Rock Ruhig spiegelt sich der Himmel

Die Einstürzenden Neubauten haben ihre Krachphase hinter sich. Nun werden sie romantisch.

Ergriffen vom Anblick einer der wichtigsten Ikonen der romantischen Ölmalerei, schrieb Heinrich von Kleist am 13. Oktober 1810: »Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegrenzte Wasserwüste hinauszuschauen.« Ganz ähnlich klingt es, wenn Blixa Bargeld den Geist von Caspar David Friedrich heraufbeschwört: »Obwohl selbst farblos, erscheinst du blau, wenn in deiner Oberfläche ruhig sich der Himmel spiegelt«. Wo andere nur nüchtern Wasser sehen, bietet sich ihm ein »Idealparcour zum Wandeln für den Sohn des Zimmermanns, das wandelbarste Element«. Dazu pulst und dräut und drängt ein Crescendo aus Streichern, Piano, Bass und Loops einem furiosen Finale entgegen, das hier nicht ausgeplaudert werden soll.

Die Wellen heißt das Stück, das der neuesten CD der Einstürzenden Neubauten Ton und Motiv vorgibt: Kein »Höre mit Schmerzen« mehr wie noch 1982, auch kein Aufschrei der gequälten Kreatur, zur Anschauung gebracht durch malträtierte Instrumente und Materialien. Statt des infernalischen Krachs, mit dem die Band vor bald einem Vierteljahrhundert marodierend in die Popkulturgeschichte einbrach, herrschen auf Alles wieder offen wohldosierte Anverwandlungen poetischer Stimmungen vor, die Bargeld stilsicher und mit dem Timbre hochkultureller Bedeutsamkeit erzeugt. Man könnte sagen: Die Einstürzenden Neubauten sind in ihrer klassischen Phase angelangt. Erfahrenen Seeleuten gleich, schauen sie aufs offene Meer der Kulturgeschichte hinaus, um den ein oder anderen Raubzug zu machen, und Blixa Bargeld ist ihr unbestrittener Kapitän.

Faszinierend ungesund wirkt er mit seinen 47 Jahren, der schwarzen Haartolle und dem Halbkreis aus weißen Schuppen auf schwarzem Zwirn noch heute, wenn man ihm im kargen Berliner Büro der Neubauten bei einem Kaffee gegenübersitzt. Sein Blick ist unruhig und flackernd, seine Stimme ruhig und tief. Rastlos ist er noch immer unterwegs, soeben kommt er aus San Francisco, wo er mit seiner chinesischen Frau lebt, in Kürze geht es weiter nach Peking, wo er auch lebt, jetzt macht er nur mal eben Station in Berlin, wo er noch immer lebt. »Das ist ein bisschen wie Westberlin dort, damals«, sagt er über Peking, wo er den Status eines David Bowie der Avantgarde genießt. Das ist das Einzige, was ihn zu ärgern scheint: Nirgends gilt der Prophet so wenig wie zu Hause.

Nicht nur in China schlägt ihm Verehrung entgegen, auch in den USA hat er treueste Anhänger. Sie schätzen ihn als Vorläufer des Industrial-Genres und machen ihn darüber hinaus verantwortlich für Bands wie Nine Inch Nails, Rammstein oder sogar Depeche Mode. Nur in Berlin wird er für sein beflissenes Kunstwollen manchmal belächelt, als selbstverliebtes Eighties-Gespenst aus Schöneberg: »Bei Herzfeldes hab ich mal gefrühstückt, in Steglitz oder Wilmersdorf«, sprechsingt er in Let’s Do It A Dada und freut sich diebisch, »dass keiner mehr weiß oder wissen will, woher das Wort Dada eigentlich kommt. Babygebrabbel, wie es im Lexikon steht? So ein Unsinn!« Steckenpferd, meint er feixend, käme der ursprünglichen Bedeutung noch am nächsten: »Aber ich verrate es nicht.« Es kann ja so viel vergnüglicher sein, Rätsel aufzugeben anstatt sie aufzulösen.

Der Karriere hat diese stolze Haltung zwischen Dada, Anarchie und Anmaßung nicht geschadet, im Gegenteil: Der explizite Dilettantismus, zur provokanten Kunstform erhoben, war ihr eher zuträglich. Spätestens 1983, als der unerhörte Lärm von Die Zeichnungen des Patienten O.T. auch im Ausland vertrieben wurde, war der teutonisch rabiate Ruf in aller Welt gefestigt. Ab 1984 wirkte Bargeld überdies nicht unmaßgeblich als Gitarrist der Bad Seeds, Nick Caves Begleitband, erst 2003 ist er ausgestiegen. Dennoch waren es hierzulande die Theaterarbeiten für Peter Zadek (Andi) oder Heiner Müller (Die Hamletmaschine), die auch Intellektuelle hellhörig werden ließen. Im gleichen Maße aber, wie das Interesse von breiter Masse, Goethe-Institut und DAAD an den Einstürzenden Neubauten erwachte, wendete sich die angestammte Szene befremdet ab. Ein Umstand, den Bargeld mit einem Schulterzucken abtut: »Ach, Punk…«, seufzt er, als spräche er von einem ungezogenen Kind. »Ich bin mit progressivem Rock aufgewachsen, Yes, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer – das war meine Musik: Virtuosenmusik!«

Nur eine Frage der Zeit war es also, bis die Einstürzenden Neubauten mit fortschreitendem Alter – vor allem nach dem Ausscheiden ihres stilprägenden Percussionisten F.M. Einheit 1996 – allmählich ihren Panzer aus verstörendem Getöse ablegten. Darunter kamen schlichte Songs mit hübschen Melodien zum Vorschein, die ganz und gar von der symbolistischen Lyrik und der sonoren Intonation des Blixa Bargeld lebten. Da war die Kunde vom avantgardistischen Nimbus der Einstürzenden Neubauten freilich längst bis in die kunstfernsten Schichten gedrungen. Und selbst jenen, die nie ein Lied der Einstürzenden Neubauten gehört hatten, kommt ihr klirrender Sound heute irgendwie bekannt vor, und sei’s auch nur als Chiffre oder Klingelton.

So konnte Blixa Bargeld 1999 als exklusiver Dienstleister das Ächzen und Brüllen der wiedererweckten altägyptischen Mumie in dem Hollywood-Blockbuster The Mummy mimen. Und die Werbeabteilung von Hornbach engagierte den offenbar doch humorbegabten Anarchisten, Werbetexte aus dem Baumarkt-Katalog zum Vortrag zu bringen, als wär’s ein Stück von Friedrich Schiller: »Fluginsektenvernichter mit Blaulampe. 27 Watt. CE-Prüfzeichen. Wirkt schnell. Schmerzlos und hygienisch. Chemiefrei. Umweltfreundlich«, und dann, mit angewiderter Miene: »Yippiejaja«. Pause. »Yippie«. Pause. »Yippie«. Pause: »Yeah«. Orpheus in der Warenwelt.

Ihre eigene Ware bringen die Einstürzenden Neubauten heute im Eigenvertrieb mit einem Subskriptionsmodell unters weitverstreute Volk: Für 35 Euro im Monat können die »Abonnenten« der Band in ihrem Berliner Studio The Bunker beim Arbeiten zuschauen und sich das Ergebnis als CD zuschicken lassen unter Umgehung der untergehenden Plattenindustrie. »Mal ist das purer Krach«, sagt Bargeld, »mal minimalistische Klaviermusik«, wobei er ganz akademisch den Minimalismus eines Steve Reich, Philip Glass oder, ganz abseitig, Charlemagne Palestine im Sinn hat. Auch mit John Cage hat Blixa Bargeld sich schon beschäftigt, vor allem mit seinen Briefen, in denen er sich die Frage stellt, wann Anarchie funktioniert und wann nicht. Womöglich ist der dissonante Dreiklang aus Romantik, Dada und Anarchie ja wirklich gar nicht so schrill, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Wenn es tatsächlich ein akustisches Amalgam gibt, einen einzigen Ort, an dem von jeher sinnstiftende, sinnbrechende und herrschaftsfreie Impulse aufs Harmonischste zusammenklingen dürfen – dann ist das der Pop.

Was aber hat es nun mit den neutestamentarischen Anspielungen auf sich, mit der Anspielung auf den »Sohn des Zimmermanns«? Sollte sich Blixa Bargeld am Ende gar für einen Sinnstifter von höheren Gnaden halten? Ach, das sei ganz einfach, meint er und beugt sich verschwörerisch vor: »Ich«, sagt er, macht eine Kunstpause und betont dann jedes Wort einzeln, »bin der Sohn eines Zimmermanns.«

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    • Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
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    • Schlagworte Rockmusik
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