KulturgeschichteMusste sie erst brennen…?

…um so schön zu werden? In Weimar wird die Anna-Amalia-Bibliothek wiedereröffnet. von 

Es ist eine Kapriole, um nicht zu sagen Perversion der Kulturgeschichte, dass die Anna-Amalia-Bibliothek erst brennen musste, um so schön zu werden wie vielleicht nie zuvor. Von außen erinnert am Weimarer Platz der Demokratie nichts mehr an den verheerenden Brand im September vor drei Jahren, als sich im Gebälk eine korrodierte Klemmverbindung zweier Kabel entzündete und das Feuer in 67 Stunden das gesamte Dach, Teile des berühmten Rokokosaals, wertvolle Handschriften, 50000 Bücher sowie 37 Gemälde fraß. Der größte Bibliotheksbrand in Deutschland nach dem Krieg war das – nur fünf Wochen bevor man das Gebäude für eine lang geplante Renovierung geräumt hätte. Als bizarres Mahnmal lagen verkohlte Balken vor dem Haus, an dessen Fassade 380000 Liter Löschwasser Spuren wie von Tränenbächen hinterlassen hatten. Nun sieht die Bibliothek so makellos aus wie 1849, als das sogenannte Grüne Schlösschen anlässlich von Goethes 100. Geburtstag (der Dichter war hier dreieinhalb Jahrzehnte Oberaufseher gewesen) noch einmal erweitert worden war. Sogar die »falschen« Bogenfenster im Erdgeschoss aus dem Jahr 1934 hat man zurückgebaut in die ursprünglich ovale Form und originalgetreu in Neapelgelb gefasst. Stünde nicht die feuerwehrrote »Hilfe für Anna Amalia«-Infobox vor dem Haus – nichts würde mehr an die Katastrophe erinnern.

Im Innern herrscht vor der feierlichen Wiedereröffnung am 24. Oktober, dem Geburtstag der Namenspatronin, produktives Chaos. Arbeiter aller Gewerke legen letzte Hand an Fensterdichtungen, streichen Holzpodeste oder alte Schränke, schneiden fehlende Holzstückchen zurecht, bauen Schränke ein, prüfen den neuen Aufzug auf Funktionstüchtigkeit, der sich so gerade eben in eine Mauernische quetschen ließ, ohne das historische Ensemble zu beeinträchtigen. Vorwitzig strecken bereits Herder und ein paar andere Gelehrte ihre Gips- und Marmorköpfe aus weißen Transportkisten, um zwischen ihrer Polsterung aus Bläschenfolie und Schaumgummi einen Blick zu erhaschen auf ihre altneuen Standorte in dieser Herzkammer der deutschen Klassik, in der Geistesgeschichte so anschaulich wird wie an kaum einem anderen Ort. In mattem, aber makellosem Weiß, das nach altem Vorbild mit Färberwaid blau abschattiert wurde, steht der Rokokosaal nun wieder da, auch am Blattgold wurde nicht gespart. Doch inzwischen haben viele Tausend Bände wieder ihren angestammten Platz in den Regalen eingenommen; die gedämpfte Farbpalette der Buchrücken von Braun über Ocker nach Grau gibt dem Saal schon ansatzweise zurück, was dem makellos restaurierten Interieur noch fehlt: die Patina.

Das war eine der großen Befürchtungen von Michael Knoche, dem Direktor: dass seine Bibliothek nach der 12,8-Millionen-Euro-Sanierung aussehen könnte wie eine Fälschung, eine leblose Kopie. Aber ist es wirklich noch die gleiche Bibliothek wie vor dem Brand, Herr Knoche? Nein, sagt er und wischt die frische Farbe, die er sich am Handballen eingefangen hat, an einer Umzugskiste ab. Zwar sei im Saal noch das kleinste Hölzchen liebevoll restauriert worden, die Substanz sei also die alte. Aber allein die dreijährige Arbeit unter ständiger Beobachtung habe alle Beteiligten verändert, das Haus und seine Mitarbeiter. Dann führt er all die Posten auf der Habenseite vor, die in der Summe das neue »Zentrum für das alte Buch« bilden: den großzügigen Eingangsbereich, für dessen Boden man jene grün glasierten Fliesen rekonstruiert hat, die dem Gebäude den Namen Grünes Schlösschen einbrachten. Den großen Ausstellungsraum zur Ilm hin, wo früher die Katalogkästen standen und nun die Vitrinen auf die erste Schau mit wiederbeschafften Buchschätzen warten. Das Kunstkabinett im ersten Stock, wo zum Beispiel die große Lebensuhr des Herzogs Wilhelm Ernst von 1706 gezeigt werden soll, um deutlich zu machen, in welchem Umfeld diese Büchersammlung entstanden ist. Oder die neue Heimat der Restauratoren im von Goethe selbst geplanten Anbau.

Und dann ist da der neue Lesesaal unter dem Dach – »der wäre ohne den Brand nicht gekommen«, sagt Knoche, »das wäre ein Magazin geblieben«. Wo nach der Brandnacht ein kleiner Bagger in den Trümmern Tabula rasa machte, ist ein lichter, schlichter Raum entstanden, in dessen Zentrum die einzige sichtbare Erinnerung an die Katastrophe bewahrt wird. Ein Glaskubus birgt ein paar Quadratmeter rußschwarzer Bodenbretter; das ovale Geländer, das den Durchblick nach unten in den Rokokosaal umfängt, zeigt an einer Seite seine Brandwunden. Darüber an der Decke befindet sich die einzige echte »Fälschung« im Haus: eine Kopie von Johann Heinrich Meyers Gemälde Genius des Ruhms. Innerhalb von sechs Wochen hat der fränkische Künstler Hermengild Peiker sie samt einer illusionistischen Stuckatur direkt auf die Decke gemalt.

Immer wieder greift Knoche beim Gang durch den Rokokosaal in die Regale, zieht einen Band heraus und betrachtet ihn wie einen verloren geglaubten Freund. 16000 der mehr als 60000 geschädigten Bücher konnten bislang restauriert, weitere 12000 als Ersatz beschafft werden. Allerdings wird man die Regale nicht mehr bis zum Äußersten vollstopfen, eine »Wiedereinrichtung des Chaos« sei zudem nicht historisch korrekt, sagt Knoche. Leer bleiben wird vorläufig das Regal Z8 an der Stirnseite des Saals: Hier drohte das Feuer auf den ganzen Saal überzugreifen, hier stand die Bibelsammlung, aus der Knoche in der Brandnacht tollkühn eine Lutherbibel rettete. Bis das gesamte Konvolut restauriert ist, klafft hier eine Lücke, als Erinnerungshilfe.

Denn das ist, neben all den Pflichten am Bau und der Sorge um seine überanstrengten Mitarbeiter, Knoches Hauptanliegen: das Interesse an der Bibliothek und dem, wofür sie steht, auch wachzuhalten, wenn der Thrill der Katastrophe vorbei ist. Wenigstens zwei Generationen wird es dauern, die verloren gegangenen Bücher zu ersetzen, mindestens 67 Millionen Euro werden dafür nötig sein. Aber nach 22000 Einzelspenden, die insgesamt 17,8 Millionen Euro erbrachten, beginnen die Geldquellen zu versiegen. Auf die öffentliche Hand wagt Knoche nicht zu hoffen. Für ihn ist das Problem grundsätzlicher Natur. »Das Thema ›kulturelle Überlieferung‹ ist in Deutschland im Vergleich zu den Nachbarländern schwer vernachlässigt worden«, sagt er und macht auch diese Geisteshaltung für den Brand verantwortlich – und nicht nur das durchgeschmorte Kabel. »Diese Fahrlässigkeit hat hier ihr Fanal gefunden.« Am Ende müsse man sogar froh sein, dass es in Weimar und nicht an einem weniger bekannten Ort gebrannt habe, bei dem man schneller zur Tagesordnung hätte übergehen können. Mitunter zweifelt Knoche, ob sich das Verantwortungsgefühl geändert habe. Im Frühjahr musste der 56-Jährige mit seiner Kündigung drohen, damit nicht acht der fünfzig Stellen einfach gestrichen wurden.

Noch jedenfalls nimmt die Öffentlichkeit Anteil an Anna Amalia, auch ohne das historische Stammhaus zieht die Bibliothek mit ihrem 2005 eröffneten Studienzentrum 60000 Besucher im Jahr an. Wenn nun noch das Allerheiligste dazukommt, fürchtet sich Knoche schon vor einem Zielkonflikt zwischen Besuchern und Benutzern. 90000 Besucher sind dem alten Stammhaus in Zukunft jährlich erlaubt, siebenmal so viele wie bislang – und immer noch zu wenige. Aber Knoche will nicht klagen, nach drei turbulenten Jahren hat er, der die Öffentlichkeit eher scheut, sich abgefunden mit seiner neuen Rolle und der seines Hauses. »Ich bin deutlich ruhiger geworden«, sagt er, und daran haben die kleinen silbernen Zapfen, die nun überall in der alten Bibliothek aus den Decken wachsen, vielleicht den größten Anteil. In den Jahren vor dem Brand fürchtete Knoche sich nach längeren Abwesenheiten immer vor dem Moment, wo er um die Ecke zur Bibliothek bog: Steht sie noch? Diese Sorge ist er los, die neue Löschanlage ist die beste ihrer Art weltweit, und ausprobiert hat Knoche sie auch schon, im neuen Lesesaal. Als Test wurde Feuer an alte Haushaltspläne des Landes Thüringen gelegt. Das sei nicht symbolisch gemeint gewesen, beteuert der Direktor. Dieser Brand war jedenfalls rasch gelöscht.

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wird wieder eingeräumt

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Leserkommentare
    • comen
    • 21. Oktober 2007 22:24 Uhr

    Als Thüringerin, die regelmäßig nach Weimar fährt, war es für mich schon ein großer Schock, als ich vor drei Jahren am morgen danach von dem Brand in der Zeitung las. Im ersten Moment ärgerten mich die verlorenen Schriften gar nicht so sehr, sondern vielmehr die eigene Dummheit. Ich hatte schon einiges in Weimar angeschaut. Der Rokokosaal stand zwar auf meiner Liste, ich hatte es allerdings nie hinein geschafft. Immerhin waren die Besucherzahlen pro Tag begrenzt und mein Ergeiz mich lange anzustellen war auch eher bescheiden. Und so ärgerte ich mich an diesem Morgen grenzenlos. Niemals mehr würde ich nun die Gelegenheit haben diese Bibliothek zu sehen! Ich spendete auch, rechnete aber nicht großartig damit, dass der Saal jeh wieder so wie vorher aussehen würde.
    Daher bin ich von den ersten Fotos positiv überrascht. Diesmal werde ich meinen Besuch nicht so lange verschieben!
    Leider ließ in der Zwischenzeit eine andere Gewissheit nicht lange auf sich warten: Wertvolle Schriften, Bücher, Gemälde sind unwiederruflich verloren! Kein Geld der Welt beschafft sie wieder!
    Ich arbeite inzwischen selbst in einer Bibliothek und kenne das Gefühl wenn einem ein altes Buch buchstäblich durch die Hände rieselt. Gelder gibt es bei uns keine um alte Bücher oder beschädigte Bände proffesionell retten zu lassen, das macht unsere Bibliothekarin inzwischen selbst. Davon mal abgesehen, dass unsere Uni nicht mal mehr Geld für neue Bücher rausgibt, was für die Studenten eine noch größere Sauerei darstellt.
    Bücher zählen wirklich gar nichts mehr in einer digitalisierten Welt, wie es scheint. Was hätte wohl Anna Amalia dazu zu sagen?

  1. 2. @ Zeit

    Die Behauptung des Kabelbrandes als Ursache ist eine reine Annahme. Nichts von dieser These ist bewiesen.
    Sie sollten nicht so schnell auf andere Pferde aufspringen sondern lieber selbst mal recherchieren. Ausserdem kann man davon ausgehen das gewisse wichtige Bücher verbrannt sind und dies einem Anschlag gleicht. Diese alten Bücher wurden noch von "entschleunigten" Menschen bedacht und verfasst. Daher ist es eher abstrus anzunehem das dies ein Unfall war sondern eher ein gewollter Zwischenfall. Da ist ein kuturelles Erbe verbrannt welches inhaltlich nie wieder an die Öffentlichkeit kommen soll. Oder wie erklären Sie die massenhaften "Zwangsauflösungen" der deutschsprachigen Klosterbibliotheken wo die Bücher auf einem Scheiterhaufen landen?

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