Italien Linker guter KerlWalter Veltroni

Walter Veltroni, Ex-Kommunist und Schöngeist entwirft Italiens »Neue Mitte«. Sein Vorbild: New Labour

Walter Veltroni ist der Mann, der die italienische Linke in eine neue Zukunft führen soll. Am 14. Oktober wird der Bürgermeister von Rom und Exchefredakteur der kommunistischen Parteizeitung aller Voraussicht nach zum Vorsitzenden der großen Partei dieses Lagers gewählt – einer Partei, die es noch gar nicht gibt. Auch das Datum für den Gründungsparteitag steht noch nicht fest, der Vorsitzende wird vor der Organisation da sein. Und doch soll Veltroni schon Millionen mobilisieren – der Parteichef wird direkt gewählt, und wahlberechtigt sind nicht nur Mitglieder, sondern alle Italiener und Ausländer mit Wohnsitz in Italien, wenn sie mindestens 16 Jahre alt sind. »Eine Million Stimmen reichen uns nicht«, haben die Veranstalter erklärt. Veltronis Kür soll das politische Ereignis des Jahres werden.

Die Demokratische Partei, wie die Neugründung heißen soll, entsteht aus der Fusion von Linksdemokraten und Margherita, die ihrerseits aus der alten kommunistischen Partei und dem linken Flügel der Christdemokraten hervorgegangen sind. Zwölf Jahre lang traten sie in einem gemeinsamen Wahlbündnis an. Die Gründung einer neuen Volkspartei der linken Mitte war lange geplant. Doch mittlerweile steht die Linke mit dem Rücken zur Wand. Der Vertrauensverlust der Regierung von Romano Prodi in der Bevölkerung ist katastrophal, die Neun-Parteien-Koalition hangelt sich mit ihrer knappen Mehrheit im Parlament von Woche zu Woche.

Schon wartet Silvio Berlusconi, gegenwärtig Oppositionsführer, auf seine Chance, zum dritten Mal die Geschäfte der Firma Italien zu übernehmen. Der Ansehensverlust der Politik hat dramatische Dimensionen angenommen, neue Populisten wie der Komiker Beppe Grillo treten auf den Plan. Grillo bezeichnet sich selbst als Parteienzerstörer; mit eigenen Listen will er an den nächsten Kommunalwahlen teilnehmen. Grillos über das Internet rekrutierte Gefolgschaft zählt Hunderttausende.

Für eine Gegenmobilisierung erscheint Walter Veltroni auf den ersten Blick als eine ungewöhnliche Wahl. Er ist ein zurückhaltender Mann. Die feudale Leutseligkeit vieler römischer Politiker geht ihm ab. Veltroni wirkt wie ein typischer Funktionär aus den Urzeiten jener Parteien, die er beerdigen soll. Dabei ist er neben Berlusconi der schillerndste Politiker, den Italien zu bieten hat. Nur ist er fast zwanzig Jahre jünger. Veltroni steht für den überfälligen Generationswechsel in einem Land, das als einziges in Europa noch von alten Männern wie Prodi, Berlusconi und dem über 80-jährigen Präsidenten Napolitano dominiert wird.

Veltroni will das erstarrte Politsystem Italiens entschlacken – weniger Parlamentarier und nur noch eine gesetzgebende Kammer statt deren zwei, die sich oft gegenseitig blockieren. »In acht Monaten sind alle institutionellen Reformen zu schaffen«, hat er verkündet, selbst die Wahlrechtsreform, die Italien endlich stabile Regierungen ermöglichen soll. Die linke Mitte soll ihre Basis verbreitern. »Wir wollen werden wie die US-Demokraten und wie Labour«, so Veltroni. Die Demokratische Partei stellt er sich als große Bürgerbewegung vor. Manchen geht der Öffnungsprozess zu weit: Als Veltroni kürzlich die Frau von Silvio Berlusconi zum Mitmachen einlud, pfiffen ihn die eigenen Leute zurück.

Für Kennedy, gegen Miss Italia

Von Veltroni weiß man, dass er Kennedy verehrt und gegen die Übertragung der Miss-Italia-Wahlen im Staatsfernsehen ist. Mit gesellschafts- oder sozialpolitischen Positionen hält er sich jedoch zurück. Die Linken in der neuen Partei erwarten von ihm, dass er auf Distanz zum Vatikan geht, der sich gern in die italienische Tagespolitik einmischt, um gegen Sterbehilfe oder Schwulenehe zu polemisieren. Man weiß nicht recht, wie Veltroni dazu steht – er ist nicht geprägt vom politischen Katholizismus, aber in seinen Reden zitiert er gern Geistliche. Zur Außenpolitik, etwa zum italienischen Engagement in Afghanistan, hat er sich noch gar nicht geäußert.

Trotz der manchmal vagen politischen Kontur scheinen die Italiener Veltroni viel zuzutrauen. Die Meinungsforscher glauben, dass er bei Neuwahlen allein 15 Prozent zusätzlich für die Demokraten holen könnte. Bei der Wahl zum Vorsitzenden geben ihm die Umfragen 70 Prozent, die innerparteiliche Konkurrenz liegt weit abgeschlagen hinter ihm. Selbst Unicredit-Chef Alessandro Profumo, derzeit vielleicht Europas erfolgreichster Bankier, macht keinen Hehl aus seiner Sympathie für den Mann, dessen politische Karriere im Jugendverband der kommunistischen Partei begann. Und der jetzt sagt: »Mein Verhältnis zum politischen Apparat war immer kompliziert.«

Romano Prodi, der Regierungschef, hat dem Kandidaten auf dem Weg zum Parteivorsitz überraschend bereitwillig Platz gemacht, dabei war die Demokratische Partei vor allem Prodis Projekt. Jetzt scheint es fast, als sehne Prodi seinen Abgang von der Bühne herbei. Er wirkt fahrig und zerstreut, gebeugt von der Last des Regierens und dem Dauergezänk mit den Koalitionspartnern, die um das Überleben ihrer Kleinstparteien kämpfen und deshalb jede Möglichkeit zur Profilierung nutzen. Was den Alten und den Jüngeren verbindet, ist der Pragmatismus, die frühzeitige und vollständige Abkehr von ideologischen Zwängen, die Suche nach neuen Wegen jenseits des konformistischen, von Klientelbeziehungen geprägten italienischen Politikbetriebs. Und wie Prodi, der Professor, hat Veltroni ein geistiges Leben jenseits der Machtsphäre. Von seinen 16 Büchern, neben politischen Essays und Reportagen auch Romane und die Biografie eines Jazzpianisten, wurden einige Bestseller. Vier sind für das Kino verfilmt.

Kein Erfolg mit Griechisch und Latein

Veltroni ist kein Zögling des Establishments. Er flog vom römischen Elitegymnasium Torquato Tasso, weil er nicht gut genug war in Altgriechisch und Latein. Er wechselte auf eine Berufsschule für Kinotechniker. Kein humanistisches Abitur, kein Hochschulstudium – damit wären in der immer noch starren römischen Klassengesellschaft die Weichen eigentlich schon gestellt, und nach oben ginge kein Zug mehr.

Außer in der Politik. Schon als Schüler war Veltroni in der kommunistischen Partei, und die Genossen merkten bald, dass der Sohn des Fernsehjournalisten Vittorio Veltroni Talent für die Propaganda hatte. Walter Veltroni hatte seinen Vater verloren, als er ein Jahr alt war. Der Verlust prägte das Leben des Sohnes. Einmal gestand er, im Kino zu Tränen gerührt zu sein, »wenn ich in alten Filmen einen Schauspieler in der Vaterrolle sehe«. Er wurde Journalist wie der Vater – aber bei der Partei. Mit 21 saß Walter Veltroni im Stadtrat, mit 32 im Parlament, mit 37 berief man ihn zum Chefredakteur der kommunistischen Parteizeitung l’Unità. Ein Kompromisskandidat. Eine Verlegenheitslösung. Ein einmaliger Glücksfall für die Zeitung.

Veltroni brachte der Unità nie erreichte Auflagenrekorde mit einer Idee, die bis heute kopiert wird: die Zeitungsdreingabe. Mit der Unità wurden Fußballsammelalben und Videokassetten angeboten. Irgendwann gab es, unerhört für die eingefleischt antiklerikale Leserschaft, sogar das Neue Testament. Da war Walter Veltroni schon der Verbündete des Katholiken Romano Prodi, der ihn 1996 als Kulturminister in seine Regierung holte. Als zwei Jahre später die Regierung stürzte, übernahm Veltroni den Parteivorsitz der Linksdemokraten. Aber nicht für lange. Seine Rivalen drängten ihn zurück in die Lokalpolitik. 2001 wurde er Bürgermeister von Rom und im letzten Jahr mit 61 Prozent wiedergewählt. Ein Rekord.

Als Bürgermeister hat Veltroni Rom vom verschlafenen »Weltdorf« zu einer hippen Metropole gewandelt. Das Kulturprogramm kann sich endlich mit dem von Berlin und Paris messen, jedes Jahr kommen mehr Touristen. Längst ist die Stadt reicher als Mailand. International berühmte Architekten bauen in Veltroni-Città, er wird in Rom ähnlich Spuren hinterlassen wie Mitterrand in Paris. Das von ihm initiierte römische Filmfestival ist schon im dritten Jahr dabei, dem venezianischen den Rang abzulaufen. Francis Ford Coppola etwa wird seinen ersten Film nach zehn Jahren Mitte Oktober in Rom vorstellen, Sean Penn ebenso, Robert Redford kommt auch. Es gebe keinen Krach mit Venedig, hat Veltroni gesagt: »Nur einen positiven Wettbewerb zwischen zwei Kulturmetropolen.« Man ahnt, wer der Sieger sein wird.

Walter Veltroni scheint keine Feinde zu haben. Höchstens wird ihm einmal vorgeworfen, er sei ein buonista, ein Gutmensch. Freunde, die ihn seit der Schulzeit kennen, loben seine Sensibilität und Warmherzigkeit, seinen Humor. Nicht gerade Qualitäten, die einen in der Politik automatisch nach oben bringen. Aber es scheint, als suche Italien nach Jahren der inneren Spaltung einen, der versöhnt.

3. Juli 1955 geboren in Rom

1976 als Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) jüngster Stadtrat Roms

1977 in der PCI für Agitation und Propaganda zuständig

1987 wird Veltroni ins Parlament gewählt

1992 Chefredakteur der kommunistischen Parteizeitung »l´Unità«

Mai 1996 Kulturminister und stellvertretender Ministerpräsident unter Romano Prodi

1998 wird er Parteichef der Linksdemokraten

Seit Mai 2001 Bürgermeister von Rom

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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