Die Uhr am Bahnhof von Bamako ist stehen geblieben, das Tor zur Wartehalle verschlossen, der Vorplatz öde und leer. Es kommt nur noch ein einziger Personenzug am Tag, Gras rankt sich um die Schienen. Die Bahn, auf Drängen der Weltbank privatisiert, gehört nun einem französisch-kanadischen Konsortium, und das hat den Betrieb auf denkbar einfachste Weise saniert: Cargo ist profitabler als Mensch. Die meisten Bahnhöfe an der Strecke wurden geschlossen, 26 Orte einfach abgehängt. Zu manchen führt keine Straße. Ein Jahrhundert lang hatte sich entlang der Strecke des Dakar-Niger-Express das Leben im Takt der Züge entwickelt. Nun rauschen sie gleichgültig vorbei, Kleinhandel, Märkte, Gewerbe verkümmern.

Aus der Wut darüber ist Cocidirail entstanden, das »Bürgerkomitee für die Rückgabe der Eisenbahn«: ein Netzwerk von Gruppen entlang der Schienen – Geschädigte, Entlassene, Erzürnte. Und wieder sind Radiosender dabei.

Tiècoura Traoré, den Präsidenten des Komitees, findet man auf dem gespenstisch stillen Bahngelände unter einem Baum, auf dem Schoß einen Laptop, Solidaritätsgeschenk französischer Eisenbahner. Hunderte malischer Bahngewerkschafter wurden bei der Privatisierung gefeuert, der Ingenieur Traoré ist der prominenteste, er war der promovierte Kopf des Widerstands. Seit drei Jahren ist er arbeitslos, und immer noch nennen ihn Eisenbahner »den entlassenen Doktor«, wie mit frischem Erstaunen, dass eine höhere Charge aufseiten der Unterdrückten gelandet ist.

Anderswo bemühen sich Entwicklungshelfer, Maliern bürgerliche Verantwortung für öffentliche Güter nahezubringen. Traoré, 53, muss das niemand erklären. Die Privatisierung der Bahn ist für ihn Enteignung, Diebstahl am Volk und eine Schande für Mali. »Wie kann ein Land, das sich souverän nennt, sein nationales Erbe verkaufen wie einen Sack Nüsse? Und das Parlament wurde nicht einmal gefragt!« Das Publikum einiger Filmfestivals in Europa hat den Ingenieur Traoré in diesem Sommer gesehen.

Im Dokudrama Bamako spielt er einen wortkargen, depressiven Arbeitslosen. Der Film wurde tatsächlich in der malischen Hauptstadt gedreht, in einem Hinterhof, wo die afrikanische Zivilgesellschaft in einem bizarren und pathetischen Prozess Weltbank und Weltwährungsfonds verklagt. Als Arbeitsloser im Film paukt Traoré Hebräischvokabeln – für den Fall, dass Israel je eine Botschaft in Bamako eröffnen sollte. Dann wäre ihm der Job des Türstehers sicher.

Der reale Ingenieur Traoré glaubt an etwas, das manchen so absurd erscheinen mag Hebräischlernen in Mali. Eine solidarische Ökonomie. Ein Zusammenleben, das nicht von den Regeln des Profits bestimmt wird. Bäjäfanga, Macht für alle. Wenigstens eine Eisenbahn für alle. Eine Bahn für Bürger.

Im Abendlicht staksen Ziegen über die stillen Gleise. Kein Zug in Sicht.