Nach wie vor bestimmen in den österreichischen Kulturinstitutionen Männer den Kurs. Sie leiten die meisten der großen Bühnen des Landes, navigieren zumeist die bedeutenden Museumstanker oder haben in Verlagen und Kulturredaktionen das Sagen. Der herkömmliche Kulturbetrieb ist eben traditionell Männersache.

Doch das Zielpublikum dieses hoch subventionierten Prestigeunternehmens ist in Österreich eindeutig weiblich. In nahezu allen Bereichen kultureller Betätigung überwiegen Frauen. Sie gehen häufiger in ein Theater, besuchen öfter Museen, bevölkern in verhältnismäßig größerer Zahl das Publikum von Konzerten und Literaturveranstaltungen, sind stärker an Kulturberichterstattung interessiert und lesen vor allem deutlich mehr Bücher als Männer. In einzelnen Bereichen, etwa in ihrem Leseverhalten, haben sie einen bemerkenswerten Aufholprozess hinter sich gebracht. Einzig Volksmusikdarbietungen bleiben weiterhin eine männliche Domäne.

Eine tiefgreifende Transformation im Kulturverhalten der Österreicher scheint in Gang gekommen zu sein, die jetzt durch eine neue, noch unveröffentlichte Studie offensichtlich wird. Die repräsentative, landesweite Umfrage (2000 Befragte), die das Wiener Meinungsforschungsinstitut Ifes im Mai und Juni im Auftrag des Unterrichtsministeriums durchführte, forschte nach der Partizipation der Bevölkerung in den unterschiedlichen Bereichen des kulturellen Lebens ebenso wie nach der Beherrschung von Kulturtechniken und Fremdsprachen, der Zufriedenheit mit dem Angebot und der Förderpraxis oder den mitunter beträchtlichen regionalen Unterschieden. Aus den statistischen Werten lässt sich so zum ersten Mal eine ziemlich genaue Landkarte des österreichischen Kulturverhaltens entwerfen. Und das Zahlenwerk der Untersuchung liefert Unterrichtsministerin Claudia Schmied auch klare Argumentationshilfen, um Korrekturen in der Politik ihres Ressorts anzuvisieren.

Die teuersten Institutionen finden die geringste Akzeptanz

Obwohl sich in den vergangenen 20 Jahren das gesellschaftliche Verhalten in Österreich zum Teil stark gewandelt hat, wurden Kulturpolitik und Kulturförderung weiterhin nach alten Rezepten betrieben. Die Verantwortlichen wussten zumeist nur vage, wem die Segnungen ihrer Subventionsvergaben letztlich zugutekommen. Immerhin 375,2 Millionen Euro allein aus dem Bundeshaushalt ließ sich der Staat im vergangenen Jahr Kunst und Kultur kosten, dazu kamen noch die teilweise beträchtlichen Millionenbudgets von Ländern und Gemeinden. Verteilt wurde der Kuchen nach einem Schlüssel, der von angestammten Anspruchsdenken, Gutdünken oder der Durchsetzungskraft der jeweiligen Kulturlobby bestimmt ist. Die neuen Zahlen zeigen jetzt allerdings, dass eine deutliche Diskrepanz zwischen der Bevorzugung der Subventionsschwergewichte und ihrer Akzeptanz in der Bevölkerung besteht. Die Bundestheater beispielsweise verschlingen jährlich 133,66 Millionen Euro (35,6 Prozent der Bundesmittel des Kulturbudgets), ein überwiegender Teil der Österreicher zeigt ihnen allerdings ungerührt die kalte Schulter.

Im Wunsch nach größerer Verteilungsgerechtigkeit lag ursprünglich das zentrale Motiv, als der damalige Unterrichtsminister Fred Sinowatz zu Beginn der siebziger Jahre erstmals Grundlagenforschung in der österreichischen Kulturlandschaft in Auftrag gab, die eine tiefe Kluft zwischen Bildungseliten und dem Durchschnitt der Bevölkerung offenbarte. Bis 1989 folgten zwei weitere Studien, dann erlahmte das Interesse. An den wesentlichen Koordinaten der staatlichen Alimentierung des Kulturbetriebes wurden bis heute ohnehin nur marginale Veränderungen vorgenommen.

Aufgrund teilweise großer methodischer Unterschiede lassen sich die einzelnen Studien (alle von Ifes durchgeführt) nur bedingt miteinander vergleichen. Allerdings erlauben sie, über drei Jahrzehnte deutliche Trends abzulesen: Frauen emanzipieren sich zunehmend in ihrem Kulturverhalten (mit Ausnahme der Altersgruppe über 60 Jahren, die noch stark von ihrer Sozialisation im dünkelhaften Nachkriegsösterreich geprägt ist). Teilweise haben sie die Männer in ihren Kulturaktivitäten überholt, teilweise ihren bereits vorhandenen Vorsprung ausgebaut.