Das Gesicht blass, fast weiß. Wie jemand, der sein Leben in der Dunkelkammer verbringt. Oder jemand, der Sonne nur um Mitternacht schaut. So heißt einer von Katharina Sieverdings Bilderzyklen: Die Sonne um Mitternacht schauen. Ihre Nase schmal, die Lippen rot und leicht übermalt. Grauer Lidschatten, ordentlich Wimperntusche. Dieses Gesicht dominiert Sieverdings Kunst, die zu einem großen Teil aus Selbstporträts besteht. Erstaunlich, wie verschlossen dieses Gesicht zur Begrüßung wirkt. Dabei ist jeder Millimeter davon zu sehen. Die Haare hat sie zu einem straffen Zopf zurückgekämmt.

Katharina Sieverding, 62, steht in einem Haus aus den 1890er Jahren am Rand der Düsseldorfer Innenstadt, das sie unterhält, um ihre Fotos auszustellen. Sie ist umgeben von Katharina Sieverding im Alter von 37, Katharina Sieverding, 32, und Katharina Sieverding, 25. Auf einem Bild, das fast so breit ist wie das ganze Haus, schaut sie mit einem Glas Milch in der Hand in eine stockfinstere New Yorker Nacht. Ein altes Foto, aufgenommen während des großen Stromausfalls von 1977.

Alt?, fragt Sieverding. Sie mag das Wort nicht. Es ist ein aktuelles Unikat. Wenn ein Sammler Interesse hat, nimmt sie das Negativ, geht in die Dunkelkammer und macht einen neuen Abzug.

Die Dunkelkammer ist zu Fuß zehn Minuten entfernt. Sieverding schließt ihr kleines Museum ab und läuft durch die Nordendstraße mit ihrem Douglas-Fielmann-Einerlei bis zu Woolworth, wo sie in eine Toreinfahrt biegt. Im Hinterhaus wohnt und arbeitet sie seit 35 Jahren. Sie nennt es die Fabrik. Früher war unten ein Tierpräparator und oben eine Schreinerei. In der Mitte war schon immer Klaus Mettig. Mettig ist ihr Lebensgefährte. Sie steigt eine steile Treppe hinauf und stößt die Tür zum Fotolabor auf: Hier: die Urzelle. Hier hat sie Klaus Mettig kennengelernt. Sie hatte ihn für eine Ausstellung vorgeschlagen und kam ihn im Atelier besuchen. Hier hat sie sogar ihre Kinder geboren.

Viel für einen mittelgroßen Raum mit der üblichen Dunkelkammer-Ausstattung: Vergrößerer, Entwicklungsmaschinen, Lichtstative. Alles ordentlich, fast unbenutzt. Im Frühjahr belichtete sie hier zuletzt die für sie typischen drei Meter langen Fotopapierbahnen.

Heute arbeitet sie in der Etage darüber, schreibt an einem Vortrag, den sie an der Teheraner Azad-Universität halten soll. Ein Projektor wirft Sieverdings Werke an die Wand: die Bilder zum Vortrag. Die Frau mit dem Kranz Wurfmesser um den Kopf ist natürlich Sieverding selbst.

Das Foto entstand, als sie in den siebziger Jahren mit einer Schaustellertruppe durchs Ruhrgebiet zog als Zielscheibe für den Messerwurf. Spannend war die direkte Reaktion des Publikums, in der Kunst muss man oft 30 Jahre darauf warten, sagt sie. Lebenshungrig und selbstbewusst sah sie als junge Frau aus. Es geht mir bei den Bildern nicht ums Wiedererkennen, sagt sie. Sie will nicht Charakteristika der Porträtierten herausarbeiten, sondern Geschlechterrollen zeigen. Deshalb hat sie in einer Bilderreihe die Gesichter von sich und von Mettig zu einer Art Frau-Mann übereinandergeblendet. Ihr Gesicht ist nur ihr Instrument. Und damit dieses Instrument funktioniert, ist der Nichtgesichtsausdruck entscheidend, der bei der Begrüßung so irritierend wirkte. Es ist wie mit Nachrichtensprechern, die nicht zu markant aussehen dürfen, sonst überlagern sie die Nachrichten.