Frankreich Das andere Eden
Er hat hier schwimmen gelernt und Bekanntschaft mit den Stars der Welt gemacht: Seit 45 Jahren verbringt der Engländer Derrick Kleeman seinen Urlaub im Hotel du Cap Eden Roc an der Côte d'Azur.
Eine schmale Küstenstraße führt von Antibes hinaus aufs Kap. Nach fünf Kurven oder auch sechs biegt man rechts ab in einen Park, der wie ein Kokon ein schlossartiges Anwesen aus dem 19. Jahrhundert umgibt. Plötzlich stoppt das Rauschen des Windes in den Pinien und Palmen, und man steht in einem Meer der Stille. Ein Wagenmeister nimmt den Autoschlüssel entgegen, eine breite Treppe führt zum Hoteleingang hoch. Mit jeder Stufe scheint man ein wenig mehr die Realität zu verlassen, es ist, wie wenn das Licht im Kino erlischt und man in den Film eintaucht, und plötzlich sitzt da ein Mann, der aussieht wie Anthony Quinn. Kurz rätselt man, ob er es ist. Graues, nach hinten gekämmtes Haar, hohe Stirn, buschige Augenbrauen und das schelmische Lachen, das sich Quinn bis ins Alter bewahrt hat. Denkbar wäre es. Denn in diesem Hotel haben die Helden des Kinos schon immer ihre Auftritte gehabt. Elizabeth Taylor ließ sich ihr Gepäck mit einem Lkw vorfahren, und Sharon Stone orderte beim Concierge einen jungen Mann, der ihr im irischen Kostüm auf einer Harfe vorspielen sollte.
Natürlich ist dieser Mann nicht Anthony Quinn – der Schauspieler starb im Jahre 2001. Aber er könnte es sein. Auch seine Kleidung, das knallrote Hemd und die beige Hose, dazu die zweifarbigen Lederschuhe, erinnert an das Hollywood alter Tage. Derrick Kleeman heißt dieser Mann, der in einem schweren weißen Fauteuil im Hotel du Cap Eden Roc sitzt. Er hat das rechte Bein über das linke geschlagen, raucht eine Zigarre. Ein Kellner serviert ihm gerade einen doppelten Espresso – respektvoll und persönlich vertraut, als gehöre er zur Familie. Ein bisschen ist es auch so. »Hierherzukommen heißt, nach Hause zu kommen«, sagt Derrick Kleeman mit einer Stimme, die von einem langen Leben ein wenig leise und sehr bedächtig klingt. »Als meine Frau und ich mit unseren Kindern 1962 das erste Mal hier waren, wussten wir sofort, dass wir unseren Ort gefunden hatten. Es waren nicht nur dieses grandiose Haus und seine fantastische Lage, sondern auch die Art, wie es geführt wurde. Der damalige Chef, André Sella, sah es als Privatclub. Er wusste die Exzellenz des Ortes zu transportieren. Er hatte die hübschesten und perfektesten Angestellten, die man sich in einem Hotel nur vorstellen kann.«
Zählt man die Zeit zusammen, die der heute 88-jährige Engländer im Hotel du Cap Eden Roc verbracht hat, jedes Jahr zweimal, im Mai und im Juli, dann kommt man in etwa auf 45-mal acht Wochen, das sind 360 Wochen. 360 Wochen entsprechen fast sieben Lebensjahren. Die Welt war in Bewegung, Derrick Kleeman war hier. Er weilte unter den Palmen des Parks, als im Jahre 1968 Papst Paul VI. die Öffentlichkeit wissen ließ, dass Geschlechtsverkehr und die gottgewollte Fortpflanzung untrennbar verbunden seien. Er frühstückte auf der Gartenterrasse, als türkische Truppen im Juli 1974 ein Drittel Zyperns in Beschlag nahmen. Er lag am Pool, als Prinz Andrew 1986 Sarah Ferguson heiratete. Er nahm einen Drink an den Klippen zum Meer ein, als Gianni Versace im Juli 1997 vor seinem Haus in Miami erschossen wurde.
Von solchen Ereignissen erfuhr Derrick Kleeman erst einen Tag später aus den Zeitungen – bis vor wenigen Jahren gab es keine Fernseher im Hotel du Cap Eden Roc. Haartrockner erhielten Gäste nur auf Anfrage, und Kreditkarten wurden nicht akzeptiert – selbst mit der schwarzen Unlimitierten konnte man nicht bezahlen. »Anzahlen und überweisen war obligatorisch«, sagt Derrick Kleeman. Viele der Stammgäste zahlen ihren Sommerurlaub noch immer ein Jahr im Voraus. Im Gegenzug garantiert das Cap Eden Roc als eines der letzten Hotels auf der Welt seinen Gästen Exklusivität. Hier schirmt man sie nicht nur von den Massen ab. Hier wird ihnen JEDER Wunsch erfüllt. Für Stammgäste verstaut man schon mal die Urlaubssachen bis zum nächsten Besuch. Und vor einigen Wochen bat jemand um einen Stufenbarren, der binnen weniger Stunden auf der kleinen Grünfläche vor dem Spa aufgestellt wurde. Selbst die Beisetzung erfolgt auf dem hoteleigenen Friedhof. Nicht die der Gäste, sondern die ihrer Vierbeiner. Gleich hinter dem Rosengarten des Parks gibt es eine Ecke mit schuhschachtelgroßen Grabplatten aus weißem Marmor. Das ist so stilvoll, dass man glaubt, die Vögel in den Bäumen ein Requiem zwitschern zu hören – vielleicht sterben die Hunde deshalb hier. PUCE (1968–1983), SINDY (1974–1984), POOLY (1981–1993).
Vor Derrick Kleemans Zimmer 128 haben die Gärtner eine Absperrung installiert, damit Charley, sein Yorkshireterrier, morgens kurz vor die Tür kann, ohne sich im zehn Hektar großen Park zu verlaufen. »Früher hatten wir im Mai immer das Zimmer 74 mit Gartenblick und im Juli die 62 mit Meerblick«, sagt Kleeman. »Die 128 ist für unsere Bedürfnisse jetzt ideal.« Mister Kleeman und seine Frau Hella frühstücken stets in ihrem Zimmer, bevor sie um 10.30 Uhr vom Hotel über den breiten Weg hinunter zum Meer spazieren, das hier morgens so türkis wie die Karibik und in der Mittagssonne manchmal so silbern wie das Eis in der Arktis schimmert. Tagsüber verbringen die beiden dann einige Stunden in einer der Cabanas. Diese kleinen Holzhütten mit eigener Terrasse – für 480 Euro Miete pro Tag zusätzlich zum Zimmerpreis – werden auch von den Hollywoodstars geschätzt, die im Hotel du Cap Eden Roc während der Filmfestspiele von Cannes logieren. Sie liegen so versteckt in den Klippen zum Meer, dass es den Paparazzi schwer möglich ist, vom Boot aus Bilder für den Boulevard zu schießen. Einige der Stars mieten sich gleich drei Cabanas, um rechts und links keinen Nachbarn zu haben – obwohl die Geschichten irgendwie ja immer an die Öffentlichkeit geraten. Johnny Depp und Bruce Willis zum Beispiel orderten einmal einen Tisch für 30 Personen im Restaurant – Willis erschien schließlich mit 300 Gästen, die Party endete um sieben Uhr morgens am Pool.
An Party und Promitrubel hatte der Bauherr Auguste de Villemessant nicht gedacht, als er das flamingorosafarbene Hotel mit seinen bodentiefen Fenstern, den Holzblendläden und den riesigen Balkons im Jahre 1870 errichten ließ. Der Verleger des Figaro dachte ausschließlich an einen Rückzugsort für Schriftsteller und Autoren, doch das Konzept ging nicht auf. Der Italiener Antoine Sella ging es ab 1889 anders an. Damals gab es in dem Hotel kein elektrisches Licht, die Räume wurden mit Kaminfeuer beheizt. Geöffnet war es in den ersten Jahren nur in den Wintermonaten. Russen und Engländer kamen, um dem nordischen Klima zu entfliehen. Wenige Jahre später erhielt Sella den Brief eines Mannes aus Deauville, der ihm schrieb: »Lieber Freund, es stört mich wenig, wenn Sie ausschließlich im Winter geöffnet haben, aber Sie werden Ihr Vermögen verlieren.« Sella begann umgehend, das Haus für die Sommersaison zu rüsten. Mit Dynamit ließ er 1914 ein Loch für einen Seewasserpool in die Basaltklippen sprengen. Seitdem lagen an keinem anderen Hotelpool dieser Welt so viele gekrönte Häupter, Filmstars, Playboys und Models. Die Dietrich war hier, Picasso, Franklin D. Roosevelt, Ali Khan, Rita Hayworth und auch Stefan Zweig. König Farouk, der letzte Monarch Ägyptens, machte sich hier einen besonderen Spaß: Er schubste seine Frauen regelmäßig in den Pool. Besonders vergnügt war er, wenn die Liebsten sich gerade ihr Haar onduliert hatten.
Derrick Kleeman bestellt noch einen Espresso. Es ist kurz vor Mittag, und gerade als er zu erzählen beginnt, was er und seine Frau hier sportlich so alles machen, erscheint in der Lobby Monsieur Perd, der das Hotel seit zwei Jahren managt.
»Mister Kleeman, Sie tragen ein hübsches Hemd«, sagt Monsieur Perd.
»Danke«, sagt Herr Kleeman, »und Sie tragen eine hübsche Krawatte. Wir haben eben beide einen guten Geschmack.«
Kaum ist der Direktor wieder verschwunden, streicht sich Herr Kleeman über das rechte Bein und fügt zum Thema Mode hinzu: »Schauen Sie sich diese Hose an. Sie ist 40 Jahre alt. Ich habe sie in Rom gekauft. Sie war nicht billig, aber wer sparen will, muss Geld ausgeben.« Er lacht jetzt wieder dieses schelmische Lachen und fragt: »Wo waren wir stehen geblieben?«
»Beim Sport.«
»Ach ja. Wissen Sie, wir schwimmen täglich im Meer. Das hält jung.«
Fernand Schobel lautet der Name des Mannes, der Gästen wie Charlie Chaplin und anderen das Schwimmen beibrachte. Natürlich auch den Kleemans. Schobel war Mitte der sechziger Jahre nach einer Karriere als Leistungsschwimmer vom Hotel du Cap Eden Roc angestellt worden. »Er war ein Phänomen. Er bewegte sich wie ein Fisch im Wasser«, sagt Herr Kleeman, »und es gab keinen Tag, an dem er nicht mit uns ins Meer ging. Selbst als er schon in Rente war, schwamm er jeden Morgen mit uns bis zu fünf Kilometer.« Schobel habe eine unglaubliche Gabe besessen, Leute spielerisch fürs Schwimmen zu begeistern. Er sei eine Idealbesetzung gewesen, und diese Idealbesetzung stehe noch immer Pars pro Toto für alle Mitarbeiter. »Gehen Sie zum Concierge, er wird Ihnen jeden Wunsch erfüllen«, sagt Derrick Kleeman, »die Kellner sind perfekt, und nun sind wir seit acht Wochen hier, haben nicht ein Mal auswärts gegessen und wurden nicht ein Mal enttäuscht.«
Derrick Kleeman ist viel gereist, auch beruflich. In die USA, nach Asien und sonst wohin. Er führte nach dem Zweiten Weltkrieg das Familienunternehmen und saß später im Vorstand eines Mineralölkonzerns. Er kennt das Peninsula in Hongkong, das Oriental in Bangkok oder das Plaza Athénée in Paris und viele mehr. Er sagt: »In keinem anderen Hotel als diesem hätte ich Stammgast werden können. Und in keinem anderen Hotel wäre ich so wunderbaren Menschen begegnet. Vor Jahren lernten wir Bill Cosby kennen: ein netter Mann, zurückhaltend und unprätentios.« Seit seinem ersten Besuch habe sich im Hotel du Cap Eden Roc über die Jahre jedoch einiges verändert. Unten am Meer wurden Strandpavillons mit weiteren Zimmern gebaut, und auch das alte Gebäude ist im Inneren nicht mehr wie früher. »Den großen Haupteingang gab es nicht«, sagt Derrick Kleeman, »der Eingang war an der Ecke des Gebäudes, und Sie konnten gewiss sein, dass André Sella, der Sohn und Nachfolger von Antoine Sella, die Gäste höchstpersönlich empfing, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit sie anreisten. Es machte ihm auch nichts aus, wenn abends nur ein Gast im Restaurant saß, Hauptsache, der Gast war rundum zufrieden. Es war eben ein Club, und heute ist es ein Hotel.«
Heute existiert noch ein kleiner Club von Stammgästen, die sich jedes Jahr im Sommer im Hotel du Cap Eden Roc treffen. Ein Kreis aus Millionären und Multimillionären, die hier pro Kopf und Tag zwischen 2.500 und 5.000 Euro lassen. Bei acht Wochen sind das für zwei Personen um die 400.000 Euro. Man bekommt dafür bereits ein besseres Auto oder eine schöne Jacht. Wer gleich neben dem Pool in dem renovierten Restaurant sitzt, das mit der Reling und den Holzbohlen wie der Bug eines Kreuzfahrtschiffes anmutet, sitzt zwischen Leuten, die nicht alle den angenehm distinguierten Eindruck von Herrn Kleeman machen. Man sieht hier zum Beispiel eine über 70-jährige Frau, die eine Peggy-Guggenheim-Brille, ein Bikinioberteil und einen Tahiti-Bastrock trägt und bei Champagner und Kaviar mit zwei sehr jungen hübschen Männern turtelt. Und man hört hier ganz ungewöhnliche Geschichten. Ein Paar soll einmal bei Tisch gesessen haben, und da der Frau die Dessertauswahl nicht genügte, griff ihr Mann zum Handy und rief auf seiner Jacht an, die vor dem Restaurant lag. Wenig später hob ein Helikopter von der Jacht ab, der Pilot flog nach St. Tropez, um dort spezielle Törtchen zu kaufen, die der Gemahlin nach 40 Minuten präsentiert wurden. Allerdings trafen auch sie nicht ganz ihren Geschmack.
In diesem Hotel ereignen sich eben Geschichten, die man sonst nur aus dem Kino kennt.
Hotel du Cap Eden Roc,
Boulevard JF Kennedy, Antibes, Frankreich, Tel. 0033-493613901,
www.edenroc-hotel.fr
, DZ ab 450 Euro
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(Dateigröße max. 1 MB, Einsendeschluss 4. November 2007)
- Datum 16.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
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