Rente Arm ins Alter?

Darüber müsste die Regierung dringend reden: Hartz-IV-Empfängern droht im Alter eine noch niedrigere Rente. Vor allem Frauen könnten darunter leiden.

Vor rund 15 Jahren sah der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die Deutschen in der »sozialen Hängematte« faulenzen, sein Nachfolger Gerhard Schröder scheuchte sie mit der Agenda 2010 hoch. Jetzt treten die Volksparteien den schleichenden Rückzug von der Agenda an. Nur in einem Punkt bleiben sie womöglich hart: Mit diesem Jahr endet die befristete 58er-Regelung, die noch aus der Ära Kohl stammt. Damit konnten ältere Arbeitslose offiziell darauf verzichten, dass ihnen ein neuer Job vermittelt wird, und erhielten trotzdem weiter Arbeitslosenunterstützung. Für ältere Hartz-IV-Empfänger hat es schwerwiegende Folgen, wenn diese Bestimmung gestrichen wird. Statt bis 65 Arbeitslosengeld II zu beziehen, ohne dass ihnen Jobs angeboten werden, müssen sie dann so früh wie möglich in Rente gehen – auch wenn das dauerhafte Abschläge beim Ruhegeld bedeutet. Und wenn sie nicht selbst den Rentenantrag stellen, kann das an ihrer Stelle die zuständige Behörde tun, sogar gegen ihren Willen.

»Zwangsverrentung« nennen das Gewerkschaften und Sozialverbände. Und Christina Wübbeke vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fürchtet: »Ein erheblicher Teil der Hartz-IV-Empfänger wird künftig eine Rente erhalten, die unterhalb des Sozialhilfeniveaus liegt.« Das heißt, dass sie für den Rest ihres Lebens auf Unterstützung angewiesen sind.

Um Arbeitslose zur energischen Jobsuche zu bewegen, wurde Hartz IV mit harten Auflagen versehen. Das bekommt nur, wer keine andere Geldquelle hat. Wer stattdessen von einer vorzeitigen Rente leben könnte, muss sie künftig auch beantragen – egal, wie niedrig sie dann ausfällt. So steht es im Gesetz. »Es ist ein ziemlicher Hammer, wenn man sich die Rente verdient hat und plötzlich enorme Abschläge hinnehmen muss«, sagt der Sozialexperte Frank Jäger vom Arbeitslosenverband Tacheles.

Wer arbeitslos ist, darf heute mit 61 in Rente gehen. Allerdings bekommt er dann nicht das volle Ruhegeld. Die Abschläge betragen dabei knapp 15 Prozent. Viele Arbeitslose nehmen das freiwillig in Kauf. Vor allem bei Männern, die meist lange eingezahlt haben, ist selbst die reduzierte Rente oft höher als Hartz IV. Viele wollen lieber sofort mehr Geld als später eine höhere Rente. Anders ist die Situation der Frauen: Ihre durchschnittliche Rente ist nur etwa halb so hoch wie die der Männer. Sie können sich die Abschläge meist nicht leisten. »Die Rente reicht dann nicht mehr zum Leben«, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. »Sie können ihr Alter nicht in Würde verbringen.«

Frauen dürfen bereits mit 60 vorzeitig in Rente gehen, eher also als Männer. »Dieser Bonus verkehrt sich jetzt ins Gegenteil«, sagt IAB-Forscherin Christina Wübbeke. Denn umso früher und mit umso niedrigeren Bezügen könnten die Hartz-IV-Behörden demnächst die Frauen in den Ruhestand schicken – sogar mit 18-prozentigem Abschlag.

Bislang hat die 58er-Regelung verhindert, dass Arbeitslose in die vorzeitige Rente gezwungen wurden. Sie stammt noch aus den achtziger Jahren. Wer damals im 58. Lebensjahr seinen Job verlor, bekam 32 Monate lang Arbeitslosengeld, ging anschließend mit 60 in den vorgezogenen Ruhestand – und bekam die volle Rente ohne Abschläge. Beim Arbeitsamt unterschrieb er die Vereinbarung, dass er bis dahin auf Jobangebote verzichtet. Viele Unternehmen haben damals die Bestimmung missbraucht, um ihre Belegschaft zu verjüngen: Gegen Abfindung gaben die älteren Mitarbeiter ihren Job auf – in der Gewissheit, nie wieder arbeiten zu müssen.

Heute wird die Regel nicht mehr missbraucht, um jemanden in den Vorruhestand zu drängen. Denn die Rahmenbedingungen haben sich drastisch verändert. Seit 1996 bekommt, wer vorzeitig in Ruhestand geht, nur noch die reduzierte Rente. Zudem wurde das Renteneintrittsalter angehoben und der Bezug des Arbeitslosengeldes I für Ältere auf 18 Monate verkürzt. Männer können heute die Zeit bis zur regulären Rente nur dann ohne Hartz IV überbrücken, wenn sie erst mit 63,5 Jahren den Job verlieren.

Dennoch nehmen immer noch 247.000 Bezieher des regulären Arbeitslosengeldes die 58er-Regel in Anspruch – weil sie keine Jobangebote mehr wollen. Und auch ältere Hartz-IV-Empfänger können sich für einen »erleichterten Bezug« entscheiden und somit auf Betreuung verzichten. Ein Nebeneffekt: Wer nicht mehr vermittelt werden will, steht dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung und zählt somit nicht als arbeitslos. »Das ist für die Politik ganz praktisch, wenn die Älteren aus der Statistik fallen«, sagt IAB-Forscherin Wübbeke. Wohl deshalb wurde die Regelung bislang immer wieder verlängert.

Als Instrument zur Frühverrentung hat sich die 58er-Regel längst überlebt. Und auch der Verzicht auf die Vermittlung mag fragwürdig sein. »Es tut sich was bei den Jobs für die Älteren«, sagt der SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner. »Den Wechsel hin zu der Erkenntnis, dass sie gebraucht werden, sollten wir nicht behindern.« Deshalb möchte er die 58er-Regel jetzt endgültig abschaffen.

Dann müsste man aber die Regeln für das Arbeitslosengeld II ändern, fordert DGB-Vorstand Buntenbach: »Im Sozialgesetzbuch muss festgeschrieben werden, dass niemand zu einer Rente mit Abschlägen gezwungen werden darf.« Doch das wäre ein Aufweichen von Hartz IV, das nur als allerletztes soziales Netz dienen soll. Und daran möchten viele in der SPD nicht rütteln – bisher jedenfalls. Klaus Brandner propagiert deshalb einen Kompromiss: Nur diejenigen sollen künftig in die Rente gezwungen werden, denen vorher ein »zumutbares« Jobangebot gemacht wurde. Dafür will er sogar 100.000 öffentlich geförderte Arbeitsplätze bereitstellen. Für alle älteren Arbeitslosen wird das kaum reichen.

 
Leser-Kommentare
    • Isaidy
    • 13.10.2007 um 20:22 Uhr

    setzt sie an, die Benachteiligung der Hausfrau und Mutter. Ich würde zu gerne mal die Antwort der CSU auf diese miesen Zukunftsaussichten für "Nur-Hausfrauen" hören. Da zerredet man in Deutschland die Notwendigkeit von Betreuungsangeboten für Kinder und gleichzeitig schickt man jene Frauen, die sich dafür entscheiden aus dem Beruf auszusteigen und für ihre Kinder dazusein, in die Altersarmut, weil sie ihre Beitragsjahre nicht voll bekommen. Aber gerade die christlichen Parteien gehen wohl immer noch davon aus, dass eine Ehe ja schließlich ewig hält und der Mann dann im Alter mit seiner Rente für die Frau aufkommt. Dass wir eine massive Altersarmut der heutigen 40er-Generation bekommen, ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Wessen beruflicher Lebenslauf taugt heute noch dazu 45 Beitragsjahre voll zu bekommen, bzw. genug zu verdienen, um in weniger Jahren genug einzuzahlen? Und hat man nicht gerade die Riesterrente, sondern andere Sicherheiten fürs Alter abgeschlossen, ist man gezwungen, die vollständig zu verbraten, falls man mal arbeitslos wird. Abhängig Beschäftigte, zieht Euch warm an.

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    Ich kann den kritischen Anmerkungen nur Zustimmen. Nach Schröders Rückbau des Sozialstaates und Merkels Demokratiedemontage müssen wieder die, die am Wenigsten haben das ganze wegstecken und durch Verzicht finanzieren.

    Ich hoffe es kommen nochmal Spinner die mich zum Wählen gehen animieren. Mit 40 mach ich mir noch keine wirklich Sorge um den Lebensabend. Nur dass der Staat das Alter nicht finanzieren kann ist gemeinhin bekannt und hat sich rumgesprochen. Dann kommt's ja nicht mehr drauf an... (das war ironisch).

    Ich kann den kritischen Anmerkungen nur Zustimmen. Nach Schröders Rückbau des Sozialstaates und Merkels Demokratiedemontage müssen wieder die, die am Wenigsten haben das ganze wegstecken und durch Verzicht finanzieren.

    Ich hoffe es kommen nochmal Spinner die mich zum Wählen gehen animieren. Mit 40 mach ich mir noch keine wirklich Sorge um den Lebensabend. Nur dass der Staat das Alter nicht finanzieren kann ist gemeinhin bekannt und hat sich rumgesprochen. Dann kommt's ja nicht mehr drauf an... (das war ironisch).

  1. Ich kann den kritischen Anmerkungen nur Zustimmen. Nach Schröders Rückbau des Sozialstaates und Merkels Demokratiedemontage müssen wieder die, die am Wenigsten haben das ganze wegstecken und durch Verzicht finanzieren.

    Ich hoffe es kommen nochmal Spinner die mich zum Wählen gehen animieren. Mit 40 mach ich mir noch keine wirklich Sorge um den Lebensabend. Nur dass der Staat das Alter nicht finanzieren kann ist gemeinhin bekannt und hat sich rumgesprochen. Dann kommt's ja nicht mehr drauf an... (das war ironisch).

    Antwort auf "Und genau hier....."
  2. Aus dem Öffentliche Dienst mit Abfindung weggelobt (auch weil es hiess, im nächsten Jahr wird ohne Abfindung gekündigt), dann das wegen Mitwirkung und Sperrzeit verkürzte ALG I, kurzzeitig auskömmliche Arbeitslosenhilfe und dann ab 2005 Hartz IV (die Abfindung war da schon aufgezehrt - es gab nichts zum Anrechnen).

    Mit der Gesetzesänderung vom 01.08.06 griff dann im Sommer 07 nach einem Jahr die bedarfsgemeinschaftliche Partnerschaftsfalle von Hartz IV und die Zahlungen wurden über Nacht eingestellt. Auch ein Gericht schloss sich der Rechtsauffassung der ArGe an - obwohl die Unterhaltsvermutung widerlegbar sei laut Gesetz. Den Beteuerungen der Klägerin könne kein Glauben geschenkt werden, meint das SG Berlin-Brandenburg, was einer globalen Vorverurteilung gleich kommt - zumal ohne mündliche Verhandlung.

    Was bleibt übrig? Die vorgezogenen Rente mit 60 Jahren.
    Die wird interessanterweise dank Nachhaltigkeitsfaktor inzwischen schon mal um ca. 15% verkürzt vergeben - was ja auch schon durch die Presse geisterte.

    Nun steht die schon schmale und zusätzlich noch um 15% verkürzte Rente mit weiterer Kürzung um 18% Abschlag vor der Tür. Weniger als vorher Hartz IV und Kosten der Unterkunft.

    Die Aufstockung per Grundsicherung greift aber nicht, da eben "freiwillig" eine Rente mit (lebenslangen) Abschlägen beantragt wurde und ausserdem dann auch wieder die bedarfsgmeinschaftliche Partnerschaftsfalle zuschlagen würde.

    Auch das ist gewissermassen eine Form der Zwangsverrentung - denn für die 58iger-Regelung musste die Rentenversicherung der ArGe mitteilen, ab wann eine ungekürzte Rente möglich wäre.

    So kommt nun eine zweifache Mutter, die ansonsten ab 15 Jahren ihr Leben lang gearbeitet hat, zu einer Bruttoaltersrente von 575 €, von der noch der Krankenkassenbeitrag und die Pflegeversicherung abgezogen wird - und dann unterm Strich 520 € zum Leben und wohnen über bleiben.

    Deutlich weniger als Hartz IV oder Grundsicherung im Alter - auf die aber eben kein Zugriff besteht.

    Und genauso und noch schlimmer wird es noch sehr vielen ergehen - egal was sich da ein Herr Brandner zusammenfabuliert mit 100.000 öffentlichen Jobs.

    Es gibt da nur zwei Möglichkeiten:
    Entweder hat man das in seinen Auswirkungen nicht überblickt, oder aber das ist eiskalt geplant und umgesetzt.
    In beiden Fällen haben die Verantwortlichen - zu denen auch Herr Brandner, Steinmeier, Steinbrück und die anderen Hartz IV Hardliner gehören, weder auf der Regierungsbank noch in einem verantwortlichen Posten im Bundestag nichts mehr verloren.

  3. Ein unerfreuliches und sehr schwieriges Thema, die Kürzungen im sozialen Bereich. Daß man damit immer auch Bürger abstraft, die unverschuldet in eine Notlage geraten sind, läßt sich wohl nicht vermeiden.
    Andererseits sind diese Kürzungen Folgen der ungebremsten Staatsgäubigkeit unserer Nation, die immer wieder statt auf das Inidividuum, die eigene Arbeit und Geschicklichkeit zu setzen, alles vom Staat erwartet, ihn zum Götzen erhebt.
    Dabei sollten wir es eigentlich nach 1918, 1923, 1933, 1945, 1989 besser wissen, oder???? - und ging es uns Deutschen nicht immer dann wirtschaftlich am Besten, als wir auf unsere eigene Kraft vertrauten, liberaleren Prinzipien huldigten (1871-1913, 1948-1989 im Westen).

    Meine Message an den arbeitenden Teil der Bevölkerung: Baut Euch ein eigenes Vermögen auf und kümmert Euch rechtzeitig darum! Riester- oder Rürup-Rente, VL oder einfach ein Sparvertrag bei der Raiffeisenbank um die Ecke. Jeden Monat (möglichst von Geburt an) verhältnismäßig geringe € 50.- einbezahlt, und das Gespenst der Altersarmut ist gebannt!
    Und wählt diejenigen, die Euch Euer Geld in der Tache lassen!!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber robertmk,

    und wer soll das sein, diese Partei, die einem das Geld in der Tasche laesst? Hat es die seit 1948 (West) gegeben?
    Schonmal einen heutigen Lohnzettel eines durchschnittlichen abhaengig Beschaeftigten gesehen? Von jemandem, der vielleicht eine Familie oder Kinder hat? Wie bitte baut der/die heute ein Vermoegen auf (trotz Riester etc)?
    Wunschdenken.

    Lieber robertmk,

    und wer soll das sein, diese Partei, die einem das Geld in der Tasche laesst? Hat es die seit 1948 (West) gegeben?
    Schonmal einen heutigen Lohnzettel eines durchschnittlichen abhaengig Beschaeftigten gesehen? Von jemandem, der vielleicht eine Familie oder Kinder hat? Wie bitte baut der/die heute ein Vermoegen auf (trotz Riester etc)?
    Wunschdenken.

  4. 5. haha

    Lieber robertmk,

    und wer soll das sein, diese Partei, die einem das Geld in der Tasche laesst? Hat es die seit 1948 (West) gegeben?
    Schonmal einen heutigen Lohnzettel eines durchschnittlichen abhaengig Beschaeftigten gesehen? Von jemandem, der vielleicht eine Familie oder Kinder hat? Wie bitte baut der/die heute ein Vermoegen auf (trotz Riester etc)?
    Wunschdenken.

    Antwort auf "Und wir Jungen??"
    • Anonym
    • 17.10.2007 um 3:24 Uhr

    Vorweg: Habe erfahren, wie ein Statuswechsel vom Angestellten zum Selbständigen den Blickwinkel ändert.
    Ich gönne es jedem, der noch die 58er-Regelung in Anspruch nehmen konnte, so wird sie auch von den Menschen erlebt. Als für die gesetzliche Rente Zu-Spät-Geborener, der mit älteren Arbeitnehmern zu tun hat, hört man: Möglichst lange ALG I (s. Müntefering vs. Beck), dann mit geringen Abzügen (dafür Erreichen von 50% GdB) in Rente, zum Strecken zwischendurch krank. Also nie mehr arbeiten mit möglichst hohen Leistungen bei mäßigen Beiträgen. Wie gesagt empathisch nachvollziehbar, aber nicht meine Lebenssituation.
    Dies zumal, wenn das Bedürfnis auf ergreifendem Verständnis beruht: Angelernte Arbeiter können eine Familie incl. Hausbau durchbringen, Körperliches Potential läßt niemals nach, Das Arbeitsleben hat noch so abzulaufen wie vor 30 Jahren.

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  • Serie -
  • Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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  • Schlagworte Wirtschaftspolitik | Sozialpolitik | Rente
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