Hotelschreibtische sind selten groß genug zum Briefeschreiben. Stützt man die Unterarme auf die Tischplatte, stößt man mit dem Kopf gegen die Wand oder den Spiegel. Die Ecke, in die sich verschämt das nostalgische Möbel quetscht, ist kaum beleuchtet. Zum großzügig spendierten Bleistift fehlt die Spitzmaschine. Dafür behauptet, schwarz, kalt, hochmütig, der Fernseher seinen Platz. Und man glaubt nicht, dass hier je Literatur verfasst worden ist. Tatsächlich schrieben vor der Amerikanisierung, Rationalisierung und Entpoetisierung des Beherbergungsbetriebs als man in Hotels noch wohnte, statt bloß darin zu übernachten viele Schriftsteller mit Vorliebe dort. Das Risiko zwar, schmuddelige Betten oder kein Frühstück vorzufinden, war ungleich größer als heute. Aber die Chance, in dieser abgeschlossenen Welt, in einer Atmosphäre demonstrativen Müßiggangs, angesichts einer streng hierarchisierten Inszenierung von Gesellschaft einen Erfolgsroman zu fabrizieren, auch. Damals gab es zahllose Gründe, im Hotel zu schreiben. Sie prägen immer noch unsere Erwartungen an die Zimmer, die wir dienstreisebedingt oder urlaubshalber buchen und deren Nüchternheit uns literaturgemäß enttäuscht.

1. Heimatlosigkeit

»Bequemlichkeit, Platz, praktische Behaglichkeit. Freude an der Wiederaufnahme dieser Lebensform bis zur Bewegtheit. Ausgepackt.

Dunkler Vorhang, Bücherbord auf der Kommode. Bier getrunken. 1/2 10 Kamillenthee bereitet.« (Thomas Mann, Waldhotel Arosa, Schweiz)

Im Februar 1933 kehrt Thomas Mann aus einem Schweizer Urlaub nicht nach Deutschland zurück. Seine Emigration nimmt ihren Anfang in winterlich gedämpfter Kurhausatmosphäre. Man hat unterm Arbeitstisch einen Fellteppich und muss keine größeren Unannehmlichkeiten ertragen als den Lärm später Kostümballgäste. Im März 1933 quittiert Thomas Mann seine Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste. Im Mai werden die Bücher seines Bruders Heinrich und seines Sohnes Klaus verbrannt. 1934 beschlagnahmen die Nazis sein Haus in München. Dass er trotzdem im Januar 1938, bei wiederholtem Aufenthalt im Waldhotel, ausführlich von Kamillentee schwärmt, zeigt, was dieses Haus ihm bedeutet: Es ist seine Trutzburg der Behaglichkeit, seine Zuflucht vor der Politik, sein Vorwand, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, die Literatur.

2. Erotomanie

»Das Zimmer war erfüllt von vergangenen Gästen. Nijinsky, Diaghilev, Proust, Giradoux, Colette. Worte waren gewechselt worden, Gefühle waren gezeigt worden, es war mit Esprit und Phantasie geliebt worden.