Die Wahlen sind formal korrekt; die Japaner haben dafür viel Geld gegeben und die Deutschen ihre Expertise. Korrekt ausgefüllte Wahlzettel fallen in korrekt versiegelte Urnen aus korrekt transparentem Plastik. Bloß das Bewusstsein der Wähler, das ist nicht so korrekt. Manche verkaufen ihre Stimme, sie verkaufen sie billig, ohne Gefühl für ihren Wert. Vor den Wahllokalen bauen Kandidaten einen Tisch mit Essen auf, dazu verteilen sie zerknitterte blassrote Scheine, nicht einmal zwei Euro wert, und dafür gibt ihnen der Wähler seine Stimme. Für einen Moment war er kein Statist, er hat partizipiert, auf seine Art. Das ist der Blues der Demokratie, der Bamako-Blues.

In Bambara, der Nationalsprache, heißt Demokratie bäjäfanga, Macht für alle. Davon hatten sie geträumt, die Jugendlichen, die auf der Straße verbluteten beim Aufstand vor 16 Jahren. Jetzt haben sie ein Märtyrerdenkmal auf der Brücke über den Niger.

»Der Drache« wird Amidu Diarra genannt, weil er furchtlos ist und weil er jeden Morgen Feuer speit am Mikrofon von Radio Kledu. Rhythmisch, atemlos ist das Schreien, in das er sich hineinsteigert zu Beginn jeder Sendung. »Guten Tag, ihr korrupten Politiker! Guten Tag, ihr Diebe der öffentlichen Kassen! Guten Morgen, ihr Arbeitsscheuen!« Seit sechs Jahren macht der Moderator sein Programm, seine Sendung ist Kult, die ambulanten Verkäufer von Piratenkassetten schneiden Diarra heimlich mit und verkaufen ihn auf dem Markt.

Radio Kledu ist ein privater Sender; 150 solcher freier Radiostationen gibt es im Land, mehr als irgendwo sonst in Afrika. Das Radio markiert die Schwelle zur großen Welt der kleinen Leute, es öffnet die Tür zu einem anderen Mali.

Amidu Diarra, 45, ist Autodidakt – ein ungeduldiger Raucher, ein ernster, fast düsterer Moralist. Seinen Stil hat er aus malischen Volksliedern entwickelt, aus Liedern, die loben oder tadeln. »Sie sind klar«, sagt er, »schwarz oder weiß, so muss es sein. Ich hasse Lüge und Betrug, ich will klar sein, direkt.« Die Egoisten, die Ehrlosen, die Betrüger aufrufen »und für ihr Benehmen der Gesellschaft gegenüber würdigen«, so beschreibt er das Prinzip seiner Sendung. Meist nennt er keine Namen, seine Hörer verstehen ihn auch so, sie wissen, wer gemeint ist.

Sie wussten es auch an jenem Morgen, als er die Ausgaben der Gattin des Staatspräsidenten geißelte. Die Entführer kamen gleich nach der Sendung, verschleppten Diarra an den Stadtrand, schlugen ihn bewusstlos, ließen ihn im Gebüsch liegen. Später drängten sich seine Fans vor dem Krankenhaus, und als Amidu Diarra wieder auf Sendung war, diskutierte er mit den Hörern live über das Verbrechen. Die Täter, vermutlich Uniformierte in Zivil, blieben unbehelligt. Diarra sammelte selbst Indizien, aber kein Gericht mochte sich der Klage annehmen.

»Den Schutz der Pressefreiheit kann man nicht vom Staat erwarten«, sagt Diarra. Er fährt davon, in einem Auto. Ein wohlhabender Fan hat es ihm geschenkt, nach dem Angriff. Damit der Moderator künftig besser geschützt ist. Die Entführer hatten ihn vom Moped gerissen.