Gulag-Autor Warlam SchalamowMenschen ohne Biografie

Eine große Entdeckung: Der russische Autor Warlam Schalomow erzählt wie kein anderer zuvor von den stalinistischen Lagern.

Als Gott die Taiga schuf, war er ein Kind. In der Natur verteilte er wenige Farben, und wenn, dann reine, beinahe unsichtbare. Die ganze Landschaft war einfach und klar. Später, als Gott erwachsen wurde, lernte er die bizarren Muster von Laubwerk schnitzen und dachte sich eine Menge vielfarbiger Vögel aus. Da hatte Gott genug von seiner langweiligen Taiga, überschüttete die Landschaft mit Schnee und ging für immer in den Süden.

Leider, kann man die alte nordrussische Legende fortsetzen, hat Gott damals eine Menge Bodenschätze vergessen: Wolfram und Kohle, Silber und Gold lagen lange unter dem Eis. Doch weil es in der Taiga nach Gottes Abschied kälter geworden war, im Winter mehr als fünfzig Grad unter null, wollte niemand sie holen. Da besann sich Stalin auf den alten Brauch der Deportation nach Sibirien. Schnell wurden Intellektuelle und Diebe, alles, was auf der Erde so als Mensch durchgeht, in die Lager geschickt. Dort sollten sie arbeiten und, wenn sie zu schwach dazu waren, sterben.

Wie erzählt man vom Lager? Nicht wie Solschenizyn. Davon war Warlam Schalamow, von dem ein erster Band mit Erzählungen aus Kolyma als Auftakt einer längst überfälligen deutschsprachigen Werkausgabe jetzt erschienen ist, früh überzeugt.

Am 1. Juli 1907 als Sohn eines orthodoxen Priesters in der nordöstlich von Moskau gelegenen Kleinstadt Wolgoda geboren, wurde Schalamow 1929 zum ersten Mal verhaftet. Pikanterweise, als er gerade die Drucklegung von Lenins Testament beobachtete, das vor Stalin warnte. Er wurde in ein Holzlager und ein Chemiekombinat geschickt, kam nach drei Jahren frei, arbeitete als Journalist, wurde 1937 erneut verhaftet und blieb von da an bis 1953 in verschiedenen Lagern. Er arbeitete in Kohlebergwerken und, die härteste aller Zwangsbeschäftigungen, in den Goldminen Nordsibiriens. Bis eine Ärztin den gesundheitlich ruinierten kräftigen Mann zum Arzthelfer ausbilden ließ und damit rettete.

So hat Schalamow alle Merkmale eines »Zeugen«, wäre zu Betroffenheitsliteratur legitimiert. Aber schon der Jurastudent hatte sich in den zwanziger Jahren im Umkreis der Moskauer Avantgarde ausgiebig mit Literatur beschäftigt. Es war ihm klar, dass man nicht einfach so weitermachen konnte in der Tradition der allwissenden Moral eines Tolstoj, aber auch nicht in den für Lagermenschen zu großen Spuren der Individuen Dostojewskijs.

Nicht pompös, ganz ohne Christentum wollte Schalamow schreiben. Eher, meinte er, müsse man so erzählen, wie Gott die Taiga schuf: minimalistisch, dünn im Sinn einer »Nichtliteratur«, auf der Ebene der Wahrnehmung von Menschen, die unter Skorbut leiden, die bei Dauerfrost arbeiten und den Blick kaum von ihren zertretenen Schuhen heben. Wie in der ersten, kurzen Erzählung, die eine Wegbahnung im Schnee beschreibt und dabei ein allegorisches Bild für künstlerisches Arbeiten in unsicherem Neuland liefert. Auf den ersten Mann, der fluchend im Tiefschnee versinkt, der sich an verschneiten Felsen orientieren muss, folgen sechs, die von den Spuren des ersten aus zurückgehen. Am Ende wechselt plötzlich die Wirklichkeitsebene: »Auf Traktoren und Pferden kommen nicht die Schriftsteller, sondern die Leser.«

Zum hundertsten Geburtstag von Schalamow ist jetzt auch ein 440 Seiten umfassendes »Heft« der Zeitschrift Osteuropa erschienen: Neben vielen informativen Essays ist darin auch ein Elfseitenbrief abgedruckt, den Schalamow nach Erscheinen des Iwan Denissowitsch an den ihm noch kaum bekannten Solschenizyn schrieb. Für den dürfte die Lektüre eine Achterbahnfahrt gewesen sein. Schalamow lobt und kritisiert den Denissowitsch in den höchsten Tönen, manchmal im selben Atemzug. Und reihenweise listet er falsche Details auf. Eine Katze läuft herum. Die wäre, so Schalamow, längst gefressen worden.