Bologna-Prozess

»Das haben wir nicht gewollt«

Der Bachelor in sechs Semestern führt zur Überfrachtung des Studiums – es wird Zeit, das zu ändern.

Eigentlich könnte alles so schön sein. Harro Müller-Michaels, emeritierter Germanistik-Professor aus Bochum, könnte sich zurücklehnen, selbstzufriedene Reden halten und sich von den anderen für sein Werk loben lassen. Stattdessen muss er Fragen seiner Kollegen beantworten. »Was hast du uns da nur eingebrockt?«, klagen sie. Und er sagt: »So war das nie geplant.«

Harro Müller-Michaels ist einer der Väter der Bologna-Reform, der europaweiten Umstellung auf die international vergleichbaren Studienabschlüsse Bachelor und Master. Die Ruhr-Universität war die erste große Hochschule in Deutschland, die den Bachelor eingeführt hat, vor mittlerweile 15 Jahren, und Müller-Michaels hat damals voller Enthusiasmus dafür gesorgt, dass die Geisteswissenschaften ganz vorn mit dabei waren. »Wir wollten die extrem hohen Abbrecherraten senken, endlich eine didaktische Ordnung ins Studium bringen«, sagt er heute. »Das haben wir auch geschafft. Doch dass dieses modularisierte Klein-Klein der Preis für den Erfolg ist, das haben wir nicht gewollt.«

Kritik an Bologna ist nichts Neues, seit Europas Wissenschaftsminister sich 1999 auf das ambitionierte Reformprojekt geeinigt hatten, im Gegenteil: Zunächst waren es vor allem die Geisteswissenschaften, die Verrat an Humboldtschen Bildungsidealen witterten, später dann die Ingenieure, die ihr Diplom als vermeintlich unverzichtbares Markenzeichen zu verteidigen suchten. Bis heute stemmen sich vor allem Juristen und Mediziner gegen den Abschied vom Staatsexamen. Doch der Fall von Müller-Michaels liegt anders: Hier meldet sich einer zu Wort, der seit Jahren für die Reform kämpft, der sie selbst jetzt noch als den »einzigen Ausweg aus der Hochschulmisere« preist. Der Angst davor hat, dass die endlich schwindende Zahl erbitterter Bologna-Gegner seine Warnung für ihre Zwecke missbrauchen könnte – und deshalb mit dem Aufschrei gewartet hat. Genau das macht seine Kritik so bemerkenswert: Die Studienreform droht in Deutschland längst nicht mehr am Widerstand vermeintlicher Besitzstandswahrer zu scheitern, 61 Prozent aller Studiengänge sind bereits umgestellt. Echte Gefahr droht dem europäischen Traum inzwischen von ganz anderer Seite – von seinen Befürwortern, ihrem Übereifer und ihrer Fantasielosigkeit.

Die Misere, die sie zu verantworten haben, ist so einfach wie verheerend: In einer Mischung aus Herdentrieb und falsch verstandenem Streben nach bundesweiter Einheitlichkeit haben sich die Hochschulen fast ausnahmslos für einen sechssemestrigen Bachelor entschieden – und sich damit ohne Not ein allzu enges Korsett geschnürt. »Die Folge ist ein völlig überfrachtetes Studium, das keinen Raum mehr lässt für das eigentlich Wichtige«, sagt Müller-Michaels. Das eigentlich Wichtige wäre: mehr Zeit fürs Auslandsstudium, mehr Grundlagenwissen und in den Geisteswissenschaften möglichst eine Zwei-Fächer-Struktur wie früher beim Magister.

Dabei sieht die Bologna-Vereinbarung eine Sechs-Semester-Struktur keineswegs als verpflichtend vor. »Die nötige Flexibilität ist eigentlich da«, sagt Peter Zervakis vom Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz. »Die Programme können zwischen sechs und acht Semestern dauern.« Dass sich die meisten Hochschulen dennoch für die Minimalvariante entschieden haben, habe auch mit dem Spardiktat der Bundesländer zu tun, betont Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität: »Durch die Zielvereinbarungen mit dem Land sind wir verpflichtet, mehr Absolventen in der Regelstudienzeit zum Abschluss zu bringen. Das läuft in der Praxis auf die sechs Semester hinaus.«

Wie dramatisch die Folgen des Sparbachelors sind, hat eine Studie des Hochschul-Informations-Systems kürzlich bewiesen: Nur 15 Prozent der Bachelorstudenten gehen ins Ausland – im Vergleich zum 30-Prozent-Schnitt aller Studenten. Dabei war eines der meistzitierten Bologna-Versprechen ja eben, die internationale Mobilität zu erhöhen. Dafür, auch das belegt die Studie, wechseln überdurchschnittlich viele Jungakademiker für den Master ins Ausland – mit wiederum negativen Konsequenzen für den Wissenschaftsstandort Deutschland, denn zu viele der Besten kehren auch für die Promotion nicht mehr in die Heimat zurück. Der einzig sinnvolle Ausweg, darin sind sich die meisten Experten einig, wären sogenannte Mobilitätsfenster, die den Auslandsaufenthalt als verpflichtenden Bestandteil des Studiums vorsehen. An der Freien Universität haben sie das kürzlich wieder einmal diskutiert – und sich einhellig dagegen entschieden: In sechs Semestern sei das nicht zu machen.

Der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Christian Bode, schlägt daher vor, Interessierte sollten »ein weiteres Semester oder auch ein ganzes Jahr« an den Bachelor dranhängen, das diese dann an einer Uni im Ausland verbringen würden, um sich anschließend im Unterschied zu den Nesthockern »internationale Bachelor« nennen zu dürfen. Anderen Experten geht Bodes Vorschlag indes nicht weit genug: Sie wollen ein zusätzliches Semester für alle Studenten, damit feste Auslandsfenster in allen Studiengängen möglich werden.

Der Sechs-Semester-Bachelor errichtet nicht nur Schranken auf dem Weg ins Ausland, auch in anderer Hinsicht erweist er sich als Irrweg. So wollen bis 2012 fast alle Bundesländer die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzen. Dabei galt ebenjenes deutsche Extrajahr bis zum Abi als Rechtfertigung dafür, warum der deutsche Bachelor etwa im Vergleich zu seinem US-Pendant zwei Semester kürzer war. Dieses Argument entfällt jetzt. »Die Erstsemester werden in Zukunft deutlich jünger sein, weniger Grundlagenwissen mitbringen«, sagt Müller-Michaels. »Die Hochschulen müssen das ausgleichen« – etwa in einer fächerübergreifenden Eingangsphase von einem oder zwei Semestern – die Leuphana Universität Lüneburg hat sie bereits eingeführt.

Schließlich könnte ein längerer Bachelor ein weiteres Problem lösen, das durch den Übereifer einiger Reformer entstanden ist. Ein großes Plus der Magisterstudiengänge war die Praxis, zwei oder mehr Fächer kombinieren zu können. Allzu viele Hochschulen stellten jedoch auf Ein-Fach-Bachelor um. Dabei ist es gerade in den Geisteswissenschaften sinnvoll, sich auch beim Bachelor eine große Breite und Flexibilität zu erhalten. Zurzeit gibt es nur einige wenige Universitäten wie die Ruhr-Uni oder die FU Berlin, die überhaupt noch Kombinationsmodelle anbieten.

Doch während etwa die Ruhr-Uni einen echten Zwei-Fach-Bachelor anbietet, hat die FU sich angesichts der knappen Zeit für ein Ein-Fach-Modell mit Zusatzfach entschieden. »Wir gehen den Mittelweg, damit man wenigstens ein Fach richtig beherrscht«, sagt Dieter Lenzen. Doch genau diese Angst vor der Doppelschmalspur ist es, die an den meisten Unis zum Totalabbau des alten Kombinationsmodells geführt hat – ein Verlust, den ein längerer Bachelor beheben könnte.

»Die Hochschulen sollten ihren Gestaltungsspielraum voll nutzen«, sagt Zervakis von der HRK. Acht Semester bis zum Bachelor, das könnte die Lösung sein. Das strebt auch Lenzen an – unter zwei Bedingungen: »Alle müssen mitmachen. Und der Master muss so verkürzt werden, dass das Studium insgesamt nicht länger als zehn Semester dauert.« Zwei Bedingungen, die so grundlegend sind, dass ihre Erfüllung in absehbarer Zeit praktisch ausgeschlossen ist. So bleibt es bei der nüchternen Bilanz: Bologna macht die Uni studentennäher, schneller, effizienter. Aber auch starrer, langweiliger, weniger vielfältig. Die Vorteile darf man getrost der Reform zuschreiben. Die Nachteile dagegen ihrer allzu deutschen Auslegung.

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Leser-Kommentare

  1. Meine Erfahrungen als Student und wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Bologna sind genau aus diesen Gründen miserabel!Zu wenig Zeit für ein "kleines" Diplom oder Lic. - aber die Unis (nicht nur in Deutschland, in der Schweiz genauso) machen genau das daraus. Der Sinn, einen praktischen Abschluss im Bachelor zu sehen (im Gegensatz zum Master als spezifisch wissenschaftlicher Spezialisierung), wird so vollkommen verdrängt.Und aus Spargründen werden dann vollkommen ungeeignete Vorlesungen kombiniert.Ein Beispiel: Für den Bachelor in Psychologie braucht man Pathologie. Soweit so gut. An den meisten Unis besuchen die Psych-Studierenden aber nun Pathologie bei den Medizinern - diese Vorlesung ist für Medizinstudenten kein Problem - Psychologiestudenten wirft sie jedoch fast um. Da ein komplett neues medizinisches Vokabular gelernt werden muss. Usw..Ähnliches bei Theologie/Philosophie. Früher waren die ungeliebten Altsprachen Teil des Vordiploms, da das Studium vollkommen auf 10-12 Semester ausgelegt war auch kein Problem.Nun gibt es einen Bachelor in Theologie und Philosophie (der ist in der Praxis jedoch nicht viel wert), aber die meisten Unis haben sich jetzt entschlossen: Gut, wenn wir schon dabei sind - dann verkürzen wir das Studium nicht, sondern verlängern es! Die Altsprachen sind jetzt nicht mehr Teil des Bachelors (analog zum alten Vorspilom) - sondern Voraussetzung zum Studium! D.h. ich muss bereits vor dem Studium 2-3 Semester in Altsprachen investieren, um überhaupt studieren zu können! In der Praxis heißt das: Statt 10 Semester für ein Theologiediplom, brauche ich nun 12-13 (bzw. 14-15). Konterkariert!Und flexibel sind die Unis in der Anerkennung der Studienleistung an anderen Unis auch nicht. Meine Freundin macht das Prozedere gerade mit. Sie wechselt von der Uni Bern nach Basel, hat in Bern bereits 3 Semester auf Bachelor studiert. Die Basler erkennen ihr ca. 80 Prozent an - Zürich wollte ihr 30 Prozent anerkennen!!! Alles Möglich auch mit Bologna...

    • 02.11.2007 um 10:31 Uhr
    • lindejung

    Wer den Geist des guten deutschen Hochschulwesens und seine letzten Verteidiger erleben und frische Kraft nach zähem und ermüdendem Anrennen gegen den hiesigen unsäglichen Filz aus Privatwirtschaft und Kultusbürokratie tanken möchte gehe nach Harvard. Die Statiskik im Artikel, die steigende Bachelorzahlen aus "Beliebtheit" herleitet, verschlüge einem vor dem Hintergrund der schlichten Abschaffung vieler Diplom- und Magisterstudiengänge freilich schon die Sprache - wäre man mit den bigotten Argumentationsmustern exponierter Bachelor-Befürworter sind schon zwangsvertraut. Auch das folgenfreie Alibi-Mea-Culpa des Herrn Müller-Michaels hilft ganz sicher weiter, wenn im Zuge der totalen Nivellierung demnächst vielleicht auch in Deutschland Promotionen á la italiana en vogue werden und Projektarbeiten zu viert zur Erlangung des Titels genügen.

    • 02.11.2007 um 18:03 Uhr
    • jayse

    Sicherlich ist in diesem Artikel einige Wahrheit. Ich bin auch der Meinung, dass gerade bei den Geisteswissenschaften die 2-Faecher-STruktur weiter erhalten bleiben sollte und dadurch eine Verlaengerung des Bachelors um ein Jahr daher durchaus sinnvoll ist. Auch bei Juristen und Medizinern sollte man schauen, dass man die Studienzeit angemessen des Stoffes anlegt. Wahrscheinlich sollten auch die Lehramtsstudiengaenge eine laenger Studienzeit haben als ein BWLer.
    Allerdings fehlt in diesem Artikel die Differenzierung. Aus eigener ERfahrung weiss ich sehr wohl, dass ein dreijaehriger Bachelor fuer ein normales Wirtschaftsstudium sehr gut zu schaffen ist. Sicher, ich hab weniger gefeiert als meine parallel laufenden Diplomkollegen, auch sass ich schon mal in so genannten Block-Seminaren von morgens um 8 bis abends um 9 in der Uni. Evtl. habe ich auch schon mal Hauptstudien-Kurse im letzten Jahr meines Grundstudiums belegt, damit ich Zeit spare. Aber ein Auslandssemester, aus dem ich drei Scheine mitgebracht habe, sowie 2 Praktika (waehrend der Studienzeit und in den Semesterferien) waren trotzdem drin. Ich bin keineswegs ueberaus intelligent, bin auch eher von der faulen Sorte, aber leicht habe ich gelernt, was Studium wirklich bedeutet. Eben nicht: "heute stehe ich mal nicht auf, gestern war die Nacht lang". Es ist fuer einen Wirtschaftsstudenten von wesentlicher Bedeutung ins Ausland zu gehen, zumindest fuer ein SEmester, und man schafft das auch mit sechs Semestern Bachelor.
    Indem man die richtige Uni waehlt (ich studierte an der Europa-Universitaet) kann man leicht ueber Partnerprogramme ins Ausland gehen und sich dort gemachte Scheine anerkennen lassen. Ebenfalls gibt es die Moeglichkeit sich ein Urlaubssemester zu nehmen und so hat man also keine Probleme die Regelstudienzeit einzuhalten, trotz Ausland oder Praktikum. Wer sich nicht kuemmert, ist selbst Schuld!!!! Das ist meine Meinung.
    Auch beim Praxisbezug hat meine Uni es geschafft, diese ins Studium ordentlich einzubauen. Auch wenn das Hausaufgaben und viele Praesentationen hiess. Durch staendige Leistungskontrollen,die in die Endnote mit einfliessen hat man es geschafft, selbst mich bei der Stange zu halten mit dem Lernen und Aufarbeiten des vielen Stoffs. Durfaller am Ende des Semesters (bei den Diplomern immer noch regelmaessig hohe Quote) gibt es damit weniger. Solche, die sich eben nicht den Arsch aufreissen wollen fuers Studium sind eh nach 2 Semestern gegangen.
    Weiterhin, fuer die, die es nun doch nicht schaffen sollten ins Ausland zu gehen waehrend des STudiums. Was ist denn dabei, ein Semester dranzuhaengen und waehrend des Schreibens seiner Bachelor-These oder eines anschliessenden Praktikums nochmal fuer 6 Monate ins Ausland zu gehen? Nicht ein Personaler bei keiner Deutschen Firma wird das dem Absolventen als Nachteil auslegen, trotzdem, dass er schon ein halbes Jahr aelter ist als evtl. andere, die nicht ins Ausland gingen!!!! Ich bin daher fuer eine Verlaengerung des Bachelors, aber doch bitte nicht fuer jeden STudiengang!!!
    Im Uebrigen ist es falsch anzunehmen, dass das 13. Abiturjahr in Deutschland das 1. Jahr in Laendern mit 8semestrigen Bachelors ersetzt. Auch mit meinem 12-jaehrigen Abitur wurde ich an der amerikanisch-englischen Universitaet in London gleich ein Jahr hoeher eingestuft. Die Qualitaet des Deutschen Abiturs ist es, die die Amerikaner hier ueberzeugt, nicht das eine Jahr mehr!!!

    • 02.11.2007 um 18:47 Uhr
    • kawa11

    Schön und gut: Fleiß ist eine Tugend. Aber Fleiß im Sinne von Zeitersparnis + Studium bedeutet ökonomisch optimierte Wissensbetankung. Das ist Quantität statt Qualität und dabei möglichst "Personaler-gerecht". Studieren ist eine Option, die im allgemeinen nur einmal pro Leben nutzbar ist. Wir tun es für uns und sollten bei aller Zielstrebigkeit nicht zu sehr hindurchhasten nur einer kurzfristigen betriebswirtschaflichen Optimierung zuliebe.

  2. Ich wollte, wie meine Vorredner noch einmal betonen, dass die Statistiken zur Beliebtheit des Bachelors oft truegen. Die Studienanfaenger wuerden oftmals lieber nach dem alten System studieren, koennen dies aber nicht mehr, da die entsprechenden Studiengaenge bereits abgeschafft sind. Ich studiere eine Ingenieurswissenschaft auf Diplom an einer Universitaet und habe durch mein Fachschafts-Engagement ein wenig Einblick in die Meinungen der Studierenden und Studieninteressenten, wie auch in die Prozesse zur Umstellung von Studiengaengen bekommen. Interessierte Schueler fragen haeufig, wo es denn noch moeglich waere auf Diplom zu studieren. Sie trauen dem neuen System nicht wirklich. Wenn man dann in einem Uni-Gremium mit Professoren sitzt und die vorherschende Meinung zu sein scheint, dass 6 Semester zu kurz sind, um einen Uni-Studenten fuer den Beruf zu qualifizieren, fraegt man sich natuerlich, wiso dies dann gemacht wird. Der politische Druck ist enorm. Nur zum Beispiel: Es wurden gute, fast vollstaendig (ueber ein ganzes Jahr hinweg) ausgearbeitete Konzepte fuer ein 7-semestriges Bachelor-Studium verworfen, da sich hoehere Stellen entschieden haben, dass sie doch einen 6-semestrigen Bachelor wollen. Ja es wurde sogar ein - seit zwei Jahren laufender Studiengang - von einem 7-semestrigen auf ein 6-semestriges System umgestellt (Fuer die Studierenden, die dies in ihrem 4. Semester erfahren haben ein Schock). Die Entscheidung fuer einen 6-semestrigen Bachelor soll die Studienzeit und das Absolventenalter, das im europaeischen Vergleich sehr hoch ist, senken und meiner Meinung nach somit natuerlich eine Menge Geld sparen. Diese Logik funktioniert theoretisch ganz gut, aber nur, wenn die Studierenden nach dem Bachelor auch aufhoeren. Womit wir beim naechsten Problem waeren. Eine meiner grossen Sorgen beim 6-semstrigen Bachelor ist, dass zu erwarten ist, dass Quoten (es duerfen beispielsweise nur die besten 50% eines Jahrgangs den Master machen) fuer ein Masterstudium geschaffen werden. Momentan wird zumindest an meiner Heimat-Universitaet(ich bin gerade im Ausland) immer wieder beteuert, dass dies nicht geplant ist. Es ist jedoch fuer mich nicht unvorstellbar, dass bei der naechsten Sparrunde ein solches System eingefuert wird. Die Intention Geld einsparen zu wollen, laesst sich dann sehr gut kaschieren, indem man sagt, man wolle eben nur Elite-Studenten in den Master-Programmen an einer Spitzen-Universitaet.Das Problem bei solchen Quoten waere, dass die Studienmodelle - zumindest an meiner Universitaet - darauf ausgelegt sind, dass nach dem Bachelor auch noch der Master studiert wird. Da die 6 Semester im Bachelor zu kurz sind, um alle einige wichtige Lehrinhalte durchzunehmen, wird einiges notgedrungen in den Master gepackt. Das bedeutet, einem Bachelor fehlen diese wichtigen Inhalte. Das werden auch Unternehmen wissen, bei denen sich diese Absolventen (die noch dazu zu schlecht fuer den Master waren) anschliesend bewerben. Ohne eine solche Quote und unter der Annahme, dass das Gros der Studenten den Master machen moechte (was ich fuer sehr wahrscheinlich halte), wird es uebrigens eher nicht zu einer Verkuerzung der Studiendauer kommen, da das Master-Programm, im Gegenzug zur Verkuerzung des Bachelors, um ein Semester, auf nun 4 Semester verlaengert wurde. Die Idee mit dem »internationale Bachelor« sehe ich ebenfalls kritisch. Man hat sozusagen seinen Titel in der Tasche und macht dann noch ein Jahr mehr, um ein "international" davor schreiben zu duerfen. Dieses Modell fordert den Studenten ja geradezu auf sich ein gemuetliches halbes Jahr im Ausland zu machen. Sozusagen eine Auszeit, bevor das Berufsleben los geht. Ich wuerde da doch sehr ein Semester waehrend des Studium bevorzugen. Man ist motivierter und will wirklich etwas lernen und natuerlich auch Studienleistungen fuer die Heimat-Uni an der Gast-Uni ablegen.

    • 07.11.2007 um 0:53 Uhr
    • tzeuch

    Ich erinnere mich nur allzu gut an mein erstes Schreiben an unsere verantwortliche Vizepräsidentin, in dem ich meine Bedenken zu den Folgen der Umstellung auf Ba/Ma im Lehramtstudium zum Ausdruck brachte. Ich durfte Vorsprechen, meine Argumente wurden gehört, aber es gab 2004 eine Agenda des Ministeriums, ja wohl aller Wissenschaftministerien der Länder, der man sich selbst als Unipräsident nicht in den Weg stellen konnte. Horst Hippler, schon damals Rektor der inzwischen zur Eliteuni gekürten Universität Karlsruhe, kann ein Lied davon singen.
    Die Agenda "Eierlegende Wollmilchsau der Hochschulbildung" lautet grob formuliert: Wir (Wissenschaftsministeriale, Bertelsmannstiftung, Wissenschaftsrat, Hochschrektorenkonferenz, Wirtschaftslobbyisten, Wissenschaftsfunktionäre aller Couleur, Jan Martin Wiarda) machen Schnipp und lassen sich die verkrusteten Massenunis unter dem Leitmotiv Bologna neu konstituieren. Aus den in der Regel dem reinen Wissenschaftsbetrieb erwachsenen Professoren, Habilitanten, Juniorprofessoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern machen wir auf Kommando -Schwupps- quasi FH-Professoren, die ihr Netzwerk in der internationalen Wissenschaft, Akabadabra, in eine Verflechtung mit der nationalen Wirtschaft-, am besten mit dem regionalen Mittelstand eintauschen. Durch Steigerung der Arbeitszeit des oben genannten Lehrkörpers von 40-80 auf 60-100 Wochenstunden werden nach wenigen Monaten als Frucht dieser neuen Kooperationen sechssemstrige Bachelorstudiengänge gediehen sein, die folgende Qualifizierungsziele leisten: 1) Fundierte fachliche Ausbildung, die die Weiterqualifizierung zum Forscher im Masterstudiengang ermöglicht 2) Berufsqualifizierende Ausbildung zu einem Absolventen der mit Handkuss von der Wirtschaft genommen wird, mindestens so beliebt ist wie FH Absolventen nach 8 Semestern 3) Sozialkompetente Medienexperten ausbilden, die alle dazu nötigen Schlüsselqualifikationen aufweisen 4) Internationale Vergleichbarkeit und Mobilität herstellen 5) Für Lehramtstudenten im 2-Fachbachelor gilt alles oben gennante, nur für 2 Fächer + Schulpraktika, Pädagogik und Betriebspraktikum (Polyvalenz des Abschusses). So wurde das vom Ministerium UNMISSVERSTÄNDLICH nach unten DURCHKOMMUNIZIERT. O-Ton Staatseketär Lange, erfahrener Munltiwissenschaftsfunktionär auf einer Ba/Ma Infoveranstaltung vor Ort: Die Universitäten haben mit den gestuften Studiengängen eine letzte Chance, gehen Sie zu dem Betrieben vor Ort, qualifizieren sie die Studenten in Zusammenarbeit mit den Betrieben, sonst nehmen wir ihnen das Geld weg und geben es an anderer Stelle aus. Es ist ihre letzte Chance !
    Nur was machen diese so geforderten Wissenschaftler. Sie schreiben all die oben genannten Ziele inklusive internationaler Vergleichbarkeit in die Präambel der Studienordnung, führen die bewährten Veranstaltungen weiter, geben Lehraufträge an "Experten" für Schlüsselqualifikationsvermittlung, stellen mit Studiengebühren ein paar Berater zur Praktika- und Stellenvermittlung ein und machen hinter Schlüsselqualifikationen, Internationalisierung und Berufsqualifizierung einen dicken Haken. Ansonsten geht alles weiter wie gehabt, jetzt halt modularisiert, man kann eben "nur" Wissenschaft, hat durch Forschungserfolge auf seinem Fachgebiet seine Stelle ergattert, schreibt folglich weiter Artikel, wirbt DFG Drittmittel ein, zieht sich seinen wissenschaftlichen Nachwuchs heran und schielt auf die andere große Veranstaltung, die am Laufen ist, das Super-Uni Casting, die Buhlmansche "Brain Up" Show. Und mitten im Kampf mit der Modularisierung, neuen Studien- und Prüfungsordnungen und vielleicht aufgrund des guten CHE Rankings und der Präsenz bei der Exzellenzinitiative hereinstürmenden Studentenmassen wird man zur Eliteuni gekürt. Der Minister zieht sich mit dem Unipräsidenten beim Feiern in Siegerpose das Elite T-Shirt an und der Staatssekretär Lange wird in Hannover etwas säuerlich dreinschauen: Denn Speerspitze der internationalen Wissenschaft, auf einer Augenhöhe mit den Max-Planck-Instituten forschen und den Nachwuchs dafür ausbilden und gleichzeitig sich Studienordnungen von lokalen Kleinbetrieben diktieren lassen geht eventuell nicht so ganz perfekt zusammen. Studenten klagen nun über den unglaublichen Arbeitsaufwand, Stress und Freudlosigkeit am Studium, trotz Elitestatus und auch nicht groß veränderten Stundenplänen und der besten Bewertung für die Studienbedingungen im CHE Ranking für den im Kern übernommenen Diplomstudiengang. Was ist da schief gelaufen ?
    Wie im Artikel richtig beschrieben sind die sechsemstrigen Bachelorstudiengänge völlig überfrachtet. Nur haben das die bösen Hochschullehrer nicht absichtlich so gestaltet, das waren glasklare Vorgaben der Ministerien. Dass vieles aus den alten Diplomstudiengängen wieder im Bachlor auftaucht, liegt an der fehlenden Zeit zur Neukonzeption, den Konsequenzen aus einem im unseren Fall auf 82% im Vergleich zum Jahr 2002 gekürzten Fakultätsbudget (Radikales Kampfsparen des Landes und 1 zu 1 aus Personalmitteln finanzierte Energiekostensteigerungen bei exzellentem Ranking der Fakultät) und einfach daran, dass in den letzten 10 Jahren viele Veranstaltungen umfassend reformiert wurden und hervorragende, mehrfach durch Evaluation bestätigte Lernerfolge zeitigen. Natürlich steht die wissenschaftliche Ausbildung im Vordergrund, aber das ist für jeden Wissenschaftler, vor allem für solche ohne feste Stelle die Überlebensfrage, nur durch Publikationen, Drittmittel und fähige Mitarbeiter kann ich berufungsfähig werden. Lehre, Berufsqualifizierung, etc stehen erstmal hinten an. Und das Tohuwabohu um die Eliteunis, die deutschen Nobelpreisträger, das Aufstocken der DFG-Bundesmittel und die Forschungsbilanzen der zur Zeit berufenen Wissenschaftler zeigen, dass man im System nicht anders kann als so zu agieren, wenn man nicht mit 40 ohne Anschlussvertrag ausgespuckt werden möchte.
    Es gibt weder in der Politik noch in der Wissenschaftjournalistik eine Perspektive zur Überwindung dieses Dilemmas. Es geht nicht, Berufsqualifizierung, Internationalsierung einzufordern und zu hoffen, dass neue Abschlüsse all das auf Kommando herbeizaubern, wenn gleichzeitig alle Anreize im System nur auf die Belohnung von Spitzenforschung ausgerichtet sind.Wenn man als Wissenschaftsjournalist oder Minsterialer nicht weiß, wie diese Anreizsysteme in der Wissenschaft funktionieren und wie der Lehrkörper tickt, also eigentlich nicht weiß, was die Hebel und ihre Wirkung zur Hochschulentwicklung und -steuerung sind, wird man immer wieder überrascht sein, dass in Bologna unter Funktionären getroffene Zielvereinbarungen zwar in Ministerialerlasse gegossen oder die Unis durch Drohung mit einer Mittelkürzung zur Umsetzung gedrängt werden können, aber in der Praxis unerwartete, gar kontraproduktive Effekte auftreten, wie die erschwerten Auslandssemster und sogar Uniwechsel innerhalb des Bundeslandes, da Abschlüsse oder auch nur Module auf einmal innerhalb eines Landes nicht mehr vergleichbar sind, da alle Unis gehetzt vom Ministerium wild und unkoordiniert darauf los reformiert haben. Am traurigsten ist die Sitution normlabegabter Studenten, die nicht wissen, was nach dem Bachelor kommt, da bundesweit hohe Hürden (stark begrenzte Studienplätze, Mindestbachelornoten plus Auswahlverfahren) für den Master aufgebaut werden und einfach den Unis Geld und Personal fehlt, die Studenten länger zu halten. Und diese unsichere Perspektive und das Bewusstsein das jede vergeigte Modulprüfung das AUS für das Masteranschlussstudium bedeuten kann raubt tausenden Erstsemstern an unsere Eliteuni die Freude am Studieren. Nicht etwa Faulheit wie von einem Zeitautor einmal frech unterstellt wurde. Danke, liebe Bologna Verfechter sagen viele von ihnen !! Wenn dann in zwei Jahren massenweise 6 Semester Bachelors auf einen vielleicht nicht mehr brummenden Arbeitsmarkt geschickt werden bin ich auf die Reaktionen der Hochschulpolitik gespannt.
    Nur all das haben "Wir" an den Unis schon vor Jahren absehen können, nur hat kein Ministerialdirgient oder Zeit-Journalist das hören wollen. Kleine Lausbuben, die beim Zündeln das Haus in Brand stecken, haben das auch immer nie gewollt.

    • 11.12.2007 um 8:02 Uhr
    • tzeuch

    Georg Johann Bachmaier ist Director Human Resources bei der Deutschen Bank. Als größte deutsche Bank und führendes globales Finanzinstitut erfreut sich das Unternehmen großer Beliebtheit bei jungen Akademikern.
    Zu den beliebtesten Arbeitgebern in Deutschland gehört die Deutsche Bank. Das Geldinstitut sucht in der ganzen Welt nach den besten Köpfen. Die Bank weiß genau, was diese wollen.
    ....Was ist Ihnen bei Bewerbern besonders wichtig? Was müssen diese mitbringen?
    Definitiv Praktikumserfahrung. Das ist einer der wesentlichen Punkte, worin sich Diplom- und Bachelor-Absolventen unterscheiden. Diplomanden hatten viel Zeit, um die endgültige Richtung ihres Studiums zu wählen, Praktika zu absolvieren und während des Studiums im Allgemeinen mehr Lebenserfahrung zu sammeln. Bachelors haben diese Möglichkeiten so nicht mehr. Sie müssen schneller und gezielter vorgehen. Wir unterstützen die neuen Bachelor-Studenten dabei und bauen bereits in den ersten Semestern Kontakt zu ihnen auf.
    Das kann ja heiter werden, wenn das globalste deutsche Unternehmen anfängt dem Diplom nachtrauern ...

  3. Müller-Michaels war wahrscheinlich Didaktiker. Von der Literatur hatte er wahrscheinlich so viel Ahnungung wie ein Esel vom Sonntag. Also, was soll der Blödsinn!

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  • Von Jan-Martin Wiarda
  • Datum 6.11.2007 - 08:36 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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