KinoSpionin der Gefühle

In seinem Kostümfilm "Gefahr und Begierde" erzählt Ang Lee von einer Heldin, die in der Verstellung zu sich selbst findet. von Birgit Glombitza

Um Kontrollverlust ging es schon immer bei Ang Lee. Um Lebensmuster, die tragisch versagen, um den verzehrenden Kampf zwischen Sehnsüchten und Erfüllungspflichten, der allenfalls im tristen Unentschieden enden kann. Doch dieses Mal ist alles ein bisschen anders. Diesmal liegt noch etwas über den Bildern. Etwas, das so inbrünstig ist, so verbindlich und beklemmend zugleich, wie ein kleines vorzeitiges Vermächtnis. Und ganz egal, welchen Rang Gefahr und Begierde später einmal in Ang Lees Gesamtwerk einnehmen sollte, dieser Film scheint schwerer als alle seine Vorgänger an seiner Konstruktion und an seinem Perfektionismus zu tragen.

In der zweieinhalbstündigen Spionagegeschichte, die vornehmlich im dekadenten Großbürgertum des Shanghai vom Anfang der vierziger Jahre angesiedelt ist und vorab mit Sexszenen für Aufsehen sorgte, geht es um nicht weniger als Lees künstlerisches Selbstverständnis. Um die Suche nach der Wahrheit in der Inszenierung, um die Gabe, vom Leben durch Kunst und Konstruktion zu erzählen. Dafür schickt Ang Lee seine Heldin, die schöne Wang Jiazhi (Tang Wei), auf eine ebenso qualvolle wie befreiende Tour de Force aus Lust und Leid.

In Gefahr und Begierde , der nach dem gleichnamigen Roman der chinesischen Bestsellerautorin Eileen Chang entstand, träumt die Studentin Wang Jiazhi von einer schauspielerischen Karriere, von glanzvollen Auftritten in großen bürgerlichen Trauerspielen. Doch statt in Ibsens Nora findet sie sich im erbärmlichsten Agitprop-Theater wieder. Ein Brief des Vaters, in dem er ihr verletzend bürokratisch mitteilt, eine neue Frau gefunden zu haben, treibt ihr mitten auf der Bühne die Tränen in die Augen. Das rührt die Massen. Wang badet im Jubel, im ersten Bühnenrausch. Mit ihrem Spiel, dem diese kleine private, für andere nicht einsehbare Wahrheit innewohnt, beginnt Wangs Wandlung, ihr zweites Leben im Illusionismus. Und es ist mehr als nur ein hübscher Einfall, wenn Ang Lee seine Heldin genau in diesem Moment mit dem Rauchen anfängen lässt. Schließlich holt Wang, die sich Fingerhaltung und Posen im Kino, bei den fatalen Frauen des Film noir, abschaut, damit zu ihrer östlichen Contenance auch die Insignien der mondänen westlichen Frau ins Repertoire.

Wangs Theatergruppe verliert die Kunst bald aus den Augen und entwickelt sich während des Zweiten Weltkrieges zur Rebellenzelle, die gegen die japanische Besetzung Chinas kämpft. Als es darum geht, den skrupellosen Kollaborateur und Chef des chinesischen Geheimdienstes Herrn Yi (Tony Leung) zu bespitzeln, kommt nur eine für diesen Mata-Hari-Job infrage. Entschlossen schickt Wang ihre Rauchzeichen in die Luft, wie Lauren Bacall es wohl in einem ähnlich entscheidenden Moment getan hätte. Die Verschwörung kann beginnen. Es soll die Rolle ihres Lebens sein, und die Ikonen des westlichen Kinos der dreißiger und vierziger Jahre werden ihr im Geist zur Seite stehen.

Wie Heath Ledgers Cowboy in den fernen Höhen des Brokeback Mountain , wie die Schwestern in Eat Drink Man Woman , die über die neue Liebe des Vaters außer Fassung geraten, oder wie der Wutgigant Hulk , der seine Gefühle und Kräfte nicht im Zaum halten kann, verliert auch diese Ang-Lee-Figur zunehmend die Kontrolle. Wenn man sieht, mit welchem Genuss und welcher Eleganz die Patriotin von einst durch die Geschäftsviertel der Ausländer flaniert, ahnt man, dass die Gefühle und Haltungen, die Wang sich wie ein kostbares Etuikleid übergestreift hat, ihr längst besser passen als die eigene Haut. Wang, die brave Studentin, geht auf in der Selbstinszenierung als Femme fatale. Und so verfällt sie dem politischen Feind, einem Sadisten und Folterer, der nach furchtbarem Tagewerk Entspannung bei seiner Mätresse sucht. In Tony Leungs bedachter Mimik erscheint dieser Herr Yi als eine bis zum Schluss verschlossene und in ihrer Grausamkeit zutiefst ambivalente Gestalt. Yi, ein Antäuscher und Geheimnisträger, wird Wangs perfekter Gegenspieler. Doch im Liebesakt, der zunächst einer rabiaten körperlichen Inbesitznahme gleichkommt, sieht man vor allem zwei Leiber, die sich mit Macht, Wut und Schmerzbereitschaft aneinander abarbeiten müssen. Nicht weil im Bett die Unterwerfung eines Volkes gespiegelt oder politische Gräben in der Hingabe überwunden werden sollen, sondern weil Sex hier das einzige Verständigungsmittel zwischen zwei Wesen aus unvereinbaren Welten ist.

Das Begehren lässt Lee direkt vor unseren Augen entstehen. Von der ersten Andeutung, wenn Herr Yi durch eine Festung aus Mah-Jongg-Steinen einen Blick auf die geheimnisvolle Besucherin riskiert, die sich zielgenau in den Freundeskreis seiner Frau (Joan Chen) eingeschlichen hat, bis zur drastischen körperlichen Erfüllung. Drum herum legt sich das stickige Geplänkel der Oberschicht, die im lethargisch-mondänen Shanghai, unbeeindruckt von der Okkupation, ihrem Privatvergnügen nachgeht. Und die Szenen, in denen sich das Spielgeklapper mit dem Geplauder des Damenkränzchens über Krieg, Politik und die beschwerliche Beschaffung von Nylonstrümpfen verwebt, gehören zu den schönsten des Films. Die kreuz und quer über den Tisch nach Spielsteinen greifenden Hände, der kleine Rausch aus unbedeutenden Triumphen und die dahinter verschwindenden Zumutungen der chinesischen Besetzung inszeniert Lee mit einer wunderbar beiläufigen Sinnlichkeit.

Dass es trotzdem schwerfällt, von Gefahr und Begierde zu schwärmen, mag an der Einkesselung der Körper liegen. In Gefahr und Begierde kapselt sich Lees Kino ab in einer sonderbaren Kühle. Vielleicht ist das der Preis, den Lee für ein stets perfekt gesetztes Licht, für die ganze Finesse von Ausstattung und Kostümen, für die allzu prächtige Traurigkeit einer unmöglichen Liebe zu zahlen hat. Manchmal versinkt der Film in der Schönheit des Dekors, im Schauwert akrobatisch verschlungener Körper, die wie Skulpturen auf drapierten Stoffen präsentiert werden.

Auf der Filmbiennale von Venedig betonte Ang Lee, er habe sich noch nie mit einer Filmfigur so sehr identifiziert wie mit dieser Heldin, die in Illusionismus und Verstellung zu sich selbst findet. Vielleicht rückt er auch deswegen so weit ab vom Hier und Jetzt, um in der Ferne eines historischen Chinas die eigene Kunst noch einmal auf den Punkt zu bringen, nach all den Erfolgen, zuletzt vier Oscars und dem Goldenen Löwen für Brokeback Mountain . Dass er dafür in Venedig zum zweiten Mal die Siegertrophäe erhielt, hat ihn selbst wohl am meisten gewundert.

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