Mördergrube

Es gibt Kränkungen, die man nicht verzeiht. Diese ungerechte Fünf in Mathe, dieser hämische Satz des Nebenbuhlers damals auf der entscheidenden Party, dieser schmierige Trick des Konkurrenten beim Bewerbungsgespräch das sind Kapitel einer Leidensgeschichte, die der Gedemütigte weder vergessen kann noch will. Sie bilden die dunklen Höhepunkte eines ungeschriebenen Romans, der dem eigenen Leben Bedeutung verleiht.

Es muss ungefähr so gewesen sein: Irgendwann um 1990 herum, da waren sie beide 16 Jahre alt, begegneten sich die Schüler Juli Zeh und Tilmann Lahme auf einem Abtanzball, und das Mädchen Juli gab dem Knaben Tilmann einen hammermäßigen Korb. Was genau damals passiert ist, wissen wir nicht, aber wir konnten die Antwort dieser Tage in der FAZ lesen, wo Tilmann Lahme einen hammermäßigen Verriss des neuen Romans Schilf von Juli Zeh untergebracht hat. Verriss ist eigentlich das falsche Wort, denn um etwas zu verreißen, muss man etwas haben. In Lahmes Augen jedoch ist Zehs Roman das schiere Nichts, und dieses Nichts vernichtet er auf derart nichtswürdige Weise, dass aus der Literaturkritik, die er eigentlich hätte schreiben müssen, die reine Niedertracht wird. Sie gipfelt in den letzten Zeilen: »Juli Zeh will sich nun, hört man, ihrer juristischen Doktorarbeit zuwenden. Da kann sie weiter Thesenklappriges stapeln. Und das Beste: Lesen muss es nur einer.« Denkbar immerhin, dass der Verriss einen seriösen Grund hat, sichtbar wird er nicht.

Dass der Schriftsteller Martin Mosebach der Kritikerin Sigrid Löffler bei einem Abtanzball mit Damenwahl den Korb gegeben haben könnte, ist wegen Mosebachs notorischer Höflichkeit unwahrscheinlich. Es wird einen anderen außerliterarischen Grund dafür geben, dass sich Sigrid Löffler kürzlich in der Titelgeschichte ihrer Zeitschrift Literaturen die allergrößte Mühe gab, den Büchner-Preisträger Mosebach als eitlen Poseur herabzusetzen, der nicht schreiben könne, aber von den mehrheitlich ins Reaktionäre abdriftenden Feuilletons wegen seiner antiaufklärerischen Gesinnung gelobt werde. Folglich befasste sie sich nicht mit Mosebachs umfangreichem Werk, sondern mit seiner ihr missfallenden Geisteshaltung, die sie offenkundig nicht verstehen will.

Man muss sich weder um Juli Zeh noch um Martin Mosebach Sorgen machen, denn beide sind sie gestandene Autoren, die nach Ansicht vieler Kritiker und Juroren preiswürdig sind. Sorgen machen muss man sich um den Zustand der Kritik. Wenn Rachsucht ihr Antrieb ist, wenn Ressentiment das Argument ersetzt, dann zeigt sich darin eine geistige Faulheit des Kritikers. Es mag ja sein, dass ihn unreine, unlautere Motive zum Schreiben drängen, schließlich ist der Literaturbetrieb keine Klosterschule. Aber seine Aufgabe besteht darin, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen und das, was ihm zuwider ist, durch die Kraft nachvollziehbarer Argumente zu kritisieren. Erst dann können wir streiten. Und Streit muss sein.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.43 vom 18.10.2007, S.63
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