Der junge Mann, der irgendwann einmal Millionär sein wird, steht in einem kleinen Raum, in dem ein Haufen Unterhosen, Jeans und T-Shirts auf dem Boden liegen. Er sagt: »Das ist mein Zimmer.« 16 Quadratmeter. Niedrige Decke. Ostdeutscher Plattenbau. Reichtum sieht anders aus.

Aber Jan Neumann ist ja auch nicht reich, noch nicht. Noch lebt er von 650 Euro im Monat. Davon bezahlt er die Miete, den Strom, das Essen, alles. Mancher Hartz-IV-Empfänger bekommt mehr. Irgendwann wird das anders sein, selbst wenn Jan Neumann, 24, Jurastudent aus Rostock, nach dem Examen keine gut bezahlte Stelle finden sollte. Selbst dann wird er einmal ein stattliches Vermögen besitzen. Denn Neumann gehört zu einer Generation junger Menschen, für die Geld nie ein Problem sein wird – egal, ob sie arbeitslos werden oder nicht, ob sie fünf Kinder kriegen oder gar keines, ob sie auf dem Dorf wohnen oder in der Stadt. Es ist die Generation der Erben.

Nie zuvor gab es so viele alte Menschen in Deutschland, nie zuvor hatten sie so wenig Nachkommen, nie zuvor waren sie so reich. Die Aufbaugenerationen der Wirtschaftswunderjahre haben Bankkonten gefüllt, Wertpapiere erworben, Häuser gebaut. Auf mehr als zehn Billionen Euro beziffert die Bundesbank das Geld- und Sachvermögen der Deutschen. In den nächsten Jahren wird es vielerorts von Großeltern auf Eltern übergehen, von Eltern auf Kinder, von Tanten und Onkeln auf Nichten und Neffen. Zum Beispiel auf Jan Neumann.

Er möchte nicht, dass sein wirklicher Name in der Zeitung steht. Es wäre ihm unangenehm den Mitbewohnern seiner Vierer-WG gegenüber, die nichts von seinem künftigen Reichtum ahnen. Er lebt ja wie sie. Mittags isst er in der Mensa. Äpfel kauft er im Supermarkt statt im teuren Bioladen. Abends geht er nicht in die Kneipe, sondern in den billigeren Studentenclub. Aber anders als seine Kommilitonen weiß er, dass ihm im Leben finanziell nicht viel geschehen kann. Weil seine Eltern Ärzte sind, weil sie im Westen Berlins immer gut verdient und bescheiden gelebt haben; das wünschen sie sich auch von ihm, deshalb überweisen sie ihm monatlich nur 650 Euro. Vor allem aber, weil sein Vater vor Jahren selbst ein Vermögen geerbt und gewinnbringend angelegt hat.

Jan Neumann hat keine Geschwister, er wird sein Erbe nicht teilen müssen. So wird er auf mehrere Millionen Euro kommen. Er wird sich, wenn er will, viele teure Dinge leisten können, ohne etwas dafür geleistet zu haben. Und während Angestellte, die sich ihr Spitzengehalt selbst erarbeiten, bis zu 45 Prozent an den Staat abgeben müssen, wird Neumann sein Vermögen weitgehend steuerfrei kassieren. Denn die Erbschaftsteuer ist in Deutschland so niedrig wie in wenigen anderen Industrieländern.

Ist das eigentlich gerecht?

Diese Frage rückt nun ins Zentrum der politischen Debatte. Auf dem SPD-Parteitag in Hamburg in dieser Woche werden die Parteilinken eine deutlich höhere Erbschaftsteuer fordern. Führende Parlamentarier von CDU und CSU würden die Steuer dagegen am liebsten ganz abschaffen. Und seit Monaten müht sich eine von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) geführte Kommission, irgendwo dazwischen einen Kompromiss zu finden.