FußballBrot und Spieler

Holger Stromberg ist der neue Koch der Nationalelf. Er will auch die Deutschen kulinarisch erziehen von Barbara Nolte

Das Eis hat Holger Stromberg gleich wieder wegräumen müssen vom Buffet. Am Spieltag niemals Eis!, belehrte ihn der Mannschaftsarzt vor dem Spiel der Deutschen gegen Wales. Eis reizt den Magen. Seine Mohnknödel kochte Stromberg einmal und nie wieder. Mohn, erklärte der Arzt, könne zu einer positiven Dopingprobe führen.

Stromberg sitzt in einem gelben Ledersofa im Restaurant G, das er in München führt. »Und ich dachte immer«, sagt er lachend, »bei Dopingtests würde man genau herausfinden können, ob etwas ein leistungssteigerndes Mittel ist oder einfach nur Mohn.« Er schaut zur Tür, um aufzuspringen, wenn neue Gäste davorstehen.

Im Frühjahr war Oliver Bierhoff mit seiner Frau hier im G zum Essen, anschließend hat er Stromberg angesprochen, ob er nicht Koch der Nationalmannschaft werden wolle. Stromberg hat erst gezögert. »Nur damit einer mitreist, um den Spielern ihre Steaks zu braten, brauchten sie mich nicht«, sagt er.

Stromberg ist nämlich so ehrgeizig wie die Nationalspieler. Seine für Jungköche obligatorischen Wanderjahre führten ihn zu den Drei-Sterne-Köchen Emil Jung und Harald Wohlfahrt. Schon mit 23 erkochte er sich seinen ersten Michelin-Stern. Stromberg deutet auf die Kopie eines Ölbildes von Immendorff mit der Aufschrift »Deutschland in Ordnung bringen«, das an der Rückwand des Restaurants hängt. »Das ist mein Credo, kulinarisch gesehen«, sagt er. Den Job beim DFB hat er schließlich angenommen, weil Fußballer eine »Vorbildfunktion« hätten.

Fußballer als Botschafter großer Küche – eine ungewohnte Vorstellung. Fußballer galten bislang als Männer mit großem Hunger und Hang zum Junkfood. Geprägt ist das Bild durch die Werbung: Der junge Beckenbauer, der Knorr-Suppe löffelt, oder Jansen und Kurányi beim Nutella-Frühstück. Stromberg kennt den »eher volksnahen Geschmack gerade der jungen Fußballer«, wie er es ausdrückt. Er führte die Küche im Münchner Mandarin Oriental, in dem ausländische Spitzenteams abstiegen. »Die Engländer wollten morgens, mittags und abends Baked Beans«, und die Spanier hätten tellerweise Bratwürstl gegessen. In der deutschen Mannschaft seien jedoch ein paar Gourmets dabei. Den Rest will er »spielerisch an neue Geschmacksrichtungen« heranführen.

Stromberg stellt Schälchen mit drei Olivenölsorten auf den Tisch, in denen Pipetten liegen. Damit soll man die Öle auf kleine Brötchen träufeln. So beginnt das Menü im G. »Um die Sinne zu schärfen«, erklärt er. Auch den Nationalspielern will er die Unterschiede von so elementaren Lebensmitteln wie Öl und Salz nahebringen. Man stellt sich Odonkor und Klose vor mit Pipetten in der Hand und den Miniaturbrötchen. Vor Klinsmanns Revolution wäre so etwas undenkbar gewesen.

Früher gab es für die Spieler Nudeln, immer wieder Nudeln und am Spieltag Filetsteak. Früher führten die Köche zu allen Auswärtsspielen die Lebensmittel aus Deutschland ein. Lkw fuhren der Mannschaft voraus. An Nudeln führt auch für Holger Stromberg kein Weg vorbei. Sie enthalten die für Fußballer so wichtigen Kohlenhydrate; der Mannschaftsarzt schaut ihm immer über die Schulter. Doch Stromberg serviert jetzt Vollkornnudeln. Auch das Filetsteak bleibt im Repertoire, allerdings muss es vom Ökobauern stammen. Wenn die deutsche Mannschaft in dieser Woche zum EM-Qualifikationsspiel nach Irland reist, will er sich einen silbernen Überseekoffer vom DFB voll mit Gewürzen packen: mit indischem Tandoori oder australischem Wattleseed. Der Rest wird vor Ort gekauft. In Irland lässt er lokale Spezialitäten in seine Rezepte einfließen, kocht zum Beispiel Steinbutt mit Süßkartoffelpüree, Orangenzeste und Mandeln. »Ich will zeigen, dass die Mannschaft weltoffen ist«, sagt er.

Stromberg passt genau in die Ära Klinsmann-Bierhoff-Löw, so wie sein Vorgänger Saverio Pugliese in die Ära Völler passte. Pugliese war zwar als Italiener die personifizierte Weltoffenheit. Doch war er schon über 50 und hatte einen kleinen Bauch. Stromberg ist dieselbe Generation wie die Spieler, 35 Jahre. Seine leichte Küche scheint wie der letzte Baustein in Klinsmanns System aus Motivations- und Konditionstrainern. Und dass er unter Köchen als »junger Wilder« geführt wird, heißt nicht, dass der DFB bei ihm Disziplinprobleme befürchten müsste. Stromberg ist ein solider Unternehmer, der zwei Restaurants führt und Buffets im ganzen Land ausstattet. Und seinem Unternehmen wird der neue Job guttun, auch wenn er die Hälfte von Strombergs Zeit aufzehrt. Ähnlich wie eine Kochsendung im Fernsehen verleiht ihm die Nationalmannschaft jenseits der Feinschmecker- Abonnenten eine Prominenz, die für Köche heute so wichtig ist wie für Schauspieler.

»Ich will die Mannschaft mit allen Kräften unterstützen«, sagt er, um klarzustellen, dass er sich unterordnen will. Er geht auch mit ins Stadion, verlässt es aber in der 70. Minute, damit das Buffet fertig ist, wenn die Spieler im Hotel zurück sind. Bei der Nationalmannschaft gibt es immer Buffet. Er würde gerne zumindest einen Gang servieren lassen. »Das stärkt den Teamgeist. Wenn einer es nicht mag, kann er es ja beiseitestellen«, sagt er. Stromberg ist liberal – auch im G. »Diese Stehgeiger-Restaurants mit ihren Zwängen finde ich schlimm.« Selbst wenn ein Gast nur ein Stück Käse bestelle, beteuert er, werde er nicht abschätzig angeschaut.

Zum Schluss die Beruhigung: Auch die Fußballer bekommen von ihm, was sie essen möchten. Pizza, Lasagne und Hamburger hat er ihnen schon gekocht. Und wenn ein Spieler nach Ketchup fragt, hat Stromberg sogar Verständnis dafür. Eines seiner Lieblingsgerichte ist Currywurst.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Gesundheit | Kochen | Fußball | Nationalelf
    Service