China

Vorwärts und nie vergessen

Chinas Arbeiter werden sich ihrer Rechte bewusst und kämpfen für höhere Löhne. Die neue Bewegung wird das Land verändern.

Es ist ein kleiner Schritt für Cui Changyong, aber ein großer Schritt für die internationale Arbeiterbewegung. Der 31-jährige chinesische Spielzeugfabrikarbeiter hat es bis vor die große Glastür der Asien-Pazifik-Zentrale von Walt Disney geschafft. Er steht im 18. Stock des himmelhohen Shell Tower in Hongkong. Jetzt muss er nur noch eintreten. Er zögert. »Ich bin noch nie in einem so vornehmen Gebäude gewesen«, sagt Cui. Dann tritt er durch die Tür auf grauen Teppich – in Trainingshosen und Turnschuhen, frisch rasiert, aber mit gesenktem Haupt und schüchternem Blick.

In der weltweiten Geschichte der Arbeiterbewegung ist es ein wichtiger Moment: Zum ersten Mal wird ein normaler chinesischer Arbeiter bei einem westlichen Weltkonzern vorstellig, um für sich und seine Kollegen mehr Lohn zu verlangen.

Cui ist einer von rund 800 Millionen arbeitsfähigen Chinesen, die damit beginnen, ihre gerechte Bezahlung von der Weltwirtschaft einzufordern. Im arbeiterreichsten Land der Welt formiert sich gegenwärtig eine eigene Arbeiterbewegung. Ihre Forderungen, so viel scheint sicher, werden die Weltwirtschaft verändern. Das Billiglohnparadies China bröckelt jetzt schon. Derzeit steigen die Niedriglöhne um 30 Prozent im Jahr, die durchschnittlichen Einkommen der Menschen wachsen um 14 Prozent – und damit noch weit schneller als die sich dynamisch vergrößernde Wirtschaft. Schon nimmt in China der Inflationsdruck zu. Der frühere amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan schreibt in seiner Autobiografie, dass die Zeiten vorbei seien, in denen Billigware aus China im Westen für niedrige Preise sorgte. Eine gewagte Ansicht, die aber bald Wirklichkeit werden kann.

Die Kommunistische Partei Chinas, die seit 48 Jahren regiert, wird nun doch von den Prognosen Karl Marx’ eingeholt, gegen die sich ihr Gründer Mao Tse-tung lange Zeit erfolgreich gewehrt hat. Bisher konnten sich Chinas Kommunisten auf den stillen Rückhalt einer bäuerlichen Bevölkerungsmehrheit verlassen. Doch diese Mehrheit, auf die Mao seine revolutionäre Theorie gründete, gibt es nicht mehr. Sie ist als Lumpenproletariat in die Städte gewandert und hat sich über die vergangenen Jahre in eine zunehmend selbstbewusste Arbeiterschaft verwandelt.

Das gilt jedenfalls in Teilen des Riesenlandes: Im prosperierenden Südchina sind Streiks schon lange keine Ausnahme mehr. Die Zeitungen berichten dort täglich über Arbeitsniederlegungen. Die Machthaber stecken in einem Dilemma. Sollen die Löhne der Arbeiter weiter steigen? Oder besser nicht, damit die Preise nicht hochgetrieben werden und die Inflation nachlässt? Das ist die zentrale wirtschaftspolitische Debatte auf dem alle fünf Jahre stattfindenden Parteitag der Kommunisten in Peking, der am Montag begonnen hat.

Der Parteitag entscheidet über die Zusammensetzung der KP-Führung. Es gibt Gerüchte, nach denen die Nummer drei der KP, der populäre Premierminister Wen Jiabao, um sein Amt fürchten muss. Kritiker in der Partei werfen ihm vor, bei der Inflationskontrolle versagt zu haben. So habe er die Arbeiterklasse um die Früchte ihres Lohns gebracht.

Diese Debatte ist für die KP neu. Es geht nicht mehr darum, die Bürger vor dem Verhungern zu bewahren, sondern um einen gerechteren Lohn für die bislang Benachteiligten. »Im Ganzen hat die Bevölkerung einen relativ guten Lebensstandard erreicht«, sagte KP-Chef Hu Jintao in seinem Rechenschaftsbericht zur Eröffnung des Parteitags, »aber der Trend zu einer ungleichen Einkommensverteilung ist nicht gebrochen.« Hus Lagebeschreibung trifft die Situation exakt, wenn man berücksichtigt, aus welcher Armut China aufgestiegen ist. Vor rund 150 Jahren befanden sich die Gesellschaften des Westens in einer ähnlichen Lage: Kaum ein Bürger hungerte noch, aber die Ungerechtigkeit war größer denn je. Das rief die Arbeiterbewegung auf den Plan. Aus ihren Forderungen erwuchs die Sozialpolitik. China scheint dieser Entwicklung heute nicht entrinnen zu können. Die Arbeiterfrage entpuppt sich für die KP als Schicksalsfrage.

In gewisser Weise geht also das Gespenst von Karl Marx wieder um. Auch viele Menschen in anderen Ländern haben ein Interesse daran, dass Chinas Arbeiter in Zukunft mehr verdienen. Die Konsumenten im Westen, weil sie sich sichere Qualitätsprodukte aus China wünschen, die nur unter besseren Arbeitsbedingungen hergestellt werden können. Die Arbeiter im Westen, damit ihre eigenen Lohnforderungen weniger anmaßend klingen. Die Menschen in ganz armen Ländern, damit sie den Billiglohnvorteil künftig für sich selbst nutzen können.

Der Spielzeugfabrikarbeiter Cui ist nicht allein, als er zu Disney kommt. Er ist vernetzt. Ein Kollege aus seiner Fabrik, ein Journalist aus China und ein Mitarbeiter einer Hongkonger Nichtregierungsorganisation begleiten ihn. Wenn Disney Cuis Forderungen ablehnt, wird sich am nächsten Tag die chinesische Presse empören. Die Hongkonger NGO wird eine weltweite Kampagne wegen ungesetzlicher Entlohnung gegen Disney anzetteln.

Disney-Manager Jim Leung ist deshalb heilfroh, dass er Cui empfangen kann. Leung ist verantwortlich für die Arbeitsbeziehungen von Disney in Asien/Pazifik. Er erscheint im 18. Stock mit aufgeknöpftem Hemdkragen und bittet Cui in einen Konferenzraum, von dem aus man den riesigen Hongkonger Hafen überschauen kann. Cui und Leung verhandeln zwei Stunden lang. Am Ende tun sie, was sie bei der Begrüßung vermieden haben: Sie geben sich die Hand. Sie wollen sich wiedersehen. »Okay«, sagt Cui hinterher, »zumindest wird weiterverhandelt.« Auch Leung sieht die Begegnung positiv. Zum ersten Mal habe Disney chinesische Arbeiter empfangen, lässt der Konzern der ZEIT mitteilen. Disney hoffe auf eine »Win-win- Situation« und wolle ein weiteres Treffen einberufen. Daran sollen Disneys chinesischer Auftragnehmer teilnehmen und dessen chinesische Zulieferer.

Hat Cui etwas erreicht? Noch hat er keine Zusage für mehr Geld. Aber die Chancen stehen nicht schlecht. Die Forderungen sind von Disney immerhin gehört worden. In China berichtet am nächsten Tag die einflussreiche Tageszeitung Southern Metropolis darüber. »Disney soll aufhören mit der Ausbeutung chinesischer Arbeiter«, lautet die Schlagzeile. Einen solchen Aufmerksamkeitserfolg hätten sich Cui und seine Kollegen in der Haowei-Spielzeugfabrik am Ende der globalen Wertschöpfungskette des Disney-Konzerns noch vor ein paar Monaten nicht vorstellen können.

Bald beginnt die chinesische Arbeiterschaft zu schrumpfen

Dennoch kam Cuis Vorstoß in die westliche Konzernwelt keineswegs überraschend. Überall in China steigen Löhne und Gehälter. Nicht etwa, weil Regierung und Unternehmen das so wollten. Sondern weil in China heutzutage Angebot und Nachfrage den Preis der Arbeit beeinflussen. »In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich der Arbeitsmarkt in China frei entwickelt, ganz im Gegensatz zum Kapitalmarkt«, sagt Wirtschaftsprofessor Zhang Weiying von der orthodox-liberalen Guanghua School of Management der Peking-Universität. Zhang ist eine der grauen Reformeminenzen des Landes.

Der Ökonom lobt die Mobilität der Arbeitskräfte in China. Er schätzt, dass die Löhne von ungebildeten Fabrik- und Bauarbeitern in den vergangenen zwei Jahren jeweils um 30 bis 50 Prozent gestiegen sind. Unter fünf Euro Tageslohn sei es heutzutage schwer, in China einen Bauarbeiter zu finden. Der Professor sieht darin eine gesunde Entwicklung der Marktwirtschaft. Auch die zunehmende Zahl von Streiks ist für ihn Anzeichen einer freieren Wirtschaft. »Wenn sich Arbeiter selbst organisieren, habe ich nichts dagegen«, sagt Zhang. Er selbst ist ein radikaler Marktwirtschaftler. Wie nachhaltig die neuen Trends auf dem Arbeitsmarkt sind, zeigen die Forschungsergebnisse des Wirtschaftswissenschaftlers Cai Feng. Er leitet das Institut für Bevölkerungs- und Arbeitsökonomie an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaft in Peking. Er berichtet, wie sein Institut erstmals im Jahr 2003 einen Arbeitskräftemangel in den boomenden Küstenregionen feststellte. Damals habe er das für eine vorübergehende Erscheinung gehalten, sagt Cai. Aber er täuschte sich. Das Problem nahm weiter zu, Tendenz ungebrochen. Der Ökonom sieht das Land an einem historischen Wendepunkt. »Erstmals in der langen Geschichte Chinas verzeichnen wir einen nachhaltigen Mangel an ungelernten Arbeitern«, sagt Cai.

Die Gründe dafür sieht der Forscher in der demografischen Entwicklung. Die arbeitsfähige Bevölkerung Chinas nehme gegenwärtig kaum noch zu. Von 2015 an werde sie sogar spürbar schrumpfen. Auch werde die Zahl der jährlich neu auf den Arbeitsmarkt drängenden jungen Menschen rapide abnehmen: von zuletzt 17,5 Millionen im Jahr 2006 auf 6,3 Millionen im Jahr 2010. »Die Zeit der unbeschränkten Versorgung mit Arbeitskräften ist vorbei«, sagt Cai.

Dramatisch und unvorhergesehen sei das schnelle Schrumpfen des Reservoirs überschüssiger Arbeitskräfte auf dem Lande. Bisher sah man in Chinas Bauern eine unausschöpfliche industrielle Reservearmee. Doch innerhalb weniger Jahre sei die Zahl der mobilen Arbeitskräfte auf dem Land von 150 auf 50 Millionen zusammengeschmolzen, sagt Cai. »Die meisten Leute arbeiten längst in der Stadt, auch wenn sie auf dem Papier noch Bauern sind.«

Die Arbeitslosigkeit geht schnell zurück. Selbst eine Konjunkturkrise würde daran langfristig nichts ändern. In China werde sich das Wachstum noch auf viele Jahre in den arbeitsintensiven Branchen konzentrieren, sagt der Forscher.

Die Rahmenbedingungen für den Kampf der chinesischen Arbeiter um mehr Lohn sind gut. Die Ökonomen wissen das längst. Jetzt merken es auch die Werktätigen selbst – und entwickeln ein neues Selbstbewusstsein.

Cuis Geschichte ist eine alte Geschichte. Sie handelt vom Erwachen. Sie erinnert an die ersten wilden Streiks von Arbeitern in Lyon und Paris in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, als es in Europa keine Arbeiterorganisationen gab.

Cui ist Sohn eines Bauern aus der chinesischen Armutsprovinz Henan. Er war ein kluger Schüler. Im Jahr 1996 hat er bei der landesweiten Universitätsprüfung nur knapp den Sprung in eine höhere Gesellschaftsschicht verpasst. Er war enttäuscht, verbummelte ein Jahr auf dem Bauernhof seiner Eltern, bis es ihn dorthin zog, wohin es heute alle jungen Chinesen ohne Ausbildung zieht: in die boomenden Küstenstädte.

Cui ging nach Shenzhen, in die Zehnmillionenmetropole nahe Hongkong. Er schlug sich durch, jobbte hier und da, holte eine Grafikerausbildung nach. Vor zwei Jahren heuerte er als Zeichner und Schnitzer von Disney-Figuren aus Hartgummi bei der Firma Haowei an.

Die bunten Figuren stehen auf seinem Tisch. Daneben liegen die Schnitzmesser fein sortiert in einer Plastikdose. Es ist acht Uhr morgens an dem Tag, an dem Cui erstmals in seinem Leben die chinesische Grenze passieren wird – auf dem Weg zum Disney-Büro in Hongkong.

Er hat die Nacht über in seiner kleinen Zweizimmerwohnung nicht schlafen können und darüber gegrübelt, was er Disney sagen solle. »Ich werde ihnen sagen, dass sie an den Zuständen in unserer Fabrik mit schuld sind und dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen müssen«, sagt Cui.

Er packt seine schwarze Aktentasche, sie ist neu, er hat dafür umgerechnet acht Euro bezahlt. Er verstaut darin die Zeitungsartikel über den Protest in seiner Fabrik. »Die starke Lernfähigkeit der Arbeiter von Haowei«, lautet eine Schlagzeile. »Die Arbeiter von Haowei machen sich auf den langen Marsch zum Rechtsschutz«, heißt ein anderer Titel. Das ist der Ton, in dem die zensierten Medien Arbeiterproteste unterstützen dürfen, solange die Behörden sie tolerieren.

Diese Artikel sind für Cui wichtig. Er behandelt sie wie wertvolle Dokumente. Er fügt ihnen eine handschriftlich verfasste Liste mit den Gehaltsforderungen von hundert Arbeitern seiner Fabrik hinzu. Alle haben persönlich unterschrieben. Cui packt ein rotes Hemd, Socken und Zahnpasta in das Computerfach der Aktentasche. Dann geht er auf die Straße.

Der Arbeiterbezirk Jixiacun in Shenzhen ist ein Schmelztiegel Chinas. Die Einwohner kommen aus allen Provinzen des Landes. In blauen und grünen Arbeitshemden strömen die Menschen morgens durch neu gebaute, enge Hochhausgassen in die Fabriken.

Früher sahen sich die Arbeiter als Elite, jetzt fühlen sie sich deklassiert

Die Haowei-Spielzeugfabrik liegt an einem dreckigen Fluss in Sichtweite eines neuen Einkaufszentrums. Dort leuchten riesige Werbewände für Schnaps und Mobiltelefone. Die Fabrikarbeiter können sich derlei nicht leisten.

Cui greift von außen durch ein geöffnetes Fabrikfenster und zieht eine grüne Gardine weg. Verstaubte Holzbetten und ein dunkler Duschraum sind zu sehen. Pissoirgeruch dringt aus dem Fenster. »Es war wie in der Hölle«, sagt Cui. Er spricht vom Wohnheim seiner Fabrik, vom Ungeziefer in den Betten, von gemeinsamen Waschräumen für Männer und Frauen, vom unverträglichen Kantinenessen. Cui hat das hinter sich. Er hat sich hochgearbeitet, seine Ausbildung als Grafiker brachte ihm ein besseres Gehalt. Er konnte eine eigene Wohnung mieten. Aber er hat nicht vergessen, wie es den meisten Kollegen hier geht.

Die erhalten nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet 70 Euro im Monat. Überstunden werden nicht im gesetzlich vorgeschriebenen Verhältnis honoriert. Die Arbeiter malochen 28 Tage im Monat, mehr als gesetzlich erlaubt. »Eine solche Fabrik muss man wegschmeißen wie Müll«, hatte Guan Lingen, der Leiter der Shenzhener Arbeitsamtes, gesagt, als die Arbeiter ihm ihre Beschwerde vortrugen. »Wir waren sehr ermutigt«, erinnert sich Cui.

Er und vier Kollegen kündigten ihre Stellung und reichten eine Verwaltungsklage gegen das Arbeitsamt ein, weil es seine Aufsichtspflicht gegenüber Haowei nicht erfüllt habe. Das schien ihnen aussichtsreicher als eine Klage gegen die Fabrik. Aber es brachte nichts. »Ihr müsst der Zeit die Schuld geben. In 50 Jahren wird man anders über euren Fall denken«, sagte der Richter ihnen. Cui gab nicht auf. Auch als die staatlichen Gewerkschaften ihre Hilfe verweigerten, resig-nierte er nicht, sondern setzte sich mit der Hongkonger Nichtregierungsorganisation Sacom (Students and Scholars Against Corporate Misbehavior, Studenten und Professoren gegen unternehmerisches Fehlverhalten) in Verbindung. Sacom entstand aus Studentenprotesten gegen schlechte Arbeitsbedingungen für chinesische Einwanderer in Hongkong und ist die in Shenzhen derzeit aktivste Arbeiter-NGO aus Hongkong. Cui wollte über Sacom direkten Kontakt mit Disney, dem Auftraggeber seiner Fabrik, aufnehmen. »Es war das erste Mal, dass uns Arbeiter aus China kontaktierten und nicht wir sie«, sagt Sacom-Mitarbeiterin Yau Tzewei.

Am Abend vor dem Verhandlungstermin bei Disney sitzt Yau mit Cui im Hongkonger Büro von Sacom. Cui hält sich an seiner Aktentasche fest. Yau unterrichtet ihn in der richtigen Verhandlungsstrategie. Über ihrem Schreibtisch klebt ein Aufkleber des Dietz-Verlags aus Berlin: »Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehen unter dem Niveau der Geschichte.« Ein Zitat von Karl Marx. Das Wort trifft die Stimmung von Cui und den anderen Arbeitern genau: Krieg den chinesischen Zuständen! Darum geht es ihnen.

Zwar sind es für chinesische Verhältnisse nicht die schlimmsten Arbeitsbedingungen, unter denen Cui und seine Kollegen leiden. Die herrschen in Chinas Schächten, 80 Prozent aller Grubentoten auf der Welt sind dort zu beklagen. Brutal geht es auch in den Ziegeleien zu, wo junge Menschen wie Arbeitssklaven gequält werden.

Aber auch der durchschnittliche chinesische Arbeiter lebt in dem Gefühl, dass er diskriminiert wird. »Objektiv geht es vielen Arbeitern besser, ihre Löhne steigen«, analysiert Cai von der Sozialakademie in Peking. »Trotzdem fühlen sie sich unzufriedener und verlorener denn je.« Er erinnert daran, dass sich Chinas Arbeiter einst als Elite betrachteten. Heute sähen sie ihren Platz unten in der Gesellschaft, begriffen sich als Verlierer, verglichen mit Parteikadern und neureichen Unternehmern.

Cai beschreibt den Trend zur Ungleichheit, von dem KP-Chef Hu auf dem Parteitag gesprochen hat. Unter ihm leiden auch die Bauern auf dem Land. Aber sie haben immerhin ein Haus mit Grund und Boden. Die Arbeiter haben nur ihre Rechte. Und in ihrer Unzufriedenheit werden sie sich dieser Rechte bewusst.

»Die meisten chinesischen Arbeiter wissen, dass sie eine Reihe gesetzlicher Arbeitsrechte haben. Und sie wissen, dass die meisten Arbeitgeber diese Rechte missachten«, sagt Robert Munro von der Dissidentenorganisation China Labour Bulletin in Hongkong. Seit Jahren verfolgt der Menschenrechtsaktivist jeden Arbeiterprotest in China, von dem er erfährt. Es gebe eine wachsende Zahl spontaner Proteste und Arbeitsniederlegungen überall im Land.

Munro berichtet von aktuellen Busfahrerstreiks in der Mandschurei, Sichuan und der Nordwestprovinz Gansu. Tausende seien beteiligt. Von den Streiks gibt es keine Bilder, nur Hinweise im Internet und direkte Informationen durch Arbeiter vor Ort. Munro hat keinen Zweifel: »Der Kampfgeist wächst.«

Genauso sieht es Dominique Mueller vom Büro des Internationalen Gewerkschaftsverbandes in Hongkong: »Die große Zahl von Arbeiteraktionen in China zeigt, dass die Arbeiter in Abwesenheit unabhängiger Gewerkschaften ihre Interessen selbst in die Hand nehmen.«

Der KP-Regierung in Peking kann das nicht recht sein. Aber bisher reagiert sie proaktiv. Sie hat in diesem Jahr ein neues Arbeitsgesetz verabschieden lassen, das jedem Arbeiter einen Arbeitsvertrag und bei längerer Beschäftigung die Teilnahme an der Sozialversicherung zusichert.

Für den marktliberalen Zhang von der Peking-Universität geht das Gesetz schon viel zu weit. Chinas Unternehmen brauchten wie bisher ein freies hire and fire- System, sagt Zhang. Beim kommunistischen Gewerkschaftsdachverband ACFTU lobt man das Gesetz. »80 Prozent aller Arbeiter haben bisher keinen Vertrag. Das ist eine große Ungerechtigkeit«, sagt Guan Binfeng, Leiter der Rechtsabteilung des ACFTU.

Obwohl der parteihörige Verband mit seinen 150 Millionen Mitgliedern Proteste und Streiks nach wie vor unterbindet, haben sich seine Forderungen deutlich radikalisiert: Er fordert jetzt Flächentarifverträge, besseren Sozialversicherungsschutz und vor allem deutlich höhere Löhne. »Wenn die Profite steigen, müssen auch die Löhne steigen«, sagt Guan und klingt dabei wie ein deutscher Gewerkschaftsfunktionär.

Für China ist dieser Ton noch neu. In der gelenkten Parteiöffentlichkeit vertritt bisher niemand offen die Interessen der Arbeiter. Cui und seine Kollegen müssen ihre Sache selbst durchfechten. Cui handelt autonom, im unerschütterlichen Glauben an Recht und Gesetz und gestärkt von der gewachsenen Solidarität unter den Kollegen. »Wir sind so weit gekommen«, sagt der selbsternannte Arbeiterführer, als er den Büroturm in Hongkong verlässt. Menschen wie er könnten Chinas Geschichte im 21. Jahrhundert prägen.

 
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Leser-Kommentare

    • 19.10.2007 um 2:13 Uhr
    • Anonym

    Ein besserer Artikel als 'Die Bauernfrage'.
    Jedoch, dass die Landbevoelkerung nun schon groesstenteils in den urbanen Zentren lebt und arbeitet, glaube ich kaum.

    P.S. fuer diejenigen, die Chinesisch lernen, noch folgende Anmerkung:
    WanZhong bedeutet nicht 10.000 Menschen,
    sondern 'alle gemeinsam' oder hier auch'die Masse'.
    WanShou bedeutet ja auch nicht 10.000 Leben, sondern
    'ein langes Leben'.

  1. Das musste ja kommen. China befindet sich heute im gleichen primitiven Zustand, in dem Karl Marx vor 200 Jahren die englischen Industrie-Anfänge beobachtete: Ausbeutung der Arbeitskräfte, miserable Arbeitsbedingungen, fehlende Sicherheitsvorkehrungen und Kinderarbeit.

    • 19.10.2007 um 14:07 Uhr
    • dashau

    sicher ist es notwendig, dass ungelernte arbeitnehmer in china arbeitschutz und sozialversicherung durch einen arbeitsvertrag erhalten; allerdings wird es per erlass aus beijing zu einer großen entlassungswelle unter langjährigen mitarbeitern kommen; die unternehmen werden die entlassungen in kauf nehmen, um eben den arbeitsvertrag, der nicht für neueinstellungen gilt, umgehen zu können

  2. siehe dazu den Beitrag von Jahnke
    "Dabei vergißt "Die Zeit" allerings, daß sich die Produktivität in China schneller entwickelt als die Löhne und daß bei einer der höchsten Sparquoten der Welt China auf den Export billigster Arbeitskraft angewiesen bleibt. Auch scheint "Die Zeit" den horrenden Unterschied zwischen den Löhnen in den Städten, die "Die Zeit" in einer Tabelle vorführt, und auf dem Lande, wo die Exportkapazitäten mit billigsten Wanderarbeitnehmern arbeiten, nicht zu kennen. Das "Überall in China steigen Löhne und Gehälter" ist einfach irreführend, siehe Abb. 08080 mit der Nominalentwicklung ohne Bereinigung um die erhebliche Inflation. Auch weiß "Die Zeit" offensichtlich nicht, wie stark die Schere zwischen dem obersten und dem untersten Fünftel der Einkommensbeziehern aufgeht."
    http://www.jjahnke.net/rundbr33.html#indien

  3. Ein bißchen Nachhilfe für "Die Zeit": Vor 150 Jahren mußte in Europa eine kommunistische Partei erst gegründet werden, in China gibt es sie nun schon seit 86 Jahren und sie regiert das Land bereits seit 57 Jahren. Doch im Unterschied zu den
    seinerzeitigen Ereignissen in Europa ist die CPC immer neoliberaler geworden, hat auf Privateigentum gesetzt, Börsen eingerichtet, eine Millionärs- und Milliardärsklasse gezüchtet, ausländische Mulitis profitträchtig ins Land geholt und kauft nun selbst heuschreckenartig Unternehmen im Ausland. Die importierten Mulits dürfen zusammen mit chinesischen Unternehmen die billige chinesische Arbeitskraft ausbeuten. Streiks sind selten und werden oft unterdrückt; sie sind meist verboten, und unabhängige Gewerkschaften gibt es ohnehin nicht.Anders als vor 150 Jahren gibt es derzeit zum Kapitalismus pur keine Alternative in der Welt, seit der real existierende Sozialismus das Zeitliche gesegnet hat, bisher
    jedenfalls sind Alternativen nicht in Szene, auch nicht in China. Und vor 150 Jahren konnten allenfalls Sklaven verschifft, nicht aber die Weltindustrieproduktion um den Globus herum bei offenen Grenzen auf die billigsten Standorte verteilt werden.http://www.jjahnke.net/gedanken14.html#chinzeit

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  • Von Georg Blume
  • Datum 22.10.2007 - 11:17 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
  • Kommentare 5
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  • Schlagworte Wirtschaftspolitik | Arbeit | China
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