Kunst Der Flussläufer
Der Düsseldorfer Fotograf Stephan Kaluza hat als erster Künstler den gesamten Rhein abgebildet. Auf einem vier Kilometer langen Bild. Ein Atelierbesuch
In Stephan Kaluzas Atelier, einer alten Lagerhalle in Düsseldorf, steht ein Stahlschrank mit einem riesigen Vorhängeschloss. Der Inhalt ist unersetzlich: 13 Festplatten mit 21449 Fotos des Rheins, aufgenommen auf einer Strecke von 1720 Kilometern. Daraus entstanden ist ein vier Kilometer langes, vollständiges Bild des Flusses, das wohl nie ganz zu sehen sein wird. Ausschnitte zeigen wir im ZEITmagazin (Nr. 44) und als Video-Ausschnitt.
Wie monumental die Ausmaße des Rheinprojekts (complexe 1) sind, kann man auch an den riesigen Bücherkartons in Kaluzas Atelier sehen. „Der Rhein“, steht drauf und „printed in China“. Der Verlag der Kunstbuchhandlung Walther König hat das Buch herausgegeben. Nur drei Bände sind in einem Karton, mehr ist nicht zu stemmen, das Gewicht enorm. Auch hier: nur Ausschnitte.
Neben den Fotos, die, aufgezogen auf Platten, an der Wand lehnen, sieht man in Kaluzas Atelier auch die üblichen Utensilien eines Malers: Leinwände, Ölfarben, Staffelei. Ein Bild hängt an der Wand – ein Selbstporträt. Eine realistische Darstellung hinter milchigem Plexiglas und dadurch schon wieder weniger realistisch – es ist ein Spiel mit der Unschärfe, mit der Frage, die Kaluza auch in der Fotografie immer wieder beschäftigt: Wie künstlich ist die Wirklichkeit? „Was ist wahr, was ist echt?“
Ein anderes Thema, das ihn immer interessiert hat, ist das Prinzip der Abfolge, der Serie. So hat er eigens klassische Theaterstücke inszeniert, die Szenen fotografiert und dann montiert. „Ein Bild steht immer im Verhältnis zum vorherigen und zum nächsten, insofern war es nur konsequent, Bilder zusammenzuziehen“, sagt Kaluza. Die Frage, wie die Verdichtung von vielen Einzelbildern zu einem Bild den Gegenstand auf neue Art sichtbar und erfahrbar macht, trifft auch den Kern seines Rheinprojekts.
„Ein kleinerer Fluss, wie etwa die nur 112 Kilometer lange Wupper, hätte mich nicht interessiert“, sagt der Mann mit den dunklen Schatten unter den Augen. „Mir ging es um ein großes, komplexes Objekt.“ Die schiere Länge des Rheins war ausschlaggebend, auch, weil sie einen Kontrast zwischen dem langsamen Entstehen der Bilder und der beschleunigten Wahrnehmung des gesamten Flusses durch den Betrachter herstellt: Acht Monate hat es gedauert, den Rhein zu fotografieren. Nur rund 48 Minuten braucht man dagegen, um die vier Kilometer langen Fotostreifen abzulaufen.
Im November des Jahres 2004 hatte Stephan Kaluza sein Atelier abgeschlossen und war zum Piz Badus in der Schweiz aufgebrochen. Er wollte seinen Weg an der Quelle beginnen und das rechte Ufer bis zur Mündung entlanggehen. Schon kurze Zeit später musste der Künstler seine Wanderung unterbrechen: Die Schneemassen machten das Weiterkommen unmöglich. Im April 2005 nahm er den Weg wieder auf, lief jetzt im Durchschnitt 40 Kilometer – also gut zehn Stunden – am Tag.
Ob er unter Muskelkater oder Sommerhitze litt, darüber gibt der Künstler mit dem kahl rasierten Kopf nur einsilbig Auskunft. Er betrieb keine Selbstbeobachtung, wie es Jakobsweg-Wanderer tun. Ihm ging es einzig darum, viele Bilder zu machen und diese schließlich zu einem einzigen Bild zu komprimieren.
In der Planungsphase hatte er ausgerechnet, dass ein Intervall von einer Minute zwischen den Aufnahmen für einen leichten Überschnitt an jedem Bildrand sorgen würde – genug Spielraum für die fugenlose Aneinanderreihung. Anfangs ließ er sich den Minutentakt beim Laufen durch einen Beeper vorgeben, später hatte er den Zeitpunkt für das Auslösen im Gefühl.
Vor der Digitalfotografie wäre solch ein Projekt undenkbar gewesen. Jeden Abend lud Kaluza die Bilder von dem Chip auf eine tragbare Festplatte, deren Inhalt regelmäßig auf Festplatten in seinem Atelier übertragen wurde. Schon ein Bild mit einem Umfang von 7 bis 8 Gigabyte füllt die Speicherkapazität des ganzen Computers, weshalb viele externe Festplatten angeschafft werden mussten.
„Die Technik war bis zuletzt ein Unsicherheitsfaktor. Die ersten fünfzehn Meter zusammengesetzt zu sehen und zu wissen, dass es klappt, war ein verdammt guter Moment“, sagt Kaluza. Allein für die Bildbearbeitung benötigten seine beiden Assistenten ein gutes Jahr. Kaluza hatte befürchtet, das Bild werde am Ende wie ein kitschiges Panorama aussehen.
Entstanden ist aber eher eine Art Bühnenbild, bei dem die räumliche Tiefenwirkung aufgehoben ist. Nicht immer sind Fluss und Ufer zu erkennen. Manchmal rauscht ein ICE durchs Bild, oder Containerschiffe versperren den Blick. Einmal, im idyllischen Bingen, ungefähr auf der Hälfte des Weges, spiegelt sich Kaluza verschwommen im Fenster eines vorbeifahrenden Regionalzuges: ein Mann mit Hut und Weste, der sich eine Kamera vors Gesicht hält. In Düsseldorf war gerade Kirmes, als der Künstler vorbeilief, weshalb meterweit eine Menschenmenge abgebildet ist. Ein einziges Mal, in Leverkusen, wechselte Kaluza das Ufer, weil er unbedingt die Bayer-Werke, die am rechten Rheinufer stehen, im Bild haben wollte. Ansonsten wurde nichts geschönt oder inszeniert, kein Bild gelöscht – auch solche nicht, die als Einzelaufnahmen nicht überzeugen.
Kaluzas Blick auf den Rhein ist eine Auseinandersetzung mit Zeit und Raum. Sein Bild hat den Anschein, als fänden Frühling, Sommer und Herbst zeitgleich statt, denn alle Aufnahmen sind gleichrangig nebeneinandergestellt. Die Idylle und das Industriegebiet, trübes Regenwetter und tiefschwarze Nacht. Der Betrachter sieht nicht nur, wohin sein Auge reicht. Was wir aus der Malerei kennen, ist durch die Digitaltechnik jetzt auch in der Fotografie möglich: die Perspektive auf das große Ganze. Stephan Kaluzas aktuelles Projekt ist die Erschaffung eines vollständigen Bildes der Themse. Eine neue große Wanderung. Sein Atelier wird wieder lange verwaist sein.
Stephan Kaluza wurde vor 43 Jahren in Iburg im Teutoburger Wald geboren. Nach der Ausbildung an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte er Philosophie und Kunstgeschichte.
Das Rheinprojekt
: Bis zum 22. Dezember 2007 zu sehen in der
Galerie Christine Hölz
in Düsseldorf
Stephan Kaluza:
Der Rhein. Erschienen bei
DuMont
- Datum 25.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 25.10.2007 Nr. 44
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sowenig kerkeling der erste auf dem camino war (der verquasteste vielleicht?), sowenig hat kaluza "als erster den gesamten rhein abgebildet". das ist schon sachlich falsch, blicke im minutentakt, ja, mehr nicht. wir haben solche spielereien jahrelang gemacht: autofahrten durch ganz europa, mit fahrerblickfotos alle 10 min. kaluzas ding soll ja gar nicht geschmälert werden, das aber so hochzujubeln scheint mir irgendwie daneben.kulturbetrieb eben.kaluza ist kein Joyce, dem selber sein "echtzeit-epos" am anspruch gescheitert ist. an tolkien sei erinnert, an "baum &blatt": abbilden der wirklichkeit nimmt kein ende...mensch kann so nicht schreiben oder fotografieren (es sei denn es wäre film) weil "echtzeit" ja eben "echtzeit" ist: 24 stunden sind 24 stunden, nicht 4 tage um ulysses zu lesen, und den rhein schreitet auch niemand in 48 minuten ab. was solls also? bestenfalls ein digitales leporello, zumindest eine prätentiöse fleissarbeit. aber von irgendetwas muss der mensch ja leben
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