Polygamie ist verbreitet in Mali. Für den Bürgermeister steht sie nicht in Widerspruch zur Demokratie, die er außerhalb seines Hauses gewiss von Herzen verficht. Nach der ersten Nacht mit zwei Frauen unter einem Dach betritt er arglos sein Wohnzimmer in einem Pyjama, dessen violett gemusterter Stoff die Symbole und Slogans des Internationalen Frauentags zeigt.

Ido-ikolola! – Halte dich aufrecht aus eigener Kraft! So lässt sich Dezentralisierung auf Bambara umschreiben. Aber woher kommt die Kraft? Die Regierung hat großzügig Aufgaben nach unten delegiert; um Schulen, Straßen, Wasser und Abfall dürfen sich nun die Kommunen kümmern. Nur das Geld, das soll noch möglichst lange in Bamako bleiben, denn wo das Geld ist, da ist die Macht.

Dioros wichtigste Ressource ist der Markt. 4000 Händler nutzen ihn, viele kommen von weit her. Früher war der Markt schmutzig, und der Kommune brachte er nichts ein. Beides hat sich geändert, dank einer demokratischen Struktur. Einfach war das nicht: Ein Jahr dauerte die Debatte mit den einzelnen Branchengruppen der Händler. Nun wählt die Vollversammlung jeder Händlersparte einen Delegierten, und die Delegierten wählen für ein Jahr ein Komitee, das den Markt leitet.

Am Markttag drängeln sich Gebühreneintreiber mit winzigen Quittungen durch das Gewühl: Umgerechnet acht Cent sind für einen Eselskarren zu entrichten, siebzehn Cent für einen regulären Stand. Die Quittungen bloß nicht wegwerfen! Das haben alle im Radio gehört – damit es keinen Missbrauch gibt. Die acht Cent könnten ja sonst zweimal kassiert werden. Drei Viertel der Einnahmen fließen in den Gemeindehaushalt, vom Rest wird der Markt instand gehalten.

Das Marktkomitee tagt im schattigen Durchgang zwischen zwei Lagerräumen. Sein Sekretär notiert akribisch in einem Schulheft, was der Gebührenchef des Komitees ihm seinerseits aus einem Schulheft vorliest. Das Schulheft ist in Mali ein Erkennungszeichen von Basisdemokratie: Auf seinen Linien werden die kleinen Münzen der Partizipation verzeichnet, mit so viel Akkuratesse und Hingabe, als würde die großkalibrige Korruption andernorts gar nicht existieren.

Wenn Issa Sidibé, der Buchhalter der Gemeinde, auf seinem Moped losfährt, um Steuern einzutreiben, trägt er ein makellos gebügeltes Hemd und frisch geputzte Lederschuhe. Die Kleidung, sagt der 30-Jährige, unterstreiche »die Seriosität des Amts«. So fährt er mit seinem feinen Aufzug durch den Matsch und den Staub jener 30 Dörfer, auf die sich die 48000 Einwohner Dioros verteilen. In jedes Dorf fährt er zweimal, denn niemand kann die Steuern auf einen Schlag bezahlen. Hinten auf dem Moped des Buchhalters sitzt ein Polizist, um den Geldtransport zu bewachen.

Neuerdings verleiht die Gemeinde Dioro Preise an die Dörfer mit der besten Steuermoral: Radiogeräte und Säcke voll Reis. Der Sieger dieses Jahres heißt Sama, ein freundliches Fischerdorf der Bozo-Ethnie, es schmiegt sich eng an den Niger. 1600 Menschen, drei Familiennamen, hundert Prozent Steuerzahler.