In den ersten Jännertagen des Jahres 1913 traf Stalin aus Krakau kommend im zugefrorenen, eingeschneiten Wien bei den Trojanowskis ein. Lenin nannte sie »gute Leute… Sie haben Geld!«. Alexander Trojanowski war ein stattlicher junger Aristokrat und Heeresoffizier. Durch seinen Dienst im russisch-japanischen Krieg war er zum Marxisten geworden, und nun gab er die von ihm finanzierte Zeitschrift Prosweschtschenije (Aufklärung) heraus, die Sossos Essay veröffentlichen sollte (von Freunden und Genossen wurde Stalin »Sosso« gerufen, Lenin hatte ihn beauftragt, einen grundlegenden Aufsatz über Marxismus und die nationale Frage , der Stalins berühmtestes Werk werden sollte, zu verfassen; Anm. d. Red.). Trojanowski beherrschte nicht nur die deutsche, sondern auch die englische Sprache und wohnte mit seiner schönen, ebenfalls von Geburt adligen Frau Jelena Rosmirowitsch in einem großen, bequemen Appartement in der Schönbrunner Schlossstraße 30 (wo sich noch immer eine blaue Gedenktafel aus dem Jahr 1949 befindet). Auf dieser Allee fuhr der alte Kaiser Franz Josef täglich von seiner Residenz im Schloss Schönbrunn zu seinem Büro in der Hofburg und zurück.

Der uralte bärtige Habsburger, der seit 1848 herrschte, benutzte eine vergoldete Kutsche, die von acht weißen Pferden gezogen wurde. Die Karosse war mit Postillionen bemannt, die schwarz und weiß paspelierte Uniformen und weiße Perücken trugen; als Eskorte fungierten ungarische Kavalleristen mit gelbschwarzen Pantherfellen über der Schulter. Stalin dürfte diese Vision überholten Glanzes nicht verpasst haben, und er war nicht der einzige künftige Diktator, der sie gewahrte, denn die Besetzung von Titanen des 20. Jahrhunderts im Wien des Januars 1913 (auch Josip Broz, der spätere Marschall Tito, lebte als Mechaniker hier) würde einem Drama von Tom Stoppard Ehre machen. In einem Männerheim in der Meldemannstraße – in einer anderen Welt, verglichen mit Stalins viel herrschaftlicherer Adresse – wohnte ein junger Österreicher, der sich nicht als Maler durchsetzen konnte: der dreiundzwanzigjährige Adolf Hitler.

Sosso und Adolf teilten sich eine der Sehenswürdigkeiten von Wien. Hitlers bester Freund Kubizek erzählt: »Wir schauten oft zu, wie der alte Kaiser in seiner Kutsche von Schönbrunn zur Hofburg fuhr.« Aber beide künftige Diktatoren waren unbeeindruckt oder reagierten sogar geringschätzig. Stalin erwähnte das Schauspiel nie, und »Adolf machte nicht viel Aufhebens davon, denn er war nicht an dem Kaiser interessiert, nur an dem Staat, den er repräsentierte«.

In Wien waren Hitler und Stalin, wenn auch auf unterschiedliche Art, von Rassenfragen besessen. In dieser Stadt der altertümlichen Höflinge, jüdischen Intellektuellen und rassistischen Hetzer machten die Juden zwar nur 8,6 Prozent der Bevölkerung aus, doch ihr kultureller Einfluss war viel größer. Hitler formulierte die antisemitische völkische Theorie der Rassenvorherrschaft, die er seinem europäischen Reich als Führer aufzwingen sollte. Stalin dagegen, der die Recherchen für seinen Nationalitätenartikel anstellte, entwickelte eine neue Idee für ein internationalistisches Reich mit einer Zentralgewalt hinter scheinbarer Autonomie. Dies war der Prototyp der Sowjetunion. Fast dreißig Jahre später sollten die ideologischen und staatlichen Strukturen der beiden Männer im brutalsten Konflikt der Menschheitsgeschichte aufeinanderprallen.

Die Juden passten in keine der beiden Visionen. Sie stießen Hitler ab und erregten ihn, während sie Stalin, der ihren »mystischen« Charakter angriff, irritierten und verwirrten. Eine zu starke Rasse für Hitler, waren sie keine hinreichend ausgeprägte Nation für Stalin.

Die beiden angehenden Diktatoren hatten in Wien einen Zeitvertreib gemeinsam: Beide gingen gern im Park des kaiserlichen Schlosses Schönbrunn spazieren. Sogar, als sie 1939 durch den Molotow-Ribbentrop-Pakt zu Verbündeten wurden, begegneten sie einander nicht. Wahrscheinlich kamen sie einander nie näher als auf jenen Spaziergängen.

»Die wenigen Wochen, die Genosse Stalin bei uns verbrachte, waren ausschließlich der nationalen Frage gewidmet«, sagt Olga Weiland, das Kindermädchen der Trojanowskis. »Er bezog alle in seiner Umgebung ein.« Trotz seiner periodischen Beschäftigung mit der Sprache konnte Stalin keine deutschen Texte lesen. Also half ihm das Kindermädchen, ebenso wie ein anderer junger Bolschewik, den er nun kennenlernte: Nikolai Bucharin, ein intellektueller Kobold mit funkelnden Augen und einem Ziegenbart. »Bucharin kam jeden Tag in unsere Wohnung«, sagt Olga Weiland. Während Stalin hoffnungsvoll mit dem Kindermädchen flirtete, gab sie dem witzigen, schelmischen Bucharin den Vorzug. Außerdem hatte sie die Aufgabe, Stalins Hemden und Unterwäsche zu reinigen, was, wie sie sich nach seinem Tod beklagte, eine Zumutung war.