Diplomatie Eine Reise ins Innere
Nicht alle mochten ihn. Shimon Stein stellte als israelischer Botschafter den Deutschen unbequeme Fragen. Jetzt sucht er nach dem »deutschen Klang«
Mit gelbem Filzstift markiert er oft Sätze, Worte, Namen, die man benutzt, manchmal überlegt, manchmal eilig dahingeschrieben. Shimon Stein stolpert darüber, regelmäßig. »Was meinst du damit?« »Warum schreibst du das?« »Was hast du mit Tony Judt, man weiß doch im Vorhinein, was er denkt?«
Sieben Jahre war Shimon Stein Botschafter seines Staates, am 31. Dezember 2000 traf er am Flughafen Schönefeld ein. Wenige Tage später rief er an. Na, auch in Berlin? So war das schon 1980, in seinen ersten Bonner Jahren, Schmidt regierte noch, die Friedensbewegung protestierte mächtig, und er wollte unbedingt herausfinden, ob das die neue Avantgarde ist. Als er eintraf, war er bereits zweimal im Krieg gewesen. Mehr zu erzählen als unsereins hatte er wahrlich.
2007: Den Satz Angela Merkels vor der UN in New York, zur »Staatsraison« der Bundesrepublik gehöre das Existenzrecht Israels, kann man getrost auch als seinen Erfolg betrachten. Stein schwieg nicht. Er druckste nicht herum. Robust wirkte er und elegant. Dass die Robustheit sich aus der Sache ergab, ist oft gern übersehen worden.
Vorgestanzt waren manche Urteile, Vorurteile, auch Ressentiments, seit er die Nachfolge Avi Primors antrat. Einen werbenden Israel-Erklärer wie Primor, dem Anklagen so fern zu sein schienen im »Täterland«, so wünschte man sich gemeinhin den Botschafter. Mit Kritik an Israel sollte er möglichst vorangehen. An dieser Elle gemessen, galt Stein früh – und das blieb zäh haften – als ein »Hardliner«. Ja, er warnte die Deutschen vor Rückfällen, er sah auch Anlass dazu. Wachen wollte er. Er wagte, die Linie Ariel Sharons zu erklären und zu begründen, von dem es seit dem Libanonkrieg ein fixes Bild als Mann für die »militärischen Lösungen« gab. Strengstens loyal machte er das. Deutsche Politiker von Kohl über Fischer bis Merkel wussten den Rat zu schätzen, aber gerade die Medien fanden das widerborstig und nicht schmiegsam genug. Dass er selber sich als »Realpolitiker« sieht, sich gelegentlich auch einen »Bismarckianer« nennt, hat er nie geleugnet. Wenn dieses verbreitete Bild über Stein als Repräsentant einer neuen israelischen Unbeirrbarkeit und Härte unter die Haut ging, ließ er sich davon in seinem »Abschiedsbrief – über das Bleiben, auch wenn man geht«, jedenfalls nichts anmerken. Spannend, zufriedenstellend, frustrierend, produktiv, bereichernd und aufklärerisch lauteten seine Stichworte. Als Teil des Westens müssten sich beide Staaten verstehen. Stein geradeheraus: Israel brauche Partner, Deutschland sei einer.
Stein kam 1948 zur Welt, seine Vorfahren waren europäische Juden. Die Mutter aus der Bukowina hatte noch eine deutsche Oberschule besucht. Der Sohn studierte Geschichte in Jerusalem, 1974 ging er in den diplomatischen Dienst.
Herumgesprochen hat sich, dass er ein Musikbesessener ist, nicht nur ein durch und durch politischer Mensch. Einen Moment lang jedenfalls sollte man sich einlassen auf den Gedanken, Musik sei vielleicht gar nicht nur das »andere Leben« eines ganz anderen Shimon Stein, sondern einfach eine andere Seite. Er ist ja ein Suchender. Wie auch immer – der dritte Akt aus dem Parsifal, die Klarinetten, hast du das im Ohr?, fragt er gelegentlich.
Und – live muss die Musik für ihn sein. Hören, aktiv hören, sagt Shimon Stein, nicht nur zu Hause, sondern dort, wo Musik gemacht wird, das sei neben aktiv spielen das Beste. Die Eltern konnten sich ein Klavier nicht leisten, also übte er auf dem Akkordeon, dem Schlagzeug, der Klarinette… Noch ist seine Sammlung von Klarinettenkonzerten nicht komplett, aber viel fehlt nicht mehr.
Ihn beschäftigt das, was deutsch ist an der deutschen Musik. Gibt es einen deutschen Klang? Aber gewiss! Daniel Barenboim hat ihm einmal die Geschichte erzählt, wie er von Argentinien auswanderte nach Israel, um dann nach Deutschland zu kommen. Der Klang, den er hier zu hören bekam, sei derselbe, den er als Junge beim israelischen Staatsorchester gehört hatte. »Dunkel« war dieser Klang übrigens. Bach-Fugen oder Beethoven-Sonaten und das deutsche Lied, das gibt es nirgendwo anders.
Bereits 1973 lernte er hier Deutsch. »Das war schon die Entscheidung.« Etwas lockte. Man kann nur mutmaßen. Nein, nicht direkt die Musik, der »dunkle Klang«. Begeistert waren sein Vater und die Adoptivmutter nicht, dass Steins Tochter im Bonner Johanniter-Krankenhaus geboren wurde. Seine Familienangehörigen waren einst in ein KZ in Transnistrien in der Ukraine deportiert worden, alle Juden aus Czernowitz kamen dorthin, berichtet er lakonisch. Die Eltern »haben sich durch das Schweigen erinnert«. Er hingegen »wollte durch das Kennenlernen erinnern«.
Brücken über den Abgrund wollte schon Ben Gurion schlagen, Brücken zum »anderen Deutschland«. Dass er sich in dieser Tradition sieht, ist oft ignoriert worden, vielleicht auch, weil er das Zuspitzen so liebt. Das helfe jedoch bei der Analyse, findet er. Ein »sozialdemokratisches Herz schlägt eben in mir«, flocht er einmal fröhlich ein, als er die Mühseligen und Beladenen in Afrika gegen kaltherzige Reden über den Globalisierungssegen in Schutz nahm. Manchmal aber wisse er selber gar nicht so genau, ob er im Gespräch am Tisch nur zugespitzt habe aus Provokation und sportlicher Neigung – oder doch aus Überzeugung.
Tief verletzt haben ihn manche Abschiedskommentare, beispielsweise wenn ihm »alttestamentarische Kompromisslosigkeit« vorgehalten wurde. Ohnehin – auf der Seele haben ihm manche herumgetrampelt, denen er es nie sagen würde. Manche Leben brauchen ihre Panzer. Kannte er immer nur eine Wahrheit, eine Linie? Welcher Unsinn! Alle saßen an seinem Tisch, Falken und Tauben, Kritiker wie Verteidiger Israels. Nur spricht er über Differenzen gern offen und direkt.
Bei einem Abendessen zitierte er den Schriftsteller Amos Oz: Tausend Jahre habe Europa gebraucht, so viel Blut sei geflossen in so vielen Kriegen, er sei sicher, nicht ganz so lange werde Israel dafür benötigen. Prozesse, sagt der Historiker in ihm, brauchen länger, als unsere Biografie dauert. Versucht man sie zu forcieren, mache man Fehler. Das postnationale Europa, erwidert er dann schon mal dem Gegenüber, das ist doch auch nur dein Traum, eine idealistische Vision, eine Utopie, die Europäer lassen doch ihre Nationen nicht los?!
Nicht alles kann man erklären, räumt Stein irgendwann ein, »ich lebe mit vielen Widersprüchen«. Steckt nicht die Realität voller Widersprüche? Und was ist seine Kritik an »uns«? Der Öffentlichkeit, erwidert Stein, habe er immer vorgehalten, sich ein zu schlichtes Bild von Israel zu machen. Ja, die Deutschen »lieben harte Israelkritiker, weil sie dann sagen können, wir sind nicht die Einzigen, die es so sehen«. Von den anderen Kritikern hingegen, denen Israel zu weich ist, zu kompromissbereit, von dieser Kritik von rechts wolle man hierzulande weniger hören. »Ich war nicht hier als Shimon Stein«, sagt Shimon Stein. »Ich wollte klar machen, wie die Mehrheit von Israel tickt.«
Mindestens legitim ist seine Rückfrage, ob man sich denn überhaupt um ein einigermaßen objektives Bild von Israel bemühe und man sich hinreichend in den Kontext innerisraelischer Debatten hineinzuversetzen versuche. Es ist diese störrische Frage, die seine sieben Jahre durchzieht. Verändert hat sich die Welt, aufwachen bitte! Die neunziger Jahre sind vorbei, Camp David scheiterte, ein »Paradigmenwechsel« folgte, die Israelis beantworteten das in ihrer breiten Mehrheit mit der Wahl Sharons. Deutschland aber, sagt Stein im Sitz-Winkel im Berliner Café Einstein, in dem er so gerne sitzt, sei mit dem Bild der neunziger Jahre stehen geblieben.
Seine Bilanz? Ein langer Satz wird das, man ahnt es! Nicht gelungen sei es, die Zwänge hinreichend verständlich zu machen, unter denen Israel seit der Stunde null und vor allem in den letzten Jahren des Terrors agiere; die Schwierigkeiten eines Staates, der von seinen Nachbarn nicht wahrgenommen werde und mit existenziellen Fragen infolge dieser Nichtanerkennung zu kämpfen habe; eines demokratischen Staates, der mit einem asymmetrischen Krieg konfrontiert sei, der »Antworten geben muss, ohne Antworten zu haben«.
Von Europa und auch von Deutschland hat er stets commitment vermisst. Wer steht auf unserer Seite, at the end of the day? Für die deutsche Sicherheit hätten andere die Verantwortung übernommen, der Wohlstand sei für Bundesbürger eine heilige Sache geworden, vergebens habe man daher auf israelischer Seite »mehr Fingerspitzengefühl« erwartet. Ja, das Resultat war »eine gewisse Entfremdung«. Shimon Steins sieben Jahre könnte man dann umgekehrt als Versuch sehen, vorzuexerzieren, wie man sich ernsthaft auf etwas einlässt. Erinnern durch Kennenlernen. »In guter Erinnerung« wird er die Jahre dennoch behalten, auch das gehört zur Soll-und-Haben-Bilanz. Während er in Washington war, zwischen 1988 und 1993, veränderte sich die Weltgeschichte, das gibt’s nur einmal für einen politischen Menschen wie ihn. Das konnte Bonn gar nicht bieten. Mit Berlin habe er alles erreicht, was er erreichen konnte. Was aber Deutschland und Israel angeht – das bleibt ohnehin eine ewige, nie glatt aufzulösende Geschichte.
Und welches Israel erwartet ihn? Einerseits: Im Schatten der Sicherheitsfragen sei vieles nicht aufgearbeitet, mit der Identitätsfrage beginne das. Bei euch ist das doch auch so, worüber sonst hätte man in den Bonner Jahren seit 1980 denn gestritten? Und 1989 wieder! Wird sogar das »europäische« Deutschland nicht heimlich doch nationaler? Ja, fährt Stein fort, »wir sagen, Israel soll weiter jüdisch und demokratisch, religiös und säkular sein, aber vieles ist nicht ausführlich und nicht zu Ende diskutiert«. Andererseits: Prophezeit habe man immer wieder, die Gesellschaft breche auseinander. Zeige mir eine Gesellschaft, fährt Shimon Stein auf, die inmitten des Libanonkrieges ihr erfolgreichstes Jahr erlebt, mit einem Wachstum von 5,2 Prozent, mit 21 Milliarden Auslandsinvestitionen, null Inflation, Rückgang der Arbeitslosigkeit von 12,8 auf 8 Prozent, das so viel auf die Beine gebracht hat und so risikobereit ist?
Gelegentlich mischt sich, wenn man über Identität spricht, auch ein anderer Ton bei ihm hinein, sagen wir ruhig, ein dunkler Klang. Amos Oz hat recht, Stein kommt darauf zurück. Die Juden, über Europas Staaten verstreut, waren die einzigen Europäer, und gerade die hat man weggetrieben oder ermordet. Ihre große Liebe zur Kultur hätten sie »mit nach Palästina genommen«. Lies das Buch über das Rosenkranz-Quartett! Heimat Europa, ist es das, was man da leise bei ihm heraushört?
Am 21. Oktober fliegt er zunächst in die andere Richtung, zurück nach Israel. Es ist ein Abschied von vielem. Alles, fast alles wird neu, auch privat. Brücken sind abgebrochen. Ein kleines Appartement in Tel Aviv wartet. Den auswärtigen Dienst verlässt er auf seinen Wunsch. Beruflich startet er ganz neu. Von Deutschland aus übrigens, vielleicht aus Hamburg, als Berater von Unternehmen in aller Welt.
Stein ein »Preuße«? Woher denn! Shimon Stein war sieben Jahre lang der offene und ehrliche Diplomat par excellence, mit Rundumsicht in die Welt, mit Unbefangenheit sondergleichen, so widersprüchlich das in sich klingen mag, einer mit atemberaubendem commitment, um es mit seinem Wort zu sagen. Zum Glück war er das! Er war der andere Botschafter, für mich jedenfalls.
Intim hat er die Bundesrepublik kennengelernt, besser vermutlich als viele von uns, aber ist, at the end of the day, damit auch die Reise ins Innere beendet? Wohl kaum, aber wer weiß das schon. Für ihn wird die »deutsche Frage« bleiben. Nachreisen wird er weiter der Sehnsucht namens Musik. Erstmals fährt er dann vielleicht auch nach Bayreuth, was er sich als Israels Botschafter nicht erlauben durfte, um Wagner zu hören, vielleicht den geliebten Parsifal oder gar die Meistersinger, wenn er es einmal ganz deutsch haben will.
- Datum 20.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bismarck der Begründer des völkischen deutschen Nationalstaats hat die Grundlagen dieses Staates nicht so geschaffen dass die jüdischen Bürger auf Dauer daran teilhaben konnten , darunter leidet heute die Menschheit immer noch. Aber die jüdischen europäischen Kolonisten im Orient haben diese europäische völkische Raumordnungs-Ideologie trotzdem übernommen und in diese vorher multikulturelle orientalische Gesellschaft gewaltsam exportiert. Die Gewalt wäre zu beenden wenn alle Menschen im Machtbereich der zionistischen Ideologie ihre gleichberechtigte Teilhabe und Rechte hätten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren