Und wenn es zwei Arten von Zeit gibt? Einmal den Takt aus Stunden, Tagen, Jahren, der unser Leben vorantreibt – und daneben eine Zeit, in der sich das Heute nicht vom Gestern trennt, in der das Morgen nichts verspricht? Eine Welt also, in der das Leben steht?

Ich hatte das Album beim Aufräumen im Schlafzimmer gefunden. Es lag tief unter den Fotos meiner eigenen Kinder, verschüttet von jüngerer Vergangenheit, Bildern von Urlauben, Hochzeiten, Geburten. Ein kleines Ringbuch, 22 Blatt dicken Papiers, geschmückt mit Fotos, Zeichnungen und Handabdrücken, wie man sie auch im Kindergarten macht, Existenznachweise in Rot, Gelb, Blau. Die kurzen, etwas stummeligen Finger auf dem Papier gehörten den Kindern, für die ich von 1991 bis 1992 „der Zivi“ war, an einer Schule für geistig Behinderte in Bochum. Fünfzehn Jahre ist das her.

Ich setzte mich aufs Bett, begann zu blättern und spürte so etwas wie Scham, immer seltener an sie gedacht zu haben in diesen Jahren, in denen die eigene Biografie zu rasen beginnt. In der Zeit zwischen zwanzig und dreißig, in der man verlässt und fortzieht, in der man neue Menschen kennenlernt und alte vergisst, in der man nur nach vorn denkt, weil da so viel Zukunft ist. Jetzt, in dieser Wohnung in Berlin, waren die behinderten Kinder aus Bochum nur noch die untersten Sedimente meiner Erinnerung.

Ich beschloss, sie zu suchen, Thomas, Michaela und die anderen. Wo seid ihr? Was ist aus euch geworden? Da erst kam der Schreck: Es sind gar keine Kinder mehr.

Einige Wochen später fährt Manfred Wengler einen alten VW Bus die hügelrunde Bördelandschaft über Warburg hinauf. Auf der Schiebetür des Wagens steht „Heilpädagogisches Therapie- und Förderzentrum St. Laurentius“. Wengler, ein grau gescheitelter Herr in den Fünfzigern, sagt: „Jaja, unser Tommi.“ Er spricht so sanft, als wiege er ein Baby in den Schlaf. „Der Tommi ist ja nun auch schon mehr als die Hälfte seines Lebens hier bei uns.“ Seine Eltern gaben ihn ins Heim, als er elf war. Sie konnten nicht mehr. Seitdem ist er ein Kind der Caritas.

Es war nicht leicht, Thomas und die anderen zu finden. Ich hatte Angst vor schlechten Nachrichten, vor viel zu frühen Toden. Sie waren damals sehr oft krank. Ich führte zahllose Telefonate, schrieb Briefe an kommunale Meldestellen, Behindertenpädagogen, Werkstattleiter und Heimleiter wie Herrn Wengler. Nach und nach erfuhr ich: Sie leben, umsponnen von einem Kokon der Behütung, Beheimung, was zunächst eine gute Nachricht war – aber ahnen ließ, wie weitab von unserer Gesellschaft sie eine Heimat gefunden haben, entlegen hinter Mauern, manche aus Stein, andere aus Scham gebaut.

Es ist Montag, acht Uhr morgens. Vor Wenglers Bus hebt sich eine Schranke, dahinter viel Grün und einige Dächer, Hecken und Wege. Am Horizont streckt sich eine Autobahnbrücke, die A44 von Kassel nach Dortmund. Lastwagen ziehen vorüber, tonlos wie eine ferne Karawane. Die Welt ist weit weg hier oben, im letzten Winkel Westfalens, wo in den sechziger Jahren eine kleine Trabantenstadt für Behinderte entstand: Schule, Schlafhäuser, Sportplatz, Speisesaal, Werkstatt, Kirche. Hier leben 400 der rund 280000 Menschen in Deutschland mit „Störungen der geistigen Entwicklung“. So heißen sie beim Statistischen Bundesamt.

Hinter zwei weiteren Hecken und drei Türen, in Haus 9 des Laurentiusheimes, beginnt in wenigen Minuten der Morgenkreis. Wengler sagt, es gehe darum, Thomas „werkstattfähig“ zu machen. So berechenbar, so diszipliniert, dass man ihn an eine Maschine setzen kann, irgendwann einmal.

Dann öffnet er die letzte Tür. Fünf Menschen schauen herüber. Verspannte Körper, starre Gesichter. Eine Frau im Rollstuhl, den Kopf schräg gelegt. Am Fenster sitzt ein kleiner Koloss. Schmale Augen hinter einer starken Brille. Thomas. „Besuch für dich“, sagt Wengler. Thomas blickt unter halb geschlossenen Lidern herüber. Fünf Sekunden. Zehn. Fünfzehn. Plötzlich springt er auf, läuft federnd um Tische und Stühle herum, umarmt mich, haucht „H-h-h-hallo“, atmet schwer, lässt abrupt los, tritt einen Schritt zurück, zeigt auf sein rotes Hemd und sagt: „K-k-k-kuck ma.“

Kurz streift mich der Gedanke, er könnte mich erkannt haben. Thomas, der damals so viel verteilte, Küsse, Rotz und Trotz. Der so sehr stotterte, dass er lieber in Zärtlichkeiten sprach. Der nachmittags noch einmal den Frühstückstisch deckte, weil er so gerne aß, am liebsten Brötchen mit Nutella. Der keinen Satz begriff, in dem ein „weil“ vorkam. Weshalb ich ihn oft tragen musste, überzeugen ging ja nicht.

Ich hatte damals gerade Abitur gemacht, das Leben war noch Theorie – doch dann, im Zivildienst an jener Schule in Bochum, versteckt in einem Hinterhof, war es nichts als Praxis, eine Reihe sofort zu lösender Kalamitäten. Dieser Hinterhof in meiner Heimatstadt war wie ein fernes Land, ferner als alle Länder, die ich bis dahin gekannt hatte: Hier mussten Sechsjährige gefüttert werden. Hier fielen Zehnjährige vom Dreirad. Hier gab es Autisten, die der kleine Spielplatz auf dem Schulhof überforderte. Zu viele Reize. Sie standen dann zwischen pendelnden Schaukeln und schrien. Manche rissen sich die Haare aus.

Thomas aß Sand. Er war damals neun Jahre alt. Er gehörte zu den Kindern mit Downsyndrom. Ich brauchte ein paar Wochen, um mir das Wort „mongoloid“ abzugewöhnen. Als Zivi war ich zuständig fürs Trösten, Füttern, Windelwechseln. Anfangs war da ein Gefühl, das nicht Ekel war, aber seelische Bedrängnis, Beklemmung, die ich mir auf der Schultoilette mit Desinfektionsmittel abzuwaschen versuchte. Ich hatte eine Zeit lang rissige Hände davon. Aber ich sang fünfzehn Monate lang Pitsch-patsch-Pinguin in oftmals reaktionslose Gesichter. Ich begann um Zeichen der Zuneigung zu buhlen. Da war eine Ahnung dessen, was Verantwortung sein könnte, und sei es nur, vor Ausflügen an die Tabletten gegen epileptische Anfälle zu denken. So wurde, mit der Zeit, aus erzwungener Intimität emotionale Nähe. Ich aß die Teller der Kinder leer. Ich desinfizierte mir kaum noch die Hände. Bei unseren Exkursionen in die Stadt schob ich ihre Rollstühle wie eine Monstranz vor mir her. Bald stach mich Eifersucht, wenn Thomas, sobald er morgens aus dem Schulbus sprang, erst den Referendar umarmte und nicht mich. Ergibt sich daraus ein Anspruch auf Wiedererkennen?

Diese Umarmung sei Thomas’ normale Begrüßung, sagt Wengler und lächelt wieder so mild.
Bin ich enttäuscht? Wenn, dann von mir. Ich war 15 Jahre draußen, wo das Leben wie ein Wertpapier zu funktionieren und Ertrag zu bringen hat; und sei es nur ein Wiedererkennen. Dabei müsste ich noch wissen, dass Wiedererkennen in Thomas’ Welt nicht die wichtigste Kategorie ist. Dafür lebt er zu sehr im Moment. Diese Innigkeit, mit der er schon damals eine Fliege am Fenster beobachten konnte. Das Glück, wenn der Wind die Bäume bog. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, etwas davon zu bewahren.

Die „Schüler“, so heißen die Erwachsenen hier immer noch, sitzen nun im Kreis. Sie sollen von ihrem Wochenende berichten. Eine junge Frau sagt, sie sei spazieren gewesen. Eine andere war auf einem Sportfest, als Zuschauerin. Ein junger Mann erzählt, dass er Kuchen gegessen hat. Er erzählt nicht, dass der Anlass dafür sein eigener Geburtstag war. Die Frau im Rollstuhl wiegt sich im Hospitalismus und knirscht mit den Zähnen. Thomas sagt: „A-a-a-ais essen. Mit Mama.“ Seine Mutter war allerdings nicht da.

Thomas ist jetzt 24. Die Pubertät hat ihm den Unterkiefer vorgeschoben und die Stimme aufgeraut. Er legt seinen Kopf auf meine Schulter. Er streichelt meine Hand mit den Fingern eines Kindes, kurz und weich, wie in meinem Album. Er schaut mich an, lächelt und sagt hin und wieder: „Ja, genau.“

Diese Klasse hier, wie damals. Der Geruch nach Desinfektionsmittel, wie damals. Das Seufzen, wenn sich Thomas im Nacken kratzt, wie damals. Es ist ein anderer Raum, eine andere Stadt, eine andere Zeit, und doch ist alles wie 1991, wie in dem Jahr, in dem Michail Gorbatschow noch die Sowjetunion regierte, in dem Vater Bush Saddam Hussein aus Kuwait trieb, die Bahn ihren ersten ICE aufs Gleis setzte und die RAF Detlev Karsten Rohwedder ermordete, den Chef der Treuhand. Allerdings haben die Mädchen von damals jetzt Brüste, und den Jungen wachsen Bärte. Niemand von ihnen trägt eine Uhr.

In den letzten vier Monaten hätten sie geübt, Kartoffeln zu schälen, sagt die Lehrerin. Es wäre doch schön, wenn einige hier später mal selbstständig Kartoffelsalat machen könnten, oder? „Ja, genau“, sagt Thomas. Sie geben sich Mühe im Laurentiusheim. Sie reden oft von „Potenzial“, seltener von „Fortschritten“. In den ersten Jahren geht es noch ums Werden, später eher um das Sein. Darum, Routine im Stillstand zu erlernen.

Am Mittag spielt Thomas mit meinem Tonbandgerät. An. Aus. An. Die Aufnahme läuft.
Wer bist du?
„T-t-thomas.“
Und wie alt bist du?
„A-a-achtzehn.“
Und wo wohnst du?
„Bo-bo-bochum.“
Wen hast du besonders lieb?
„Ich. Mama.“
Wo ist die Mama?
„K-k-kommt gleich.“
Was isst du am liebsten?
„B-b-brötchen und M-m-m-mutella!“

Er umarmt mich. Sehr fest. Seine Muskeln kontrahieren vor Freude. Brötchen mit Nutella! „Ja, genau.“

Im Sekretariat der Schule liegt sein jüngstes Zeugnis. Unter dem Punkt Soziales Verhalten und Emotionalität steht: „Vereinbarungen hält er nicht durchgängig ein, wobei nicht immer zu erkennen ist, ob er ein Bewusstsein für dieses Fehlverhalten hat.“ Zum Punkt Arbeitsverhalten und Lebenspraxis ist vermerkt: „Die Benutzung eines Toasters, der Umgang mit Sparschäler und Messer gelingen ihm sicher. Beim Vermengen geschnittener Zutaten hantiert er geschickt mit dem Salatbesteck.“

Es braucht ein paar Augenblicke, darin keine schlechten Nachrichten zu lesen, sondern gute. Es ist okay so. Thomas lebt weitab der Leistungsgesellschaft, es gibt ihn nicht im öffentlichen Bewusstsein. Er gehört zu den Menschen, die man gelegentlich hinter den Fenstern von Behindertenbussen sieht, für Sekunden. Und dann gucken immer alle weg, nicht hin. Die Betreuer hier wirken glücklich, dass mal einer kommt und fragt. Deshalb lügen sie auch nicht die Antworten schön. Kognitiv, sagen sie, sei Thomas bis heute nicht im Grundschulalter angelangt. Lesen, Schreiben, Rechnen, diese Meilensteine der Kindheit wird er nie erreichen. Er wird niemals seinen Namen schreiben können, Buchstaben werden für ihn immer Ornamente bleiben. Sie warten immer noch darauf, dass Thomas mal einen Menschen malt. Er ist ein Kind im Körper eines Mannes.

Aber er putzt sich die Zähne. Er verbrüht sich nicht beim Duschen. Er schneidet sich nicht beim Rasieren. Manchmal küsst er seine Mitbewohner auf den Mund, Männer wie Frauen. In seinem Zimmer – hinter einem abschließbaren Fenster, zwischen bücherlosen Regalen – setzt er sich abends seine Kopfhörer auf und schaukelt im Takt seiner Lieblingsmusik. Wolfgang Petry, Hansi Hinterseer, Ballermann-Hits , das ist der Soundtrack seines Lebens. Alle drei Wochen holt ihn seine Mutter nach Hause, nach Bochum. Bei Ausflügen klaut er Rentnern die Hüte und setzt sie sich selber auf. Wenn andere Kinder ihm Grimassen schneiden, freut er sich sehr. Er gehört zu den Gutmütigsten in der Gattung Mensch.

„Tommi ist so, wie er lebt, glücklich und zufrieden“, sagt Wengler. Er ist frei von gesellschaftlichen Ängsten. Es hat in seinem Leben keinen 11. September gegeben, keine Klimakatastrophe und keine Arbeitslosigkeit. Er hat kein Interesse an Kriegen. Dafür läuft er jeden Montag um 16.30 Uhr zum Fußball – man muss es Thomas nur sagen. Er geht dann hin, weil alle gehen, obwohl er nicht versteht, wozu das gut sein soll: Fußball. Nur Gerenne und Streit.

Über Warburg quellen die Wolken, die Nachmittagssonne wirft mildes Licht auf die Wiesen. Thomas kommt allein den Weg vom Heim herauf, auf seinem breiten Rücken einen Kinderrucksack. Mit mehlweißen Beinen stellt er sich auf die Wiese. Der Lehrer wirft den Ball ein.

Die eine Hälfte der Spieler beginnt zu rennen, wild und unrund. Die anderen bleiben stehen, auch Thomas. Es wirkt, als rolle bei ihm ab und zu ein Ball durchs Bild. Zwei Sekunden später tritt er ins Nichts. Ich gehe zu ihm und sage: Thomas, ich muss jetzt fahren.
„Ja, genau.“
Thomas, mach’s gut.
„Ja, ge…“

Da rollt wieder der Ball vorbei. Das Letzte, was ich von ihm sehe, ist, wie er im Schneidersitz mitten auf dem Platz sitzt. Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass er unzufrieden wirkt.

Es sind 150 Kilometer von Warburg nach Bochum, 150 Kilometer von Thomas zu Michaela, die in der Stadt geblieben ist, in der sie immer war – und doch ist sie, nach den Maßstäben der vorwärtsstrebenden Welt, weiter gekommen als er.

Um 7.55 Uhr war Arbeitsbeginn in den Altenbochumer Werkstätten nahe dem Opel-Werk, auf dem Hof wenden gerade die Kleinbusse, in denen die Behinderten für ein paar Minuten mitgeschwommen sind im Fluss der morgendlichen Geschäftigkeit, zwischen den Angestellten auf ihrem Weg in die Büros. Am Abend werden die Busse wiederkommen und sie auf die Heime in der Stadt verteilen.

Hinter der Stahltür mit der Aufschrift „Schlosserei“ schreit die erste Schleifmaschine auf, Menschen in Arbeitsblau schlurfen über Industrieparkett wie über eine Bühne, sehr langsam. Vorn an der Tür sitzt Karl-Heinz, er wünscht jedem, der reinkommt und rausgeht, „einen schönen guten Tag“. Das ist sein Job. Ganz hinten im Lärm steht ein Mädchen – eine Frau? –, noch ein wenig runder als Thomas. Sie schleift Metallwinkel, aus denen einmal Befestigungen für Markisen werden sollen.
Hallo, Michaela.
„Hallo, du!“
Was machst du da gerade?
„Arbeit!“
Sie schließt die Augen, ballt die Fäuste und kichert, glockenhell. So muss es sein, wenn man beinahe platzt vor Freude. Sie ist wie damals. Ein Gefühlsmensch und – ja: ein Glückskind! Wie schön.

Fragt man den Leiter der Schlosserei nach Michaela, umspielt ein Lächeln seinen Mund. Michaela … fleißig, pfiffig, zu pfiffig manchmal. Silvester hat sie sehr beeindruckt, die Wunderkerzen, die Raketen. Das Jahr war noch nicht alt, da zündelte sie auf dem Werkstattklo. „Sie ist unsere Diva mit Downsyndrom“, sagt der Chef.

Michaela war nach ihrer Geburt zur Adoption freigegeben worden, sie wuchs in einer Pflegefamilie auf. Schon vor fünfzehn Jahren war sie ein Mädchen, das gefallen wollte, das gern fotografiert wurde und sich dabei der Gestik und Mimik der Nichtbehinderten bediente: Auf Klassenfotos neigte sie immer den Kopf wie eine MTV-Moderatorin. Heute ist Michaela die Prinzessin der Produktion, sie schäkert und flunkert und schmollt; am Ende ihrer Sätze hebt sie immer keck die Stimme, damit die Aufmerksamkeit nicht abreißt. „Ein Interwjuuu? Wie Fernsehn?! Super!“
Dann sag mal: Wie heißt du?
„Ich bin die Michaela.“
Und wie alt bist du?
„Ich bin jetzt 22.“
Und wo wohnst du?
„Ich wohn am Neggenborn 77. Da wohnen auch die Mitbewohner.“
Was kannst du besonders gut?
„Malen kann ich sehr gut. Ich mal gerne mit Sonne, Haus, Blumen, Sonne und Wolken.“
Und was kannst du nicht so gut?
„Das kann ich alles gut.“
Was machst du hier in der Werkstatt?
„In Werkstatt? Ja, ich arbeite gerne. Manchmal gibt’s Pausen. Manchmal gehe ich besuchen in der Montage 3, da ist der Roland* drinne.“
Den hast du besonders lieb?
„Ich hab ’n Freund.“
Ehrlich?
„Das ist der Thorsten*. Der ist in Montage 1.“
Wieder kneift Michaela die Augen zusammen.

Hinter ihr schlägt eine Maschine einen stählernen Takt an. Die evangelische Diakonie hat hier 1984 eine alte Dreherei übernommen, seither teilt sie in dieser Industriekulisse Requisiten der Arbeitsgesellschaft aus, in denen Michaela das rauschhafte Erlebnis von Gemeinschaft spürt, von Wertschöpfung und Wertschätzung.

Die Regisseure dieses Lebens sitzen in einem Bürotrakt nebenan und machen sich Sorgen. Es sind Sorgen, von denen Michaela nichts ahnt, weil es darin um Zahlen geht, um Bilanzen und um abstrakte Begriffe wie „Globalisierung“ und „Refinanzierung“.

Wie viel Integration ist sinnvoll – und ab wann wird sie zu Überforderung? Das ist die Frage, die alle Sonderpädagogen umtreibt, ob in Schulen, Heimen oder dieser Werkstatt. Michaela sägt hier Lattenroste für Betten zu, steckt Dichtungen für Badezimmerarmaturen zusammen und faltet Pappkartons, in denen später Weingläser verkauft werden. Ihre Kunden sind Ikea, Opel, Seppelfricke. Sie bastelt nicht mehr für den Weihnachtsmarkt, sie bedient den Weltmarkt. Im Prinzip ist das genau das, was alle wollten.

Doch etwas habe sich gedreht, sagen sie in den Büros. Die Gesellschaft und der Weltmarkt sind keine berechenbaren Größen mehr. Die Deutschen benutzen das Wort „Sozialabgaben“ nur noch als Synonym für Last, die Kirchensteuer ist ihnen ein zu tilgendes Übel, die Zuschüsse stagnieren, die Behindertenwerkstätten sollen selber Geld verdienen. Der Steuerzahler, sagen sie in Altenbochum, sei pingelig geworden in jüngster Zeit, Teil der kühl kalkulierenden Kosten-Nutzen-Gesellschaft, begründet in der Krise, befeuert vom Aufschwung. „Die beschützende Werkstatt, wo man einfach mal an irgendwelchen Sachen rumwerkelte, die gibt’s nicht mehr“, sagt der Leiter der Schlosserei. Jetzt kommt montags der Auftrag, dienstags das Material, eine Woche später wird die Ware abgeholt. Ist sie nicht fertig oder ist sie nicht gut, geht der nächste Auftrag eben nach Fernost.

Die Zeit greift nach Michaelas Leben, die Takte werden immer kürzer. Doch Michaela hat nicht so flinke Finger wie die Frauen in China. Sie hat nur den Vorteil der Nähe, es liegt kein Ozean zwischen ihr und den Auftraggebern. Und sie ist günstig: Sie verdient 93,35 Euro im Monat. Mehr wäre unwirtschaftlich.

Es gelten zunehmend die Kriterien von draußen, Kriterien des Wettbewerbs. Etwas schaffen oder etwas nicht schaffen. Genügen oder nicht genügen. Michaela, sagt der Leiter der Schlosserei, sei „von der Leistung her im Mediumbereich“ – und ärgert sich, dass er so redet. „Für meinen Geschmack ist das grenzwertig. Die sind ja keine Bioroboter.“

Beiläufig, und doch nicht zufällig, kommt dann die Rede darauf, dass ausgerechnet Behinderteneinrichtungen, diese Orte abseits unserer Wahrnehmung, schon immer sehr exakte Spiegel der Gesellschaft waren, ihrer Werte, Ängste, Aggressionen. Es gab in dieser Werkstatt, deren Ursprung in den Sechzigern liegt, keine Menschen der Jahrgänge 1933 bis 1945. Die in den Nachkriegsjahren mit geistiger Behinderung Geborenen wurden zu Hause versteckt und starben meist jung. Dann, in den Siebzigern, plötzlich eine berauschende Offenheit. 1986, nach Tschernobyl und den damit verbundenen Ängsten vor Fehlbildungen, setzte eine neue Bereitschaft zur Früherkennung ein und damit eine Abtreibungswelle.

Seit es die pränatale Diagnostik gibt, werden kaum noch Menschen wie Michaela geboren. 92 Prozent der Eltern, bei deren Embryo ein Downsyndrom diagnostiziert wird, treiben ab. Vielen reicht auch eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte als Begründung. Dafür gibt es – in diesem Land der Spätgebärenden – mehr Schwerstmehrfachbehinderte. Denn die Medizin hält heute Frühgeborene am Leben, die früher gestorben wären.

Das macht es für die Werkstätten noch schwieriger, wirtschaftlich zu sein. Die Leitung überlegt jetzt sogar, zu automatisieren, wie Opel nebenan. Maschinen würden Zeit schaffen, sich wieder um die Menschen zu kümmern. Doch diese Menschen hätten weniger zu tun, ihnen würde das Glück der Arbeit fehlen. Was tun? Derzeit kommt an den Wochenenden ein Trupp Studenten und arbeitet die Rückstände auf.

Michaela erfährt davon nichts. Sie ist dann im Heim, in ihrem Zimmer, das einer Kitschpostkarte gleicht, schreiend bunt. Voller Pferde und Fußballer, voll kindlicher Träume und erwachsenem Verlangen. Michaela sieht die Welt durch die Fenster ihres Werkstattbusses und durch das Fenster Fernsehen. Sie begreift genug, um Bedürfnisse zu entwickeln. Es geht, in der Werkstatt wie in ihrem Heim, um die Imitation von Normalität. Arbeiten, einkaufen, lieben, auch das. An den Wochenenden schläft Thorsten bei ihr, der Mann aus „Wohngruppe Grün“ bei der Frau aus „Wohngruppe Gelb“. Ein Arzt hat Michaela ein streichholzgroßes Hormonstäbchen in den Arm geschoben, das den Eisprung verhindert. Hin und wieder plant Michaela ihre Hochzeit. Sie wünscht sich ein Baby. Sie liebt kleine Hunde. Sie hat Angst vor Gewittern. Sie freut sich beim Einkaufen sehr über das Wechselgeld.

Man muss sie beschützen vor der Welt, nicht die Welt vor ihr. Man kann froh sein, wenn die Zeit und deren Zwänge – und das Wissen darum – nicht weiter vordringen in ihren kleinen Kosmos. Sie muss jetzt übrigens den Tisch decken, es riecht schon nach Essen im Heim. Sie winkt zum Abschied, lächelt ihr Michaela-Lächeln und sagt: „Tüss. Bis nächstes Mal.“

Wissen kann Ohnmacht sein. Ich ahnte das nicht, als ich zum ersten Mal die Nummer wählte, unter der Hakan* zu erreichen sein sollte. Es meldete sich eine Stimme mit einem „Hallo?“, so fragend und zaghaft, als stehe da ein Mensch am Eingang einer Höhle.

Hakan war neun Jahre alt damals. Jeden Morgen, wenn er aus dem Schulbus sprang, erzählte er fröhlich, was er einmal werden wolle: Pilot, Koch, Schulleiter. Er malte gerne Kirchen mit spitzen Türmen. Schon damals wusste ich auf die Frage, welche Behinderung Hakan eigentlich hatte, keine Antwort. Ich habe mir diese Frage auch nie gestellt. In meiner Erinnerung sehe ich Hakan, wie er auf dem Schulhof freundlich und unbeirrbar in die großen Augen der Autisten spricht, wie er alleine isst und auf die Toilette geht. Manchmal erzählte er mir, dass er am Abend zuvor den Krieg um Kuwait im Fernsehen gesehen hatte. Ich habe mit ihm geredet wie mit einem normalen Jungen, vielleicht etwas langsamer. Wenn ein Kind zu wickeln war, ging er mit, um mir zu helfen. Hakan war mein kleiner Assistent. Dieses Bild von ihm hatte ich mitgenommen, als ich nach fünfzehn Monaten weiterzog. Zu diesem Bild hoffte ich zurückzukehren.

Doch nun sagt diese Telefonstimme, seltsam gebrochen für einen Mittzwanziger: „Ich will mich nicht an diese Zeit erinnern. Wenn ich mich erinnere, geht es mir schlecht. Ich bin ja nicht behindert. Ich komme nur nicht so gut klar. Ich kenne Sie auch gar nicht.“ Wir telefonieren viermal. Dann sagt er: „In zwei Tagen. Um 15 Uhr an der Glocke vorm Rathaus.“

Hakans Leben hatte seine schicksalhaften Wendungen vor und nach meiner Zivildienstzeit, ich hörte erst auf meiner Suche davon. Hakans Eltern waren Cousin und Cousine. Sie hatten acht Kinder, von denen ihnen Hakan die größten Sorgen machte. Die türkische Familie lebte in verdunkelten Räumen, lebte ein abgekapseltes Leben hinter verschlossenen Fenstern, draußen ein Land, in dem die Eltern nicht heimisch wurden. Hakan, heißt es in den Unterlagen der Schule, hatte kaum „Spielerfahrung“, die Ämter ließen ihn auf „Sonderschulbedürftigkeit“ prüfen. Sie machten IQ-Tests, Konzentrationstests, Motoriktests. Hakan sollte Punkte in vorgezeichnete Kreise zeichnen und schaffte es nicht. Das Testergebnis lautete: „GB“, geistig behindert. Deshalb saß er mit Michaela und Thomas in einer Klasse. Wenn er nach Hause kam, schlug er den Kopf gegen die Wand.

Als 1993 in Solingen das Haus der Familie Genç brannte und fünf Menschen starben, ging Hakans Familie in die Türkei. Es war eine Flucht, die insbesondere Hakan zunächst zu retten schien, denn in der Türkei machten seine Eltern Fenster und Türen auf. Hakan begann zu atmen. Als die Familie nach einem Jahr zurückkehrte, aus Gründen, die ich nicht kenne, bekam er einen Platz an der Lernbehindertenschule. Den Hauptschulabschluss schaffte Hakan nicht mehr. Zu viel Zeit war verloren gegangen.

15 Uhr. Die Stadt ist sonntagsleer, zwei Skateboarder nutzen die Freiheit auf dem Rathausplatz. Das Kratzen ihrer Bretter hallt durch die Fußgängerzone. Mit schnellen Schritten nähert sich ein kleiner, leicht untersetzter Mann. Er hat einen dunklen Bartschatten. Seine Haare sind von Grau durchzogen. Ich hätte Hakan nicht erkannt. Es ist ein Schock.

Er schaut auf seine weißen Turnschuhe und fragt: „Was wollen Sie wissen?“ Es klingt, als sei dieses Sie sein Sicherheitsabstand zur Welt von damals, die nur aus Dus bestand. In fünf Minuten erzählt Hakan sein Leben, hastig, tonlos, als berichte er von einem Fremden: Er lebe allein in einer Eineinhalbzimmerwohnung in der Innenstadt und spiele meist am Computer. Er bekomme eine Grundsicherung und ernähre sich aus Konservendosen. Er habe noch nie richtige Arbeit gehabt. „Mir fehlt irgendwie die Geschicklichkeit, glaub ich. Ich konnte immer gut verstehen, aber nicht umsetzen, wissen Sie? Rechnen ist schwer. Und ich bekomme so schnell Angst, wissen Sie?“ Habe ich Hakan damals unterschätzt? Oder überschätzt? Was, wenn man nicht ins Raster passt, das eine Gesellschaft für sich gefunden hat? Und was, wenn man das selber merkt?

„Die Scheißer, die gesagt haben, ich bin behindert. Ist alles voll schwer für mich, nach den ganzen Strapazen. Was soll ich noch werden mit 24?“

Er ist der Erste, der eine Vorstellung von Zeit hat, von Alter. Das hat er Thomas und Michaela voraus. Das wirft ihn zurück. Hakan ist zu stolz für eine Werkstatt und zu schwach für den normalen Arbeitsmarkt. Er wirkt klug genug zur Selbstreflexion, kann aber keine Konsequenzen daraus ziehen. Er spricht nicht viel, doch das wenige, was er sagt, erzählt davon, dass er sich in einer Endlosschleife aus Ahnen und Leugnen, Schuldzuweisungen und Selbstverachtung verloren hat. Er geht fünfmal täglich beten, in der Moschee, er helfe da dem Imam, sagt er, Aufräumen, Putzen, solche Sachen. Sein Vater ist irgendwo in der Türkei. Manchmal trifft er einen seiner Brüder. Doch wenn Hakan „wir“ sagt, meint er seine Gemeinde.

Plötzlich zuckt er zusammen. „Die in der Moschee haben gesagt, ich soll nicht so lange mit Ihnen reden.“ Dann geht er, steif wie eine Aufziehpuppe, und dreht sich nicht einmal um.

Sie gehören nicht mir. Wie naiv war ich, zu glauben, ich könne sie mir nochmals aneignen für diesen Artikel – bloß weil sie in einem meiner Fotoalben kleben? Ich war nicht mehr als ein Kurzzeitgast in ihrem Leben, einer im langen Marsch der Zivis, der durch die Ränder ihres Bewusstseins zog. Und zieht, bis heute.

Dabei ist da noch jemand. Eines der Kinder, die Tag für Tag an meiner Hand gingen, die ich fütterte und wickelte. Doch hier steht sie nun, die Mauer, errichtet aus elterlicher Scham, nicht zu überwinden. Der Name des Kindes? Seine Behinderung? Seine Geschichte? Mir fehlt das Einverständnis der Familie, sie zu erzählen. So gilt es, die Privatsphäre eines Menschen zu wahren, der ich selber einmal angehörte.

Die Eltern dieses Kindes lebten schon damals sehr zurückgezogen, sie stehen bis heute nicht im Telefonbuch. Da ist nur eine Adresse, an die ich zuletzt zig Briefe schrieb, ohne je eine Antwort zu erhalten; ein graues Haus an einer belebten Innenstadtstraße irgendwo im Ruhrgebiet. Die Fenster sind geschlossen, die Gardinen zugezogen, dahinter ist ein Wall von Pflanzen zu erahnen. Ist es überinterpretiert, darin ein Leben in Abwehrhaltung zu erkennen?

Auf der Klingel der vertraute Name. Ich drücke den Knopf. Niemand öffnet. Nicht morgens, nicht mittags, nicht abends. Nicht am ersten Tag, nicht am zweiten, nicht am dritten. Ich werfe noch einen Brief durch den Schlitz in der Haustür aus gewelltem Glas. Einige Stunden später ist der Brief verschwunden.

Ich hatte damals kaum Kontakt zu den Eltern. Thomas, Michaela und die anderen wurden in Bussen zur Schule gefahren und hatten kleine Hefte in ihren Taschen, in denen ich Nachrichten hinterließ. „Liebe Familie…, bitte geben Sie dem Busfahrer neue Windeln mit.“; „Liebe Familie…, wir brauchen neue Zäpfchen für Ihre Tochter.“; „Liebe Frau…, Ihr Sohn hat sich heute den Kopf gestoßen, daher der blaue Fleck an der Stirn. Entschuldigen Sie bitte.“ Meist schrieb ich den Müttern. Viele Väter waren nämlich nicht mehr da.

In Kirchen, auf Stadtteilfesten sieht man häufig Paare mit behinderten Kindern; stark und selbstbewusst, schön in ihrem stolzen Trotz. Aber man kann nur jene sehen, die offensiv mit der Behinderung ihres Kindes umgehen. Das Leiden der anderen verbirgt sich hinter zugezogenen Gardinen. In meiner Erinnerung waren diese Eltern die stille Mehrheit. Bei vielen war das erste Kind das einzige geblieben. Manche Ehe zerbrach, andere waren in Schockstarre gefallen. Bei allen kreiste alles um dieses eine, behinderte Kind.

Wir Zivis sahen die Eltern nur auf Schulfesten und an den wenigen Elternabenden. Wissende Augen, müde Gesichter und viele, viele Zigaretten. Ich habe es damals versäumt, mit ihnen zu reden. Zu fern, zu stumm erschienen sie mir. Sie gehörten eher in ein Theaterstück als ins wahre Leben. Sie hatten sich alle auf ein Kind gefreut und nicht mit der kalten Willkür der Biologie gerechnet. Es gab Fälle, in denen Ärzte Fehler gemacht hatten, am Tag der Geburt. Fortan bekamen die Eltern Jahr für Jahr ein Zeugnis, in dem immer wieder nur stand, ihr Kind teile „sein Befinden durch Weinen oder Lachen, Kratzen oder Kneifen und Wedeln mit den Händen mit“.

Was sagt man da als Neunzehnjähriger? Vielleicht ist man in dem Alter zu unbedarft oder zu ichbezogen, um sich in andere Menschen einzufühlen oder in elterlicher Perspektive zu denken. Das Leben ist zum Großteil Unterlassung. Erst jetzt, vor dieser Tür, würde ich gerne wissen, wie es ist, vom eigenen Kind nie ein „Papa“ zu hören. Nie zu sehen, wie es Fahrrad fährt, ein Buch liest, sich verliebt, ein Kind bekommt, statt Kind zu bleiben. Ein Leben lebt.

Doch niemand macht auf.

Thomas’ Eltern aber möchten reden, sie haben sogar den Tisch gedeckt, Kaffee, Kuchen, das gute Geschirr. In ihrer Wohnung in Bochum hängen Bilder des Sohnes und der beiden Töchter, gleich viele von jedem Kind, wie eine Vergewisserung, dass die Liebe in diesem Haus gerecht verteilt wird. Thomas’ Mutter hat sich Zigaretten zurechtgelegt. Thomas’ Vater fährt sich durch den grauen Schnauzbart. Die Mutter entschuldigt sich, dass sie gleich weinen werde, und beginnt schon zu weinen, lacht zugleich über dieses Weinen und sagt: „Machen Sie sich keinen Kopf. Ist bei mir immer so.“ Der Vater sagt: „Ja, genau.“

Thomas war das erste Kind ihrer jungen Ehe, geboren am 3. Juli 1983. Ein Sonntagskind, eine schwere Geburt. Die Hebamme nahm der Mutter das Baby sofort weg, „ich habe noch gefragt: Ist alles in Ordnung? Da hat die Hebamme gesagt: Is ’n Junge.“ Der Vater dachte, sein Sohn sehe irgendwie komisch aus. Diese Mandelaugen. Am nächsten Tag machten die Ärzte betroffene Gesichter und formulierten betroffene Sätze, der Vater rannte zum Telefon, wählte die Nummer der Großeltern und rief ins Telefon: „Unser Sohn … der ist doof! Dumm! Aus dem wird nichts!“ Da waren so viele Gefühle. Da waren auch so viele Wörter, die die Ärzte sagten: „Trisomie 21“, „Downsyndrom“, „Genom-Mutation“. Auf dem Flur sagten dieselben Ärzte: „Trinken tut der Mongo aber gut.“

Fortan waren sie eine Familie, die angestarrt wurde, nicht angesprochen. Es war, als habe jemand der Welt den Ton abgedreht. Passanten wandten sich ab, Freunde meldeten sich nicht mehr. Sehr spät hob die Mutter den Sohn aus den Tiefen des Kinderwagens in den Buggy, diesen Präsentierteller elterlichen Stolzes.

Erst mit drei konnte Thomas laufen, mit fünf war er trocken, mit sechs sagte er „Bonbon“, „Mama“ kam erst später. „Aber ich hab ja Geduld bis dreimal um die Erde“, sagt die Mutter. Die Eltern feierten jeden Fortschritt mit Einträgen ins Fotoalbum. Doch es wuchs auch eine Sorge, die der Mutter noch heute die Stimme bricht. „Was, wenn uns etwas passiert? Den Thomas will ja keiner haben.“ Es heißt, es gebe für Eltern nichts Schlimmeres, als ihr Kind zu überleben. Was aber wird aus einem behinderten Menschen, dessen Eltern sterben?

Thomas hatte zehn Lungenentzündungen, er verbrachte Monate in Krankenhäusern. Daraus wurde eine Angst vor Kabeln und Schläuchen. Er weigerte sich, unter Hochspannungsleitungen durchzugehen. Er brauchte alle Aufmerksamkeit. Auf dem Spielplatz einmal nicht hingeschaut, nur zehn Sekunden mit den jüngeren Töchtern gespielt, die die Mutter mit allen denkbaren Ängsten geboren hatte – und die Schaukel, auf der Thomas so gerne saß, war leer. Sie suchten ihn dann stundenlang und fanden ihn an Kreuzungen, auf Verkehrsinseln, an Tümpeln.

Dann kam der April 1994, die Mutter plante den Sommerurlaub. Thomas war elf Jahre alt, ihre Töchter waren sieben und neun, „die konnten noch nicht mal schwimmen. Ich wollte einmal mit ihnen Urlaub machen, nur mit den beiden, verstehen Sie das?“

Sie rief einige Heime in der Umgebung an, es war kein Platz frei. Nur in Warburg fragten sie: „Kurz- oder langfristig?“
„Na, langfristig! Drei Wochen!“
„Langfristig heißt bei uns: für immer.“
Die Eltern hatten eine Woche Zeit, sich zu entscheiden. Sie aßen kaum. Sie schliefen nicht. Die Versuchung wechselte mit Gefühlen des Versagens. Am 11. April 1994 gaben sie Thomas ins Heim. Die Mutter hat Jahre gebraucht, das nicht mehr als Verrat zu empfinden. Die Töchter machten in jenem Sommer ihr Seepferdchen. Die Mutter fand wieder Arbeit.

Es war keine Entscheidung gegen Thomas, es war eine Entscheidung für alle anderen, „und ich glaube, es ist auch besser für ihn, was soll er denn hier bei uns machen den ganzen Tag? Schaukeln? Tagträumen? Im Heim macht er mehr Erfahrungen als hier. Neulich hat er sich in eine Praktikantin verliebt“, sagt die Mutter, die dann wieder weint, lachend weint, weil sie nicht vergisst, wie Thomas an jenem Tag im April 1994 in Warburg am Fenster stand und schrie, weil er dachte, er sei wieder im Krankenhaus. In seinem Zeugnis steht bis heute: „Nach Besuchen zu Hause ist er oft traurig und äußert Heimweh.“

Vielleicht kann man nichts richtig machen, wenn nicht einmal klar ist, ob es besser wäre, vor oder nach dem eigenen Kind zu sterben. Es gibt nicht immer nur die eine Lösung. Es gibt ja noch nicht mal die eine Zeit. An Thomas zieht sie vorbei. Michaela schenkt sie eine Ahnung vom Erwachsensein. Hakan bedrängt sie. Hinter einer Tür irgendwo im Ruhrgebiet scheint sie stehen geblieben zu sein. Mich hat sie so weit fortgetragen, dass ich nicht mehr zu „meinen“ Kindern zurückkomme. Sonst ginge jetzt die Tür auf.

Ich klopfe noch einmal, nur noch zaghaft, da meldet mein Handy eine SMS. „Unser Kind ist derzeit in Kur. Wir können Ihnen nicht helfen. Gruß.“

Auf der Straße rauscht der Verkehr, sein Lärmen brandet gegen die Hausfassade. Die Stadt nimmt noch einmal Fahrt auf, die Angestellten eilen in den Feierabend, zu ihren Familien. Gleich kommen die Nachrichten, dann kommt die Nacht. Ihre Welt ist geborgen im Takt des Gestern, Heute, Morgen. Zeit, mich wieder einzureihen. Ich drehe mich um und gehe und denke, was das – bei aller Enttäuschung – für ein Luxus ist: mich einfach so umzudrehen und zu gehen, zurück in ein normales Leben.