Online-Buchung Wo bin ich?

Tom Roberts, 50, ist Airport Manager. Er tröstet Urlauber, die im Internet falsch geklickt haben und im südfranzösischen Rodez gelandet sind statt auf der griechischen Insel Rhodos

Herr Roberts, erinnern Sie sich an den ersten Touristen, der unfreiwillig auf dem Flughafen Rodez-Marcillac gelandet ist?

Ja, das war im Juli 2003. Der Mann war Ire, er stand verwundert vor mir und fragte: Hey Mate, wo bin ich? Als ich sagte: in Frankreich, konnte er es kaum glauben.

Und dann?

Die Weiterreise nach Rhodos war ihm zu teuer. Er hätte entweder mit Ryanair zurück nach London-Stansted fliegen müssen und dann über den Flughafen Gatwick nach Griechenland. Über Paris mit Air France wäre es noch umständlicher und kostspieliger geworden. Er hatte sein Fahrrad dabei und fragte, ob die Gegend hier flach sei. Sicher, sagte ich. Das war allerdings eine Lüge. Nur die Umgebung des Flughafens ist eben, die Region ist bergig. Doch der Mann ist nicht zurückgekommen, um sich zu beschweren.

Wieso werden Rodez und Rhodos so oft verwechselt?

Das englische Wort Rhodes unterscheidet sich nur mit zwei Buchstaben von Rodez ; der eine Airport-Code lautet RHO und der andere RDZ. Doch über die Verwechslungsgefahr sind sich die meisten gar nicht im Klaren, weil sie nicht wissen, dass unsere Stadt überhaupt existiert. Sie klicken im Internet Rodez an und landen dann hier. Jeden Monat sind das drei bis fünf Reisende – überwiegend Engländer, Iren und Skandinavier –, die eigentlich nach Griechenland wollten.

Wie reagieren die Touristen, wenn ihnen bewusst wird, dass sie am falschen Ort sind?

Fast alle weinen erst einmal. Manche bemerken es beim Landeanflug, wenn sie statt des blauen Meers nur grüne Bäume sehen. Manche betreten das Flughafengelände, hören plötzlich Französisch und merken es dann. Überrascht hat mich allerdings eine Engländerin, die einen ganzen Tag am Flughafen auf den Kapitän wartete, der sie zu ihrer Bootstour abholen sollte. Sie arbeitete in der Tourismusbranche!

Was passiert nach dem ersten Schock?

Wir versuchen, allen zu helfen, und freuen uns, dass wir für unsere Region werben können, sie ist ja ein Feriengebiet. Im vergangenen Jahr sind insgesamt über 150.000 Touristen mit dem Flugzeug hier gelandet, rund 67.000 kamen mit Ryanair, die anderen mit zwei französischen Airlines. Das Départment Aveyron, zu dem unsere 24.000-Einwohner-Stadt gehört, ist Teil der Region Midi-Pyrenäen; Rodez liegt an der Spitze eines Dreiecks mit Toulouse links und Montpellier rechts. Es ist eine schöne Gegend, sehr grün, auf dem Fluss Aveyron kann man Kanu fahren, in den Schluchten klettern oder am Ufer campen; in den Städten gibt es viel romanische Architektur.

Die meisten Irrläufer bleiben also in Rodez?

Jedenfalls wollen nur wenige so dringend weiter nach Rhodos wie die drei jungen Frauen, die sich in London in griechische Kellner verliebt hatten und deshalb unbedingt dorthin wollten. 30 bis 40 Prozent der Falschflieger bleiben in unserem Gebiet. Die anderen fahren jedoch noch ein Stück, weil wir nicht alle Bedürfnisse erfüllen können.

Was fehlt denn?

Manche machen sich auf den Weg nach Spanien, weil sie dort mehr Sonne vermuten – was gar nicht stimmt. Bis zur Grenze sind es rund vier Stunden mit dem Auto. Näher ist die französische Mittelmeerküste, dort ist man in zwei Stunden, einige wollen eben partout an den Strand. Vor ein paar Wochen sind zwei Norweger falsch gelandet. Um ihnen das Départment schmackhaft zu machen, habe ich die schönen Frauen von Aveyron angepriesen. Doch was sie suchten, drehte sich ausschließlich um Männer. Da musste ich sie nach Paris schicken.

Haben Sie Mitleid mit den Fehlgeleiteten?

Manchmal landen Jugendliche bei uns, deren Urlaubskasse zu knapp ist für diesen Exkurs. Wenn sie gar kein Geld haben, bringen wir sie auf unsere Kosten in einem nahe gelegenen Hotel unter und setzen sie in den nächsten Flug zurück nach London.

Sie selbst sind freiwillig hier gelandet. Wie gefällt es Ihnen in Rodez?

Für mich als Engländer ist dieses Klima wunderbar. Deutlich weniger Regen, nie extrem heiß oder kalt; die Landschaft bietet viel mehr Raum, auf den Straßen drängelt nicht so dichter Verkehr. Und der Wein! Ich habe immer gesagt, ich bleibe wegen des Weins. Dann das Essen: Allein vier Restaurants mit einem Michelin-Stern und eines mit drei Sternen gibt es in der Region. Die Natur, die Kultur – es ist einfach wunderbar hier.

Interview: Heide Fuhljahn

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
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    • Schlagworte Tourismus | Reiseveranstalter
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