Eigentlich könnte alles so schön sein. Harro Müller-Michaels, emeritierter Germanistik-Professor aus Bochum, könnte sich zurücklehnen, selbstzufriedene Reden halten und sich von den anderen für sein Werk loben lassen. Stattdessen muss er Fragen seiner Kollegen beantworten. »Was hast du uns da nur eingebrockt?«, klagen sie. Und er sagt: »So war das nie geplant.«

Harro Müller-Michaels ist einer der Väter der Bologna-Reform, der europaweiten Umstellung auf die international vergleichbaren Studienabschlüsse Bachelor und Master. Die Ruhr-Universität war die erste große Hochschule in Deutschland, die den Bachelor eingeführt hat, vor mittlerweile 15 Jahren, und Müller-Michaels hat damals voller Enthusiasmus dafür gesorgt, dass die Geisteswissenschaften ganz vorn mit dabei waren. »Wir wollten die extrem hohen Abbrecherraten senken, endlich eine didaktische Ordnung ins Studium bringen«, sagt er heute. »Das haben wir auch geschafft. Doch dass dieses modularisierte Klein-Klein der Preis für den Erfolg ist, das haben wir nicht gewollt.«

Kritik an Bologna ist nichts Neues, seit Europas Wissenschaftsminister sich 1999 auf das ambitionierte Reformprojekt geeinigt hatten, im Gegenteil: Zunächst waren es vor allem die Geisteswissenschaften, die Verrat an Humboldtschen Bildungsidealen witterten, später dann die Ingenieure, die ihr Diplom als vermeintlich unverzichtbares Markenzeichen zu verteidigen suchten. Bis heute stemmen sich vor allem Juristen und Mediziner gegen den Abschied vom Staatsexamen. Doch der Fall von Müller-Michaels liegt anders: Hier meldet sich einer zu Wort, der seit Jahren für die Reform kämpft, der sie selbst jetzt noch als den »einzigen Ausweg aus der Hochschulmisere« preist. Der Angst davor hat, dass die endlich schwindende Zahl erbitterter Bologna-Gegner seine Warnung für ihre Zwecke missbrauchen könnte – und deshalb mit dem Aufschrei gewartet hat. Genau das macht seine Kritik so bemerkenswert: Die Studienreform droht in Deutschland längst nicht mehr am Widerstand vermeintlicher Besitzstandswahrer zu scheitern, 61 Prozent aller Studiengänge sind bereits umgestellt. Echte Gefahr droht dem europäischen Traum inzwischen von ganz anderer Seite – von seinen Befürwortern, ihrem Übereifer und ihrer Fantasielosigkeit. Immer beliebter: Masterstudiengang-Angebote an deutschen Hochschulen© ZEIT-Grafik/ Quelle: HRK-Hochschulkompass BILD

Die Misere, die sie zu verantworten haben, ist so einfach wie verheerend: In einer Mischung aus Herdentrieb und falsch verstandenem Streben nach bundesweiter Einheitlichkeit haben sich die Hochschulen fast ausnahmslos für einen sechssemestrigen Bachelor entschieden – und sich damit ohne Not ein allzu enges Korsett geschnürt. »Die Folge ist ein völlig überfrachtetes Studium, das keinen Raum mehr lässt für das eigentlich Wichtige«, sagt Müller-Michaels. Das eigentlich Wichtige wäre: mehr Zeit fürs Auslandsstudium, mehr Grundlagenwissen und in den Geisteswissenschaften möglichst eine Zwei-Fächer-Struktur wie früher beim Magister.

Dabei sieht die Bologna-Vereinbarung eine Sechs-Semester-Struktur keineswegs als verpflichtend vor. »Die nötige Flexibilität ist eigentlich da«, sagt Peter Zervakis vom Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz. »Die Programme können zwischen sechs und acht Semestern dauern.« Dass sich die meisten Hochschulen dennoch für die Minimalvariante entschieden haben, habe auch mit dem Spardiktat der Bundesländer zu tun, betont Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität: »Durch die Zielvereinbarungen mit dem Land sind wir verpflichtet, mehr Absolventen in der Regelstudienzeit zum Abschluss zu bringen. Das läuft in der Praxis auf die sechs Semester hinaus.«

Wie dramatisch die Folgen des Sparbachelors sind, hat eine Studie des Hochschul-Informations-Systems kürzlich bewiesen: Nur 15 Prozent der Bachelorstudenten gehen ins Ausland – im Vergleich zum 30-Prozent-Schnitt aller Studenten. Dabei war eines der meistzitierten Bologna-Versprechen ja eben, die internationale Mobilität zu erhöhen. Dafür, auch das belegt die Studie, wechseln überdurchschnittlich viele Jungakademiker für den Master ins Ausland – mit wiederum negativen Konsequenzen für den Wissenschaftsstandort Deutschland, denn zu viele der Besten kehren auch für die Promotion nicht mehr in die Heimat zurück. Der einzig sinnvolle Ausweg, darin sind sich die meisten Experten einig, wären sogenannte Mobilitätsfenster, die den Auslandsaufenthalt als verpflichtenden Bestandteil des Studiums vorsehen. An der Freien Universität haben sie das kürzlich wieder einmal diskutiert – und sich einhellig dagegen entschieden: In sechs Semestern sei das nicht zu machen.

Der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Christian Bode, schlägt daher vor, Interessierte sollten »ein weiteres Semester oder auch ein ganzes Jahr« an den Bachelor dranhängen, das diese dann an einer Uni im Ausland verbringen würden, um sich anschließend im Unterschied zu den Nesthockern »internationale Bachelor« nennen zu dürfen. Anderen Experten geht Bodes Vorschlag indes nicht weit genug: Sie wollen ein zusätzliches Semester für alle Studenten, damit feste Auslandsfenster in allen Studiengängen möglich werden.