Gesellschaft Wie wollen wir leben?Seite 4/4

Unsere Chancen auf eine ähnliche Entwicklung stehen, trotz aller Globalisierung, gar nicht so schlecht, und das liegt am demografischen Wandel: In 20 Jahren gehen bei uns fast doppelt so viele 60- bis 65-Jährige in Rente, wie 20- bis 25-Jährige ins Arbeitsleben eintreten. Schon heute suchen viele Unternehmen händeringend nach Fachleuten; dass auch die Rente mit 67 nur eine Etappe auf dem Weg zu einem längeren Arbeitsleben sein kann, ist unter diesen Bedingungen nicht wirklich eine Überraschung. Es muss aber auch keine Katastrophe sein: jedenfalls dann nicht, wenn wir endlich darüber ins Gespräch kommen, an welchen Maßstäben, Vorbildern und Moden sich dieses längere Arbeitsleben ausrichten soll.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel fordert in ihrem Buch Vom Glück der Unerreichbarkeit eine »Informations- und Kommunikationsökologie«, die es uns ermöglicht, im Zeitalter der Überinformation trotzdem dann und wann einen klaren Gedanken zu fassen. Meckel empfiehlt: einfach manchmal abschalten, unerreichbar sein, um sich konzentrieren zu können.

Man kann mühelos noch weiter gehen: Wir brauchen eine Zeitökologie, die die soziale Umwelt schützt; kein Recht auf Faulheit, aber ein Recht auf Bedenkzeit. Naive Sozialromantik? Darin wäre eine Bewegung für Langsamkeit nicht unverwandt den einst frisch gegründeten Grünen, die sich ja nicht auf Atomausstieg und Nachrüstung beschränkten, sondern einen sozialen und umweltfreundlichen Lebensstil repräsentierten. Heute gehören viele »alternative« Ex-Spinnereien zum Mainstream einer ökologisch verantwortlichen Bürgerlichkeit. Warum sollte das mit einem ähnlich existenziellen Thema nicht noch einmal gelingen können, wenn die Zeit reif ist?

 
Leser-Kommentare
  1. Ein weiterer Aspekt der allseitigen Beschleunigung ist die stark verringerte Halbwertszeit des Blickes und des Denkens. Kaum noch jemand im Management der Firma oder in der Partei denkt weiter als bis heute nachmittags - bis morgen denken ist schon zu weit: was da lles noch dazwischen kommen und passieren kann!
    Wirklich?

    Das Denken über den Tag hinaus war mal eine wichtige deutsche Tugend, wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit; ohne ein Wiederaufleben aller dieser Tugenden ist mittelfristig kein sinnvolles Leben im Lande mehr denkbar.
    Also:
    Schneller, höher, weiter - aber wohin?

  2. Als Nervenarzt kann ich die dramatische Zunahme der Angsterkrankungen und depressiven Störungen nur bestätigen. In den meisten Fällen stehen hinter diesen Erkrankungen folgende Tatbestände: Arbeitslosigkeit, drohender Arbeitsplatzverlust, Rationalisierung, Flexibilität, lean management, Qualitätsmanagement, Zertifizierung, Globalisierung, mithin die Begrifflichkeit, die die neoliberale Politik der letzten 10 Jahre über uns gebracht hat und die letztlich so wie die globale Klimaschädigung nur Ausdruck von Interessen weniger Superreicher ist. Viele junge Paare leiden unter Trennungsstress durch Arbeitsplatzwechsel in eine weit entfernte Stadt. Bei anderen hat der Hauptverdiener den 6. Zeitarbeitsvertrag in Folge, wieder andere arbeiten geduckt mit Überstunden und Zusatzschichten, schieben Urlaubsberge vor sich her, natürlich alles zum Tariflohn. Da verlangt die Familienministerin Krippen und die CSU ein ersatzweises Elterngeld. Verlässliche Strukturen, feste Arbeitsplätze, gesicherte Auskommen sind die Basis für zufriedene Familien bzw. deren Gründungen. Dann wird man auch leistungsfähig und kann Familie und Beruf in Einklang bringen. Eine konzertierte Aktion ist gefragt von Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Gewerkschaften, Parteien gegen die neoliberale Politik. Wir brauchen wieder mehr Kündigungsschutz, Schutz vor wiederholten Zeitarbeitsverträgen, Abbau der Kaste von Controllern, Supermanagern und Qualitätsmanagern, verlässliche Arbeitszeiten, soziale Netze, die nicht durch beliebige Flexibiltät immer wieder zerstört werden.

  3. Nun hat auch die ZEIT sich auf feuilletonistischer Ebene mal mit dem Phänomen der Ent-Temporalisierung beschäftigt und gleich noch einen lesbaren Buchtitel angegeben.
    Fragwürdig, warum es solange gedauert hat. Bereits 2004 hat Rüdiger Safranski mit "Wieviel Globalisierung braucht der Mensch?" ein philosophisch und kulturwissenschaftliches anspruchsvolles Büchlein (7,95 Euro) auf den Martkt gebracht, das bis heute kaum einer ernst nimmt, das aber im Grunde nichts anderes vor hat, als auf die Wichtigkeit von Beschränkung der Sinne auf die nahe liegende Umgebung hinzuweisen, um dem Hype des Globalismus zu widerstehen und sich nicht verführen zu lassen.

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    • zorc
    • 21.10.2007 um 12:58 Uhr

    Vielen Dank fuer den Kommentar, DerFeuerbach. Was mich an dem Artikel auch am meisten wundert und interessiert, ist nicht die Tatsache, dass er geschrieben wird und auf was fuer Ideen Frau Gaschke so kommt, sondern dass er erst jetzt geschrieben wird und dass Frau Gaschke offenbar den Eindruck hat, da was ganz Tolles entedeckt zu haben, dass sie uns allen unbedingt mitteilen muss. "Jetzt brauchen wir endlich Zeit zur Entschleunigung", schreibt sie im Anreisser, ohne rot zu werden (vermute ich mal). Ein peinliches Schauspiel.

    • zorc
    • 21.10.2007 um 12:58 Uhr

    Vielen Dank fuer den Kommentar, DerFeuerbach. Was mich an dem Artikel auch am meisten wundert und interessiert, ist nicht die Tatsache, dass er geschrieben wird und auf was fuer Ideen Frau Gaschke so kommt, sondern dass er erst jetzt geschrieben wird und dass Frau Gaschke offenbar den Eindruck hat, da was ganz Tolles entedeckt zu haben, dass sie uns allen unbedingt mitteilen muss. "Jetzt brauchen wir endlich Zeit zur Entschleunigung", schreibt sie im Anreisser, ohne rot zu werden (vermute ich mal). Ein peinliches Schauspiel.

  4. Sehr schöne Forderungen dies und das und jenes zu ändern. "Konzentrierte Aktion" nennt sich das dann, um die Hilflosigkeit zu übertünchen oder besser die Erkenntnis das eben dies nette Blütenträume sind die niemals wahr werden können.

    Jetzt ist also der Zeitpunkt gekommen das Leben in Bundesrepublik zu "entschleunigen". Im Kontext des Artikels bedeutet dies Fortbildung muss nicht sein (Lebenslanges Lernen wird schon mit Zuchthaus gleichgesetzt), dafür ziehen wir alle wieder an unsere Geburtsstätten zurück bzw. besser gar nicht erst weg.
    Es lebe die - wortwörtliche - Landflucht. Ladenöffnungszeiten? Ein wahres Terrorinstrument, wieder zurück zu den guten alten Zeiten als wir Samstags noch bis 14.00 Uhr einkaufen mussten, nein durften, dann da war es noch nicht notwendig dies später zu tun, wir waren alle so entspannt damals...
    Arbeitsprozesse die heute von weniger Menschen ausgeführt werden als noch vor 30 Jahren? Abschaffen! Das hilft der Produktivität natürlich eminenz auf die Sprünge. Aber Produtivität ist sowieso ein diabolischer Begriff. Volkswirtschaften und ein sich aus ihnen ableitender Lebensstandart sind von Begriffen wie Produktivität, Wertschöpfung etc. natürlich scharf zu trennen und wenn sich der Vermögensstand der bundesrepublikanischen Bevökerung im Vergleich zur Zeit von vor 10 Jahren knapp verdoppelt hat, ist dies sicher auch nur eine, negative, Folge des Stress. Wir haben einfach keine Zeit mehr das Geld auszugebene....

    Also Entschleuniger aller Länder vereinigt Euch! Weg mit den Agenten des Diabolischen, Controllern, Betriebswirten, Personalmanagern - Managern überhaupt. Dann sehen wir entspannt und entschleunig zu wohin die Reise dieses Landes bei 400 Millionen neuen Arbeitskräften und neuen wirtschaftlichen Supermächten auf diesem Planeten geht. Wahrlich dann haben wir bald wieder sehr viel Zeit im ländlichen, mit unseren Angehörigen, denn sonst ist vom Industrie-/Dienstleistungsstandort Deutschland nicht mehr viel übrig.

    PS: Auch der Hinweis auf die Demoskopie ist wenig hilfreich, HP - einer dieser imperialen Globalisierungsunternehmungen, die im Gegensatz zur SPD aber immerhin für Lohn + Arbeit sorgen - verlagert seit Mitte der 90 weg aus Deutschland. Hierbei mal nicht mit der Argumtent "zu teuer", sondern "keine Fachkräfte".

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    "I now inform you that you are too far from reality" Muhammed Saeed al-Sahaf

    • zorc
    • 21.10.2007 um 12:58 Uhr

    Vielen Dank fuer den Kommentar, DerFeuerbach. Was mich an dem Artikel auch am meisten wundert und interessiert, ist nicht die Tatsache, dass er geschrieben wird und auf was fuer Ideen Frau Gaschke so kommt, sondern dass er erst jetzt geschrieben wird und dass Frau Gaschke offenbar den Eindruck hat, da was ganz Tolles entedeckt zu haben, dass sie uns allen unbedingt mitteilen muss. "Jetzt brauchen wir endlich Zeit zur Entschleunigung", schreibt sie im Anreisser, ohne rot zu werden (vermute ich mal). Ein peinliches Schauspiel.

    Antwort auf "Na endlich"
  5. Viele gute Gedanken. Die heutige schreiende, hämmernde Zeit unterscheidet sich jedoch von der "bedächtigen, schwarz-weißen Bundesrepublik der 60er Jahre" vor allem durch das all-durchwuchernde Geschwür der Popkultur. Die Popkultur ist heute zur Alltagskultur auch der 50- und 60-jährigen geworden, und sie erfasst bereits die kleinen Kinder. Von einer Jugend-Subkultur hat sie sich zu einem Geflecht globaler Unterhaltung entwickelt. Elektronik-Industrie, Ganztagesfernsehen, Internet, Popmusikproduktion - diese Versorgung wird mehr und mehr als "Kulturgut" akzeptiert, und zwar aufsteigend von einer immer breiteren, multiethnischen Unterschicht (die diese Subkultur als einzigen gemeinsamen kulturellen Identifikations-Nenner besitzt) in ein schrumpfendes Bürgertum, dessen überlieferte Werte immer mehr öffentlich diskreditiert werden. Man einigt sich also auf Handy, Chatraum und MTV als kulturellen Konsens.

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    Wer sind Sie? Und wo?

    Mike Overturf
    Washington DC

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    Mike Overturf
    Washington DC

  6. Ich denke nicht, dass eine schnelle Welt das Problem ist, sondern die Frage, wie wir damit umgehen. Natürlich sind wir alle einem Druck ausgesetzt, der größer ist als früher. Aber keinem hilft die Sozialromantik und der Verweis auf die damals besseren Zeiten. Dem Druck etwas entgegen setzen zu können, eine Balance zu finden zwischen der Inbox und dem Inneren. Dazu gehört es sich klar zu machen, dass man selbst nur all zu gerne der "Sucht" nach Information und Arbeit nachgeht, weil ansonsten da vielleicht auch manchmal Leere ist. Wir brauchen alle unsere Auszeit - und anderes als früher heute vielleicht täglich. Was machen wir einmal am Tag, um ganz raus zu kommen, aus dem Uhrwerk? Würde sich damit nicht einiges beruhigen lassen? Ich glaube nicht an eine neue Entschleunigungspartei, die mir dann eine Ideologie aufschwatzt usw.

  7. Soziale Angst, Existenznot als neues Phänomen der globalisierten Gesellschaft? Ich bitte Sie! Hat die Arroganz der Gegenwart nun wirklich keine Grenzen?

    Erstens: Nie ging es den Deutschen so gut wie heute. Frau Gaschke tut gerade so als wenn die Verdauungsschwierigkeiten von so viel gesellschaftlichem Wohlstand nun katalogisiert werden müssten - zum ersten mal. Naiv ist wirklich ein zu milder Ausdruck für diesen Schüleraufsatz. Tatsache: unsere körperliche Krankheiten sind eine Konsquenz unseres fehlenden physischen Einsatzes. Sie sind also die Konsequenz alter Angewohnheiten unter neuen Bedingungen.

    Zweitens: Die Deutschen sind DAS Volk an sich (ausser Japan und USA) dass von der Globalisierung am meisten profitiert. Erst als Exportweltmeister überall absahnen, dann sich beklagen wie schwierig es doch ist den Anforderungen der ganzen Welt gerecht zu werden.

    Drittens: Das Überleben erfordert ein gewisses Mass an Selbstverantwortung. Nicht die Globalisierung ist verantwortlich dafür das ich nicht mit meinen Kindern spiele (insofern die deutsche Kinderfeindlichkeit nicht auch dafür gerade stehen muss), sondern ich bin dafür verantwortlich. Die Globalisierung schafft Rahmenbedingungen unter denen die Möglichkeiten die mir wichtig sind realisiert werden können. Das Erkennen der Selbstverantwortung alleine ermöglicht jede Menge Stressverringerung.

    Vielleicht sollte Frau Gaschke sich den seelischen und physischen Stress normaler Mitmenschen in Lateinamerika, Afrika, und Asien ansehen um ihr romantisches Selbsmitleid zu relativieren.

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    • zorc
    • 21.10.2007 um 14:15 Uhr

    movereturf schreibt: "Vielleicht sollte Frau Gaschke sich den seelischen und physischen Stress normaler Mitmenschen in Lateinamerika, Afrika, und Asien ansehen um ihr romantisches Selbsmitleid zu relativieren."

    Ah, den anderen geht es ja noch viel schlechter? Das ist nun wirklich der billigste Trick, um ein Problem kleinzureden. Merke: Es gibt immer einen, dem's noch schlechter geht. Allen anderen geht's doch nun wirklich vergleichsweise gut; was regen sie sich da auf?

    • zorc
    • 21.10.2007 um 14:15 Uhr

    movereturf schreibt: "Vielleicht sollte Frau Gaschke sich den seelischen und physischen Stress normaler Mitmenschen in Lateinamerika, Afrika, und Asien ansehen um ihr romantisches Selbsmitleid zu relativieren."

    Ah, den anderen geht es ja noch viel schlechter? Das ist nun wirklich der billigste Trick, um ein Problem kleinzureden. Merke: Es gibt immer einen, dem's noch schlechter geht. Allen anderen geht's doch nun wirklich vergleichsweise gut; was regen sie sich da auf?

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