Globale Familien Die Wiege der Kolleks

Der Vater war fast 30 Jahre lang Bürgermeister von Jerusalem. Die Söhne und Neffen verschlug es in die USA, nach Kanada und Russland. Bei einer Geburtstagsfeier in Israel trafen sie sich wieder

Jerusalem. Wie von einer unsichtbaren Schnur werden sie immer wieder in diese verfluchte und begnadete Stadt gezogen. Auch an diesem Spätsommerabend zu der großen Feier im schicken Clubrestaurant im europäischen Viertel Jerusalems. Kerzenlicht an den Tischen, rote und weiße Weine, Steaks, Hühnerbeine, Salate, Saucen, Couscous, alles im Übermaß. Daniel Kollek stieg am Vortag in Toronto ins Flugzeug, mit Ehefrau und den beiden Kindern. Sie leben in Kanada, Daniel ist Spezialist in Sachen Notfallmedizin, hält Vorträge in der ganzen Welt über medizinisches Krisenmanagement.

Jonathan Kollek stieg am Vortag in Moskau ins Flugzeug, mit Ehefrau und den drei Kindern. Sie leben in Russland, Jonathan arbeitet in der Ölbranche, ist einer der hochrangigsten Manager des Konzerns TNK-BP, einer der Big Player der Energiebranche. Er war in Moskau, als Anfang der neunziger Jahre der dramatische Umbruch in der russischen Ölindustrie begann. Leute wie Michail Chodorkowski waren für kurze Zeit seine Weggefährten.

Amos Kollek hatte es diesmal nicht so weit, nur ein paar Straßen. Er lebt seit einigen Monaten wieder hauptsächlich in Jerusalem, nachdem er vor vielen Jahren als junger Mann geradezu geflüchtet war nach New York. Weg vom Vater, raus aus dessen Schatten. Er schaffte es in New York, als Schriftsteller und vor allem als international erfolgreicher Filmregisseur. Außenseitergeschichten von Frauen sind seine Spezialität. Es war trotz der Nachbarschaft lange nicht sicher, ob Amos zu der Party kommen kann, denn er ist in der Endphase seines neuen Films, der letzte Schneidetag steht bevor. Diesmal geht es um eine komplizierte Vater-Sohn-Geschichte. „Bislang waren immer Frauen mein Thema. Diesmal traue ich mich zum ersten Mal an Männer ran“, sagt Amos auf dem Fest und lacht.

Daniel Kollek, der Arzt aus Kanada, sagt, für ihn sei das Besondere dieser Stadt das Licht, dieses Strahlen, „nirgendwo auf der Welt leuchtet die Welt so wie hier. Alles hier ist so unglaublich gelb.“ Jonathan Kollek, der Ölboss aus Moskau, sagt, immer wenn er nach Jerusalem komme, fühle er sich sofort so ruhig und gelassen, „ich brauche nichts anderes mehr, einfach nichts. Ich weiß, hier gehöre ich hin.“ Amos Kollek, fast sechzig Jahre alt, seine weißen Haare stehen wirr auf, zeigt auf sein T-Shirt, das er trägt, schwarz mit einem goldenen Blondie-Porträt drauf. In New York, sagt er, würde nie einer auf die Idee kommen, zu fragen, warum man mit einem Bildnis der schrillen Sängerin auf der Brust herumlaufe. In Jerusalem, sagt Amos, würde man etwas schräg angeguckt. Man merkt, es stört ihn nicht, nicht mehr.

Es ist ein Familienfest. Daniel Kollek feiert seinen 50. Geburtstag. Es gibt ein paar nette, kürzere Reden. Die Kinder von Daniel und Jonathan machen eine kleine Theateraufführung. Wie das so ist bei solchen Festen. Und mittendrin sitzt ein Freund der Familie, Ari Rath, über achtzig Jahre alt, jahrzehntelang war er Chefredakteur der Tageszeitung Jerusalem Post. Er kannte besonders gut und besonders lange Teddy Kollek, den Mann, der bis heute, auch nach seinem Tod, in erster Linie für die Schnüre verantwortlich ist, die immer wieder an Daniel, Jonathan und Amos ziehen, mal in Richtung Jerusalem, mal einfach auch nur und immer wieder die Bande dieser Familie zusammenziehen. Manchmal bedeuten diese Schnüre eine Art Schutznetz, manchmal wirken sie auch so, als würden sie die Luft zum Atmen nehmen.

Ari Rath ist in Wien geboren, als Jude, und konnte in den dreißiger Jahren gerade noch fliehen, bevor das große Morden begann. Er erzählt, wie ihm eines Tages im Jahr 1947 in New York Teddy zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht begegnete. Rath nennt ihn Teddy, wie alle immer Teddy sagen, selbst das Fußballstadion, das nach ihm in Jerusalem benannt wurde, heißt Teddy Stadion. Also, 1947 „kam Teddy auf mich zu und sagte: ,Du musst uns Tausende Bazooka-Granaten besorgen.‘ Er sagte: ,Frag nicht, mach einfach. Geh morgen früh in das Hotel Albin am Times Square, setz dich ins Foyer und lies die New York Times. Dann wird dich ein Mann ansprechen, der hat die Granaten!‘“

Rath ist ein guter Erzähler, er weiß, wie skurril sich das heute anhört: Mit Waffenhändlern verhandeln! Er schildert, wie er dann zwei der Granaten zur Probe in einem Wald nördlich von New York zündete und dann all die Granaten als Konserven in Kartons verpackt wurden. Auftrag ausgeführt. Natürlich, sagt Rath, Teddy hätte auch nichts anderes akzeptiert. „Er war ein Mann mit einer unglaublichen Ausstrahlung. Wenn er zu dir kam und einen Wunsch formulierte, war immer sofort klar: Okay, ich frag nicht, ich mach’s.“

1947 und die folgenden Jahre, in New York und anderswo: Teddy Kollek war einer von denen, die mit einem großen Ziel in der Welt unterwegs waren. Dieser neue Staat Israel, der vor seiner Gründung stand, sollte ein Land mit Idealen und freien Ideen werden, ja, ja, aber vor allem sollte es sein Land werden, ein Land, das stark ist, das sich wehren kann, das niemals auf fremde Hilfe angewiesen sein darf. Teddy Kollek hat selten und äußerst ungern über den Holocaust gesprochen, das Trauma der Millionen Toten war der eine Grund, der andere war die Schwäche der Juden, die Tatsache, dass sie sich fast kampflos abschlachten ließen. Diese Wahrheit konnte er nie ertragen. Nein, Kolleks Leben war nie der Blick in Richtung Vergangenheit, sein Leben war der Kampf für sein neues Land, Israel. Er hat es in seinen Memoiren ausführlich beschrieben, was er alles immer und immer wieder organisierte und sammelte: Beziehungen, Geld, Waffen. Erst nahezu auf eigene Rechnung. Später als Bürochef von Ben Gurion, dem ersten Präsidenten Israels, und dann jahrzehntelang als legendärer Bürgermeister Jerusalems.

Teddy war immer zu dick, er aß zu viel und schaffte es nie abzunehmen, obwohl er dauernd davon redete. Teddy hatte Glamour, Leute wie Frank Sinatra, Danny Kaye und Marlene Dietrich gaben in Jerusalem Vorstellungen und Konzerte und wohnten in der bescheidenen Familienwohnung der Kolleks. Marc Chagall war ein enger Freund, auch Ted Kennedy war öfter da. Teddy wusste, Jerusalem braucht positive Schlagzeilen, von Künstlern und Stars, damit es nicht immer nur hieß: Jerusalem, die Krisenstadt. Teddy heiratete die bildhübsche Tochter eines Rabbiners – und das Ehepaar wand sich aus den Fängen der dogmatischen Religion. Die Ehe hielt bis zum Schluss über alle Krisen hinweg. Teddy, der charmante Draufgänger, und Tamar, die feine und zurückhaltende Frau an seiner Seite.

Die Kolleks, ein gewaltiger Familienstoff. Ziemlich viel Weltgeschichte steckt drin. Auch ein bisschen großes Theater. Und jede Menge Psychologie. Jede Familie ist ein Bergwerk. Das der Kolleks ist vielleicht ein wenig größer.

Moskau. Jonathan Kollek wohnt mit seiner Familie wenige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums, in einer Wohnanlage mit Einlasstor samt Wächtern und einer angrenzenden internationalen Schule. Die Häuser sehen aus wie Landhäuser im französischen Stil, umgeben von Birkenwäldern, grünen Rasen und Kieswegen. Nirgends Zäune. Russen und Ausländer leben hier, die es sich leisten können eine fünfstellige Miete, in Dollar gerechnet, zu bezahlen. Es war immer eine Wohnanlage der Privilegierten, auch zu Sowjetzeiten. Im Haus der Kolleks wohnte schon vor der Revolution 1917 ein bekannter russischer Schauspieler, der bevorzugt die kaputten Helden in Tschechow-Stücken spielte.

Es ist später Nachmittag, immer noch knapp dreißig Grad, der Sommer zeigt noch mal seine Kraft. Ehefrau Tessa Szyszkowitz, eine österreichische Journalistin, hat gerade noch auf einem der riesigen Moskauer Märkte Fisch und Berge von Obst fürs Abendessen eingekauft. Die Kinder, zwischen drei und elf Jahren, sprechen mit der Mutter abwechselnd Englisch und Deutsch, und auch mal Französisch, weil gerade der französische Musiklehrer vor der Tür steht. Mit dem Kindermädchen reden alle Russisch oder was sie dafür halten. Ansteckend lebendige, lustige Kinder. Tessa, Mitte dreißig, macht in der großen Küche Kaffee und erzählt, wie sie Jonathan kennengelernt hat. Sie arbeitete damals als Korrespondentin in Jerusalem und genoss ihr Leben. Dann gab es diese Party, sie ging mit einer Freundin hin, und eigentlich sollte diese Freundin mit Jonathan Kollek verkuppelt werden, das macht man gerne in Jerusalem. Nun, Jonathan schaute die Freundin an und schaute die blonde Tessa an. „Zwischen uns“, sagt sie, „ging es dann ziemlich schnell.“

Jonathan hat den Ruf, ein ziemlicher Brocken zu sein, einer, der nicht allen gefallen will. Er fragt Leute schon mal als Erstes, ob sie eine Million auf der Bank haben, und wenn nein, warum bitte nicht? In einem Interview hat er gesagt, er sei wegen der Fernsehserie Dallas in die Ölbranche eingestiegen, „die hatten alle so viel Geld und gute Frauen, das gefiel mir“.

Es ist schon fast dunkel draußen, als Jonathan nach Hause kommt. Ende vierzig ist er, er trägt Anzug, Krawatte. Kurze Begrüßung, dann zieht er sich um, Jeans, Pullover. Er hat ein fein geschnittenes Gesicht, für einen kurzen Moment könnte man es beinahe weich nennen. Aber sobald er redet und seinen klaren, festen Blick auf einen richtet, wechselt der Eindruck: Robust ist er, tough, das will er ausstrahlen. Bruder Daniel in Kanada sieht ihm übrigens sehr ähnlich, auch bei ihm dieser scheinbare Widerspruch zwischen harten und weichen Gesichtszügen. Völlig identisch beginnt auch das Gespräch mit dem Reporter, in Moskau wie in Kanada. Nicht viel Small Talk, sondern sofort die jeweilige Frage der Brüder: Über was genau wollen wir reden? Wo soll es hinführen?

Globale Familien? Jonathan klagt, nein, das sei nicht gut für den Zusammenhalt, früher, als er noch in Jerusalem lebte, habe er seine Cousins und alle möglichen Verwandten regelmäßig getroffen, oft mehrmals die Woche. Und heute? Nicht mehr möglich. Er fängt an zu erzählen von seiner Tour in die Welt hinaus. Mitte der achtziger Jahre, nach Studium und Armee, ging es los. Singapur war eine der ersten Stationen, ein Job bei einer großen Ölfirma. Und da passierte es dann auch, irgendwann im Jahr 1989, als auf dem Weltmarkt immer mehr Öl aus der Sowjetunion eintraf. Nicht aus den offiziellen Quellen, sondern aus unbekannten, dunklen Kanälen. Der beginnende Zerfall der Sowjetunion ging einher mit zwielichtigen Geschäften: Der illegale Verkauf des russischen Öls hatte im großen Stil begonnen.

Jonathan Kollek macht eine Flasche Rotwein auf, zum Aperitif. Er sagt, alle großen Firmen schickten ihre Ölhändler, ihre Jäger, nach Moskau. Auch ihn. Jeder wollte ein möglichst großes Stück vom sowjetischen Ölkuchen abbekommen. Seine erste Adresse in Moskau war das damals noch gar nicht eröffnete Penta Hotel, nur wenige Gäste wohnten schon drin, darunter einige Ölmanager. Jonathan erinnert sich an ein Abendessen, irgendwann in jenen Tagen, draußen begann das Sowjetreich zu bröckeln, am Tisch saßen unter anderen Leonid Neslin und Michail Chodorkowski, auch als Öljäger unterwegs. „Chodorkowski“, erzählt Kollek, „hat damals schon etwas begriffen, er sagte immer: ,You have to see the big picture.‘“ Du musst das große Bild sehen. „Damals konnte man riesige Konzerne für einen Pappenstiel kaufen. Ich habe das damals nicht verstanden, ich als Händler kaufte und verkaufte einfach Öl.“

Keine guten Geschäfte gemacht? Ach, natürlich, sagt Kollek fast ein bisschen gelangweilt, riesige Geschäfte, unendliche Millionen seien verdient worden, aber es seien im Rahmen normale Geschäfte gewesen. Was aber Chodorkowski noch meinte, you have to see the big picture: Das Zerbrechen der Sowjetunion bedeutete das Entstehen eines rechtsfreien Raums, Geschäfte ohne Kontrolle waren möglich, brutale, rücksichtslose Geschäfte. Man organisierte Armeen von Bodyguards. Man kaufte ganze Ölfabriken auf, bestach die Direktoren, bezahlte das Öl nicht und verkaufte es weiter. Wenn überhaupt ein Ermittler auftauchte, wurde er bestochen. Kollek erzählt, eines Tages habe ihn ein früherer sowjetischer Ölboss um Hilfe gebeten, ob er ihn nicht mit seinen Westkontakten helfen könne. Er wisse sich nicht mehr anders zu wehren gegen diese Geschäftspraktiken. Leider, erzählt Kollek, „ich musste ihm antworten, da kann ich nichts tun für dich. In diese Art von Auseinandersetzung mischt sich keiner ein, der bei guter Gesundheit bleiben will.“

Bereut er es heute, kein Oligarch geworden zu sein? Nein, sagt Kollek, er bereue nichts, gar nichts, was mit Geschäften zu tun habe. „Das hat einen Grund, Geschäfte lassen mich kalt.“ Und dann redet Jonathan Kollek von Geld, wieviel er verdient hat, mit seiner eigenen Firma und jetzt im großen Konzern, sehr viel Geld, so viel, dass seine Kinder und seine Kindeskinder nie in ihrem Leben arbeiten müssten. „Ich kann das, Geschäfte machen. Es ist so einfach, viel Geld zu verdienen.“ Und wenn er so redet, wirkt er für einen Moment wie die Karikatur eines kalten Kapitalisten. Doch nur für einen Moment, denn eigentlich hält er diesen Monolog aus einem ganz anderen Grund. Er befindet sich nämlich in einer Krise, und darauf will er hinaus. Vor einiger Zeit fing es an mit der Frage: Was mache ich da eigentlich? Und die Fragen wurden genauer: Was ist das wert, das Geldvermehren, das Abschließen von erfolgreichen Geschäften? Was hat es für eine Bedeutung? Gibt es das, den Wert „Geschäftemachen? Es klingt nicht kokett, wenn er so redet, gar nicht aufgesetzt. Es klingt einfach so, als wäre er ein bisschen müde geworden.

Und dann erzählt Jonathan von Teddy. Dass ihm Teddy nie in seinem Leben ein Geschenk gemacht hat. Nur einmal, zum 18. Geburtstag, gab es einen Zettel, auf dem stand, Teddy hätte im Namen Jonathans Geld für irgendeine kulturelle Einrichtung Jerusalems gespendet. „Verstehen Sie“, sagt Jonathan, „Geld hatte nur einen einzigen Zweck: Man muss was Sinnvolles damit tun. Das ist mein Hintergrund, das ist die Welt, aus der ich komme.“ Und er erzählt, wie ihn seit seiner Kindheit Teddys Träume von Israel und Jerusalem begleitet haben. Alles habe sich um diese Ideale gedreht. „Also kein Wunder“, sagt er, „dass ich mich frage, was ich eigentlich so tue mit meinem Leben.“

Er macht eine lange Pause. Wir haben gegessen, die Kinder sind schon längst im Bett. Irgendwann schenkt er uns noch einen Cognac ein und sagt: „Mein früherer Therapeut hat neulich mal gesagt, ich sei nur deshalb ein so erfolgreicher Geschäftsmann geworden, weil mein Vater das nie geschafft habe. Ich musste stark werden, sagt der Therapeut, weil er es nicht war.“

Die Kolleks. Noch mal zurückgeblendet. Es waren zwei Brüder, Teddy und Paul Kollek, Teddy war der Ältere. Beide konnten rechzeitig aus ihrer Heimatstadt Wien fliehen, beide versuchten aus dem Ausland, Juden aus Deutschland herauszuholen, und engagierten sich für das entstehende Israel. Teddy gelangen die spektakuläreren Aktionen, er besorgte beispielsweise für Hunderte von Juden Visa für England und überredete noch im Jahr 1939 Adolf Eichmann in einer persönlichen Begegnung, sie nach England ausreisen zu lassen. So blieb es: Teddy fiel auf, drängte immer nach vorne und an die Spitze.

Paul hielt sich zurück. Als Teddy in Israel Karriere machte, versuchte es Paul im Ausland als Geschäftsmann, auch deshalb, weil er sich nicht nachsagen lassen wollte, er profitiere von Teddys Beziehungen. Sehr erfolgreich verliefen seine Geschäfte nicht. Ein feiner, gebildeter Mann sei Paul gewesen, das sagen alle. Und auch, dass er immer auf eine gewisse Weise im Schatten des Bruders stand. Jonathan und Daniel sind die Söhne von Paul Kollek, Amos ist der Sohn von Teddy. Bis zu ihrem Tod hatten die beiden alten Brüder engsten Kontakt. Sie haben sich ganz sicher sehr geliebt, sagt Jonathan. Paul Kollek starb vor zwei Jahren in der Nacht nach einem Familienfest in Kanada. Die Leiche wurde noch am gleichen Tag nach Jerusalem gebracht. Teddy starb im Januar dieses Jahres in Jerusalem, 95-jährig. Er wurde in einem Staatsbegräbnis zu Grabe getragen.

Hamilton. Eine Industriestadt zwischen Toronto und den Niagara-Fällen. Ein hübscher Vorort, eine Straße mit Bäumen, ein Häuschen mit Garten. Umgeben von Wald, und vor allem von Ruhe. Ja, sagt Daniel Kollek, der Arzt, einen größeren Kontrast zu Israel können Sie sich nicht vorstellen, „in Israel ist alles intensiv, laut und hektisch, hier alles langsam und leise. Ich finde es gut, beides zu haben. Nur das eine würde ich auf die Dauer wahrscheinlich nicht ertragen.“ Er stellt den Tee auf den Wohnzimmertisch, dazu ein paar Kekse.

Paul Kollek – ein schwacher Vater? Immer im Schatten gestanden? Wie bitte? Daniels bullige Statur versteift sich. Niemand habe das Recht, so über seinen Vater zu sprechen. Wer bitte definiere das: Schwäche? Daniel zählt die guten Eigenschaften des Vaters auf. Er sagt, Teddy sei für ihn nie Nummer eins gewesen, das sei immer sein Vater gewesen. „Teddy spielte für mich nie eine besondere Rolle.“ Ein Sohn tritt zu einer Verteidigungsrede an, als würde er fürchten, der Vater könnte mithören. Oder liegt die Sache anders: Hat Daniel es anders erlebt? Familien haben bekanntlich öfter unterschiedliche Versionen.

Viele Fotos hängen an den Wänden, stehen auf Regalen. Alles Bilder von der Familie, auch viele von Jonathan, Tessa und den Kindern. Jedes Jahr machen die Brüder samt Familien zusammen Urlaub, diesen Sommer fand er in Italien statt, in der Toskana. Auch Neffe Amos ist bei den Urlauben öfter dabei. Wir wechseln das Thema. Israel. Wie er die aktuelle Situation dort beurteile, die Krisen, ob er manchmal Enttäuschung empfinde angesichts dessen, was aus den Träumen der Gründungsväter Israels geworden sei? Daniel Kollek antwortet, er sei kein politischer Mensch, er könne das aus der Ferne nicht beurteilen, er sehe sich dazu nicht befugt. Er habe nur manchmal das Gefühl, der Blick auf Israel falle aus dem Ausland oft zu kritisch aus. Er könne nur aus seinem Bereich berichten: Die Israelis seien die besten Krisenmediziner der Welt, er arbeite eng mit den Kollegen dort zusammen, „wenn es um Notfälle geht, können alle von Israel lernen“. Wieder hält er eine Verteidigungsrede. Israel, auch ein bisschen seine Familie.

Könne es sein, dass das Ausstrahlen von Stärke und das Nichteingestehen von Schwäche ein Merkmal der Kolleks sei? Jonathan hatte in Moskau erzählt, dass er einmal Teddy, seinen Onkel, mit einem Rollstuhl abholen wollte, und Teddy es ablehnte, obwohl er kaum noch laufen konnte. Angezischt habe er Jonathan daraufhin: Das sollte er nie wieder tun, ihm helfen wollen. Stärke? Bei den Kolleks? Daniel überlegt. Und lächelt. Da könne was dran sein, da müsse er mal länger drüber nachdenken. Tage nach dem Gespräch schickt er eine E-Mail. Er glaube, schreibt er, die Kolleks brächten sich gerne in Situationen, in denen schnelle, bedingungslose Entscheidungen getroffen werden müssten. Das sei in der Armee so gewesen. Deshalb sei er Notfallmediziner geworden. Und das gelte auch für Topmanager in der Wirtschaft, wie Jonathan.

Irgendwann fährt Daniel den Reporter zum Hotel zurück. Er sagt, er wollte schon als Kind Arzt werden. Er fing an, in Kanada zu studieren, und blieb dort, weil die Bedingungen einfach gut waren. Die Entscheidung für die Sparte Notfallmedizin, erzählt er, fiel in einer tiefen kanadischen Winternacht. Er hatte Dienst. Draußen schneite es. Und plötzlich klopfte es an der Kliniktür, und zwei unglaubliche Figuren stolperten herein, ein Zwerg und ein Riese. Sie konnten kaum noch laufen und reden schon gar nicht, so besoffen waren sie. „Das Bild dieser beiden war so großartig“, sagt Daniel, „das war Fellini und Stephen King in einem. In diesem Moment wusste ich: Das ist mein Beruf, so was bekommst du nur hier geboten.“

Das Gespräch wird netter. Draußen leuchtet der Spätsommer, vorbei an Bäumen, die anfangen, die Farben des Herbstes zu tragen. Dann ein anderer kleiner Vorort, eine Straßensperre. „In diesem Ort werden oft Filme gedreht, jetzt auch wieder, einer mit Edward Norton“. Daniel redet von seinen Lieblingsfilmen. Er hat einen exzellenten Filmgeschmack, er hat sehr viele Filme gesehen. Er erzählt, seine Kinder müssten auch alle Filme anschauen, „zurzeit sind die Marx Brothers dran“. Er sagt, er drehe selbst gerne kleine Filme für die Ausbildung von Medizinern, da schneide er immer eine Szene aus Casablanca rein, als nach einem Mord der Polizist sagt: Kontrollieren wir erst mal die üblichen Verdächtigen. Das sei bei einem Notfall genauso, da müsse man auch erst mal die wahrscheinlichsten Ursachen abchecken. Kommt gut an bei den Studenten, das bisschen Theater.

Daniel Kollek lacht. Am rechten Arm trägt er einen silbernen Armreif, mit einem eingravierten Namen. Ein Israeli, der Opfer eines Terroranschlags wurde. Nein, er kannte den Mann nicht, der Armreif soll nur dafür sorgen, dass er nicht vergisst, was in Israel los ist, sagt er. Da ist sie wieder, die Schnur, die an ihm zieht.

Übrigens hat auch Jonathan mal einen kleinen Film gedreht. Eine Satire. Als sich der britische BPKonzern in die russische TNK-Firma einkaufte, wollten die englischen Manager den russischen Kollegen mal zeigen, wie man gegenüber Putin und Co Rückgrat und Haltung beweise. Wie angesichts der Realitäten dieses Vorhaben wie Eis in der Sonne schmolz – davon handelt Jonathan Kolleks Filmchen. Soll sehr witzig sein. Wenigstens für die russischen Manager.

Zurück nach Jerusalem, zur Party. Ein bisschen Show, das gehört zu den Kolleks. Zu Amos Kollek sowieso, er hat es zu seiner Profession gemacht. Mit Anfang zwanzig schrieb er einen Roman, eine Abrechnung mit der Vätergeneration, sehr explizit mit dem eigenen Vater. Teddy reagierte zunächst ärgerlich, als das Buch aber wochenlang auf der Bestsellerliste ganz oben stand, wechselte der Zorn in Stolz: mein Sohn, der Erfolgsautor. Amos ging nach New York, drehte Spielfilme, gewann internationale Preise. Lebte eineinhalb Jahre mit der Assistentin von Woody Allen zusammen. Und was geschah bei einer großen Premiere in einem New Yorker Kino? Amos wurde vorgestellt als „Teddy’s son“.

Ein Riese von Mann ist Amos, ein bisschen schwer ist er geworden. Auch an diesem Abend, wie er da sitzt zwischen den Festgästen, mit der zerfransten Kleidung, den widerspenstigen Haaren, ist die Ausstrahlung eindeutig: Ich bin anders als ihr, als alle. Das war lange Jahre sein Lebensthema: die Distanz. Das ging gut, solange Teddy der Alte war, stark, selbst ein Koloss. Wie wenn sich zwei Magneten abstoßen. Doch als Teddy älter und schwächer wurde, funktionierte es nicht mehr.

Amos zog es immer häufiger nach Jerusalem zurück. Er erzählt vom Wahlabend, als Teddy noch mal angetreten war, nach 28 Jahren Amtszeit als Bürgermeister, schon weit über achtzig, und die Wahl verlor. Amos war an seiner Seite. Er sagt, es sei unglaublich traurig gewesen, mit welcher Würde er diesen Abend zu Ende brachte. „Und auf einmal hatte ich diesen Gedanken: Bin ich mir ganz sicher, dass ich nicht doch stolz bin, sein Sohn zu sein? Teddy’s son.“ Eine andere Szene hat Amos aufgeschrieben. Sein Vater rief ihn, er glaube, es gehe nicht mehr, er müsse in ein Altenheim. Er wolle sich mal eins anschauen, ob er ihn begleite? Amos ging mit. Teddy schaute sich das Heim an. Stand nachher unten auf der Straße und sagte, nein, da ziehe ich nicht rein. Amos sagte nichts. Was nun, fragte Teddy. Der Sohn zog die Achseln hoch, keine Ahnung. Wenn du nichts weißt, wer dann, sagte Teddy.

Die Party schreitet fort, und Amos Kollek erzählt von seinem neuesten Film, den er gerade zu Ende schneidet. Eine Vater-Sohn-Geschichte. Ein Vater verlässt seine Familie, geht von Jerusalem nach New York, führt ein ausgeflipptes Leben. Als sein Sohn, ein korrekter, überzeugter Israeli, mit der Armee fertig ist, sucht er seinen Vater, um mit ihm abzurechnen. Keiner von beiden ist der Gute, keiner der Böse, die Grenzen fließen, sagt Kollek. Er habe schon vor Teddys Tod mit dem Film begonnen, die Geschichte habe er lange mit sich herumgetragen. Merkwürdig, sagt Kollek, seit er tot ist, „war ich kaum noch in New York. Immer nur hier in Jerusalem.“ Er sagt, er wisse noch nicht, was der Tod des Vaters mit ihm anstelle. „Wissen Sie“, sagt er, „als junger Mann war ich besessen davon, mich abzugrenzen. Immer diese Frage: Wer bin ICH? Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob das die richtige Frage ist.“ Was ist dann die richtige Frage? „Keine Ahnung“, sagt er und lacht.

Jerusalem, die verfluchte und begnadete Stadt. Daniel Kollek saß am Nachmittag in einem Café in der Fußgängerzone und erinnerte sich, wie er vor vielen Jahren hier um die Ecke einen Bombenanschlag in Sichtweite mitbekam. Wie Leichenteile umherlagen, wie alles voll Blut war, „so was vergisst man nie wieder“. Jonathan war den ganzen Tag schon ziemlich gut drauf, man merkt ihm an, wie wohl er sich fühlt in dieser Stadt. Er schwärmte vom Wein, von den Datteln, vom Toten Meer. Und irgendwann formulierte Jonathan seinen Traum: Man müsse diese Stadt Jerusalem, abseits aller politischen Lager und Feindeslinien, in eine Art spirituelles Zentrum der ganzen Welt verwandeln. Aus Jerusalem den magischen Ort machen, der er ist. Das würde ihn wahnsinnig reizen. Geld brauche man dafür, klar. Viel Geld. 150 Millionen Dollar vielleicht, mal zum Anfang. Und er fügte hinzu: „Was sind 150 Millionen Dollar? Nichts, gar nichts.“

Die Kolleks. Vielfältig verwoben mit der Geschichte Israels. Amos Kollek hat mal einen Film gedreht über eine Frau, die daran zugrunde geht, dass sie sich nicht helfen lassen kann. Ist das auch ein Thema seiner Familie? Amos sagt, er habe lange darüber nachgedacht, wie man am besten durchs Leben kommt, „ich denke, man muss so stark werden, wie es geht. Sonst schafft man es nicht“.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 25.10.2007 Nr. 44
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Autoren abonnieren RSS-Feed
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Familie
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service