Während Experten über Strategien gegen den Klimawandel diskutieren, bezweifeln Kritiker die Aussagekraft von Klimamodellen. Einige stellen gar den Klimawandel an sich in Frage. Wie gehen die Forscher mit den Vorwürfen um?

DIE ZEIT: Sie haben den Elfenbeinturm verlassen und sich in Zeitungen und Talkshows in die öffentlichen Debatten eingeschaltet. Sind Sie vom Physiker zum Klimapolitiker geworden?

Hans Joachim Schellnhuber: Ich werde nach wie vor als Forscher und Experte wahrgenommen. Bisher habe ich auch wenig persönliche Angriffe erleiden müssen. Dies ist nicht selbstverständlich, da ich ja nicht nur die Sachverhalte darstelle, sondern auch die Gretchenfrage stelle: Wie kann die Gesellschaft darauf reagieren? Allerdings werde ich häufig von Leuten angesprochen, die glauben, der ganze Klimawandel sei Humbug und sie hätten gute Argumente dafür, dass sich die »etablierte« Wissenschaft auf dem Holzweg befinde.

ZEIT: Wie reagieren Sie auf diesen Vorwurf?

Schellnhuber: Ich habe da einen ermüdenden Lernprozess durchgemacht. Anfangs bin ich intensiv auf jede einzelne Argumentation eingegangen: Man hielt irgendwo einen Vortrag, und hinterher kam dann ein freundlicher älterer Herr auf einen zu, der sagte: »Ja, hochinteressant, was Sie uns erzählt haben, Herr Schellnhuber, aber da gibt es diese Geschichte mit der Wasserdampf-Rückkopplung!« Oft habe ich mich auch auf E-Mail-Austausche eingelassen und versucht, die Einwände zu entkräften. In jedem einzelnen Fall stellte ich nach einiger Zeit fest, dass der Mann – es war niemals eine Frau – von einem fast religiösen Eifer getrieben war. Am Schluss hatte sich die Debatte im Kreis gedreht, und ich war mit der kühlen wissenschaftlichen Rationalität nicht durchgedrungen. Das ist ähnlich wie mit Leuten, die Darwins Evolutionstheorie nicht akzeptieren: Diese Theorie kann und darf nicht wahr sein! Solche Leute können Sie nicht mit den Erkenntnissen der Biologie überzeugen.

ZEIT: Der IPCC-Bericht ist aber doch keine Bibel, an die geglaubt werden muss.

Schellnhuber: Natürlich, die Wissenschaft macht Fehler, aber sie spürt diese im Expertenwettbewerb immer wieder auf und tut alles, um sie zu korrigieren. Und der IPCC ist nun wirklich keine Expertenseilschaft, die kritische Stimmen unterdrückt. Vielmehr handelt es sich um einen Selbstorganisationsprozess der Wissenschaft unter Beteiligung von Regierungsdelegationen. Was an Substanz dabei herauskommt, ist das Ergebnis eines beispiellosen Prozesses der wissenschaftlichen Selbstprüfung. Alle qualifizierten Personen, die im Entferntesten eine relevante Einsicht zum Klimawandel haben könnten, werden eingeladen, Kommentare abzugeben. Zu all diesen Einlassungen muss Stellung genommen werden – das sind Zehntausende von Antworten. Das Resultat ist eine ausgewogene, maßvolle, und eher konservative Bewertung der Sachlage.

ZEIT: Und was ist mit den Forschern, die nicht dabei sein dürfen?

Schellnhuber: Jeder, der seine Fähigkeit zur Beantwortung von Fragen, die mit dem Klimawandel unmittelbar zusammenhängen, durch entsprechende Publikationen bewiesen hat, wird in diesen Prozess einbezogen und kann seine Argumente geltend machen. Diejenigen, die sagen: Wir werden ausgeschlossen, werden keinesfalls aus politischem Kalkül ausgegrenzt – wie immer wieder unterstellt wird –, sondern weil sie sich für dieses wissenschaftliche Projekt nicht qualifiziert haben. Punkt.

ZEIT: Und Sie diskutieren auch nicht mit ihren Kritikern?

Schellnhuber: Ich sagte es ja schon: Solche Diskussionen sind letztlich fruchtlos, sonst wären sie Teil des durch Qualitätskriterien geregelten wissenschaftlichen Prozesses. Trotzdem lässt man sich immer wieder dazu hinreißen. Doch man verleiht den zum Teil skurrilen Ansichten zusätzliches Gewicht, wenn man sich in öffentlichen Foren mit ihnen auseinandersetzt. Ihnen wird dadurch eine Art kollegialer Ritterschlag erteilt, was sofort als Beleg interpretiert wird, dass man auf Augenhöhe argumentiert.

ZEIT: Vielleicht vergrößern Sie die Skepsis noch, wenn Sie Leute außerhalb der Expertenzirkel so von oben herab behandeln.

Schellnhuber: Ich habe für Frau Merkel vor Heiligendamm eine Deklaration der führenden Wissenschaftsakademien der Welt organisiert: US National Academy of Sciences, Royal Society, Chinesische Akademie der Wissenschaften et cetera – die geballte Wucht der wissenschaftlichen Expertise weltweit und somit das Beste, was wir haben. Wenn nun Akademiepräsidenten und Nobelpreisträger mit pensionierten Gewerbelehrern oder Hobbymeteorologen eine öffentliche Debatte über die Dynamik des Klimasystems führen sollen, dann wird etwas verzerrt, was nicht verzerrt werden darf. Yehudi Menuhin ist auch nie mit Heino im Musikantenstadel aufgetreten.