Bologna-Prozess Es geht doch!

Der Widerstand der Mediziner gegen den Bachelor beginnt zu bröckeln – ganz langsam.

Der junge Arzt greift zum Skalpell und schneidet den Bauch des Patienten auf. Plötzlich kommt es zu Komplikationen. Hilfesuchend blickt er in den Raum. Es verstreichen Minuten, bis der erfahrende Arzt herbeieilt, der den Patienten dann im letzten Moment rettet.

Szenarien wie diese könnten real werden, wenn das Medizinstudium auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt wird, warnen Mediziner und ihre Berufsverbände. Denn dann, so befürchten sie, könnten unterbezahlte Schmalspurärzte bereits nach drei bis fünf Jahren in die Praxis entlassen werden. Wedig von Heyden gehört zu den Skeptikern, auch wenn er den Bologna-Prozess sonst unterstützt. Geht es um die Medizin stellt sich der Generalsekretär des einflussreichen Wissenschaftsrates jedoch hinter die Traditionalisten und sagt: »Voraussetzung für ein Studium der Medizin ist, dass am Ende eine Berufsbefähigung zur ärztlichen Tätigkeit steht. Dieses Ziel ist mit einem Bachelor nicht zu erreichen.«

Peter Zervakis will die Umsetzung des Bologna-Prozesses voranzutreiben, schließlich sollen bis 2010 alle Fächer auf Bachelor und Master umgestellt sein. Der Projektleiter des Bologna-Zentrums der Hochschulrektorenkonferenz sagt: »Es geht nicht darum, dass Absolventen nach drei Jahren Medizinstudium als Ärzte praktizieren.« Es sei aber wünschenswert, dass Alternativen zum klassischen Arztberuf direkt nach dem Bachelor eröffnet werden. Neben dem regulären Studium, das weiter zur Approbation führt, solle es, so sagt er, auch sinnvolle Alternativen geben, die effektiv auf eine Tätigkeit im Gesundheitswesen vorbereiten. Der Bachelor soll das Staatsexamen auf keinen Fall ersetzen. »Er ist als erster berufsqualifizierender Abschluss im Medizinstudium gedacht, der zum Weiterstudium der Medizin oder anderer Fächer befähigt«, betont Zervakis.

Dabei zeigt ein Blick über die Landesgrenzen, dass es möglich ist, das Medizinstudium im Sinne von Bologna neu zu strukturieren. Die Schweiz, die Niederlande oder Dänemark haben den Bachelor und den Master in der Medizin bereits durchgesetzt. Deutsche Studenten müssen hingegen mit einer langen und intensiven Ausbildung rechnen, die Regelzeitstudiendauer beträgt zwölf Semester. Diese sechs Jahre hält allerdings nur ein Drittel durch und praktiziert letztendlich als Arzt, der Rest bricht ab und sucht nach Jobalternativen.

Wer bleibt, hat einen strikten Studienaufbau hinter sich. Das Studium teilt sich in eine vorklinische und eine klinische Phase. In der ersten zweijährigen Phase werden die Studierenden hauptsächlich natur- und humanwissenschaftlich ausgebildet. Nach diesem Studienabschnitt müssen sie die Erste Staatsprüfung bestehen. Das heißt, die angehenden Mediziner beantworten zwei Tage lang Multiple-Choice-Fragen. Erst dann beginnt das eigentliche Medizinstudium, das mit der Approbation zum Arzt endet. Am Ende dieser Phase steht das Praktische Jahr, in dem die angehenden Mediziner meistens im Krankenhaus arbeiten. Die Zweite Staatsprüfung, das sogenannte Hammerexamen, testet dann in erster Linie Krankheitsbilder, wiederum anhand von Multiple-Choice-Tests.

Gegen die Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen führen die Traditionalisten gerne die zum Wintersemester 2003/04 eingeführte Approbationsordnung an. »Mit der Reform der Studieninhalte meint man die Bologna-Ziele bereits umgesetzt zu haben«, sagt Zervakis. Man brüstet sich damit, das Studium sei längst praxisrelevanter und berufsorientierter. So gehörten das sogenannte Bedside-Teaching und das problemorientierte Lernen jetzt zum Studium dazu. »Unsere Reform von 2003 würde durch die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen in der Medizin sogar konterkariert«, sagt der Präsident der Bundsärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe. »Auf keinen Fall darf die mit der neuen Approbationsordnung umgesetzte engere Verknüpfung der theoretischen und praktischen Ausbildungsphasen rückgängig gemacht werden«, pflichtet ihm Wedig von Heyden bei. Doch Kritiker halten diese Argumente für vorgeschoben, schließlich wolle man nicht die Reform der Approbationsordnung rückgängig machen, sondern noch verschärfen. Denn die Lehre sei selbst nach der neuen Approbationsordnung noch zu stark traditionell, praxisfern und nicht einheitlich ausgerichtet. Kolja Briedis vom Hochschulinformationszentrum in Hannover sagt sogar: »Es geht auch darum, ständische Privilegien abzugeben und die Widerstände gegen das Neue aufzugeben.«

Längst halten nicht mehr alle Mediziner am Bestehenden fest. Modellstudiengänge zeigen, dass das Studium durchaus reformierfähig ist und Studenten sogar mehr Spaß an der Lehre haben können. »Wir haben die Vorlesungen abgeschafft und setzen auf problemorientiertes Lernen«, sagt Thorsten Schäfer vom 2003 gegründeten Modellstudiengang der Ruhr-Universität Bochum. Auch verzichten die Bochumer Reformer auf den ersten Abschnitt der ärztlichen Prüfung, das sogenannte Physikum, und setzen stattdessen auf eine interne Universitätsprüfung. Statt wie beim Ersten Staatsexamen an der richtigen Stelle ein Kreuzchen zu machen, müssen sich die Studenten an Simulationspatienten testen lassen.

Vorreiter ist allerdings der Berliner Reformstudiengang Medizin an der Charité. Dort hat man die Trennung zwischen Vorklinik und Klinik, also Theorie und Praxis, schon 1999 aufgehoben. Vom ersten Semester an lernen die Studenten in kleinen Gruppen am Patienten. Der Lehrstoff ist nicht in Einzelfächer zersplittert, sondern in Themenblöcke geteilt. Vom ersten bis fünften Semester befassen sich die Studierenden mit Organsystemen. Einmal wöchentlich hospitieren sie bei einem Arzt. Im zweiten Studienabschnitt, vom sechsten bis zum zehnten Semester, stehen die einzelnen Lebensabschnitte des Menschen auf dem Lehrplan. Dann beginnt, wie auch beim Regelstudium, das Praktische Jahr, das mit dem zweiten Teil des Staatsexamens die Ausbildung abschließt.

Der Reformstudiengang Medizin an der Charité galt in einigen Aspekten bereits als Vorbild für die neue Approbationsordnung. Und auch für den Bachelor und den Master kann die Charité den Anstoß geben. »Wir haben ja bereits einen zweistufigen Modellstudiengang beschlossen. Theoretisch könnten wir schon nach zweieinhalb Jahren mit dem Bachelor in Medizin abschließen«, sagt Manfred Gross, Prodekan für Studium und Lehre an der Charité. Insgesamt könnte die Einführung des Bachelors Vorteile für die Studenten mit sich bringen. »Wer sich im Verlauf des Studiums entscheidet, doch nicht Arzt werden zu wollen, könnte die Uni nach dem Bachelor mit einem vollwertigen Abschluss verlassen oder sich in einem anderen Masterstudium weiterqualifizieren.«

Mit einem Bachelor könnten sich die Absolventen neue Berufswege zum Beispiel in der Pharmaindustrie, im Krankenhausmanagement oder Journalismus erschließen, sagt Peter Zervakis: »Eines muss ganz klar sein. Wer als Arzt praktizieren will, muss den Master draufsatteln.« Der Reformer schätzt, dass es noch einige Zeit dauern werde, bis die Chancen in der Medizin von allen gesehen würden. So lange muss er Überzeugungsarbeit leisten. »Bei den Rechtswissenschaften gab es anfangs auch große Vorbehalte. Jetzt zeigt man sich in einigen Ländern wie in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Sachsen bereit, auf Bachelor und Master umzustellen.«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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