Komiker Kennen Sie den?
Kurt Krömer erzählt keine Witze, er ist der Witz. Erst hat er Berlin erobert, dann die ARD. Und jetzt macht er auch noch Theater
Ein typischer Kurt-Krömer-Witz geht so: Ein Mann steht auf seinem Balkon im fünften Stock und gießt die Blumen, da entdeckt er eine Schnecke und schnipst sie nach unten. Zwei Jahre später klingelt es an der Tür. Der Mann öffnet. Die Schnecke: Wat warn det eben? Hinterher sagt Krömer wie ein Berliner Handwerker, der sich gerade die Hände an der Latzhose abwischt: „So, det war det.“
Es nieselt. Das Café der Berliner Schaubühne hat noch Tische draußen stehen. Der Intendant Thomas Ostermeier, 39 Jahre alt, und sein neuestes Ensemblemitglied, Kurt Krömer, sitzen im Sprühregen, weil man im Café nicht rauchen darf.
Kurt Krömer wurde schon als der neue Harald Schmidt gepriesen, obwohl er auf den ersten Blick ziemlich antiintellektuell wirkt. Bei Harald Schmidt fängt jetzt der Kollege Oliver Pocher an. Krömer gehört wie Pocher zu einer neuen Komikergeneration, aber er geht einen anderen Weg: Statt Media-Markt-Werbung macht er Theater. Am 31. Oktober hat das Stück Room Service an der Schaubühne Premiere mit Krömer in der Hauptrolle. Das ist schon fast eine Garantie dafür, dass das Haus ausverkauft sein wird.
In Berlin ist Krömer bekannt wie ein bunter Hund , und wahrscheinlich ist er es bald in ganz Deutschland. Nach dem großen Erfolg seiner Sendung im Regionalsender Berlin-Brandenburg bekam er im August eine Show in der ARD: Die Internationale Kurt Krömer Show. Sein Aufstieg hat um einiges länger gedauert als der der Schnecke, „zehn Jahre lang bin ick durch die Armut gegangen“, sagt er, und das ist kein Scherz.
Oft heißt es über ihn, Kurt Krömer erzähle keine Witze, er sei der Witz. Dazu gehört, dass er komisch aussieht, eine dicke Brille trägt und zu weite Anzüge, die zu einem AOK-Sachbearbeiter ebenso passen würden wie zu einem rumänischen Zuhälter.
Auch an diesem Nachmittag hat man das Gefühl, der Fernseh-Krömer sitze vor einem. Schlackernder Leinenanzug, nur die Brille trägt er nicht. Er schaut einem selten ins Gesicht, manchmal lächelt er ein schüchternes Lächeln. Krömer ist 32 Jahre alt, geboren in Berlin-Neukölln. Sein echter Name ist Alexander Bojcan, aber selbst seine Familie nennt ihn Kurt, Alexander und Kurt kann man nicht mehr auseinanderhalten.
Warum geht er so ein Risiko ein? Sagt wochenlang alle Termine ab für ein Theaterstück, das für ihn, der es nicht gewohnt ist, im Ensemble zu spielen, auch ein Reinfall werden kann? „Ick fand Theater immer altmodisch und weltfremd. Ick dachte, da sprechen sie alle so eine langweilige, gestanzte Sprache.“ Aber dann lernte er einen Schauspieler von der Schaubühne kennen. Der habe ihm sein Leid geklagt, die Theaterschauspieler müssten immer in den Eimer kacken und um die Ecke kotzen. „Da habe ick mir gedacht: Det möcht ick ooch mal machen“, sagt Krömer. Vor drei Jahren bekam er in der Schaubühne eine Ein-Mann-Show; das Krömertorium war immer ausverkauft, das Schaubühnen-Publikum saß neben Neuköllner Wurstbudenbesitzern. „Das war meine Bewerbung, ich konnte Ostermeier ja schlecht ’ne DVD schicken.“ Damals hat Kurt Krömer gemerkt, dass Theater Freiheit bedeuten kann.
Der Regisseur Thomas Ostermeier kennt Krömers neue Sendung im Ersten nicht. Er hat keinen Fernseher. „Ich war fernsehsüchtig, aber jetzt seit 15 Jahren clean“, sagt er. Krömer kontert: „Ja, und ick gehe nie ins Theater. Wir leben praktisch aneinander vorbei. Ick komme aus einer Proletarierfamilie, da war nischt mit Theater. Wat sollen det, det is ja unecht, haben meine Eltern gesagt.“
Ostermeier ist sehr groß, schwarz gekleidet, ein massiver Mann, oft biegt er den Oberkörper nach vorn, damit er die anderen nicht zu weit überragt. Er schaut den Menschen direkt in die Augen. Er ist in Niederbayern aufgewachsen, ein Intellektueller, der zupackt. In den neunziger Jahren hat er die Baracke des Deutschen Theaters zu einer der interessantesten Bühnen Deutschlands gemacht. Seit 1999 leitet er die Schaubühne. Ein Theateranarchist, dessen Antrieb sich vor allem aus seiner Wut auf die Welt zu speisen schien. Sein jüngstes Projekt ist insofern eine Überraschung: eine konventionelle amerikanische Komödie aus den dreißiger Jahren mit dem Schneckenwitzereißer aus dem Fernsehen in der Hauptrolle.
Ostermeier zieht an seiner Zigarette, beugt sich nach vorn und lächelt. „Wir wollten schon lange eine Komödie machen. Ich habe eine große Affinität zum Komischen. Auch wenn man das von mir nicht denkt. Die lustigen Sachen fallen einem ja oft bei den Proben zu ernsten Stücken ein.“ Er habe dem Ensemble versprochen: Wir machen mal was Komisches, da packen wir alles rein.
In Room Service geht es um den abgebrannten Theaterproduzenten Gordon Miller, gespielt von Krömer, der sich mit seinem Ensemble im Hotel seines Schwagers am Broadway einquartiert. Er sucht verzweifelt einen Mäzen, der sein Stück rettet. Eine Parallele zur Berliner Schaubühne, die chronisch unterfinanziert ist. „Sie spielen um ihr Leben“, sagt Ostermeier. Das ist der Hintergrund, bei aller Selbstironie.
Der Regen ist stärker geworden. Krömer will los. Er hat von 108 Seiten Text erst 20 gelernt. Er schaut auf die Tischplatte und sagt leise: „Und jetzt muss ick mit Schauspielern spielen, die fünf bis sechs Stücke aufsagen können.“ Jeden Tag sitzt er in einem Kreuzberger Café und lernt seine Rolle. „Der Kellner hatte schon Sorge, weil ick immer mit unsichtbaren Personen gesprochen habe. Ick hab’s ihm erklärt, und er hat gefragt, ob er denen auch Kaffee bringen soll.“
Ein paar Tage später auf der Probebühne in einem Außenbezirk Berlins. Krömer sitzt im kleinen Pausenraum mit Blick auf einen Parkplatz. Er raucht, ist sehr blass, wippt nervös mit dem Fuß. „Et läuft janz jut“, sagt er. „Aber mit enormem Tempo.“
Auf der Bühne ist ein Hotelzimmer aufgebaut. Der Theaterproduzent Gordon Miller alias Krömer sitzt auf dem Sofa. Der Hoteldirektor stolpert herein, Miller soll jetzt endlich die Rechnung bezahlen. Der sieht nur einen Ausweg: Er muss verschwinden, zieht schnell alle Kleider aus dem Schrank übereinander an. „Meine Lieblingsszene“, stöhnt Krömer, der unglaublich schwitzt. Er spielt sehr konzentriert, ein bisschen steif noch. Er berlinert, bleibt auch als Gordon Miller Kurt Krömer, aber es passt.
Eigentlich sei ihm schon mit 13 klar gewesen, dass er Schauspieler werden will, sagt er am Abend nach der Probe. In der Schule war er faul, aber das Klassenzimmer war seine erste Bühne. Nach der mittleren Reife begann er eine Lehre bei einem Herrenausstatter. „Ick hab so wat Grundspießiges in mir. Ick war schon kurz davor, meine Socken zu bügeln. Da hab ick gedacht, sag mal, wat machstn hier eigentlich?“ Er brach die Lehre ab, arbeitete als Kellner und als Gehilfe auf dem Bau. Seine Freundin verließ ihn damals wegen eines Industriekaufmanns.
Dann hospitierte er bei einer privaten Theaterschule. Als die Lehrerin einer Schauspielschülerin sagte, sie solle einen Toast spielen, der aus dem Toaster fliegt, musste Krömer laut und lange lachen. Da sagte die Lehrerin: „Ich glaube, wir müssen uns trennen.“ Seine Rettung war die Scheinbar, ein Berliner Talentschuppen. Fünfmal lief er dran vorbei, dann ging er hinein. Er bekam acht Minuten auf der Bühne. „Die Zuschauer hatten Tränen in den Augen, aber vor Depressionen.“ Nach zwei Minuten hat er gesagt: „Ick geh dann mal lieber.“ Eine Frau in der ersten Reihe erwiderte: Das ist auch besser so.
Diese Erfahrung veranlasste ihn, seine erste Nummer zu schreiben, Die Eintagsfliege . Der Forscher Krömer steht im Labor und hört plötzlich die Stimme einer mutierten Eintagsfliege. Krömer unterhält sich mit der Fliege über Gott und die Welt, aber dann muss sie abtreten, ein plötzlicher Tod, wie das so ist bei Eintagsfliegen. Krömer ist stinksauer: „Sterben müssen wir alle, aber man kann doch mal Tschüs sagen.“
Nach dieser Nummer wurden die Säle, in denen er auftrat, größer. Stefan Raab lud ihn ein, er ist nicht hingegangen, er mag Kollegen nicht, „die nach unten treten“. Auch Angebote von Privatsendern lehnte er ab. „Da biste zu schnell wieder abgemeldet, und ich wollte mich nicht verbiegen.“ Er wollte keine Eintagsfliege sein. Über Privatsender macht er sich immer wieder gerne lustig. Wenn er etwa eine Frau spielt, die für 100000 Euro in einen riesigen Popel beißt. Diese Lust am Ekel, am Irren, am Ausrasten macht die Spießerfigur Kurt Krömer zu einem Grenzgänger, gibt ihr etwas Klaus-Kinski-Mäßiges.
Ostermeier wirkt bei den Proben sehr locker. Mit Krömer geht er besonders vorsichtig um. „Kurt, nur wenn du möchtest, könntest du mal versuchen…“, beginnen seine Sätze. Wenn er ihm eine Passage vorspricht, berlinert er schon fast wie Krömer, er ist wie ein Chamäleon. Manchmal geht er auf die Bühne, schlüpft kurz in eine Rolle. Es geht um Tempo, um Technik, um Brüche: Tür auf, Tür zu, Schubsereien, Musik, es wird improvisiert, aber am Ende muss die Klappmechanik der Screwball-Komödie perfekt funktionieren. Es ist wie ein chaotisches Ballett mit Text, und Ostermeier ist der Dirigent.
Drei Stunden lang wird geprobt, dann ist Pause. Alle sind erschöpft. „Wenn man zum ersten Mal gegen die Tür rennt, ist es lustig, aber beim dritten Mal nicht mehr“, sagt Ostermeier. Doch es gibt eine Szene, über die muss er immer wieder lachen. Gordon Miller alias Krömer dreht sich niedergeschlagen zum Publikum und sagt: Allet, wat ick anpacke, jeht schief. „Andere Schauspieler würden so was zukitschen, aber Kurt macht das ganz technisch“, sagt Ostermeier. Das Schwierigste sei, die Leichtigkeit hinzukriegen, erklärt er. „Das ist gut fürs Handwerk.“
Dem Regisseur scheint der Urlaub von der Theaterschwere Spaß zu machen, aber ein bisschen rechtfertigen muss er sich doch: „Heute ist es verpönt, konventionelle Komödien zu machen, deshalb kann es keiner mehr, wie früher Lubitsch oder Wilder. Was die gemacht haben, war nicht nur Unterhaltung, das hatte auch mit einer Haltung gegenüber der Welt zu tun, mit Überlebenswillen, mit Galgenhumor, dem Gegenteil der Stimmung heute in Deutschland.“
Krömer ist der personifizierte Galgenhumor. Vom Vater habe er sich eine „gesunde Leck-mich-am-Arsch-Haltung“ abgeschaut. „In dem Sinn: Neben mir explodiert ’ne Bombe. Und ick sage, da müssen wir uns wohl umsetzen.“ Dieses Ihr-könnt-mich-alle lässt er die Zuschauer oft spüren. Für Ostermeier sind das Momente der Anarchie: „Wenn er das Publikum anpisst, den Unterhaltungsanspruch zurückgibt.“
Ostermeier und Krömer haben also mehr gemeinsam, als es zunächst scheint. Allein die Tatsache, dass Krömer den Neuköllner Spießer zur Figur macht, ist vielleicht schon eine kleine Rebellion. „Die Berliner Geisteshaltung ist auch eine Form der Anarchie, die Berliner haben so was Aggressives, Unsentimentales“, sagt Ostermeier.
Und Krömer weiß, wie es ist, um sein Leben zu spielen: „Aus Not kann viel Komik entstehen. Ick hätte zehn Jahre heulen können, aber irgendwann hab ick angefangen, über mich selbst zu lachen.“
- Datum 18.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 18.10.2007 Nr. 43
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Krömer, ein Clown, jau, einer, der ganze Witzbücher umdreht und abstoppelt, z.B.: Krömer: "Da fragte mich grade ein Bühnenschieber: Du warst das, der den früheren Bundeskanzler erschossen haben? - Was?, frag ich, den Adenauer? - Nein, den Schröder!, sagt der. - Wie? Was? frag ich den. - Ja,der liegt hier im Aufzug. Tot!, sagt der. (Also, nicht der Schröda!) - Ach!, sach ich dem Schieber. Weißt du, Herr Schieber, das war so: Der Mann, da vorhin backstage, behauptete, tot
umfallen zu wollen, wenn er nicht in meine Show käme. Aber von alleine
fiel er aber nicht um."
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