Der Erfolg des Journalismus basierte lange Zeit auf einer idealistischen Illusion: dass er letztlich doch kein Geschäft ist, sondern von edlen Menschen betrieben wird, die sich um offene Kommunikation, demokratische Öffentlichkeit, sogar um Kultur kümmern, um Kritik und Kontrolle der Politik, um Orientierung – und damit gerade noch eben auf ihre Kosten kommen. Der Grundwiderspruch zwischen gesellschaftlichem Auftrag der Medien und ihrer Wirtschaftlichkeit wird durch das Ethos der Verantwortlichen aufgelöst, lautete die frohe Botschaft.

Doch im Zeitalter der Globalisierung ist es mit dieser Idylle vorbei. Die »Weltgesellschaft« unterwirft auch den Journalismus den Regeln ökonomischer Effizienz. In dieser Logik wird die Lokalberichterstattung für eine Nachrichten-Website in Pasadena, einem Vorort von Los Angeles, neuerdings von zwei Indern betrieben, die weiterhin in ihrer Heimatstadt Mumbai hocken. Ebenfalls aus Indien, dem Reuters-Büro in Bangalore, berichten mehr als 100 Korrespondenten über den US-Finanzmarkt: Billigjournalismus für Informationen über teure Geschäfte an der Wall Street – ein Sieg der Wirtschaftlichkeit über den Anspruch.

Normativ ist die Sache allerdings nicht ganz so einfach, denn die Pressefreiheit und ihre Ausgestaltung sind immer noch Ländersache; rechtliche und ethische Bestimmungen fallen weltweit durchaus unterschiedlich aus – von der Pressefreiheit insbesondere in autoritären Staaten ganz zu schweigen. Diese Pressefreiheit war stets und überall prekär. In Deutschland wird sie heute eher durch das Geld als durch den Staat bedroht; Ausnahmen bestätigen die Regel. Das heißt, Medien und Journalismus bringen sich durch ihre Geschäftsmodelle und Praktiken selbst in die Bredouille.

Global ist auf jeden Fall heute das Unbehagen über die media performance. Es fällt auf, dass eine internationale Medienkritik bei denselben Problembeschreibungen ansetzt und zu weitgehend identischen, nämlich negativen Urteilen kommt. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung, dass Medien und Journalismus immer mehr den Gesetzen der Kommerzialisierung unterworfen werden, auf Kosten von Unabhängigkeit, Sorgfalt und Fairness. Die Flanellträger in den Management-Etagen haben offenbar gewonnen. »Das Ende der vierten Gewalt« nannte die Zeitschrift Politik & Kommunikation einen aktuellen Titel über den politischen Journalismus.

Medienkritik ist in der Regel eher Sache des Feuilletons oder findet auf den Medienseiten statt; doch in den Wirtschaftsteilen häufen sich neuerdings Hinweise auf Übernahmeambitionen von Finanzinvestoren, die sich gute und gesunde Zeitungsmarken unter den Nagel reißen wollen, um sie noch ein bisschen profitabler zu machen: Die »Heuschrecken«, von denen seit einiger Zeit die Rede ist, haben die Medienlandschaft erreicht. In den USA hängen längst viele Unternehmen an einer langen Kette, die in die Wall Street führt. Alte Verlegerfamilien werden von Spekulanten gelockt oder machen Platz für einen wie Rupert Murdoch, in dessen Medienreich die Sonne niemals untergeht. Seit David Montgomery die Berliner Zeitung übernahm, ist das Problem auch in Deutschland bekannt. Im Kern geht es dabei darum, ob das alte, auf Produktwerbung basierende Geschäftsmodell der traditionellen Medien noch funktioniert – oder ob man nicht eher nach dem Muster der Los Angeles Times mit verringerten qualitativen Ambitionen und einem personellen Schrumpfkurs Kasse machen kann.

Die Beliebigkeitsskala der Themen bleibt nach unten offen

Die Gefahr des Billigjournalismus existiert in der Bundesrepublik im Bereich der Regionalzeitungen schon seit Jahren. Vorläufiger Höhepunkt war hier der Rausschmiss der gesamten Lokalredaktion der Münsterschen Zeitung, um Kosten zu sparen. Medienbetriebe demontieren ihre Redaktionen und umschmeicheln billige Amateure als »Leserreporter«, die ihnen die Seiten füllen. Sie richten zentrale Nachrichtenredaktionen für mehrere Blätter und Sendungen ein, springen in die digitale Welt und reduzieren gleichzeitig ihren Aufwand für journalistische Qualität. Bemerkenswert auch, mit welcher Nonchalance Qualitätstageszeitungen ihre Nebengeschäfte mit CDs und DVDs im redaktionellen Teil bewerben. So wird nicht selten mittelmäßige Ware kulturjournalistisch geadelt.