Bildung Mit Behinderten lernen
In Zeiten des Leistungsstresses sträuben sich viele Eltern gegen integrative Schulen. Dabei lernen alle Kinder dort am besten, sagt Ulrich Niehoff vom Lebenshilfe-Verband. Ein Interview
ZEIT online: Herr Niehoff, wie behindertenfreundlich ist Deutschland?
Ulrich Niehoff:
Die Situation für behinderte Menschen hat sich verbessert. Ihre Gesetzeslage ist durchaus positiv. Früher wurden behinderte Menschen häufig in Großeinrichtungen und Anstalten einfach weggeschlossen, heute sind sie viel präsenter im öffentlichen Leben. Schon kleine Kinder machen in integrativen Kindergärten Erfahrungen mit behinderten Kindern. Mit positivem Ergebnis. Kinder sehen dort die Annette, die gerade sehr zurückgezogen oder sehr laut ist. Aber das liegt dann eben an der Annette als Person - und nicht daran, dass sie behindert ist. Da ist ein ganzes Stück Normalität entstanden.
ZEIT online:
Aber das reicht Ihnen nicht.
Niehoff: Nein, die Lebenshilfe setzt sich dafür ein, dass Eltern behinderter Kinder künftig die Wahlmöglichkeit haben, ihr Kind entweder auf die Sonder- oder eine Regelschule zu schicken.
ZEIT online: Befürchten Sie nicht Widerstände von Eltern nicht behinderter Kinder?
Niehoff: Viele dieser Eltern glauben zunächst, dass ihre Kinder an einer integrativen Schule benachteiligt werden könnten. Interessant ist aber, dass in Berlin, wo es diese Modelle schon seit vielen Jahren gibt, aus diesen Vorurteilen positive Urteile entstanden sind. Die Ergebnisse an diesen Schulen sind sogar so gut, dass sich Eltern schon eine Adresse in einem bestimmten Stadtteil besorgen, weil sie ihre nicht behinderten Kinder auf die dortige integrative Schule schicken wollen.
ZEIT online: Weil ihre Kinder dadurch zu sozialeren Menschen erzogen werden?
Niehoff: Das ist ein schöner Nebeneffekt. Aber der Hauptauftrag der Schule ist, Bildung zu vermitteln. Und das können integrative Schulen besonders gut: Man holt jedes Kind dort ab, wo es gerade steht. Der Lernstoff wird individualisiert. Es ist das allerbeste pädagogische System und auch sehr erfolgreich. Beim Pisa-Test haben vor allem die skandinavischen Länder gut abgeschnitten. Dort gibt es kaum eine schulische Trennung zwischen behinderten und nicht behinderten Kindern.
ZEIT online: Individueller Unterricht für jedes Kind verlangt aber auch mehr Personal an den Schulen.
Niehoff: Natürlich müssen die Klassen entsprechend kleiner sein und im sogenanntem Team-Teaching betreut werden. Das bedeutet, es gibt nicht nur einen Lehrer, sondern noch einen Pädagogen und vielleicht einen Zivildienstleistenden. Wenn man ein Kind mit Down-Syndrom in eine Klasse von 30 Schülern steckt, bringt das gar nichts. Vielmehr gerät dieses Kind dann unter einen übermenschlichen Anpassungsdruck. Denn behinderte Menschen können die Normen der Nichtbehinderten nicht erfüllen. Wenn die Rahmenbedingungen an einer integrativen Schule nicht stimmen, dann ist eine Sonderschule sogar besser für das behinderte Kind.
ZEIT online: Was sagen Sie Menschen, die bezweifeln, dass ein geistig behindertes Kind überhaupt etwas „lernen“ kann?
Niehoff: Dass das normorientiertes Denken ist. Wenn man fragt: Schafft ein Jugendlicher mit Down-Syndrom sein Abitur, dann ist das eine relativ müßige Frage. Die pädagogische Fragestellung ist: Wo steht dieses Kind jetzt, was sind seine nächsten Schritte, und wie können wir das Kind unterstützen, dass es diese Schritte tut? Die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten jedes Kindes sind quasi unbegrenzt, weil es immer einen nächsten Schritt gibt.
ZEIT online: Nun herrscht derzeit aber gerade im Bildungsbereich eine große Normgläubigkeit. Haben Sie Angst, dass der Ausbau integrativer Kindergärten und Schulen torpediert wird?
Niehoff: Um integrative Kindergärten muss man inzwischen kaum mehr kämpfen, bei Schulen sieht das noch anders aus. Der UN-Sonderberichterstatter für Bildung, Mu ñ oz, hat sich wegen des selektiven Schulsystems zu Recht negativ über Deutschland geäußert. Mit Behinderung oder einem schwachen sozialen Hintergrund hat man hierzulande schlechtere Bildungschancen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass im Moment ein kritisches Bewusstsein entsteht und sehe durchaus Chancen, dass es künftig mehr „Schulen für alle“ gibt.
ZEIT online: Ist das realistisch angesichts höherer Kosten für solche Schulen?
Niehoff: Wenn behinderte und nicht behinderte Kinder die gleichen Schulen besuchen würden, bräuchte man die ganzen Sondereinrichtungen gar nicht, in die ja auch sehr viel Geld fließt. Wenn man diese Ressourcen nutzen würde, stünden viele Millionen Euro für integrative Schulen zur Verfügung.
ZEIT online: Wie sieht Ihre Idealvorstellung für die Zukunft aus?
Niehoff:
Meine Vision ist, dass behinderte Kinder nicht mehr "besondert" werden in Sonderschulen, Sonderwerkstätten oder Sonderwohnheime. Letztendlich sollten Eltern selbst wählen können, in welche Schule sie ihre Kinder schicken. Ich wünsche mir außerdem, dass wir nicht mehr von Integration sprechen, sondern von Inklusion. Integration heißt ja im Grunde: von draußen reinkommen und sich anpassen. Inklusion hingegen bedeutet, Ausgrenzung von vornherein zu verhindern. Und wenn man niemanden "besondern" muss, muss man auch niemanden integrieren.
Ulrich Niehoff ist Kinder- und Jugend-Referent bei der Lebenshilfe e.V.
Das Interview führte Carolin Ströbele
- Datum 15.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren