Mythos Macht Lesen glücklich?
Über einen verbreiteten Irrtum
Ums Lesen gibt es ein großes Gewese. Den Welttag des Buches haben wir hinter, den Vorlesetag (23. November) vor uns. Außerdem gibt es die Stiftung Lesen sowie manch andere ebenso philanthropische wie geschäftsfördernde Einrichtung. Die Branche, die vom Lesen lebt (zu ihr gehört auch dieses Blatt), ist groß, und sie muss zusehen, dass ihr der Nachwuchs nicht ausgeht. Das ist legitim, aber man sollte nicht übertreiben.
Zunächst mal ist klar, dass diejenigen, die nicht lesen können, von Wissen und Bildung und damit von beruflichem Erfolg ausgeschlossen sind. Die Nachricht, dass 22 Prozent aller Deutschen in diesem Jahr noch kein einziges Buch gelesen haben, bestätigt die Vermutung, dass der Prozess der Marginalisierung voranschreitet. Dagegen etwas zu tun ist notwendig. Aber wenn vom Lesen die Rede ist, dann meist im emphatischen Sinn. Da sind nicht Lehrbücher oder Handbücher gemeint, sondern die Werke der schönen Literatur, der Dichter und Denker. Warum Lesen glücklich macht heißt ein Buch von Stefan Bollmann (Elisabeth Sandmann Verlag), und diese Behauptung ist irreführend. Wer liest, um glücklich zu werden, sollte es lieber lassen. Lesen ist, wie die Fähigkeit, Rad zu fahren oder den Computer zu benutzen, eine Kulturtechnik, man muss sie beherrschen, um in dieser Gesellschaft überleben zu können. Mit Glück hat sie nichts zu tun, eher im Gegenteil: Das dauerhafte, wahrhafte Glück besteht wahrscheinlich in der vollendeten Dummheit.
Erinnert sich jemand an Emma Bovary? Das Unglück dieser hübschen und selbstsüchtigen Frau in Flauberts Roman beginnt damit, dass sie andauernd Romane liest, die ihr Bild von der Wirklichkeit nachhaltig beschädigen. Auch der berühmte Ritter von der traurigen Gestalt, der Don Quijote des Cervantes, hat so viele Romane gelesen, dass er sich zum Gespött seiner Mitmenschen macht. Nun ist es sicherlich richtig, dass Frau Bovary und Herr Quijote nicht intelligent genug waren, um aus ihrer Lektüre die richtigen Schlüsse zu ziehen. Angenommen, sie wären dazu imstande gewesen: Es hätte ihnen nicht zum Glück verholfen. Und wir hätten zwei große Romane weniger.
Die gern verbreitete These, Lesen im emphatischen Sinn führe zu größerer Weisheit und Einsicht und es wäre um die Welt besser bestellt, wenn die Staatsmänner und Wirtschaftslenker häufiger Hölderlin läsen, ist unbeweisbar. Schaden würde es ihnen nicht, aber ob sie danach menschlicher und klüger entschieden, weiß man nicht. Marcel Reich-Ranicki erzählte einmal, er habe seinen Augenarzt wechseln müssen. Der Mann habe ihn allzu oft mit der Kenntnis neuer Romane beeindrucken wollen, anstatt sich fachlich weiterzubilden.
Man sollte für das Lesen nicht mit falschen Versprechungen werben. Es vergrößert die geistige Reichweite. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Literaturkritiker.
- Datum 24.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
- Kommentare 6
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fragen sie bitte NICHT ihren Literaturkritiker. Der ist für die gepflegte Lektüre eines Buches nämlich voll nutzlos. Er ist eher ein Parasit, der in unserer Gesellschaft leider immer noch viel zu viele Menschen um viel zu viele schöne Bücher bringt. Es gibt kaum einen individuelleren Zeitvertreib als Lesen, und deshalb ist sämtliche objektive Betrachtung dieser Kunstwerke zum Scheitern verurteilt.
ist es in erster Linie,das lesen.Jetzt kommt es noch darauf an was ich lese,ist es ein "gutes Buch"?sehr individuell,ist es die BILD?kreisch!oder ist es gar die ZEIT?sehr intellektuel.Das Wissen wird bereichert und in so manchen Dingen hilft es auch weiter aber zum "glücklich" machen bedarf es wohl einer gehörigen Portion Fantasie oder?
Haben Sie vielen Dank für diese gut geschriebene Glosse. Macht Lesen glücklich, wie Stefan Bollmann behauptet? Auch in der Literaturwissenschaft wird diese Frage diskutiert. Eines scheint festzustehen, wie Sie schreiben: Es wäre um die Welt wahrscheinlich nicht viel besser bestellt, wenn die Pflichtlektüre der Weltenlenker auch aus Flaubert, Cervantes oder Hölderlin bestehen würde. Und trotzdem: Der Mensch ist immer in Geschichten verstrickt und die Auseinandersetzung mit literarisch aufbereiteten Geschichten kann ihm auf vielfältige Weise dabei helfen, seine eigene Lebenswelt zu meistern. Rainer Wild von der Uni Mannheim, an der auch Stefan Bollmann vor einigen Jahren auf engagierte Weise den Umgang mit Literatur gelehrt hat, hat dafür einen ganzen Funktionenkatalog aufgestellt: Literatur kann entlastende, kompensatorische und andere, auch “glückshormonstiftende”, Funktionen erfüllen. Ich habe diese Erfahrung jüngst in meinem Deutsch-Kurs an der Uni Massachusetts gemacht. Wir hatten einige Zeit-Artikel gelesen, die auf ein eher mäßiges Interesse stießen. Und dann kam die Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert an die Reihe. In den traurigen Geranien, die Borchert um 1945 schwer krank geschrieben hat, geht es um eine Beziehungskiste, die irgendwo und irgendwann spielt. Die einzige Zeitangabe ist ein Verweis auf Picasso. Eine nächtliche Romanze endet im grellen Tageslicht, weil der Mann die asymmetrische Nase der Frau als eine "angenähte Zumutung" empfindet. Er geht und sie weint. Und erst diese deutsche Geschichte der Stunde Null hat die amerikanischen StudentInnen wirklich berührt, sozusagen im Mark getroffen. Sie haben sich im Unterricht geradezu mit ihren Lesarten überschlagen. Einige haben sich entschieden, die Geschichte weiterzuschreiben: Die namenlosen Protagonisten wurden zu "Gerda", "Geranie", "Marie", "Günther", "Hans G." oder schlicht "Hans". Die Erzählungen nehmen spannende Verläufe. In einem Fall läßt sich Marie ihre hässliche Nase operieren und holt zum Vergeltungsschlag aus: Günther macht Frühstück für Marie und sie sitzen in der Küche. Marie starrt ihn an. Er fragt, was los sei. "Deine Nase, sagt sie, sie ist so hässlich!" In einem anderen Fall endet die Geschichte mit einem wunderbaren Stimmungsbild: "Sie war überzeugt, dass sie ihn fühlte, aber sah nur, wie der Wind die Herbstblätter über die Straße blies. Sie sah, wie sich die Herbstblätter auf dem Boden in der Abendsonne mischten..." Ich weiss nicht, ob das Lesen von Borcherts Kurzgeschichte die StudentInnen "glücklich" gemacht hat. Aber sie hat sicherlich für einen ungeahnten Emotionencocktail gesorgt, den ich in einem Sprachkurs nicht für möglich gehalten hätte. Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza, UMass, Amherst.
Madame Bovary ist zufällig einer meiner Lieblingsromane, obwohl manche Kritiker behaupten, er sei " Frauenfeindlich ". Davon abgesehen ist es ziemlich einfallslos und oberflächlich, diese These anhand dieses Romanes aufzustellen. Wann haben sie das Buch zuletzt gelesen? Mochten Sie es wircklich so sehr, daß Sie es öfter als ein mal gelesen haben? Ich für meinen Teil kann nur sagen, daß einigermaßen normale Menschen sich nicht mit der Heldin dieses Romanes identifizieren können.Sie war schlicht gesagt, nicht ganz normal. Schon alleine die Beziehung zu ihrem eigenen Kind lassen da immerhin ganz gewaltige Zweifel aufkommen.Es ist außerdem schwierig sich vorzustellen, ob sie überhaupt irgendetwas hätte glücklich machen können.Warum suchen Sie sich nicht einen anderen Roman, um ihre Klugheit ins rechte Licht zu rücken? Ein weiteres Buch, dessen Lektüre sicher nicht glücklich macht ist " Abschied von den Eltern " von Peter Weiss. Innere Entwicklung z.B. kann jedoch ganz eindeutig ein Weg zum Glück sein.Uns dabei ist lesen sicher nicht ganz unwichtig.
Außerdem ist die Definition von Glück ( auch an Dingen ) wesentlich geheimnisvoller und komplizierter.
Ich kann den leichten Zynismus verstehen, Dummheit macht glücklich. Zuviel nachdenken bringt nur Unglück und die Lust auf Flucht. Das funktioniertnatürlich allerbestens über das Lesen von Romanen wie es Don Quijote und Madame Bovary versuchten."Never sigh for a better world, it's already composed played and told..."Perfekte Traumwelten allerdings machen das Leben in der realen umso kälteren Welt schwierig.Über dem Lesen sollte man den Bezug zur Wirklichkeit eben nicht verlieren.Natürlich ist das viel leichter gesagt als getan...Meiner Meinung nach ist es jedenfalls manchmal besser, die Finger von gewissenphilosophischen Büchern zu lassen, wenn man dazu veranlagt ist zuviel nachzudenken. ;) Gegen die Veranlagung kann man leider/Gott sei danknichts machen, aber man muss es ja auch nicht herausfordern, wenn es zuvielUnglück bringt. Wie alles auf der Welt kann auch Lesen helfen und zerstören.Darf man deshalb diese konkrete Frage, ob Lesen glücklich macht oder nicht, überhaupt stellen? Vielleicht um eine Diskussion zu entfachen? ;)Es ist jedenfalls interessant wie jeder Leser des Artikels etwas anderes hineinliest und jeweils andere Aspekte als kommentierungswürdig erachtet. Ich glaube das ist ein ganz gutes Beispiel für unterschiedliche Leseartenund damit vielleicht auch ein Hinweis lieber eine persönliche Antwort zu findenauf die Frage: Macht Lesen Glücklich?PS. Was müssten Sie aufgeben zu Gunsten der Dummheit?--'Tis better to be that which we destroy, than by destruction dwell in doubtful joy
so ist es auch die Entscheidung, welches Buch ich als lesenswert, angenehm und schön empfinde. Das lasse ich mir von niemandem vorschreiben, schon gar nicht von Literaturkritikern. Lesen verfeinert den Sprachgebrauch, erweitert u.U. den Horizont sowie das Allgemeinwissen und unterhält. Ein "gutes Buch" kann einen betroffen machen, Stimmungen auslösen, Fantasien anregen. Lesen kann somit als sinnvoller und angenehmer Zeitvertreib gelten. Der Begriff "glücklich machen" ist in diesem Zusammenhang jedoch zu hoch gegriffen. Da halte ich es eher mit der zynischen Meinung des Autors dieses Artikels: Glücklich sind eher diejenigen, die mit ignoranter Dummheit durchs Leben gehen und sich somit jegliche Art von Reflektion, Auseinandersetzung und Empathie vom Leibe halten.
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