Privatschulen Reif für die Insel

Auslandserfahrung und besserer Unterricht. Warum deutsche Eltern ihre Kinder auf britische Internate schicken

Friedrich hatte schon in der siebten Klasse vor, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen. Zwei seiner Cousins besuchten Schulen in Australien und Neuseeland, er selbst wollte mit der Horizonterweiterung ebenfalls nicht bis zum Studium warten. Inzwischen lebt Friedrich Reick, 17, seit einem Jahr im King-William’s-Internat auf der Isle of Man, einem Kalksteinbauwerk aus dem 19. Jahrhundert, das mit seinem zinnenbesetzten Turm an eine Burg erinnert. Er ist Vertrauensschüler, spielt in der ersten Rugby-Mannschaft und bereitet sich auf das internationale Abitur vor.

»Gezögert haben wir anfangs schon«, sagt seine Mutter Astrid Reick. »Der erste Gedanke war: Das ist so teuer und so weit weg.« Sie ist Goldschmiedin, ihr Mann kaufmännischer Geschäftsführer in einem mittelständischen Unternehmen. Im Schnitt 30000 Euro kostet ein Jahr in einem britischen Privatinternat, Stipendien gibt es für kurze Aufenthalte nicht. Aber die Alternative wäre eine Gastfamilie gewesen, sagt Astrid Reick, »und da ist es sehr schwer, eine wirklich passende zu finden«. Also legte die Familie zusammen.

Was treibt einen deutschen Schüler in ein britisches Internat – Sprachdefizite und Harry Potter? »Natürlich spielt die Sprache eine Rolle«, sagt der Internatsberater Detlef Kulessa, der Friedrich und seine Eltern bei der Schulwahl unterstützt hat. »Wichtiger ist aber die Erfahrung, sich in eine andere Kultur und in eine Gemeinschaft einzufügen.« Für seinen Kollegen Peter Giersiepen ist noch ein anderer Faktor entscheidend: die Mängel vieler deutscher Schulen. Die störten auch Friedrich Reick. Er fühlte sich unterfordert. »Ich habe nie Hausaufgaben gemacht und hatte dabei einen Schnitt von 1,9«, sagt er. »Die elfte Klasse in Deutschland ist ein reines Zeitabsitzen vor der Oberstufe«, sagt seine Mutter. Eine Ansicht, die offenbar viele deutsche Eltern teilen: Zählte der Verband der englischen Privatschulen ISC im Schuljahr 2004/05 schon 878 neue deutsche Gastschüler, so waren es im vergangenen Schuljahr sogar 1185. Da im ISC nicht alle Schulen erfasst sind, dürfte die Gesamtzahl noch höher liegen; Kulessa schätzt, dass derzeit rund 5000 Deutsche britische Internate besuchen.

Die Tage der 400 Schüler des King William’s sind lang und ohne Leerlauf: Frühstück um Viertel nach sieben, Bettruhe um 23 Uhr. Friedrich rattert den Stundenplan inzwischen minutengenau herunter: Unterricht bis 16.20 Uhr, Sport oder Ruhezeit bis 18 Uhr, Hausaufgaben von 19 bis 21 Uhr, dazwischen Mahlzeiten und Versammlungen. »Ich kann mir vorstellen, dass nicht alle mit diesem festen Ablauf und der wenigen Zeit für sich allein klarkommen«, sagt er; da er aber auch in Deutschland viermal pro Woche Fußball in der Regionalliga trainiert habe, sei er daran gewöhnt gewesen. In der Abschlussklasse kommt er außerdem in den Genuss eines Einzelzimmers, zwar spartanisch eingerichtet, aber mit Blick aufs Meer – ein Luxus. Denn in Mehrbettzimmern kann es schon einmal zu Handgreiflichkeiten kommen, wenn die Enge unerträglich wird.

Das britische Internatsleben ist von strengen Regeln geprägt, von Anwesenheits- und Meldepflichten bis zu Zigaretten- und Alkoholverbot. Die deutschen Gäste empfänden das aber selten als negativ, obwohl in ihrem Heimatland manche der Regeln kaum durchsetzbar wären, sagt der Internatsberater Kulessa. Die Beziehung der Angelsachsen zu Internaten ist insgesamt eine andere: Während deutsche Landschulheime noch immer als Auffangbecken für reiche Problemkinder gelten, beginnen britische Eltern schon früh, für die Schulkarriere ihrer Kinder Geld anzusparen, in der das private Internat, möglichst von Rang, das Nonplusultra darstellt. Der Name der Schule strahlt auf die Schüler ab, weshalb Friedrichs Mitschüler die rot-schwarze Krawatte mit Stolz auch zum Einkaufen im angrenzenden Castletown tragen.

Für Deutsche ist die Einheitskleidung ungewohnt. »Ein Problem hatte ich damit aber nie, ich finde die Uniform cool«, erinnert sich Friedrich Reick. »Ich will später in die Wirtschaft gehen, da kann ich mich auch gleich an den Anzug gewöhnen.« Die Regeln einzuhalten falle ihm aber vor allem deswegen leicht, weil er die Lehrer wegen ihres Engagements respektiere. »Sie kümmern sich viel mehr um mich als die Lehrer in Deutschland«, sagt Friedrich. Die Klassen sind klein, die Lehrer helfen sogar abends noch bei Hausaufgabenproblemen. Jeder Schüler wird nicht nur nach allgemeiner Leistung, sondern auch nach persönlicher Anstrengung bewertet. Die Internatsberater halten diese Motivation für den Schlüssel zum Erfolg dieser Schulen.

Natürlich gibt es dabei Unterschiede zwischen den einzelnen Institutionen. Eltern klagen über solche mit hohem Anteil an nichtenglischen Schülern, da es dort für ihre Kinder schwieriger sei, sich sprachlich zu verbessern. Auch bieten nicht alle Schulen einen internationalen Abschluss an; der englische Abschluss ist wegen der freien Fächerwahl mit dem Abitur nicht zu vergleichen, erlaubt also auch kein deutsches Studium. Die Möglichkeit, nur für ein Jahr nach Großbritannien zu gehen, die viele Schüler in der elften Klasse nutzen, wird durch die Schulzeitverkürzung erschwert, da in diesem Fall keine Zeit mehr für ein Auslandsjahr bleibt.

Friedrich Reick hat gerade Schwierigkeiten bei der Bewerbung an deutschen Universitäten, da sein internationaler Abschluss nicht überall bekannt ist. Trotzdem überlegt seine Mutter, ob sie seinem jüngeren Bruder Martin nicht dieselbe Chance einräumen sollte. Eigentlich sei er ja gar kein Internatstyp, sagt sie, »aber wenn ich mir den Unterricht ansehe, den er hierzulande bekommt…«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
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    • Schlagworte Bildung | Schule | Internat
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