EU-Gipfel Keine Hymne
Der EU–Grundlagenvertrag steht, aber was ist Europa?
Um das Ganze zu sehen, muss man manchmal weit zurücktreten. Wer Europa aus großem Abstand betrachtet, der sieht im Ergebnis des EU-Gipfels in dieser Woche in Lissabon gleich zweierlei: das definitive Ende eines verwegenen politischen Projektes. Und die Rückkehr zur traditionellen Politik der EU.
Es geht um die Reste der EU-Verfassung, mittlerweile bescheiden Grundlagenvertrag genannt. Die meisten europäischen Regierungen hoffen, dass sie und ihre Parlamente diesen Vertrag schon bald verabschieden können. Immerhin arbeiten sie nun schon seit über fünf Jahren an einer grundsätzlichen Reform der EU. Das ist eine lange Zeit, für manche ist sie sogar lang genug, um einstige Vorsätze zu vergessen.
»Mehr Demokratie, Transparenz und Effizienz«: So direkt und mutig hatten die Regierungschefs einst im belgischen Laeken ihre Ziele formuliert. Die Institutionen der EU – so ihre Analyse, die seither täglich bestätigt wird – arbeiten nicht nur zu langsam. Sie passen auch nicht mehr zu Europas Problemen, geht es doch in Brüssel längst mehr um Außen- als um Agrarpolitik, um Klima- statt um Kohleprobleme. Die EU-Verfassung sollte das ändern. Und sie sollte klären, wofür die EU steht – und wofür nicht.
Doch die Verfassung ist schon lange gescheitert, Franzosen und Niederländer wollten sie nicht. Und die Regierungen zogen aus dem Nein der beiden Völker einen verzagten Schluss: Sie organisierten den geordneten Rückzug und zimmerten unter deutscher und später portugiesischer Regie einen Minimalkonsens, den »Grundlagenvertrag«, der möglichst keinem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden muss. Zugleich begruben sie die Hoffnung, Europa durch einen neuen Politikstil mit einem mutigen Sprung enger zusammenzubinden.
Alles nicht so schlimm, Verfassung und Vertrag unterschieden sich im Inhalt wenig, sagen indes das Kanzleramt und auch viele andere Regierungen. Formal ist das richtig. Tatsächlich wird die EU auch durch den Grundlagenvertrag ein bisschen demokratischer, transparenter und effizienter als bisher. Auch er erlaubt europaweite Referenden, erhöht das Mitspracherecht der nationalen Parlamente und des EU-Parlamentes. Künftig soll es einen Außenminister geben, und ein bisschen schneller könnten manche Entscheidungen auch fallen. Symbolisch könnte der Unterschied zwischen den beiden Vertragstexten indes kaum größer sein – und das wiederum hat eine tiefe, politische Bedeutung.
Man mag darüber lächeln, dass Europa auch künftig keine Fahne und keine Hymne bekommt. Um die Euro-Skeptiker zu befrieden, wurden all die Hinweise auf eine eigene Staatlichkeit der EU gestrichen, alle substanziellen Veränderungen in komplizierten Paragrafen versteckt. Schwerer wiegt, dass kaum ein Bürger den neuen Vertragstext verstehen wird. Europas Regierungschefs sind zur Methode Monets zurückgekehrt, der Integration in kleinen Schritten, meist hinter verschlossenen Türen, ohne Bürgerbeteiligung. Das muss keine falsche Taktik sein. Gemessen an den Versprechen von einst, wirkt sie dennoch armselig und mutlos.
Am schwersten aber wiegt ein anderes Versäumnis: Der Konsens darüber, was Europa ist und was es soll, ist fünf Jahre und viele Konferenzen nach Laeken ferner denn je. Ach, Europa. Petra Pinzler
- Datum 17.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





...ein Konstrukt auf das ich gut verzichten könnte.
Was hat es uns denn bisher gebracht? Man wird nicht mehr an der Grenze kontrolliert (wurde man vorher auch fast nie) dafür vom BGS in "Grenznähe", man muss sein Geld nicht mehr wechseln (nützt eh nur wenn man sehr oft ins Ausland fährt) und darüberhinaus? Welche der EU-Aktionen und Gesetze hätten wir nicht auch national umsetzen können (wenn wir denn einen handlungsfähigen Staat hätten)?
Aber was haben wir dafür alles aufgegeben?: unsere eigene Währung, die Kontrolle über unsere Märkte und Grenzen, jede Menge Firmen (an benachbarte Billig-EU-Länder), die Freiheit unsere Steuern und Sozialbedingungen zu gestalten (Steuer- und Sozialkonkurrenz), die Kontrolle über die Finanzmärkte, die wenige Transparenz die es gab und die jetzt im europäischen Verwaltungsdschungel untergeht und am Schmerzhaftesten: ein großes Stück der ohnehin schon kläglichen Demokratie und Bürgernähe in Deutschland.
Die EU-Demokratie ist nicht nur schwerer zu verstehen, weiter weg, unsere Stimmen wiegen weniger, sie ist viel kompromissbehafteter (automatisch, je mehr Mentalitäten aufeinanderprallen) und sie ist auch noch massiv von der Lobby unterwandert.
Eine Wahl hatten wir Deutsche nie (außer man wählte rechts) und wie man am EU-Vertrag sehen kann, werden Volksentscheide einfach saufrech umgangen, schon das nimmt mich gegen die neoliberale Kopfgeburt namens EU ein.
Der Traum einer Welt ohne Grenzen, für mich ein unkontrollierbarer Alptraum...
EU-Reformvertrag:
Aufrüstung, Überwachung und freie Fahrt fürs Kapital
Ausgetrickst: Verfassung ohne Volksabstimmung
Effizienz statt Demokratie
Ministerrat versus Gewaltentrennung
Regierungsentscheid statt Volksentscheide
Politikwäsche für nicht durchsetzbare Regelungen
Wirtschaftsinteressen vor Bürgernähe
Neoliberal statt freiheitlich
Kriegssteuer im Namen des Friedens
Menschlichkeit statt Nationalismus!
http://politblog.net
Hier gehts zum Reformvertrag
http://de.wikipedia.org/w...
Alles sehr richtig, Frau Pinzler, aber Sie hätten vielleicht auch erwähnen sollen, dass die europäische Bevölkerung genau so versagt hat wie die Regierungschefs.
Im allgemeinen reagiert die Bevölkerung auf die globalen Herausforderungen mit Aengsten, nicht mit Visionen. Die Debatten in Frankreich und den Niederlanden waren peinlich kleinkariert und hatten wenig mit Europa zu tun.
Der Beitrag von ttob ist auch ein hübsches Beispiel von Provinzialität: Grenzkontrollen gab es reichlich, aber entscheidend war immer die daraus resultierende Belastung der Wirtschaft. Der Euro dient auch eher der Wirtschaft und ist nicht nur für deutsche Mallorca-Touristen gedacht. Warum fragt eigentlich niemand, warum wir den schwachen Dollar so gut verkraften. Vor dem Euro wäre dies ein Drama für unsere Industrie geworden. Wie Deutschland seine Märkte kontrolliert hätte, weiss wohl auch nur ttob. Will er den Austritt des "Export-Weltmeisters" aus der WTO? Es soll ja noch Leute geben, die nicht Lehrer sind, sondern ihr Geld dadurch verdienen, dass sie etwas produzieren und weltweit verkaufen. Diese deutsche Miesepetrigkeit ist einfach nur peinlich.
Merke: Dem Frosch erscheint sein Tümpel als Ozean.
'Europas Regierungschefs sind zur Methode Monets zurückgekehrt, der Integration in kleinen Schritten, meist hinter verschlossenen Türen, ohne Bürgerbeteiligung. Das muss keine falsche Taktik sein.'
Stimmt, muss keine falsche Taktik sein. Ist sie aber. Die mangelnde Bürgerbeteiligung führt doch eben zu Ablehnung. Genau diese Haltung im politischen Betrieb verdeutlicht die Kluft zwischen Nationen und EU. Die Völker sind bei der europäischen Einigung auf der Strecke geblieben. Vielleicht sollten sie auch nie mitgenommen werden.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren