Gäbe es ihn nicht, er hätte erfunden werden müssen: An Morrissey schieden sich in den achtziger Jahren Freund und Feind. Der Sänger der Smiths inszenierte sich als Außenseiter, mehr Dandy als Rockstar . Wo andere Sex, Drugs & Rock’n’Roll proklamierten, schmiss er auf der Bühne mit Blumen um sich und sang ein Loblied auf das Zölibat und die Macht des Schönen. In seinen Texten ist die Liebe ohne eine gehörige Portion Melancholie, Weltekel und Zynismus nicht zu haben. Liebende werden von Doppeldeckerbussen überfahren, und Mädchen heben Gräber aus, um die Herzen daseinsversunkener Jünglinge darin zu begraben. Die Gesten sind immer größer als die Wirklichkeit – und vielleicht gerade deswegen nah am Leben. Viele dieser Song gewordenen Geschichten fußen auf tatsächlichen Ereignissen und lösten bei Erscheinen Proteste aus. Sei es, dass – wie in Suffer Little Children – die Moor-Morde der sechziger Jahre thematisiert wurden oder Kritiker über die sexuell ambivalenten Texte grübelten.

Wie jede gute Band der Rockgeschichte waren The Smiths – obwohl ein Quartett – im Kern zu zweit: Morrissey schrieb alle Texte, Johnny Marr, sein Partner an der Gitarre, war für die Musik verantwortlich. Andy Rourke (Bass) und Mike Joyce (Schlagzeug) kam die Rolle von Statisten zu, Handwerkern, die ordentliche Arbeit erledigten, ohne am Genie der beiden anderen teilhaben zu können. Wenn wir heute die Plattennadel noch einmal auf die rund sechs Dutzend Stücke, die uns von den Smiths überliefert sind, hinabsenken, so haben sie nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Das Debütalbum The Smiths ist das Dokument einer Band, die dabei ist, sich zu finden. Noch nichts ist verfestigt und doch bereits alles vorhanden: Morrisseys zwischen den hohen und tiefen Lagen changierender Gesang; die komplexen und doch wie aus dem Ärmel geschüttelten Melodien von Johnny Marr, das Ringen um Poesie, Ironie und Gefühl. »No, it’s not like any other love, this one is different – because it’s us«, heißt es in Hand In Glove, der ersten Single, die im Zentrum dieses Albums steht.

Als diese Zeilen im Mai 1983 zum ersten Mal zu hören waren, bevölkerten haarlackbewehrte Synthiepopper die Hitparaden. The Smiths führten ein neue Note in die Popmusik ein: Sie wurden zur ersten Indie-Gitarrenband, die mit introspektiv-versunkenen Stücken in die Charts stürmte; ein Rollenmodell für nachfolgende Generationen – von Oasis bis Blur. Im Spiel des Gitarristen Johnny Marr schwangen die sechziger und siebziger Jahre mit. Fünf Jahre und vier Alben lang, von 1982 bis 1987, schien diese Band niemand aufhalten zu können. Dann brach alles auseinander. »I’ll see you somewhere, I’ll see you sometime, darling«, sang Morrissey im letzten Stück der letzten Platte Strangeways, Here We Come. Gemeint war damit wohl Marr, der die Band kurz vor Erscheinen der Platte verlassen hatte. Ein Abgesang auf eine Ära. Auf The Smiths aber können wir der Magie des Anfangs beiwohnen. Nirgends schwelgt man tiefgründiger als an der Seite der Smiths.

The Smiths: The Smiths (Warner)

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