Binnen Tagen wurden sie verurteilt, zu Gefängnis auf Bewährung – eine Bagatelle im Vergleich mit dem, was Journalisten in anderen Ländern Afrikas zustoßen kann. Aber dies ist Mali, Mali spielt in einer anderen Liga. »Rutscht das Land in Richtung Diktatur?«, fragt alarmiert eine Menschenrechtsvereinigung.

In Bamako, der Hauptstadt, steht in diesen Tagen die Luft wie ein heißer, abgasblauer Block. Alle warten auf den Regen, er will nicht kommen, und sogar die politischen Turbulenzen vermehren den Stillstand. Streik! Dem Streik der Journalisten folgt ein allgemeiner Generalstreik: weil das Leben zu teuer ist. Am Ende dieser bleiernen Woche fällt das Land erschöpft in eine Parlamentswahl; das Geld dafür kommt aus Japan.

Mali hat alles, was eine Demokratie in formaler Hinsicht ausmacht: Wahlen, Parteien, ein Parlament. Auch deshalb – und nicht nur, weil Mali arm ist – fließt viel Entwicklungshilfe. Die meisten der 14 Millionen Malier fühlen sich in dieser Demokratie allerdings wie bloße Statisten. Viele tragen T-Shirts mit dem Slogan einer Partei oder nähen sich Gewänder, die in ihrem Muster eine politische Botschaft zeigen; die Stoffe werden zu bestimmten Anlässen billig auf den Markt geworfen. Spricht man jemanden an auf eine solche Kleidung, dann schaut er verwundert an sich herunter: Oh, was steht denn da?!

Jeden Abend sitzen in den Nachrichten des Staatsfernsehens Malier wie Musterschüler an den Tischen von Workshops und Seminaren; der Ton variiert dazu die Stichworte »Partizipation, Ausbildung, Aufklärung, Frauen« – die Endlosschleife eines Gefälligkeitsdiskurses gegenüber den externen Geldgebern. Dazwischen taucht ein weißes Gesicht auf, der Gesandte von X, die Botschafterin von Y verspricht mehr Hilfe für Partizipation, Aufklärung, Frauen. Noch mehr Hilfe? Es klingt wie eine Drohung.

Der Generalkontrolleur der Regierung präsentiert seinen Jahresbericht: Mehr als 100 Milliarden afrikanische Franc CFA, etwa 150 Millionen Euro, wurden vom Staat unterschlagen, missbraucht oder fehlgeleitet. Das entspricht 70 Prozent aller staatlichen Gehälter, schreibt die Zeitung Les Echos und faucht: »Volksfeindlicher Vampirismus!«

Schätzungsweise ein Drittel der gesamten ausländischen Hilfsgelder verschwindet auf diesem Weg. Im Erziehungsministerium nahm die Korruption jedem malischen Schulkind quasi ein Buch vor der Nase weg. Das Energieministerium verbuchte an einem einzigen Tag den Ankauf von Tee mit Zucker für knapp 17000 Euro. Und das war – Gipfel der Schamlosigkeit! – an einem Sonntag, recherchierten malische Journalisten. Teebeutel heißen in Mali schlicht »Lipton«, nach der üblichen Marke; Lipton ist nun ein Codewort für Korruption.

Am Wahlsonntag kommen die Wähler spärlich. In manchen Wahllokalen ist es so ruhig, dass die Helfer in der Nachmittagshitze schlafend auf die Tische sinken. 94 Parteien sind in Mali registriert. Vierundneunzig! Die meisten sind eine One-Man-Show. Wer Mitglied wird, bekommt zum Parteiausweis ein Handgeld. In der Nationalversammlung wird Französisch gesprochen; das schließt die meisten Malier aus – und auch manche Abgeordnete: Sie können nicht lesen, schon gar kein Französisch. So bringen sie ihre Söhnchen mit zum Übersetzen, dann erzählen ihnen Schulkinder, was in einer Gesetzesvorlage steht. © ZEIT Grafik BILD