Luchs 248 Der Konrad und sein Lorenz

Die Luchs-Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Julia Friese/Christian Duda »Alle seine Entlein«

Eigentlich wollte Konrad die Entenmama kennenlernen, und das hätte auch beinah geklappt. Vor Schreck und weil Eier keine Tragegriffe haben, ließ die Entenmama ihr Ei am Ufer zurück.« Ist Konrad, der Fuchs, Connaisseur, hungrig oder Kennenlerner? Der Inhalt zeichnet sich ab, das stilistische Spiel ebenso. »Der Fuchs hatte Hunger. Großen Hunger! Wo Hunger ist, ist Lärm, weil ein leerer Magen knurrt. Wer Hunger hat, denkt ans Essen und Essenkriegen, denkt an Enten zum Beispiel, Entenfangen, Entenessen, so Sachen halt.« Lapidare Sätze jonglieren Aussagen, variieren sie zwischen den großzügigen Bildern. Zum Glück lernt Konrad nur das Ei kennen, nicht die Mama, und so beginnt ein großartiges Bilderbuch.

Es geht um Fressen und Gefressenwerden, doch vor allem ums Nichtfressen, denn eigentlich lernen sich zwei Feinde kennen. Das Küken, das aus dem Ei schlüpft, nennt den Fuchs bald »Papa«. Der wiederum unterdrückt seine Fressgelüste, nicht aus Anstand, sondern aus Hunger! Erst hat er sich auf Rührei gefreut, dann will er warten, bis das geschlüpfte Küken zu einer vollen Mahlzeit ausgewachsen ist. Irgendwann muss er die kleine Ente ansprechen, also nennt er sie Lorenz, und schon wird die Beziehung intensiver. Das Bilderbuch mutiert zum Fotoalbum, zwei textfreie Doppelseiten bieten einen Einblick ins gewohnt ungewohnte Familienleben: Lorenz watschelt, Lorenz schläft, Lorenz fliegt, Lorenz wird gebürstet. Ziehvater Fuchs lächelt: stolz!

Die Illustratorin Julia Friese lebt hier ihren betont spontanen Stil aus: Sie zeichnet und collagiert, reißt und schneidet, setzt Farbflächen an und überklebt mit Schnipseln. Verworfene Skizzen oder latente Alternativen? Wenn etwa eine Alltagsszene zeigt, wie sich der – stets intensiv dunkelrot gemalte – Fuchs nach drei Hasen umdreht, dann sehen wir, im Stil rascher Phasenschnitte, einen Kopf mit drei Schnauzen, mehr Zähne in Richtung Hasen als in Richtung Ente. Aber da ist auch noch eine angedeutete Schnauzenspitze, die gefährlich nahe am Entenkopf schnuppert. Der Skizzenstrich als angedeutete Möglichkeit, als Versuchung.

Wie die Leipziger Grafikerin mit Schnipseln und Skizzenstrich Mehrdeutigkeit erzeugt, so bedient sich Duda sprachlicher Versatzstücke – frappante Parallelen in Bildtechnik und Sprachstil. Als der pubertierende Jung-Lorenz eine Emma nach Hause bringt, fragt er quasi locker: »Übrigens – kann Emma bei uns schlafen?« Ein brisante Frage in der Eltern-Kind-Beziehung und eine noch brisantere an einen alten Fuchs. Macho oder Connaisseur? Mit stierem Blick und schwarzem Loch im Bauch starrt er die junge Ente an, die ihrerseits die Augen niederschlägt – mit Wimpern so lang, dass man den Schnabel gleich als Schmollmund sieht.

Christian Duda, Autor, Regisseur und Drehbuchschreiber mit austro-ägyptischen Wurzeln und deutschem Pass, weiß die Ambivalenz von Fuchs und Entenvater auszuspielen. Zur Genialität seiner Geschichte gehört auch, dass Fuchs und Ente immer neu ihre Rollen finden müssen. Wenn Friese nach einer Bildfolge zu Eierlegen und Brüten (in unbekümmert abweichendem Skizzen- und Farbstil) in der Schlusssequenz die Komposition der Eingangsszenen aufgreift, dann rundet sie Buchgestalt und Fuchsleben zwar harmonisch, aber auch augenzwinkernd ab. Ob Fuchs Konrad aber wirklich Frieden geschlossen hat mit seiner ungewöhnlichen Vaterrolle? Er kümmert sich um Kindeskinder und Kindeskindeskinder und bringt ihnen bei, mit dem Bauch zu knurren. Er ist nicht nur altersmilde geworden, er hat auch keine Zähne mehr. Oder zeigt er sie einfach nicht? Egal, selten gibt es so viel zu entdecken und zu deuten, und beinah sensationell ist die Verquickung von komischer Dramatik und komplexem Schalk.
Ab 5 Jahren

Die Luchs-Jury empfiehlt außerdem:

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Ulrich Hub: An der Arche um Acht
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Philosophierende Pinguine als Lese- und Hörgenuss machen Lust, die Schöpfung neu zu sehen

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LUCHS 248

 
Leser-Kommentare
  1. Der Konrad und sein Lorenz ist uebrigens ein Wortspiel:

    http://de.wikipedia.org/w...

    :)

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  • Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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