Der Mord von Rechnitz

Vergangene Woche wartete die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit einer sensationellen Enthüllung auf: Danach soll die Gräfin Margit von Batthyány (1911-1989), eine Tochter Heinrich Thyssens, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs auf ihrem Schloss Rechnitz im österreichischen Burgenland ein Fest für SS-Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Kollaborateure gegeben haben, auf dem zur Unterhaltung der Gäste 200 halb verhungerte Juden herangeschafft und in einer nahen Scheune ermordet wurden. Nach der Tat seien die Gäste ins Schloss zurückgekehrt und hätten dort ungerührt weitergefeiert.

Sollte sich die Geschichte so zugetragen haben, wie der britische Autor David R. L. Litchfield sie schildert, wäre sie ein weiterer, wenn auch besonders grausiger Beleg für die Verstrickung deutscher Unternehmerdynastien in die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Gewiss, Hitler war nicht der bezahlte Handlanger des deutschen Großkapitals, wie es die berühmte Fotomontage John Heartfields von 1932 und die sich ihr anschließende vulgärmarxistische Interpretation nahelegte. Der Stahlindustrielle Fritz Thyssen, der Bruder Heinrichs, der der NSDAP bereits 1931 beitrat und die Partei mit großzügigen Spenden bedachte, war unter seinesgleichen eher die Ausnahme (auch darin übrigens, dass er sich später radikal von Hitler abwandte und die letzten Kriegsjahre in Konzentrationslagern zubringen musste). Die Mehrheit der einflussreichen Industriekapitäne an Rhein und Ruhr setzte auf Reichskanzler Franz von Papen und seinen »autoritären Staat«, nicht aber auf den »Führer« einer Bewegung, die sich in ihrer Anfangszeit durchaus noch »antikapitalistisch« kostümierte. Wichtiger für die Entscheidung Hindenburgs, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, war der Einfluss der Großagrarier, der preußischen Junker, denen sich der greise Reichspräsident als Gutsbesitzer von Neudeck besonders verbunden fühlte.

Der Pakt deutscher Unternehmer mit dem Nationalsozialismus

Doch nach dem 30. Januar 1933 schwenkten die Großindustriellen blitzschnell um. Die glänzenden Aussichten, die das Programm der Wiederaufrüstung eröffnete, ließen es ihnen geraten erscheinen, sich mit den neuen Machthabern gutzustellen. Deutsche Unternehmer profitierten nicht nur vom Rüstungsboom, sondern bereicherten sich auch hemmungslos an der »Arisierung« jüdischer Firmen und jüdischen Vermögens. Im Zweiten Weltkrieg brachten sie viele Betriebe in den besetzten Gebieten unter ihre Kontrolle. Und sie kannten nicht die geringsten Skrupel, Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene unter menschenunwürdigsten Bedingungen zu beschäftigen. Tausende und Abertausende fielen der »Vernichtung durch Arbeit« zum Opfer.

Dieses dunkle Kapitel war lange Zeit ein Tabu. In Firmenchroniken wurde es ausgeblendet, in Jubiläumsreden übergangen. Unabhängige Forscher, die mehr wissen wollten, fanden sich nicht selten vor verschlossenen Türen. Der Historiker Ulrich Herbert, der 1985 die erste gründliche Untersuchung über »Fremdarbeiter« in der NS-Kriegswirtschaft vorlegte, hatte noch bei 40 Werksarchiven vergeblich angeklopft.

Doch seit den neunziger Jahren hat sich das Bild grundlegend gewandelt. In den meisten deutschen Großunternehmen setzte sich die Einsicht durch, dass es 50 Jahre nach Kriegsende wohl an der Zeit sei, von der bisher geübten Praxis des Schönfärbens und Totschweigens Abschied zu nehmen und sich der braunen Vergangenheit zu stellen. Den Anfang machte die Firma Daimler-Benz, die eine umfangreiche Untersuchung zur Zwangsarbeit in ihren Werken in Auftrag gab. Sie erschien 1994. Es folgte ein großes Buch von Hans Mommsen und Manfred Grieger, Das Volkswagenwerk im »Dritten Reich« (1996), das Maßstäbe gesetzt hat. Ein Jahr zuvor, anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens, hatte die Deutsche Bank bereits eine Unternehmensgeschichte publiziert, in der der amerikanische Historiker Harold James sich sehr kritisch auch mit der Rolle der Bank im »Dritten Reich« beschäftigte.

Die Dresdner Bank, die noch viel skrupelloser als ihre Konkurrenz die »Arisierungs«-Geschäfte betrieben hatte, brauchte etwas länger. Erst 2006 erschien das von Klaus-Dietmar Henke herausgegebene vierbändige Sammelwerk Die Dresdner Bank im Dritten Reich, das schonungslos aufdeckte, in welchem Umfang sich das Bankhaus durch die Zusammenarbeit mit dem Regime kompromittiert hatte.

Mittlerweile haben fast alle großen deutschen Firmen ihre Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 von Historikern aufarbeiten lassen. Auch der Medienriese Bertelsmann, der sich nach 1945 im Ruhm eines Widerstandsverlags gesonnt hatte eine Legende, von der nach den akribischen Forschungen einer Historikerkommission unter Leitung Saul Friedländers nichts übrig blieb. Zu den Familiendynastien den Krupps, den Flicks, den Reemtsmas, den Sachs, den Neckermanns gibt es inzwischen eine reichhaltige Literatur, und die Verantwortung für die Unterstützung der NS-Diktatur wird darin nicht mehr ausgespart.

Viele Unternehmen zahlten in die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft ein, die sich an der Entschädigung der noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter beteiligte.

So ganz freiwillig war die neue Offenheit im Umgang mit der eigenen Geschichte nicht. In manchen Fällen sorgte erst der Druck von außen, etwa die Drohung mit Sammelklagen und die Furcht vor einem Imageverlust, für einen Sinneswandel. Und nicht selten waren es auch spektakuläre Enthüllungen, die in den Konzernspitzen ein Umdenken beförderten.

So auch jüngst im Falle der Quandts, die sich als eine der ganz wenigen Unternehmerfamilien bislang strikt jeder kritischen Auseinandersetzung mit ihrer braunen Vergangenheit verweigert hatten.

Nach der aufwühlenden NDR-Dokumentation Das Schweigen der Quandts, die das Erste Deutsche Fernsehen am 30. September ohne Programmankündigung zu sehr später Stunde ausstrahlte, ist diese Verweigerungsstrategie nicht mehr möglich. Denn zum ersten Mal wurde einer breiteren Öffentlichkeit vorgeführt, dass das Vermögen der Quandts, das nach dem Krieg den Start ins »Wirtschaftswunder« ermöglichte, wie bei so vielen anderen Unternehmen buchstäblich auch aus Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen herausgepresst worden war. So unterhielt die Firma auf dem Gelände des Batteriewerks Afa in Hannover-Stöcken ein KZ-Außenlager, in dem Zwangsarbeiter unter grausamen Bedingungen Batterien für deutsche U-Boote produzieren mussten. Günther Quandt wurde, anders als Alfried Krupp von Bohlen und Halbach oder Friedrich Flick, in Nürnberg nicht angeklagt, sondern nur als »Mitläufer« eingestuft. Hätten die Ermittler gewusst, was wir heute wissen, wäre er nicht so glimpflich davongekommen. Nach dem überraschend großen Echo auf die Sendung kündigten die Quandt-Erben prompt an, nun »mit diesem Teil unserer Geschichte offen und verantwortungsvoll umgehen« zu wollen. Ein Forschungsprojekt soll die Familiengeschichte im »Dritten Reich« aufarbeiten.

Ob sich auch hinter der Veröffentlichung des Briten Litchfield ein dunkles Familiengeheimnis verbirgt, bleibt zu prüfen. Einige Zweifel sind hier angebracht. Dass ein Massaker an ungarischen Juden in Rechnitz stattgefunden hat, ist unstrittig. Die österreichische Historikerin Eva Holpfer hat darüber 1998 in einem Aufsatz berichtet, und es gibt hierzu auch einen Film, Totschweigen von Margarete Heinrich und Eduard Erne, aus dem Jahre 1994. Es war eines von vielen Massakern, die SS und Gestapo in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs verübten. Unter den Opfern waren auch Tausende von ungarischen Juden, die seit Herbst 1944 für den Bau des »Südostwalls« herangezogen wurden. Götz Aly und Christian Gerlach haben in ihrem Buch Das letzte Kapitel (2002) diesen Leidensweg jüdischer Zwangsarbeiter aus Ungarn beschrieben.

Ob die Thyssen-Tochter Margit von Batthyány aber mit der Tat direkt etwas zu tun hatte, ob sie überhaupt davon wusste, das scheint bisher nicht schlüssig nachgewiesen. Interessant ist, dass die FAZ die entscheidenden Passagen aus dem Independent-Artikel, die eine direkte Beteiligung behaupteten, abgeschwächt hat. Im Original hieß es: »Finally, with the Red Army only 15 km away, the countess hosted a party at the castle on the 24 March, the eve of Palm Sunday, inviting up to 40 people including leading Nazi Party, SS, Gestapo and Hitler Youth members Podezin (der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Gestapo-Mann Franz Podezin d. Red.) then ushered Margit and 15 of the more senior guests to a store room, gave them weapons and ammunition and invited them to kill some jews.«

In der Übersetzung der FAZ wird daraus: »Als die Rote Armee schließlich nur noch fünfzehn Kilometer von Rechnitz entfernt war und die SS sich auf die Schlacht um Rechnitz vorbereitete, wurde am 24.

März, dem Abend vor Palmsonntag, im Schloss ein Fest veranstaltet, zu dem dreißig oder vierzig Personen geladen wurden, darunter führende Persönlichkeiten der örtlichen SS sowie der Gestapo und Mitglieder der Hitlerjugend Franz Podezin, NSDAP-Ortsgruppenleiter und Gestapo-Beamter, versammelte fünfzehn Gäste in einem Nebenraum des Schlosses, gab Waffen und Munition an sie aus und lud die Herren ein, ein paar Juden zu erschießen.«

Die »Bild«-Schlagzeile ist noch kein Wahrheitsbeweis

Man sieht: Jeder Hinweis auf die Anwesenheit der Gräfin Batthyány ist in dieser Übersetzung getilgt. Traute man bei der FAZ der »Enthüllung« Litchfields doch nicht so recht? Dann allerdings wäre die reißerische Aufmachung mit der Überschrift Die Gastgeberin der Hölle und das dazugestellte Foto mit dem feiernden Thyssen-Clan in Davos, das eine direkte Tatbeteiligung insinuiert, journalistisch zumindest fahrlässig. Denn dass die Bild-Zeitung, wieder einmal in trauter Gemeinschaft mit der FAZ, die Geschichte aufgriff und auf die Schlagzeile brachte: »Thyssen-Gräfin ließ auf Nazi-Party 200 Juden erschießen«, ist ja noch kein Wahrheitsbeweis.

Litchfield wird von den seriösen britischen Historikern nicht ernst genommen. Sein Buch The Thyssen Art Macabre, 2006 bei Quartet Books in London erschienen, ist von den britischen Rezensenten sehr kritisch aufgenommen worden. Darin handelt er auf den Seiten 179 bis 182 auch das Massaker von Rechnitz ab. Als Quelle stützt er sich vor allem auf ein Interview mit Josef Hotwagner, dem 1945 acht Jahre alten Sohn des Dorfschullehrers in Rechnitz, sowie auf eine Artikelserie aus der im Burgenland erscheinenden Oberwarter Zeitung aus den achtziger Jahren.

Die Aussagen vor dem österreichischen »Volksgericht« in den Nachkriegsjahren, auf die sich alle Untersuchungen des Massakers beziehen, sind unter quellenkritischen Gesichtspunkten mit besonderer Vorsicht zu behandeln. Wie in den deutschen Spruchgerichtsverfahren waren auch hier Entlastungswünsche und Abrechnungsbedürfnisse häufig miteinander verquickt, und die Wahrheit blieb dabei allzu oft auf der Strecke.

Es werden also noch einige Recherchen angestellt werden müssen, um den Wahrheitsgehalt der Geschichte zu überprüfen. In jedem Fall sind die Nachfahren der Thyssen-Bornemiszas gut beraten, wenn sie alles tun, um zur Aufklärung beizutragen. Wie aber auch immer die Prüfung des Falles ausgeht der Gedanke, dass das »Wirtschaftswunder« in der Bundesrepublik, also unser heutiger Wohlstand, auf den Pakt der wirtschaftsbürgerlichen Eliten mit dem Nationalsozialismus zurückgeht, wird uns weiterhin beunruhigen.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.44 vom 25.10.2007, S.57
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