Das Eis hat Holger Stromberg gleich wieder wegräumen müssen vom Buffet. Am Spieltag niemals Eis!, belehrte ihn der Mannschaftsarzt vor dem Spiel der Deutschen gegen Wales. Eis reizt den Magen. Seine Mohnknödel kochte Stromberg einmal und nie wieder. Mohn, erklärte der Arzt, könne zu einer positiven Dopingprobe führen.

Stromberg sitzt in einem gelben Ledersofa im Restaurant G, das er in München führt. »Und ich dachte immer«, sagt er lachend, »bei Dopingtests würde man genau herausfinden können, ob etwas ein leistungssteigerndes Mittel ist oder einfach nur Mohn.« Er schaut zur Tür, um aufzuspringen, wenn neue Gäste davorstehen.

Im Frühjahr war Oliver Bierhoff mit seiner Frau hier im G zum Essen, anschließend hat er Stromberg angesprochen, ob er nicht Koch der Nationalmannschaft werden wolle. Stromberg hat erst gezögert. »Nur damit einer mitreist, um den Spielern ihre Steaks zu braten, brauchten sie mich nicht«, sagt er.

Stromberg ist nämlich so ehrgeizig wie die Nationalspieler. Seine für Jungköche obligatorischen Wanderjahre führten ihn zu den Drei-Sterne-Köchen Emil Jung und Harald Wohlfahrt. Schon mit 23 erkochte er sich seinen ersten Michelin-Stern. Stromberg deutet auf die Kopie eines Ölbildes von Immendorff mit der Aufschrift »Deutschland in Ordnung bringen«, das an der Rückwand des Restaurants hängt. »Das ist mein Credo, kulinarisch gesehen«, sagt er. Den Job beim DFB hat er schließlich angenommen, weil Fußballer eine »Vorbildfunktion« hätten.

Fußballer als Botschafter großer Küche – eine ungewohnte Vorstellung. Fußballer galten bislang als Männer mit großem Hunger und Hang zum Junkfood. Geprägt ist das Bild durch die Werbung: Der junge Beckenbauer, der Knorr-Suppe löffelt, oder Jansen und Kurányi beim Nutella-Frühstück. Stromberg kennt den »eher volksnahen Geschmack gerade der jungen Fußballer«, wie er es ausdrückt. Er führte die Küche im Münchner Mandarin Oriental, in dem ausländische Spitzenteams abstiegen. »Die Engländer wollten morgens, mittags und abends Baked Beans«, und die Spanier hätten tellerweise Bratwürstl gegessen. In der deutschen Mannschaft seien jedoch ein paar Gourmets dabei. Den Rest will er »spielerisch an neue Geschmacksrichtungen« heranführen.

Stromberg stellt Schälchen mit drei Olivenölsorten auf den Tisch, in denen Pipetten liegen. Damit soll man die Öle auf kleine Brötchen träufeln. So beginnt das Menü im G. »Um die Sinne zu schärfen«, erklärt er. Auch den Nationalspielern will er die Unterschiede von so elementaren Lebensmitteln wie Öl und Salz nahebringen. Man stellt sich Odonkor und Klose vor mit Pipetten in der Hand und den Miniaturbrötchen. Vor Klinsmanns Revolution wäre so etwas undenkbar gewesen.

Früher gab es für die Spieler Nudeln, immer wieder Nudeln und am Spieltag Filetsteak. Früher führten die Köche zu allen Auswärtsspielen die Lebensmittel aus Deutschland ein. Lkw fuhren der Mannschaft voraus. An Nudeln führt auch für Holger Stromberg kein Weg vorbei. Sie enthalten die für Fußballer so wichtigen Kohlenhydrate; der Mannschaftsarzt schaut ihm immer über die Schulter. Doch Stromberg serviert jetzt Vollkornnudeln. Auch das Filetsteak bleibt im Repertoire, allerdings muss es vom Ökobauern stammen. Wenn die deutsche Mannschaft in dieser Woche zum EM-Qualifikationsspiel nach Irland reist, will er sich einen silbernen Überseekoffer vom DFB voll mit Gewürzen packen: mit indischem Tandoori oder australischem Wattleseed. Der Rest wird vor Ort gekauft. In Irland lässt er lokale Spezialitäten in seine Rezepte einfließen, kocht zum Beispiel Steinbutt mit Süßkartoffelpüree, Orangenzeste und Mandeln. »Ich will zeigen, dass die Mannschaft weltoffen ist«, sagt er.