HipHop

Jetzt ohne Goldkette

Der Gangsta-Rap muss umdenken, weil die schwarze Mittelschicht sich auf ihre bürgerlichen Werte besinnt

Schwere Zeiten für schwere Jungs: Zumindest im Hip-Hop geraten die sogenannten Gangsta-Rapper zunehmend in die Defensive, sie müssen sich in Acht nehmen, nicht von den eigenen Querschlägern getroffen zu werden. Nicht nur wegen der jüngsten Kongressanhörungen zu gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Texten im Rap. Oder der Kirchengruppen, die seit September Mahnwachen vor den Häusern der Manager des Videosenders BET abhalten – um sie zur Revision ihres mit Gangsta-Rap gespickten Fernsehprogramms zu bewegen. Viel schlimmer noch: Der Geldfluss stockt. Die Ratenzahlungen für die Millionenvillen mit Pool, eigenem Kino und Garage für drei vergoldete Hummer-Jeeps sind in Gefahr. Und damit steht das Bild vom geschäftlich, sexuell und physisch unverletzlichen Supermann auf dem Spiel, das Typen wie 50 Cent so gern projizieren.

Kein Zufall, dass der weltweit erfolgreichste Gangsta-Rapper gerade seine Wette gegen den Hip-Hop-Dandy Kanye West verlor. Er werde seine Solokarriere beenden, hatte 50 Cent gedonnert, sollte sich sein neues Album Curtis schlechter verkaufen als Wests zeitgleich veröffentlichtes Werk. Nun darf er abtreten: Wests Graduation hängte mit experimentierfreudigem Pop und den Werten der Mittelklasse die altbackenen Mord-und-Totschlags-Oden von Curtis bei weitem ab. Und daran ist nicht nur der vermeintliche »Ausverkauf« von 50 Cent als Werbeträger für Mineralwasser mit Pfirsichgeschmack schuld. Der Markt für Gangsta-Rap schrumpft: Selbst Country und Hardrock verkaufen inzwischen wieder mehr Platten als die Hip-Hop-Konkurrenz. In diesem Jahr fanden 33 Prozent weniger Rap-Alben ihre Käufer als im Vorjahr, während andere Genres nur halb so viel Umsatz einbüßten. Man darf also den Gangsta als Leitfigur der schwarzen Popkultur beerdigen. Und eine Sehnsucht nach neuen, differenzierteren Idolen konstatieren. »Rap ist von einer Kunst zu einem Klingelton degeneriert«, erklärt Tom Vickers, einst als Talentscout für Capitol Records tätig. »Daher dieser Rückschlag: Man kann nicht mehr bling verkaufen, als die Öffentlichkeit ertragen kann.«

Offensichtlich haben die rappenden Gangster den Bogen überspannt: Hip-Hop ist an der eigenen Kommerzialisierung erstickt. Lange erzielten die Geschichten von Waffen, Stripperinnen und Zuhältern Rekordverkäufe – wobei weiße Vorstadtjugendliche auf der Suche nach dem Adrenalinkick für drei Viertel des Umsatzes sorgten. Doch selbst die Kritiker mussten dem Ghetto-Garn gewisse Qualitäten zugestehen: Ließ sich doch Gangsta-Rap dank der Produktionskünste von Dr. Dre, dem authentischen Hintergrund von Exdealern wie 50 Cent und seinen oft surrealen Szenerien mit einem gut gemachten Mafia-Streifen vergleichen. Nun wirken Dr. Dre und Co müde. Das Ethos des »immer größer und protziger« hat zwar suppentellergroße Gold-und-Diamanten-Medaillons produziert, die einstige Schlagkraft der Musik aber ließ es abstumpfen. Nicht dass Hip-Hop insgesamt schon am Ende wäre: Alternative Rapper wie Talib Kweli oder Pharoahe Monch haben dieses Jahr großartige Alben vorgelegt, doch ihre Verkaufszahlen fallen kaum ins Gewicht. So darf sich das Genre wohl bald in die Nische verabschieden – während viele der einstigen Gangsta-Rap-Konsumenten zu der Musik zurückkehren, die traditionell den Hormonstau männlicher Teenager regelt: Hardrock.

KRS-One, eine Legende des gesellschaftskritischen Rap, spricht sogar von einem »Boykott« des Hip-Hops durch die amerikanische Öffentlichkeit. Er setzt auf die Rückkehr gesellschaftsrelevanter Themen. Eine Umfrage der Universität Chicago gibt ihm recht: Selbst 15- bis 25-jährige schwarze Jugendliche – die sogenannte Kernhörerschaft des Rap – stehen demzufolge ihrer Lieblingsmusik äußerst kritisch gegenüber: 72 Prozent von ihnen meinen, dass Hip-Hop-Videos zu viele sexuelle Anspielungen enthielten. 41 Prozent wünschen sich mehr politisches Engagement in den Clips. Und eine große Mehrheit stimmt zu, dass sowohl schwarze Frauen als auch Männer in den Videos »in übler und beleidigender Weise« dargestellt werden.

Doch was bedeuten diese Zahlen? Hat die Plattenindustrie sich in ihrer Reduktion schwarzer Menschenbilder auf die ewig gleichen Stereotypen vergaloppiert? Oder hat die schweigende Mehrheit endlich ihre eigene Stimme entdeckt?

Lange hatte die afroamerikanische Mittelschicht ein Selbstbewusstseinsproblem. Das Ghetto galt als der einzige Ort authentischen Schwarzseins. Mittelschichtswerte wie Lesen, Bildung, Gesetzestreue und legale Arbeit tauchten im Hip-Hop kaum auf, sie wurden als »weiß« denunziert. So reinszenierten Rapper wie Ice Cube trotz ihres bürgerlichen Villenlebens und trotz ihrer Hollywood-Karrieren die alte Gangster-Vergangenheit. Goldbezahnte Großmäuler sprangen als Idole ein, wo Bürgerrechtsveteranen wie Al Sharpton und Jesse Jackson die Generation Hip-Hop nicht mehr erreichten.

Als »CNN des Ghettos« aber konnte das Genre da schon nicht mehr gelten: Seine Sagas von Drogenküchen und Huren hatten so viel mit dem realen Leben in den Sozialhilfeblocks zu tun wie Country-Musik mit dem Farmeralltag. Stattdessen wurde der Markt bedient. Und Sozialreportagen verkauften sich eben schlechter als der Mythos schwarzer männlicher Straßengewalt.

Die neue Hip-Hop-Ikone heißt Barack Obama

In letzter Zeit aber setzt das schwarze Mittelklasse-Amerika den Fantasien des Gangsta-Rap eigene Helden entgegen: alternative Männlichkeitsmodelle, etwa der von Mittelklasse-Sprössling Kanye West verkörperte Dandy, Kunstkenner und politische Mahner, gewinnen an Strahlkraft. Auch seine Rapperkollegen Common und Talib Kweli erinnern in ihren Reimen gern an die Tradition schwarzer Dichter und Denker. Sie erklären Barack Obama zur neuen Hip-Hop-Ikone: »Er ist frisch und er hat einen guten Stil«, sagt Common. »Obama verkörpert alles, wofür Hip-Hop steht: Kampf und Fortschritt.« Das populäre afroamerikanische Hip-Hop-Magazin Vibe hievte den afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten gar aufs Cover: B-Rock lautete kumpelhaft die Überschrift. Der wertkonservative Senator aus Illinois als moralische Autorität der Hip-Hop-Welt?

Schließlich hatte Obama erst unlängst mehr Verantwortung von den Gangsta-Rappern gefordert und deren bildungsfeindliches Ideal des thug kritisiert: »Es ist nicht weiß, ein Buch zu lesen«, erklärte der schwarze Präsidentschaftskandidat. Er forderte mehr schwarze Lehrer, »um dem Anti-Intellektualismus in Teilen der afroamerikanischen Kultur wirksam entgegenzutreten«. Nun kann sich niemand mehr so einfach auf das alte Hip-Hop-Argument zurückziehen, man bilde nur die Missstände ab. »Keepin’ it real« ist nicht mehr cool. Kaum ein schwarzer Radiosender oder Weblog, in dem nicht die Verantwortung der Popstars für ihre jugendlichen Fans diskutiert würde. Der Fall des (weißen) Radiomoderators Don Imus hatte die Debatte beschleunigt: Dürfen Gangsta-Rapper dieselben rassistischen Wörter benutzen, die Imus seinen Job gekostet hatten?

»Schlimmer noch als die Sprache der Rapper«, sagte Lisa Fager, Gründerin der medienkritischen Organisation Industry Ears, vor dem Kongress-Hearing, »ist die mangelnde Differenzierung der Mainstream-Medien: Nicht alle Hip-Hop-Fans begrüßen den Materialismus, die Gewalt und die Misogynie des kommerziellen Rap.« Die Öffentlichkeit hatte es bisher nur kaum gemerkt, dass ein Großteil der afroamerikanischen Gesellschaft die Zerrbilder seit Langem bekämpft. So kommen aus der schwarzen Mittelschicht – sie hat sich seit 1968 verdreifacht – zahlreiche Initiativen gegen die von den Unterhaltungskonzernen propagierten Stereotypen: Von der Kirchenorganisation Enough Is Enough über die Third World Majority bis zur Woman’s Coalition for Decency And Dignity. Das führende afroamerikanische Frauenmagazin Essence initiierte gar einen Boykott frauenfeindlicher Rapper. Motto: »Take Back The Music.« Zu den mächtigsten Wortführern der Kampagne gehört Michael L. Lomax vom United Negro College Fund: Es gehe nicht an, schreibt er, »ständig die destruktiven, ins Gefängnis führenden Gangsta-Rap-Klischees« zu vervielfachen. Wann aber berichteten die Medien schon über die andere Seite Afroamerikas? Etwa über die kontinuierlich wachsende Zahl schwarzer College-Studenten? Oder über die Tatsache, dass bald ebenso viele schwarze wie weiße Amerikaner als Wähler registriert seien?

»Reparieren Sie unsere Wohnviertel, dann repariere ich meine Texte«

Wenn Rapper wie Common, Mos Def oder Talib Kweli in ihren Texten über afroamerikanische Geschichte referierten, war das die beste Garantie dafür, dass man die Songs nicht im Radio zu hören bekommen würde. Und natürlich erhielt der Song des Rap-Moguls Jay-Z über die Skandale in der Folge des Wirbelsturms Katrina von allen Nummern seines jüngsten Albums die geringste Sendezeit. »Hip-Hop-Musik«, sagt die ehemalige Plattenfirmenmanagerin Lisa Fager, »die den Hurrikan Katrina, den Irakkrieg oder den Fall der Jena Six thematisiert, wird zensiert, die Wörter ›George Bush‹ oder ›Free Mumia‹ reichen aus, um einen Song nicht zu spielen. Dagegen fordern die Industriekonglomerate die Redefreiheit – wenn es um Schimpfwörter wie bitch, nigger und ho geht.« Zunehmend aber kommt Kritik aus den eigenen Reihen, und Gangsta-Rapper kehren der eigenen Vergangenheit demonstrativ den Rücken. So verkündet Chamillionaire, er habe sein neues Album ganz und gar fluchfrei aufgenommen. Master P, mit seinem No-Limit-Label einst der Wegbereiter des schmutzigen Südstaaten-Rap, hat sich öffentlich verpflichtet, »in Zukunft ein Teil der Lösung statt ein Teil des Problems zu sein«. In seiner Heimatstadt New Orleans investiert er in den Wiederaufbau schwarzer Schulen, ermahnt Jugendliche zur College-Ausbildung und rügt seinen einstigen Schützling 50 Cent im Fernsehen. Dramatischer noch ist die Bekehrung des Suge Knight. Der wegen mehrerer Gewaltverbrechen vorbestrafte Gründer von Death Row Records lässt nachträglich alle N-Wörter aus seinem von Snoop Dogg bis Tupac reichenden Plattenkatalog löschen – und will in einer eigenen Fernsehshow 20 Problemkinder auf den richtigen Weg bringen.

Vor diesen ehemaligen Gangstern braucht sich niemand mehr zu fürchten. Doch was bedeutet das für die Gesellschaft? Auch wenn sich mehr und mehr Rapper von der Ghetto-Verherrlichung verabschieden: Die gegenwärtige Offensive der moralischen Mehrheit wird wohl kaum ausreichen, die Mythen vom schwarzen Mann als Verbrecher und Zuhälter auf Dauer auszuräumen. Zumal die Diskussionen über Gangsta-Rap allzu oft an deren Texten hängen bleiben: Kaum jemand, der mit derselben Vehemenz die Lebensverhältnisse im Ghetto thematisieren würde – mit Ausnahme vielleicht des schwarzen Theologen und Hip-Hop-Theoretikers Michael Eric Dyson. Er sagt: »Die wirkliche Vulgarität ist nicht die Sprache, vielmehr muss es um die vulgären Bedingungen gehen, die eine solche Verrohung produzieren.« Der aus Mississippi stammende Rapper David Banner brachte es in der Kongressanhörung noch knapper auf den Punkt: »Wenn Sie unsere Wohnviertel reparieren, werde ich dasselbe mit meinen Texten tun.«

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    • Von Jonathan Fischer
    • Datum 19.10.2007 - 02:37 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
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