Klassiker der Moderne (82) Dreh das aus!

Der Pianist Count Basie spielte stenografierte Girlanden in den Jazz. Auch den schnellsten Rhythmus trieb er voran, bis die Band abzuheben schien.

In einem dieser alten, sepiastichigen TV-Filme spielt Thelonious Monk seine archetypische Komposition Blue Monk, Melodie zerrissen, Rhythmus hundertfach mit Bremsklötzen neu gewichtet; bester Hirnjazz, damals umstritten. Nach einer Weile sieht der Betrachter, wie, übers Klavier gelehnt, ein Zuhörer mit weit aufgerissenen Augen wippt, als erklänge gerade unverblümter Ragtime. Monk ist autistisch versunken, der andere hingegen extrovertiert begeistert.

Genau dieser Zuhörer gehört da nicht hin, aber es ist eine jener Szenen, die man William »Count« Basie nicht zutraut – wie man ihn überhaupt, als Möbelstück der festen Einrichtung, unterschätzt. Die Einrichtung: fünfzig Jahre mitreißende Bigband, Musik von jedem rhythmischen Bremsklotz befreit, er selbst ein fest eingepasster Pianist und dabei annähernd so verschroben wie Monk: der am besten getarnte Subversive der eigenen Organisation.

Basie (1904–1984) spielte, ähnlich wie Ellington, ausschließlich Orchester-Klavier; die große Band vollzog das meiste, was der Bandleader hätte spielen können, also ließ er es bleiben, benützte seine Tastatur nur noch für die wenigen Markenzeichen. Bei Ellington waren es impressionistische Einwürfe und Glissandi, bei Basie ein unbeschreiblich verkürzter stenografischer Boogie-Stride. Bei beiden waren die Einwürfe aus der Musikgeschichte bekannt, aber so funktional wie eigentümlich verfremdet: was wiederum nicht auffiel, weil es eben so gut passte. Basie schien auch beim schnellsten Rhythmus noch irgendeine Bremse zu wittern. Noch schneller, noch leichter, noch pfeilender lautete die Devise. Die Basie-Band als Intercity, der Transrapid werden will und immer leicht von der Schiene in die Cumuluswolken abhebt. Zu dem mörderischen Stück Tickle Toe sagte der Autor Harold Brodkey einmal: »Dreh das sofort aus, Basie ist Wahn, bei ihm verliere ich den Verstand!«

Der kleinwüchsige, tatsächlich oft eine Heizermütze tragende schrullige Maschinist ließ seine Riesenlok oft selbstständig fahren und gab sich kleineren Ensembles hin, Aufnahmen, die zum Besten der Jazzgeschichte gehören. Auch da ging sein Spiel nie über wenige stenografierte Girlanden hinaus. Für die Musiker war das Basie-Prinzip Rauschgift. Der Tenorsaxofonist Lester Young gab in den Kansas-City-Sextet-Nummern noch bessere Soli als mit der großen Band, und eine Generation später lief in Doubling Blues Zoot Sims zur Form seines Lebens auf.

Dass sich zu Basie außer »Ikone« und »Vollendung« nichts sagen lässt, sagt schon alles. Der Mann war unterjocht vom Diktat des Rhythmus und diktierte ihn durch bloßes Auftreten. Count Basie ist Jazz, eine Beschreibung, die er, auf dem ewigen Weg zum Klavierstuhl, taktvoll und mit einem Witz zurückgewiesen hätte: »No compliments, music please«.

The Essential Count Basie: Vol. 1/2/3 (Basie Jam, Pablo J33J 20017, Columbia/Sony)


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    • Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
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    • Schlagworte Jazz | Pianist
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