Wer jemals eine jüdische Siedlung in den besetzten palästinensischen Gebieten besucht hat, weiß, dass »Siedlung« eine Verniedlichung ist – meist handelt es sich um kleinere oder größere Städte mit vollständiger Infrastruktur. Und wer das Westjordanland in den vergangenen zehn Jahren häufiger gesehen hat, konnte beobachten, wie radikal die Landschaft sich verändert hat – besiedelt, zerschnitten von Straßen, geteilt in Zonen und Kantone. Die Siedlungen und ihr eigenes Straßennetz, out of bounds für Palästinenser, sind in Beton gegossene Fakten, die das Entstehen eines palästinensischen Staates immer unwahrscheinlicher werden lassen.

Der »geistige Vater« des Siedlungsprojekts heißt Ariel Scharon, und obwohl er seit bald zwei Jahren im Koma liegt, arbeitet sein »Masterplan«, wie die Autoren dieses Buches sagen, weiter: möglichst viel Land gewinnen und die Palästinenser dominieren. Es wäre verfehlt zu glauben, der ehemalige Ministerpräsident Israels habe die Siedler im Gaza-Streifen 2005 zum Abzug gezwungen, weil er einsichtig geworden sei – schließlich ist es nach internationalem Recht »einer Besatzungsmacht untersagt, eigene Bevölkerungsanteile auf das okkupierte Territorium zu verlegen«. Dieses »schmerzhafte Zugeständnis« entsprach vielmehr einem durchgängigen Muster: Hier ein paar Opfer bringen, um anderswo die Landgewinnung zu forcieren. Die Mauer, die Israelis und Palästinenser trennen soll – sie hat mittlerweile eine Länge von über 400 Kilometer erreicht –, dient diesem Zweck: Sie schlängelt sich tief durch palästinensisches Territorium und verlagert große jüdische Siedlungen auf die israelische Seite des Zauns – quasi eine Annexion.

Die Historikerin Idith Zertal und der Journalist Akiva Eldar, namhafte israelische Intellektuelle, haben ein beeindruckendes Standardwerk über die Siedlerbewegung vorgelegt, die erste umfassende Untersuchung überhaupt. Sie haben sich an ein heißes Eisen gewagt, denn kein Thema ist im Israel-Palästina-Konflikt so umstritten und politisch aufgeladen wie dieses. Die Siedlungen stehen einem Frieden im Nahen Osten im Wege, verletzen die Menschenrechte der Palästinenser und belasten die israelische Demokratie. Streng wissenschaftlich und faktisch unangefochten, dabei glänzend geschrieben und aus dem Englischen ausgezeichnet übersetzt, stellen die Autoren die Geschichte der Siedlungen sowie die Ideologie der Siedler dar. Sie zeigen, welch gravierenden Beitrag alle staatlichen Institutionen geleistet haben, um dieses Projekt zu einem Monster zu machen, das Israel mittlerweile selbst gefährdet.

Die Bewegung begann mit dem Rabbiner Zvi Yehuda Kook und später seinem Sohn, kurz nach der Staatsgründung in den 1950er Jahren. Die religiös motivierten Gründer bemächtigten sich der Politik, um den jüdischen Nationalismus von innen heraus zu verändern; ihre Ideologie verwischte die Grenze zwischen Theologie und Politik. 1974 entstand der Siedlerblock Gusch Emunim, der »einhergehend mit dem kontinuierlichen Machtschwund der historischen Arbeiterbewegung, zur einflussreichsten politischen und kulturellen Kraft in der Geschichte des israelischen Staates« wurde – und zur gefährlichsten. Ministerpräsident Jitzchak Rabin verabscheute den Gusch, er nannte ihn ein »Krebsgeschwür im Körper der israelischen Demokratie«, dennoch kapitulierte er vor dem herrischen Auftreten der Siedler.

Um das Land zu »erlösen«, rechtfertigen die radikalen Siedler jedes Mittel, denn sie meinen, einen neuen Holocaust verhindern zu müssen, dessen »völlig andersgeartete Realität« sie auf einen »internen israelischen Konflikt übertragen« haben. Diese Bewegung, ähnlich einer Sekte, pflegt einen Todeskult, der eigene Opfer gewalttätiger Auseinandersetzungen zu Heiligen erklärt. Deren Gräber gelten als jüdische Flächen, als weitere Wurzeln, die Juden im ihnen verheißenen Land schlagen. Weil dort kein Platz für Fremde ist, gehen sie seit Jahren aggressiv gegen die palästinensischen Bewohner vor, zerstören ihre Olivenhaine und nehmen durch unkontrollierte Schießereien bewusst Tote in Kauf. Kritiker sprechen deshalb nicht vom Westjordanland, sondern vom Wilden Westen.

Das Faszinierende an diesem Buch ist, dass die Autoren schonungslos die Ambivalenzen des Siedlungsprojekts offenlegen. Sie zeigen, dass sämtliche Parteien Israels direkt und indirekt am Ausbau der Siedlungen beteiligt waren, allen voran die Arbeitspartei, deren Vertreter hin- und hergerissen waren zwischen Bewunderung und Ablehnung. Die Gründergeneration Israels hegte eine Schwäche für die tatkräftigen »Pioniere«, ja sie buhlte geradezu um deren Gunst; andererseits fürchtete sie sich vor ihnen und scheute aus Angst vor einem »Krieg unter Brüdern« Konfrontationen. Die Siedler haben ein scharfsinniges Gespür für die Spielregeln des politischen Geschäfts und hängen ihr Fähnchen je nach Bedarf in den Wind: Wer heute Freund war, kann morgen schon zum Feind werden – Abspaltungsprozesse, die bislang jeder Politiker, der sich auf sie einließ, am eigenen Leib erfuhr. Der Gusch Emunim sei »messianisch und rational, revolutionär und anachronistisch, politisch und apolitisch, selbstgerecht und gewalttätig«, sagen Zertal und Eldar, und das seien nur einige der Widersprüchlichkeiten dieser Bewegung.