Von Zufall kann keine Rede sein. Es war kein Zufall, dass die ganze Sache aufflog. Es war kein Zufall, welche Kinder die Schule besuchten. Und es war schon gar kein Zufall, dass sie sich mitten im sogenannten Viertel befand.

Bremen hat einen handfesten Skandal. 14 Jahre lang wurde mitten in der Stadt eine illegale Schule betrieben; mehr als 200 Kinder sind dort im Lauf der Zeit unterrichtet worden, während die Eltern gegenüber den Behörden vorgaben, ihren Nachwuchs in Niedersachsen eingeschult zu haben.

»Das war nur hier möglich«, sagt Robert Bücking. Der Grüne ist so etwas wie der Stadtteil-Bürgermeister. »Das hiesige Milieu ist es gewohnt, sich etwas einfallen zu lassen und sich selbst zu kümmern.« Bücking ist sicher, dass »hier unendlich viele Leute von der Schule wussten. Aber den Kindern ging es offensichtlich gut, warum sollte man sich da einmischen?«

Das Viertel, zwischen Weser und Altstadt gelegen, ist der Stadtteil des linksliberalen Establishments: schicke Altbauvillen, türkische Gemüseläden, teure Boutiquen und studentisches Flair. Hier werden Hauswände beschmiert, aber mit Anspruch: »keine Studiengebü «. In einer dieser Villen wurden bis zu den Sommerferien mal acht, mal gut zwei Dutzend Schüler in altersgemischten Gruppen unterrichtet. Durch Mundpropaganda erfuhren Eltern vom Unterricht im Untergrund. Wie in einer Wohngemeinschaft mussten sie sich beim Elternplenum bewerben. Und: rund 200 Euro pro Monat zahlen. Bis vor einigen Jahren sollen sogar Acht- und Neuntklässler unterrichtet worden sein. Dann gab es Platzprobleme – die Begeisterung für die illegale Schule wurde einfach zu groß.

Wolfram Klüpfel kennt diese Zeiten nur vom Hörensagen. Genauso wie das Gerücht, ein Enkelkind einer ehemaligen Senatorin habe die Schule besucht. Die Eltern von damals sind schon lange nicht mehr dabei. Wer vor 14 Jahren die illegale Schule gründete, das weiß heute keiner mehr. Oder das will keiner mehr wissen.

Klüpfels Sohn beendete die alternative Geheimschule vor einem Jahr, nach der vierten Klasse. »Es war ein anderer Geist, der dort herrschte«, sagt der Vater, »wir konnten dort ohne Hierarchien und staatliche Vorschriften unsere Idee von einer guten Schule verwirklichen«: Projekte statt Lehrplänen, geschlechtsspezifischer Unterricht, Versetzungen unabhängig vom Schuljahr je nach Entwicklungsstand. Klüpfel nennt das »zivilen Ungehorsam«. Im Bildungsressort ist dagegen von »einem etwas anderen Staatsverständnis« die Rede. »Es hat schon etwas Kohlhaassches«, sagt eine Sprecherin, »aber es handelt sich hier auch um exklusive Kreise.«