern, abhängigkeiten vom lizenzsaatgut, bedrohung weiterer non target organismen........ es ist noch nicht mal bekannt wieviele weitere funktionen ein gen überhaupt beeinflusst. wie geht es weiter, vielleicht mit patenten auf gene-die entsprechenden konzerne betreiben dazu schon mächtig lobby-arbeit. hat der autor des artikels dann auch so eine ideologiefreie und objektive sicht darauf. das ist es was mich so ankotzt, entweder wirtschaftsliberale leute ohne ahnung oder forschungsgeile wissenschaftler die nur ihren begrenzten bereich betrachten, immer ganz objektiv und dabei den menschen vergessen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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