Slowenien Karneval der Kulturen
Wer sich im slowenischen Hotel Vila Bled einquartiert, muss das Exzentrische lieben.
Marmor, sehr viel Marmor. In der Eingangshalle glänzt schwarzer, schillernd geäderter Marmor vom Boden bis zur Decke. Entlang der Treppen und der Flure, im Frühstücksraum, im Speisesaal: Marmor. Elfenbeinfarbener, matter, kostbarer Marmor. Man gewöhnt sich innerhalb von ein paar Stunden daran, wie man an weiße Allerweltstapeten gewöhnt ist. Man löffelt am Abend eine klare Fleischbrühe mit herzhaften Maultaschen auf slowenische Art, streicht mit den Fingerspitzen über die Wand und denkt mit behaglicher Selbstverständlichkeit: Marmor.
Merkwürdig ist es natürlich schon. Eigentlich würde man hier rustikales Holz erwarten, wie es sich im alpinen Ambiente der Jäger und Wanderer gehört. Draußen liegen die Gipfel der Julischen Alpen im Abendlicht, vor dem Fenster glitzert das blitzsaubere grüne Wasser eines Bergsees, auf dem Inselchen in der Seemitte steht eine Barockkapelle. Hier drinnen aber sitzen die Hotelgäste zwischen Marmorwänden wie in einem indischen Stadtpalast. Merkwürdig und schräg ist an der Vila Bled aber so einiges. Die quadratischen Säulen beispielsweise, die im Innenhof aufragen – Säulen ist gar nicht das richtige Wort. Von ihren wuchtigen Ausmaßen her handelt es sich um Autobahnbrückenpfeiler, viermal so groß, wie es den Proportionen des restlichen Gebäudes angemessen wäre. Oder die kleine Bar mit ihren originalen roten Polstersesseln aus den Fünfzigern: Als wäre es das Normalste von der Welt, nimmt ein artiges englisches Ehepaar den Five o’Clock Tea unter einem Ölschinken ein, auf dem niemand anderer als der ehemalige jugoslawische Diktator Tito abgebildet ist. Am Tisch daneben stoßen drei amerikanische Golfer mit einem Gläschen Wodka an. Dazu, beschließen sie, gehört eine schöne Zigarre. Der slowenische Kellner nimmt ihren Wunsch im globalen Welcome-enjoy-it-no-problem-Hotelenglisch entgegen, öffnet eine Vitrine, die ausschließlich mit feinsten kubanischen Zigarren gefüllt ist. Der rote Stern der Revolution leuchtet auf den Papierbanderolen. Auf leisen Füßen durchquert die Hotelmasseuse die Bar und bittet die englische Dame zum Termin. Die Amerikaner paffen, wie es nur noch in wenigen Ländern der Welt erlaubt ist. Eine französische Großfamilie kommt in Bademänteln herein. Eltern und Kinder waren im See schwimmen und wollen noch schnell einen heißen Kakao trinken, bevor sie sich auf dem Zimmer föhnen und umziehen. Tito schaut mit seinen dicken Backen vom Ölbild herunter. Wo sind wir hier? Ist das überhaupt ein Hotel? Oder eine Art halbprivater Kulturkarneval mit Feriengästen?
Ist es. Wer sich hier einquartiert, muss Geschmack finden am Exzentrischen und am Musealen sozialistischer Eleganz. Ende der vierziger Jahre ließ Tito die Vila Bled am Rand des nordslowenischen Kurortes Bled erbauen. Die Villa, die, aus der Ferne betrachtet, wie ein grimmiger grauer Riegel in der bewaldeten Berglandschaft hockt, war Titos höchstpersönlicher Sommersitz und diente jahrzehntelang als Weekend-Häuschen sozialistischer Politprominenz aus aller Welt. Gadhafi ließ es sich hier gut gehen, Indira Gandhi war da, ein paar Jahre später Mubarak, Willy Brandt saß rauchend in der Bar und dachte über die Weltlage nach. Erst Mitte der achtziger Jahre wurde die Vila Bled in ein kleines Hotel verwandelt. Das heißt: Nur ihr Gebrauch wurde verändert. An ihrer gesamten Ausstattung wurde, von den sanitären Anlagen der Badezimmer abgesehen, nicht das geringste Detail ausgetauscht. Nicht am Marmor, nicht an den acht Meter langen weißen Stores vor den Flurfenstern, nicht an den Autobahnpfeilern im Innenhof, nicht am Silberbesteck. Damit löffelten während des Kalten Krieges Sicherheitskräfte und Geheimdienstleute ihre slowenische Maultaschensuppe.
Gut, Zeitreisen kann man auch in Ritterburgen mit Wellness-Bereich haben. Das Besondere der Vila Bled aber ist die Mischung aus Monumentalität und Wohnzimmergemütlichkeit. Diese Mischung entsprach Titos Bedürfnissen. Er repräsentierte hier gleichsam vom Balkon der Macht herunter, hielt offizielle und inoffizielle Staatstreffen in der Vila Bled ab, ließ seine Gäste über endlose rote Läufer spazieren. Und zog sich andererseits über Wochen und Monate in ein geschütztes Hauspantoffelleben mit Jagen, Wandern, Fischen, Faulenzen zurück. Das heißt: Es lebt sich in der Vila Bled – eben auch heute noch – ein bisschen schizophren. Denn die Zimmer und Suiten haben mit dem spätstalinistischen Residenzstil, der die allgemeinen Räumlichkeiten beherrscht, so wenig zu tun wie die Hausmeisterwohnung des Palais Schaumburg mit dessen Konferenzräumen.
Das Glück der Intimität – in einem Zimmer der Vila Bled ist es zu erleben wie zum allerersten Mal. Kein Zentimeter Marmor, nicht an den Wänden, nicht auf dem Boden. Man wacht auf, streicht mit den Fingerspitzen über die Wand und denkt: Stofftapete, wie schön. Man schaut zur Decke, und sie ist nah, zum Fenstervorhang, er ist aus zimtfarbenem Samt und nur zwei Meter lang. Der Hand schmeicheln geschwungene Türklinken, das Auge freut sich über das Licht, das aus Stehlampen mit Stoffschirmen fällt, und die Füße? Auch Tito wollte, wenn er nachts mal rausmusste, nicht die Kälte der Macht unter den Sohlen spüren, sondern warmes Kirschholzparkett.
Hotel Vila Bled
gehört zur Hotelgruppe Relais & Chateaux. Hotel Vila Bled, Bled, Slowenien, Tel. 00386-4/5791500,
www.vila-bled.com
. DZ ab 190 Euro, Suite 190 bis 620 Euro inklusive Frühstück
Ursula März
ist Autorin der ZEIT und lebt in Berlin. Sie schreibt für die Literatur und die Reise
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(Dateigröße max. 1 MB, Einsendeschluss 4. November 2007)
- Datum 18.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.10.2007 Nr. 43
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