Karriere mit Lehre

Als sie nach dem Abitur 2003 vor der Frage stand Uni oder Ausbildung, Theorie oder Praxis, Geld investieren oder Geld verdienen, da war Bianca Reiner vor allem eines wichtig: Sie wollte wissen, worauf sie sich einlässt. Sie hatte Angst, jahrelang ein Fach zu studieren, das sich im Nachhinein als »nicht ihr Ding« erweisen könnte, und entschied sich gegen die Hochschule und für die Erfahrung am Arbeitsplatz mit festem Gehalt und einem geregelten Tagesablauf.

So wie Bianca Reinert denken immer mehr Abiturienten: Zwar ist die Bereitschaft, ein Studium zu beginnen, unter Gymnasiasten noch immer recht hoch - trotzdem geht die Studierneigung schon seit einigen Jahren zurück. Von 100 Abiturienten entschieden sich 2002 noch 73 für diesen Weg. Zwei Jahre später waren es nur noch 71 und im vergangenen Jahr wollten von 100 Abiturienten sogar nur noch 65 an die Uni.

Ist der Jugend von heute beruflicher Erfolg etwa egal? Ganz bestimmt nicht. Doch der Dreisprung Abitur-Studium-Karriere ist nur noch ein Weg unter vielen. Das hat auch der Arbeitsmarktexperte Michael Kratzmeyer vom geva-institut in München beobachtet. » Abiturienten können zwischen speziell auf sie zugeschnittenen Ausbildungsgängen in den Betrieben, dualen Studien an Berufsakademien und anspruchsvollen Lehrgängen an Berufsfachschulen wählen«, sagt Kratzmeyer. Der Elektrokonzern Siemens beispielsweise bietet die sogenannte Stammhauslehre für Abiturienten an, die den Nachwuchs auf besonders anspruchsvolle Posten vorbereitet. » Abiturienten sind in den Betrieben äußerst gefragt«, sagt Kratzmeyer. » Sie können vielseitig eingesetzt werden, bringen eine größere Reife mit als Realschüler, sind aber gleichzeitig noch formbarer als Hochschulabsolventen.«

Auswahl gibt es bei rund 350 Ausbildungsberufen genug. Das stellte auch Christopher Riede fest, als er sich beim Arbeitsamt und bei der Industrie- und Handelskammer einen Überblick darüber verschaffte, welche Alternativen es zur Hochschule gibt. Sein Studium hatte er nach vier Semestern abgebrochen. » Da fehlte mir einfach der Leistungsdruck.« Riede fühlte sich allein gelassen, ohne festen Stundenplan und ohne dass ihm vor einer Klausur jemand auf die Finger klopfte oder dafür sorgte, dass er morgens rechtzeitig am Schreibtisch saß. Sein Fach Mechatronik hatte er sich auch ganz anders vorgestellt: weniger theoretisch und mit interessanteren Schwerpunkten.

Bei seiner Suche nach einem geeigneten Ausbildungsgang staunte Riede darüber, wie viele unterschiedliche Berufsbilder es gibt, von denen er vorher nie gehört hatte. Er entschied sich schließlich für eine Lehre zum Sportfachmann, eine Ausbildung, die in diesem Jahr zum ersten Mal angeboten wurde. » Ein Mix aus Vereinsarbeit, Training und Sport-Management das ist genau mein Ding«, sagt Riede. Er selbst hat lange Zeit Leistungssport betrieben und würde später am liebsten Leichtathleten bei Wettkämpfen betreuen. Dank seiner Qualifikation fand er schnell einen Ausbildungsplatz und durchläuft nun bei Eintracht Frankfurt alle Stationen in einem großen Sportverein: vom Kinderturnen bis zum Herz-Kreislauf-Training, von der Verwaltung bis zur Vertragsgestaltung. » Selbst die Lehrer an der Berufsfachschule sind erfahrende Trainer«, schwärmt Riede.

Und der angehende Sportfachmann hat sogar gute Aussichten, seine Ausbildung noch zu verkürzen von drei auf zweieinhalb Jahre. Ein Bonus, der Abiturienten oft gewährt wird. » Auch die Übernahmechancen sind gut, wenn ein Auszubildender von Anfang an Leistung erbringt, Verantwortung zeigt und selbstständig arbeitet«, sagt der Berufsbildungsexperte Kratzmeyer. » Erst recht, in einer Branche mit Zukunft.«

Wer sich nur schwer entscheiden kann zwischen Berufsausbildung und Studium, für den gibt es einen dritten Weg. Bianca Reinert ist ihn gegangen. Nach einem Praktikum bei einer Bank war ihr zwar klar, dass sie gerne in einem großen Unternehmen über die Finanzen wachen würde.

Auch studieren wollte sie gerne. Aber die überfüllten Hörsäle schreckten sie ab, und sie fürchtete, nur eine von vielen zu sein, und so entschied sie sich für eine speziell für Abiturienten konzipierte duale Ausbildung.

Dual bedeutet, dass die Auszubildenden während ihrer dreijährigen Lehrzeit im Betrieb auch eine Berufsakademie besuchen. Dort wird ihnen blockweise anspruchsvolles theoretisches Rüstzeug vermittelt, das sie in der Firma gleich anwenden können. Die Berufsakademie will Nachwuchskräfte für gehobene Positionen praxisgerecht qualifizieren.

Auch Bachelor- und Masterabschlüsse sind an der Berufsakademie möglich.

Ihre Ausbildung machte Bianca Reinert bei der Firma Kelloggs. Der Nahrungsmittelkonzern kooperiert mit der Wirtschaftsakademie in Bremen. » Das Studium war sehr kompakt, gut strukturiert und fand in kleinen Klassen statt«, sagt Reinert. » Da kam man gar nicht erst auf die Idee, sich auf die faule Haut zu legen.« Als Belohnung für ihr doppeltes Engagement trug sie schon nach drei Jahren den Titel »Betriebwirtin, Akademie der Wirtschaft« und bekam prompt ein Übernahmeangebot. Seit einem Jahr arbeitet Reinert als Kostenplanerin in der Finanzabteilung von Kelloggs und ist damit dort angekommen, wo sie immer hinwollte.

Karrieren wie die von Bianca Reinert seien nichts Ungewöhnliches, sagt Michael Kratzmeyer vom geva-Institut. Qualifikation on the Job liege im Trend und beschere den Azubis glänzende Aufstiegsmöglichkeiten. Den Arbeitgebern sei es oftmals lieber, die Nachwuchskräfte im eigenen Haus auszubilden und durch die Zusammenarbeit mit der Akademie auch Einfluss auf den Lehrplan zu nehmen. » Auf diese Weise wissen beide Seiten rasch, was sie voneinander haben«, sagt Kratzmeyer. » Und auf die Einarbeitung betriebsfremder Hochschulabsolventen sind sie nicht länger angewiesen.«

Schon während der Berufsausbildung können Azubis Zusatzqualifikationen erwerben, die ihre Karrierechancen erhöhen. Auslandsaufenthalte beispielsweise sind in international agierenden Firmen oft im Ausbildungsplan verankert. So haben junge Menschen nicht nur die Chance, eine fremde Unternehmenskultur kennenzulernen, sondern sie können auch ihre Sprachkenntnisse ausbauen.

Bianca Reinert hat ihre Buchhaltungsstation in Manchester absolviert.

Anschließend bekam sie ein Fremdsprachen-Zertifikat von der Handelskammer. » Wer weiß, wozu mir das noch nützen kann heutzutage bleibt man ja nicht sein Leben lang in der gleichen Firma«, sagt Reinert.

Nach der Ausbildung im Betrieb muss noch lange nicht Schluss sein mit dem Lernen. Für Weiterbildungen nach der Lehrzeit gibt es die Möglichkeit, ein Stipendium zu bekommen. Die Stiftung Begabtenförderungswerk berufliche Bildung finanziert besonders emsigen Absolventen Weiterbildungen über maximal drei Jahre und in Höhe von 5100 Euro. So können Einzelhandelskaufleute sich zu Handelsassistenten fortbilden, Bankkaufleute ihre Karriere durch einen Chinesischkurs beschleunigen und Betriebswirte zu erfolgreichen Finanzexperten werden. Bewerben können sich Berufstätige bis 25 Jahre, die in ihrer Berufsabschlussprüfung eine Durchschnittsnote von 1,9 oder besser haben oder ein Empfehlungsschreiben von ihrem Ausbilder oder von der Berufsschule vorlegen können.

Wer nach der Berufsausbildung schließlich doch noch das Bedürfnis verspürt, eine Unilaufbahn zu beginnen, dem stehen weiterhin alle Türen offen.Christopher Riede könnte sich vorstellen, nach der Ausbildung noch ein Fernstudium in BWL draufzusetzen. Auf seine Arbeit als Trainer und auf seine Gehalt müsste er so nicht verzichten.

 
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