Gesellschaft Wie wollen wir leben?
Unbegrenzt flexibel, ständig verfügbar – das Mantra der Globalisierung hat die Deutschen entnervt. Jetzt brauchen wir endlich Zeit zur Entschleunigung
Aus heutiger Sicht wirkt die bedächtige, schwarzweiße Bundesrepublik der sechziger Jahre wie ein versunkenes Traumland. Unser Alltag spielt in einer bunten, lauten, blinkenden Welt, in der von allen Seiten Eindrücke auf uns niederprasseln: Bilder, Nachrichten, Musik, E-Mails, Werbung, Konzeptpapiere. Alles muss schnell gehen: Politik, Arbeit, Leben. Wir sind ein Volk im Dauerstress.
Ein Teil des Drucks hat objektive Ursachen: Die Globalisierung drängt uns die Probleme anderer Leute auf, ob uns das nun passt oder nicht. Und die weltweite Konkurrenz verschärft für viele Menschen die Arbeitsbedingungen, ohne dass sie sich dagegen wehren können. Doch der deutsche Stress hat auch eine selbst gemachte, eine ideologische Seite: In den vergangenen 15 Jahren haben Propheten der Beschleunigung – Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, Journalisten, Politiker – alles gepriesen und beschworen, was Menschen normalerweise schwerfällt oder sie mit Widerwillen erfüllt: unbegrenzte Flexibilität, nicht enden wollende Anpassungsbereitschaft, ständige Verfügbarkeit. Es scheint, als habe die ganze Gesellschaft den Modus atemloser Hast verinnerlicht. Als könne man gar nicht mehr anders leben. Als müsse man rennen statt gehen. Als wäre der Wunsch nach »Entschleunigung« esoterischer Blödsinn.
Offenbar bedurfte es erst des politischen Kampfgewichts einer Großen Koalition, in Kombination mit besseren Wirtschaftsdaten und einer entspannteren Lage auf dem Arbeitsmarkt, um jetzt wenigstens einen kurzen Moment des Innehaltens, der Bestandsaufnahme zu ermöglichen: Wie geht es diesem Land eigentlich? Welche Reformen der vergangenen Jahre waren sinnvoll und wirksam, welche bedürfen der Korrektur? Und noch dringlicher: Wie wollen wir eigentlich leben? Wie arbeiten? Getrieben oder gelassen? Zerstreut oder konzentriert? Furchtsam oder mutig?
Für die klassische Sozialpolitik haben CDU und SPD die Antwort in Ansätzen schon gegeben. Die Koalition betreibt keine weitere Kürzungspolitik, sondern einen moderaten Ausbau des Sozialstaats, der sich auf einige Kernprobleme der Gesellschaft konzentriert: die Arbeitslosigkeit Älterer; die zu geringe Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben; die wachsende Zahl der Pflegefälle. In diese Richtung zielen die zwischen Franz Müntefering und Kurt Beck (nicht aber in der Bevölkerung) umstrittene Verlängerung des Arbeitslosengeldes I für langjährige Beitragszahler; das Elterngeld; die Pflegeleistungen für Demenzkranke; der (noch nicht beschlossene) Pflegeurlaub. Man kann über die Heilsamkeit dieser Instrumente im Einzelnen unterschiedlicher Meinung sein. Zusammen signalisieren sie: Nach Jahren des Drucks folgt jetzt Entspannung. Das war dringend nötig, und die Bevölkerung stimmt diesem Wellness-Programm mit großer Mehrheit zu.
Die wirklich interessante Frage ist aber nun, ob es uns gelingt, diese politische Lockerung auch auf Kultur und Regeln unseres Zusammenlebens und unserer Arbeitswelt zu übertragen. Ob wir Unternehmenskulturen und Arbeitszeitmodelle verändern können; ob wir besinnungslose Medienaufgeregtheiten zurückschrauben und manchmal beim Thema bleiben; ob wir es schaffen, unsere durchgeplanten Privatleben zu beruhigen.
Therapeutisch scheint das geboten. In den Jahren der höchsten Arbeitslosigkeit lebten nicht nur die Arbeitslosen in materieller und seelischer Bedrängnis – auch die meisten, die Arbeit hatten, fürchteten um ihren Job. Die Folge waren eine enorme Zunahme von Stress- und Angststörungen – um mehr als 70 Prozent stieg die Zahl der seelischen Leiden am Arbeitsplatz zwischen 1997 und 2004. Obwohl kaum noch jemand wegen Grippe zu Hause blieb, nahmen die psychisch bedingten Fehlstunden in dieser Zeit um mehr als ein Drittel zu. Herzinfarkt, Depression und Angst sind Volkskrankheiten geworden.
- Datum 25.04.2008 - 14:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
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Ein weiterer Aspekt der allseitigen Beschleunigung ist die stark verringerte Halbwertszeit des Blickes und des Denkens. Kaum noch jemand im Management der Firma oder in der Partei denkt weiter als bis heute nachmittags - bis morgen denken ist schon zu weit: was da lles noch dazwischen kommen und passieren kann!
Wirklich?
Das Denken über den Tag hinaus war mal eine wichtige deutsche Tugend, wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit; ohne ein Wiederaufleben aller dieser Tugenden ist mittelfristig kein sinnvolles Leben im Lande mehr denkbar.
Also:
Schneller, höher, weiter - aber wohin?
Als Nervenarzt kann ich die dramatische Zunahme der Angsterkrankungen und depressiven Störungen nur bestätigen. In den meisten Fällen stehen hinter diesen Erkrankungen folgende Tatbestände: Arbeitslosigkeit, drohender Arbeitsplatzverlust, Rationalisierung, Flexibilität, lean management, Qualitätsmanagement, Zertifizierung, Globalisierung, mithin die Begrifflichkeit, die die neoliberale Politik der letzten 10 Jahre über uns gebracht hat und die letztlich so wie die globale Klimaschädigung nur Ausdruck von Interessen weniger Superreicher ist. Viele junge Paare leiden unter Trennungsstress durch Arbeitsplatzwechsel in eine weit entfernte Stadt. Bei anderen hat der Hauptverdiener den 6. Zeitarbeitsvertrag in Folge, wieder andere arbeiten geduckt mit Überstunden und Zusatzschichten, schieben Urlaubsberge vor sich her, natürlich alles zum Tariflohn. Da verlangt die Familienministerin Krippen und die CSU ein ersatzweises Elterngeld. Verlässliche Strukturen, feste Arbeitsplätze, gesicherte Auskommen sind die Basis für zufriedene Familien bzw. deren Gründungen. Dann wird man auch leistungsfähig und kann Familie und Beruf in Einklang bringen. Eine konzertierte Aktion ist gefragt von Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Gewerkschaften, Parteien gegen die neoliberale Politik. Wir brauchen wieder mehr Kündigungsschutz, Schutz vor wiederholten Zeitarbeitsverträgen, Abbau der Kaste von Controllern, Supermanagern und Qualitätsmanagern, verlässliche Arbeitszeiten, soziale Netze, die nicht durch beliebige Flexibiltät immer wieder zerstört werden.
Nun hat auch die ZEIT sich auf feuilletonistischer Ebene mal mit dem Phänomen der Ent-Temporalisierung beschäftigt und gleich noch einen lesbaren Buchtitel angegeben.
Fragwürdig, warum es solange gedauert hat. Bereits 2004 hat Rüdiger Safranski mit "Wieviel Globalisierung braucht der Mensch?" ein philosophisch und kulturwissenschaftliches anspruchsvolles Büchlein (7,95 Euro) auf den Martkt gebracht, das bis heute kaum einer ernst nimmt, das aber im Grunde nichts anderes vor hat, als auf die Wichtigkeit von Beschränkung der Sinne auf die nahe liegende Umgebung hinzuweisen, um dem Hype des Globalismus zu widerstehen und sich nicht verführen zu lassen.
Vielen Dank fuer den Kommentar, DerFeuerbach. Was mich an dem Artikel auch am meisten wundert und interessiert, ist nicht die Tatsache, dass er geschrieben wird und auf was fuer Ideen Frau Gaschke so kommt, sondern dass er erst jetzt geschrieben wird und dass Frau Gaschke offenbar den Eindruck hat, da was ganz Tolles entedeckt zu haben, dass sie uns allen unbedingt mitteilen muss. "Jetzt brauchen wir endlich Zeit zur Entschleunigung", schreibt sie im Anreisser, ohne rot zu werden (vermute ich mal). Ein peinliches Schauspiel.
Vielen Dank fuer den Kommentar, DerFeuerbach. Was mich an dem Artikel auch am meisten wundert und interessiert, ist nicht die Tatsache, dass er geschrieben wird und auf was fuer Ideen Frau Gaschke so kommt, sondern dass er erst jetzt geschrieben wird und dass Frau Gaschke offenbar den Eindruck hat, da was ganz Tolles entedeckt zu haben, dass sie uns allen unbedingt mitteilen muss. "Jetzt brauchen wir endlich Zeit zur Entschleunigung", schreibt sie im Anreisser, ohne rot zu werden (vermute ich mal). Ein peinliches Schauspiel.
Sehr schöne Forderungen dies und das und jenes zu ändern. "Konzentrierte Aktion" nennt sich das dann, um die Hilflosigkeit zu übertünchen oder besser die Erkenntnis das eben dies nette Blütenträume sind die niemals wahr werden können.
Jetzt ist also der Zeitpunkt gekommen das Leben in Bundesrepublik zu "entschleunigen". Im Kontext des Artikels bedeutet dies Fortbildung muss nicht sein (Lebenslanges Lernen wird schon mit Zuchthaus gleichgesetzt), dafür ziehen wir alle wieder an unsere Geburtsstätten zurück bzw. besser gar nicht erst weg.
Es lebe die - wortwörtliche - Landflucht. Ladenöffnungszeiten? Ein wahres Terrorinstrument, wieder zurück zu den guten alten Zeiten als wir Samstags noch bis 14.00 Uhr einkaufen mussten, nein durften, dann da war es noch nicht notwendig dies später zu tun, wir waren alle so entspannt damals...
Arbeitsprozesse die heute von weniger Menschen ausgeführt werden als noch vor 30 Jahren? Abschaffen! Das hilft der Produktivität natürlich eminenz auf die Sprünge. Aber Produtivität ist sowieso ein diabolischer Begriff. Volkswirtschaften und ein sich aus ihnen ableitender Lebensstandart sind von Begriffen wie Produktivität, Wertschöpfung etc. natürlich scharf zu trennen und wenn sich der Vermögensstand der bundesrepublikanischen Bevökerung im Vergleich zur Zeit von vor 10 Jahren knapp verdoppelt hat, ist dies sicher auch nur eine, negative, Folge des Stress. Wir haben einfach keine Zeit mehr das Geld auszugebene....
Also Entschleuniger aller Länder vereinigt Euch! Weg mit den Agenten des Diabolischen, Controllern, Betriebswirten, Personalmanagern - Managern überhaupt. Dann sehen wir entspannt und entschleunig zu wohin die Reise dieses Landes bei 400 Millionen neuen Arbeitskräften und neuen wirtschaftlichen Supermächten auf diesem Planeten geht. Wahrlich dann haben wir bald wieder sehr viel Zeit im ländlichen, mit unseren Angehörigen, denn sonst ist vom Industrie-/Dienstleistungsstandort Deutschland nicht mehr viel übrig.
PS: Auch der Hinweis auf die Demoskopie ist wenig hilfreich, HP - einer dieser imperialen Globalisierungsunternehmungen, die im Gegensatz zur SPD aber immerhin für Lohn + Arbeit sorgen - verlagert seit Mitte der 90 weg aus Deutschland. Hierbei mal nicht mit der Argumtent "zu teuer", sondern "keine Fachkräfte".
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"I now inform you that you are too far from reality" Muhammed Saeed al-Sahaf
Vielen Dank fuer den Kommentar, DerFeuerbach. Was mich an dem Artikel auch am meisten wundert und interessiert, ist nicht die Tatsache, dass er geschrieben wird und auf was fuer Ideen Frau Gaschke so kommt, sondern dass er erst jetzt geschrieben wird und dass Frau Gaschke offenbar den Eindruck hat, da was ganz Tolles entedeckt zu haben, dass sie uns allen unbedingt mitteilen muss. "Jetzt brauchen wir endlich Zeit zur Entschleunigung", schreibt sie im Anreisser, ohne rot zu werden (vermute ich mal). Ein peinliches Schauspiel.
Viele gute Gedanken. Die heutige schreiende, hämmernde Zeit unterscheidet sich jedoch von der "bedächtigen, schwarz-weißen Bundesrepublik der 60er Jahre" vor allem durch das all-durchwuchernde Geschwür der Popkultur. Die Popkultur ist heute zur Alltagskultur auch der 50- und 60-jährigen geworden, und sie erfasst bereits die kleinen Kinder. Von einer Jugend-Subkultur hat sie sich zu einem Geflecht globaler Unterhaltung entwickelt. Elektronik-Industrie, Ganztagesfernsehen, Internet, Popmusikproduktion - diese Versorgung wird mehr und mehr als "Kulturgut" akzeptiert, und zwar aufsteigend von einer immer breiteren, multiethnischen Unterschicht (die diese Subkultur als einzigen gemeinsamen kulturellen Identifikations-Nenner besitzt) in ein schrumpfendes Bürgertum, dessen überlieferte Werte immer mehr öffentlich diskreditiert werden. Man einigt sich also auf Handy, Chatraum und MTV als kulturellen Konsens.
Wer sind Sie? Und wo?
Mike Overturf
Washington DC
Wer sind Sie? Und wo?
Mike Overturf
Washington DC
Ich denke nicht, dass eine schnelle Welt das Problem ist, sondern die Frage, wie wir damit umgehen. Natürlich sind wir alle einem Druck ausgesetzt, der größer ist als früher. Aber keinem hilft die Sozialromantik und der Verweis auf die damals besseren Zeiten. Dem Druck etwas entgegen setzen zu können, eine Balance zu finden zwischen der Inbox und dem Inneren. Dazu gehört es sich klar zu machen, dass man selbst nur all zu gerne der "Sucht" nach Information und Arbeit nachgeht, weil ansonsten da vielleicht auch manchmal Leere ist. Wir brauchen alle unsere Auszeit - und anderes als früher heute vielleicht täglich. Was machen wir einmal am Tag, um ganz raus zu kommen, aus dem Uhrwerk? Würde sich damit nicht einiges beruhigen lassen? Ich glaube nicht an eine neue Entschleunigungspartei, die mir dann eine Ideologie aufschwatzt usw.
Soziale Angst, Existenznot als neues Phänomen der globalisierten Gesellschaft? Ich bitte Sie! Hat die Arroganz der Gegenwart nun wirklich keine Grenzen?
Erstens: Nie ging es den Deutschen so gut wie heute. Frau Gaschke tut gerade so als wenn die Verdauungsschwierigkeiten von so viel gesellschaftlichem Wohlstand nun katalogisiert werden müssten - zum ersten mal. Naiv ist wirklich ein zu milder Ausdruck für diesen Schüleraufsatz. Tatsache: unsere körperliche Krankheiten sind eine Konsquenz unseres fehlenden physischen Einsatzes. Sie sind also die Konsequenz alter Angewohnheiten unter neuen Bedingungen.
Zweitens: Die Deutschen sind DAS Volk an sich (ausser Japan und USA) dass von der Globalisierung am meisten profitiert. Erst als Exportweltmeister überall absahnen, dann sich beklagen wie schwierig es doch ist den Anforderungen der ganzen Welt gerecht zu werden.
Drittens: Das Überleben erfordert ein gewisses Mass an Selbstverantwortung. Nicht die Globalisierung ist verantwortlich dafür das ich nicht mit meinen Kindern spiele (insofern die deutsche Kinderfeindlichkeit nicht auch dafür gerade stehen muss), sondern ich bin dafür verantwortlich. Die Globalisierung schafft Rahmenbedingungen unter denen die Möglichkeiten die mir wichtig sind realisiert werden können. Das Erkennen der Selbstverantwortung alleine ermöglicht jede Menge Stressverringerung.
Vielleicht sollte Frau Gaschke sich den seelischen und physischen Stress normaler Mitmenschen in Lateinamerika, Afrika, und Asien ansehen um ihr romantisches Selbsmitleid zu relativieren.
movereturf schreibt: "Vielleicht sollte Frau Gaschke sich den seelischen und physischen Stress normaler Mitmenschen in Lateinamerika, Afrika, und Asien ansehen um ihr romantisches Selbsmitleid zu relativieren."
Ah, den anderen geht es ja noch viel schlechter? Das ist nun wirklich der billigste Trick, um ein Problem kleinzureden. Merke: Es gibt immer einen, dem's noch schlechter geht. Allen anderen geht's doch nun wirklich vergleichsweise gut; was regen sie sich da auf?
movereturf schreibt: "Vielleicht sollte Frau Gaschke sich den seelischen und physischen Stress normaler Mitmenschen in Lateinamerika, Afrika, und Asien ansehen um ihr romantisches Selbsmitleid zu relativieren."
Ah, den anderen geht es ja noch viel schlechter? Das ist nun wirklich der billigste Trick, um ein Problem kleinzureden. Merke: Es gibt immer einen, dem's noch schlechter geht. Allen anderen geht's doch nun wirklich vergleichsweise gut; was regen sie sich da auf?
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