Technik persönlich Die Muskelkaterkiste

Keine Konsole, sondern eine elektronische Muckibude: Nintendos Wii wirkt

Rote Augen vom Schlafentzug, Fettpolster dank Bewegungsmangel, Hornhaut am Schussfinger – so sehen die Langzeitfolgen nächtelangen Computerspielens aus. Grundsätzliches hat sich daran seit den Zeiten von Super Mario und Sonic dem Igel nicht geändert. Die Spieler mögen ein bisschen älter geworden sein, aus dicken, inaktiven 14-jährigen Spielkindern ohne soziale Bindung haben sich dicke, interaktive Erwachsene entwickelt. Und die Spiele sind realistischer, schneller und detaillierter geworden.

Das Streben der Computerspieleindustrie in den vergangenen fünfzehn Jahren zielte vornehmlich auf Perfektion. Was früher groß und klobig aussah, erforderte noch viel Vorstellungsvermögen beim Spieler. Heutige Spiele dagegen sind detailgetreu, oft viel perfekter als die reale Welt, wahre Grafik- und Soundorgien. Strohhalme wiegen sich im Wind, Efeu raschelt an der Wand, und sanft zirpen die Grillen – die Natur kriegt das nicht so überzeugend hin.

Und jetzt die Wii von Nintendo. Mal was komplett anderes. Eine unscheinbare kleine, weiße Kiste. Sie verblüfft schon beim Versuch, sie zu Hause anzuschließen: Man braucht einen Fernseher. Wer wie der Tester die Flimmerkiste längst abgeschafft hat, sieht alt aus. Zum Glück steht in der Redaktion noch ein solches Antikmöbel.

Mehrere seltsame Bedienelemente, die man aneinander anschließen kann, machen den Tester zunächst ratlos. Da gibt es einen Infrarotsensor, eine Fernbedienung und ein Kabelanhängsel, das, an die Fernbedienung angeschlossen, verdächtig einem Nunchaku ähnelt, diesem japanischen Würgeholz, das Bruce Lee so gut beherrscht. Doch wenn die Wii dann läuft, kommt Freude auf. Denn das Prinzip ist genial. Die Kiste reagiert auf Bewegungen. Auf drei Achsen verfolgen Sensoren, wie der Controller bewegt wird. Diese Information wird per Funk an die Wii übermittelt. Zu weit weg sollte man aber nicht vom Gerät gehen, sonst ruckelt die Bedienung.

Wer an dieser Kiste Tennis spielt, holt aus wie einstmals das Bobbele. Versucht sich an Vorhand, Rückhand, mit Topspin und Slice. Ein anderes Programm bietet Boxen – so kann man sich auf wichtige Meetings im Infight mit dem Fernseher vorbereiten. Dass dabei schon TV-Geräte mit Schlägen gegen das Glaskinn ausgeknockt wurden, wie in manchen Weblogs kolportiert wird, ist vorstellbar. Danach verschnauft man beim Golfen. Und das alles macht nicht nur Spaß. Sondern auch echt körperlich fertig.

Nintendo galt unter Spielern immer schon als Firma mit Sinn fürs Grobe. Geräte aus den achtzigern – in Deutschland nie stark verbreitet – bestachen stets durch klare Kanten und einfache Joypads. Ein Steuerkreuz und zwei Knöpfe reichten. Andere Hersteller folgten eher der Devise: Je mehr Bedienelemente, desto größer der Spielspaß. Die Wii zeigt jetzt, dass es auch genau andersherum immer noch funktioniert. Und zwar so überzeugend, dass Spieler wieder mit Schlafentzug und roten Augen rechnen müssen.

Nur statt Hornhaut am Schussfinger gibt es jetzt eben Muskelkater. Dem Hersteller kann man zu dieser Kiste nur gratulieren. Und die Konsolenkinder von heute haben Glück. Wenn treu sorgende Eltern sie hartnäckig in einen Sportverein lotsen wollen, haben sie ein gutes Gegenargument.

 
Leser-Kommentare
    • sp
    • 12.10.2007 um 10:13 Uhr

    ..ist der wohl dümmste denkbare Begriff für ein Nunchaku, den man sich vorstellen kann. Niemand, der mit sowas umgehen kann, benutzt das ernsthaft zum würgen. Das Wort geht wohl übrigens auf den Urteilsspruch eines in der Sache uninformierten bayrischen Landgerichtes zurück.

    Ansonsten: Wii spielen macht nicht nur wegen dem Sportfaktor viel Spass, sondern auch gerade in der Gruppe. Anderen beim verbissenen Boxkampf zuzusehen, entbehrt nicht einer gewissen Komik...

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  • Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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  • Schlagworte Informationstechnik | Computerspiel
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