Kleine Münzen der Partizipation. Es war ein brütend heißer Tag im vorigen Jahr. So etwas hatte Mali noch nicht erlebt: Ein Bürgermeister legt vor den Fernsehkameras Rechenschaft ab, er rechtfertigt öffentlich, was er mit dem Geld der Bürger gemacht hat. Issa Doumbia sitzt leicht gekrümmt vor dem Mikrofon, ein baumlanger Mensch, der Schweiß läuft in Strömen von seinem glatt rasierten Schädel, als er sich durch den Haushalt der Gemeinde kämpft. Vor ihm ein paar Hundert Bürger auf Stühlen und Matten, manche greifen ihn an, mit dem wachen Misstrauen der Malier gegenüber allem, was Staat ist. Hat er nicht vielleicht doch etwas gestohlen, der Doumbia?

Vom Morgen bis in den Nachmittag dauert die Versammlung auf dem Marktplatz. Ein paar Tage später wird die Aufzeichnung gesendet, die Leute von Dioro sitzen in Gruppen beieinander – dort, wo es einen Fernseher gibt und einen Generator, denn Dioro hat sonst keinen Strom. Und alle, die sich an diesem Abend selber sehen, haben das Gefühl, an etwas Wichtigem beteiligt gewesen zu sein. Es gibt noch ein anderes Mali, der Bamako-Blues ist nicht alles.

Dioro liegt fünf Autostunden von der Hauptstadt entfernt, ein Marktflecken am Niger, eine von 703 ländlichen Kommunen, die in Mali Mitte der neunziger Jahre geschaffen wurden. Die Macht soll zurückkehren aufs Land – das war eine Vision derer, die damals gegen die Diktatur kämpften. Lange genug, schon seit der französischen Kolonialherrschaft, hat sich die Hauptstadt gemästet, hat vom Land immer genommen, ihm selten gegeben. Auch Entwicklungshilfe, deutsche wie europäische, investiert nun gern in Dezentralisierung. Die örtliche Bevölkerung stärken gegen kranke, korrupte Eliten, das verspricht mehr Nachhaltigkeit als Brunnenbauen.

Die Idee, das Vertrauen der Bürger von Dioro durch offensive Transparenz zu gewinnen, kam von deutschen Entwicklungshelfern. Bürgermeister Doumbia begann damit im lokalen Rundfunk. Am Ende eines jeden Monats macht er auf Radio Jedugu (»Radio Gemeinsam«) einen öffentlichen Kassensturz.

Die Erfahrungen von Dioro gelten nun als Modell: Bürger, die vertrauen, zahlen mehr kommunale Steuern, und sie betrachten die Privatisierung des Staates durch gierige Politiker nicht mehr als Naturgewalt. »Zu viele hohe Funktionäre in Mali sind Diebe«, sagt der Bürgermeister. »Deshalb glauben die Leute etwas nur, wenn sie es mit eigenen Augen sehen. Sie wollen Zeugen sein, was passiert.« Dezentralisierung, sagt er, sei überhaupt die einzige Chance für Mali, sich zu entwickeln. »Auf nationaler Ebene ist der Staat schlicht verdorben.«

Issa Doumbia ist 47 Jahre alt und wohlhabend, sein Reishandel floriert, nebenbei betreibt er noch eine Apotheke. Er habe Politik nicht nötig, sagt er, das verleihe ihm Unabhängigkeit. Wo immer er auftritt, überragt er alle mit seiner langen Gestalt, doch macht ihn das eher ein wenig linkisch. Doumbia ist ein nahbarer, unprätentiöser Mensch, und – in malischem Kontext – ein ganz normaler Mann. Als wir in Dioro eintreffen, hat der Vorzeigebürgermeister der deutschen Entwicklungshilfe gerade eine blutjunge Zweitfrau geheiratet.

Nach örtlicher Sitte verbringt er mit ihr sieben Tage in der Klausur eines »Hochzeitszimmers«, heute ist der siebte Tag, für einen Moment dürfen wir hinein in die eher bedrückend als romantisch wirkende dunkle Kammer aus Lehm. Ein winziges Fenster, schemenhaft ein Moskitonetz, eine Matratze. Das Paar in Weiß gehüllt. Im Dämmerlicht die blanken Augen der Braut, sie sei 18, andere sagen 15. Doumbia wird die Kammer zuerst verlassen, wenn der Morgen graut. Es wird regnen wie aus Kübeln, doch er muss gehen, denn wenn der Mann nicht als Erster geht nach den sieben Nächten, wäre das ein Zeichen, dass die Frau ihn dominiert.