Fotografie Peng, bum, paff!
Der Schweizer Künstler Roman Signer sprengt gerne Formen. In Berlin ist dem Empiriker des freien Spiels nun eine Ausstellung gewidmet.
Auf dem ersten der vier Fotos steigt ein Mann in roter Jacke einen schwarzen Berg hinauf. Der Betrachter wundert sich: Wieso hat der Mann den aufgepumpten Schlauch eines Autoreifens dabei? Auf den nächsten beiden Fotos erreicht der Mann den Gipfel und lässt dann von dort den Schlauch hinunterrollen. Auf dem letzten Foto verschwindet der Schlauch in einer Schwefelwolke. Der schwarze Berg ist ein Vulkan, der Schlauch wurde also »vulkanisiert«. Der Mann in der roten Jacke hat sich das ausgedacht, es ist der Schweizer Künstler Roman Signer, der nächstes Jahr 70 Jahre alt wird und dessen erstaunlichem Œuvre im Hamburger Bahnhof in Berlin (bis zum 27. Januar) eine große Ausstellung gewidmet ist.
Mit Neugier, Vergnügen und großem forscherischem Ernst untersucht Roman Signer, wie sich gewisse Formen – etwa Schläuche, Gummistiefel oder Kajaks – in einer bestimmten Zeitspanne in neue Formen verwandeln können. Meistens verwendet Signer Hilfsmittel, um die Transformation der Gegenstände in Gang zu setzen. Wenn er nicht gerade auf einem Vulkan weilt, benutzt er dazu am liebsten verschiedene Sprengstoffe. Die Verwandlungen werden dann in Fotoserien oder Filmen dokumentiert. Da ist zum Beispiel Tisch mit Sandkegel von 1998: Ein einfacher Holztisch steht auf dem ersten von sechs Fotos in der Schweizer Landschaft, auf der Platte ruht ein Kegel aus Sand. Auf dem zweiten Foto fehlt dem Tisch plötzlich ein Bein, dafür ist da jetzt ein schwarzer Rauchpilz – der Sandkegel ist intakt. Auf dem dritten Bild hat sich der Tisch zur Seite geneigt, ein zweites Bein ist eingeknickt, der Kegel hat sich in eine schöne runde Sandscheibe verwandelt. Auf dem vierten Bild fließt diese Sandscheibe wie eine von Dalí gemalte Uhr von der kippenden Tischplatte auf den Boden. Die Tischplatte fällt schließlich, das zeigen die letzten beiden Fotos, auf den am Boden verteilten Sand. »Zeitskulpturen« hat der Philosoph Paul Good diese Arbeiten von Signer einmal genannt. Nicht der starre Gegenstand steht im Zentrum, sondern ein Ereignis, eine Metamorphose.
Neben zahlreichen Fotoserien, älteren und neueren Filmen sind im Hamburger Bahnhof auch Skulpturen Signers ausgestellt. Etwa ein Raketenstuhl, der an Seilen von der Decke hängt: ein normaler Küchenstuhl aus Holz, in dessen Sitzfläche aber ein Düsenantrieb eingebaut ist. Der Stuhl sei schon einmal geflogen, erzählt der Künstler, aber an Seilen, er sollte ja nicht abhauen. Und dann liegt da an einer Wand auch die unscheinbare Arbeit Batterien von 1997: Ein einfaches Brett, auf das Dutzende von roten Flachbatterien montiert sind, dazu Kabel und eine kaputte Glühbirne. Signers lakonische Erklärung: »Für diese Arbeit habe ich sehr viele Batterien auf ein Brett geklebt und alle durch eine Serienschaltung miteinander verbunden. Zusammen ergab das fast 400 Volt, wir haben das gemessen. Daran habe ich eine Glühbirne angeschlossen und dann den Stromkreis geschlossen. Es war seltsam: Diese Art Glühbirnen ist ja auf Wechselstrom ausgelegt, hier hat sie aber in einer seltsamen Farbe zu glühen begonnen. Und dann ist sie buchstäblich verbrannt. Aus Sicherheitsgründen habe ich diese Arbeit auf der Terrasse gemacht.«
Die Frage, die Signer anzutreiben scheint: Was passiert, wenn man das macht, was man normalerweise nicht macht? Wie fühlt sich das an? Und so hat der keineswegs lebensmüde Signer sich auch Gefahren ausgesetzt, ließ sich beim Einbrechen in einen zugefrorenen See filmen, rannte mit Feuerwerksraketen um die Wette oder hielt sie einfach fest in den Händen, während sie explodierten. Signer war zur Documenta 8 eingeladen, vertrat die Schweiz 1999 auf der Venedig-Biennale, und dennoch ist er international noch nicht so bekannt wie seine Landsleute Fischli und Weiss. Was wohl auch damit zu tun hat, dass Signer nicht in Zürich, London oder New York arbeitet, sondern in St. Gallen, 30 Kilometer entfernt von seinem Geburtsort Appenzell.
Meist ist es die Landschaft um seinen Wohnort, die ihm als Atelier dient. Ein Land-Art-Künstler sei er deswegen aber noch lange nicht, sagt er, schließlich wolle er die Natur nicht dauerhaft verändern. Signer will ganz vieles nicht sein, das macht er im Gespräch schnell klar: Er sei kein Sprengkünstler, kein »Schweizer Kracher«, kein Aktionskünstler. Er ist wohl eher ein Anarchist, ein Querdenker, ein Widerborst, auch äußerlich, so stehen ihm die angegrauten Haare vom Kopf. Zum Jeanshemd trägt er ein Brillengestell, wie es auch Honecker gemocht hätte. Und was hält er von dem umstrittenen Sammler Flick, der die meisten der hier ausgestellten Arbeiten zusammengetragen hat? Ein Künstler hafte nicht für seinen Sammler, sagt Signer. Aber das Verhalten Flicks in der Diskussion um die Entschädigung von Zwangsarbeitern habe ihn überrascht.
In vielen seiner slapstickhaften Kurzfilmen ist der Künstler selbst der Hauptdarsteller: Er kommt etwa mit einem Revolver ins Blickfeld, spannt sich den Massageriemen einer altertümlichen Fitnessmaschine um den Rücken und schaltet sie an. Die Maschine rüttelt den Künstler also kräftig durch, während er mit dem Revolver auf eine glitzernde Dose an der Wand zielt. Signer schießt – und verfehlt die Blechdose natürlich. Der Künstler zielt noch einmal konzentriert, peng, wieder daneben. So geht das, bis das Magazin leer geschossen ist. Der Betrachter fragt sich derweil, was Signer zu diesem Experiment getrieben haben mag: Was bedeutet das eigentlich – Old Shatterhand?
Roman Signer sagt von sich selbst, dass er keine intellektuelle Kunst mache, dass er manchmal etwas naiv sei. Er ist ein Grundlagenforscher des Spiels mit alltäglichen Dingen. Jenes freien Spiels, wie es Kinder kennen, wie es zugleich auch Grundantrieb für Kunst ist. Spiel ist, sagt Kant, eine Beschäftigung, die für sich selbst angenehm ist. Und so versucht Signer immer neue Dinge: sich in ein Kajak setzen, das von einem Auto über Feldwege gezogen wird. Über den eigenen Kopf eine Mütze ziehen, die mit einer Schnur an einer Feuerwerksrakete befestigt ist. Dann die Rakete zünden und sich die Mütze vom Kopf schießen lassen. Sich dabei nicht aus der Ruhe bringen lassen, immer stoisch bleiben, das scheint für ihn eine Grundregel zu sein.
Nach dem Besuch der Berliner Ausstellung möchte man unbedingt Signers dreibändiges Werkverzeichnis kaufen, um den ganzen Erfahrungsschatz dieses abenteuerlustigen Künstlers schauen und lesen zu können. Roman Signer kann nämlich nicht nur Formen transformieren, sondern auch Stimmungen. Mit seiner Kunst sprengt er dem Betrachter ein Lachen ins Gesicht.
- Datum 19.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
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