Österreich

Ein Martyrium mit Folgen

Die Seligsprechung des Wehrdienstverweigerers Franz Jägerstätter fiel der katholischen Kirche nicht leicht

Wenn der Papst den am End’ zum Seligen macht, tret ich aus der Kirchen aus!« Für den Bauern aus der Innviertler Gemeinde St. Radegund war die Vorstellung, sein Dorfnachbar, der Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter, den die Nazis 1943 hingerichtet hatten, könnte zum Vorbild erhoben werden, ein empörender Gedanke. Damit war er nicht allein. Als der Ortspfarrer Josef Karobath, den die Gestapo einst wegen einer Predigt verhaftet und aus seiner Pfarre verbannt hatte, mit grauen Haaren und pazifistischer Überzeugung zurückgekehrt war, schrieb er in die Pfarrchronik: »Wenn es in diesem gemeinen Krieg einen Helden gegeben hat, dann war es Jägerstätter Franz.« Dessen Namen allerdings auch auf dem lokalen Gefallenendenkmal verewigen zu lassen gelang dem Seelsorger erst nach einer langen und heftigen Kontroverse mit dem Kameradschaftsverein. Bis heute ist das böse Blut, das der Streit entstehen ließ, nicht ganz aus dem Ort verschwunden.

Doch am Nationalfeiertag, dem 26. Oktober, ist es so weit: Der sanft-energische Benedikt XVI., wie sein zorniger Vorgänger ein Gegner des Irakkriegs, lässt den hartnäckigen Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter als Märtyrer des Gewissens im Linzer Mariendom seligsprechen.

Nicht alle im Land freuen sich über den neuen Seligen. »Der Jägerstätterkult ist eine gemachte und importierte Sache«, empörte sich der Wiener Militärgeistliche Siegfried Lochner in einem rechten Wochenblatt. »Franz Jägerstätter ist ganz sicher kein Märtyrer der katholischen Kirche, sondern ein bedauernswertes Opfer seines irrenden Gewissens, das heute – zum Teil in peinlich berührender Weise – politisch instrumentalisiert wird.«

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn widersprach postwendend, was ihm in einschlägigen Internetforen den Vorwurf einbrachte, die »von edlen Motiven beseelten« Weltkriegssoldaten als »Kriminelle« zu verdammen. Vielsagend raunt man sich zu, es sei ein jüdischer Theaterautor gewesen, Joshua Sobol, der sich in seinem Bühnenstück Eye Witness auf Jägerstätter berufen habe. In dem Stück geht es um israelische Armeepiloten, die sich aus Gewissensgründen weigern, palästinensische Siedlungen zu bombardieren. Und sei der Komponist einer Jägerstätter zu dessen Seligsprechung gewidmeten Missa heroica, der Tscheche Pavel Smutný, nicht ebenso Ausländer?

Der Fall Jägerstätter dokumentiert auf beklemmende Weise den mühevollen Lernprozess, den sich der Katholizismus im 20. Jahrhundert auferlegen musste. Als der Bauer mit schlichter Volksschulbildung, aber klarem politischem Verstand Priester und Bischof verzweifelt um Rat und Hilfe bat, beschied man ihn unisono, der Pflicht zur Vaterlandsverteidigung dürfe sich niemand entziehen. Die Entscheidung, ob ein Krieg legitim und, moraltheologisch gesprochen, »gerecht« sei, obliege der Obrigkeit, denn das persönliche Gewissen könne allzu leicht irren. Lange Zeit kämpfte Jägerstätters Witwe vergeblich um eine Pension als Überlebende des Nationalsozialismus: Ihr Mann, hieß es, sei kein Widerstandskämpfer gewesen, sondern ein depressiver Sonderling.

Seit Jägerstätters Hinrichtung sind mehr als sechzig Jahre vergangen, und kein vernünftiger Theologe unterscheidet mehr zwischen »gerechtem« und »ungerechtem« Krieg. Doch noch während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) wollte die päpstliche Kurie solche Entscheidungen wie gehabt den staatlichen Instanzen überlassen. Damals gelang es dem ehemaligen Erzbischof von Bombay, dem Jesuiten Thomas D. Roberts, die Streichung dieser Passage in der programmatischen Konzilserklärung durchzusetzen – und zwar nicht mit abstrakten Argumenten, sondern mit einer leidenschaftlichen Schilderung des Leidensweges von Franz Jägerstätter. »Vielleicht«, sagte Roberts, »bestand das größte Ärgernis der Christen durch allzu viele Jahrhunderte hindurch gerade darin, dass sich fast jede nationale Kirchenhierarchie in beinahe jedem Krieg als moralische Stütze ihrer Regierung gebrauchen ließ.«

Die Friedensbewegung Pax Christi organisiert nun schon seit Jahren internationale Wallfahrten zu Jägerstätters Grab am gotischen Kirchlein von St. Radegund – dort, wo seine 93-jährige Witwe Franziska heute noch ihren Dienst als Mesnerin versieht. In der Krypta der Londoner Westminster Cathedral wird jedes Jahr am 9. August ein Friedensgebet gehalten, es ist Jägerstätters Todestag und der Tag, an dem eine Atombombe auf Nagasaki fiel.

»Wer in Hitlers Heer dient, der huldigt einem falschen Messias«

Er war einer von den ganz Kleinen, die ohne eine Chance ins Leben geworfen werden: 1907 unehelich geboren, weil die Eltern kein Geld zum Heiraten hatten, wuchs er bei seiner Großmutter auf. Als die Mutter doch noch einen Hochzeiter fand, einen Bauern, wurde er von diesem adoptiert. Seine Bildung erhielt der Jägerstätter Franzl in der einklassigen Volksschule, wo sieben Jahrgänge nebeneinandersaßen.

Die Dorfbewohner schilderten ihn später als lustigen, impulsiven Burschen, der leidenschaftlich gern kegelte und Karten spielte, den Mädchen nachstellte und sich bei einer wilden Rauferei einmal zwei Tage Polizeiarrest einhandelte. Seine grüblerische Seite kam in der sonntäglichen »Christenlehre« zum Vorschein, wo er dem Pfarrer mit Fragen so sehr zusetzte, dass der hilflos den Unterricht abbrach.

1936 übernahm Franz Jägerstätter den Hof seines Adoptivvaters und heiratete eine Bauerntochter. Die Hochzeitsreise nach Rom war für das Dorf eine Sensation. Allmählich wurde den Mitbürgern klar, dass der Franz seinen eigenen Kopf hatte und zu keinem Kompromiss bereit war, wenn er den Sinn einer Sache nicht einsah. Verübelt haben sie ihm den Dickschädel nicht. Die Hitler-Bewegung hatte ja in St. Radegund weder bei der Nationalratswahl 1930 noch bei der Landtagswahl 1931 auch nur eine einzige Stimme erhalten – obwohl Braunau, der Geburtsort des Führers, ganz in der Nähe liegt.

Kein Wunder: Der zuständige Linzer Bischof Johannes Maria Gföllner war ein wortgewaltiger Nazigegner. Als die Gesamtheit der österreichischen Bischöfe später den »Anschluss« an das Großdeutsche Reich eilfertig begrüßte, waren Leute wie Jägerstätter zutiefst enttäuscht: Um in diesem verhängnisvollen Strom wieder ans Ufer zu kommen, schrieb er nieder, »bleibt uns nichts anderes übrig, als gegen den Strom zu schwimmen«.

Für ihn bedeutete das, den Dienst in der Hitler-Armee zu verweigern. »Der Franz hat gefragt«, so erzählt seine Witwe heute, »warum soll ich einen, der mir nichts getan hat und der womöglich auch Familienvater ist wie ich, umbringen? Nur damit der Hitler die Welt regieren kann?« 1940 wurde Jägerstätter zweimal für kurze Zeit zum Militärdienst eingezogen. Nach der Rückkehr auf seinen Hof trieben ihn Gewissensqualen um: Wie sollte er sich bei einer neuerlichen Einberufung verhalten? Wer in Hitlers Heer diene, der verteidige nicht einfach sein Vaterland, sondern huldige einem falschen Messias. Man wisse doch, was Hitler plane. Später wird er aus dem Gefängnis schreiben: »Ist es nicht direkt ein Hohn, wenn wir Gott um Frieden bitten, wenn wir ihn doch gar nicht wollen? Denn sonst müssten wir doch endlich die Waffen niederlegen, oder ist die Schuld noch zu klein, die wir auf uns geladen haben?«

Die Verwandten, die Nachbarn im Dorf, die befreundeten Geistlichen haben den Überzeugungen des Eigenbrötlers in Gewissensnöten vielleicht gar nicht widersprochen. Schon richtig, Franz – aber was könne denn einer allein mit seiner Verweigerung ausrichten? Selbst Hitler werde eines Tages seine Grenzen erkennen müssen. Wäre es da nicht besser, abzuwarten, in die innere Emigration zu gehen und um des lieben Friedens willen mitzumachen? Und habe er denn gar nicht an seine Frau und die drei kleinen Kinder (und an ein uneheliches dazu, für das er brav Unterhalt zahlte) gedacht?

Jägerstätter war alles andere als ein selbstgerechter Querulant. Er quälte sich mit tausend Argumenten, fragte um Rat und hörte genau zu, auch dem neuen Bischof Josephus Fliesser, Gföllners vorsichtigem Nachfolger, der ihn zu einem langen Gespräch empfing und zum Nachgeben ermunterte. Er zeigte sich vor allem überaus tolerant gegenüber Mitläufern: Viele seien zum Widerstand gar nicht fähig, »da eben dann mit einem Schlag ihre ganze Existenz ruiniert sein könnte«. Aber er selbst, er konnte sich nicht anders entscheiden, musste der Stimme seines Gewissens folgen.

Die Briefe aus der Haft schrieb er mit gefesselten Händen

Am 23. Februar 1943 – drei Wochen nach der deutschen Kapitulation in Stalingrad, aus Jägerstätters nächster Umgebung waren bereits achtzehn Mann an der Front gefallen – kam der erneute Einberufungsbescheid. Franz verweigerte den Dienst mit der Waffe und bat um Verwendung als Sanitäter. Vergeblich. Eine endlose Kette von Verhören und Schikanen begann. Aus dem Linzer Wehrmachtsgefängnis transportierte man ihn nach Berlin, wo er vor das Reichskriegsgericht gestellt wurde.

In der Haft meditierte er über dem Neuen Testament, schrieb Briefe nach Hause – mit gefesselten Händen, »aber immer noch besser, als wenn der Wille gefesselt wäre!«. Am 6. Juli 1943 wurde Franz Jägerstätter zum Tod verurteilt, am 9. August das Urteil vollstreckt.

Nach dem Krieg hatte die Witwe für die Unbeugsamkeit ihres Mannes zu büßen. Jägerstätters Tod als Martyrium und Heldentat anzuerkennen, das hätte zugleich bedeutet, alle anderen als halbherzige Feiglinge schuldig zu sprechen. Dazu war damals niemand bereit. Der Linzer Bischof verhinderte einen Gedenkartikel in seiner Kirchenzeitung: Der Tote habe nach dem Martyrium »gedürstet«, die größeren Helden seien jene gewesen, die »tiefgläubig« ihre Pflicht auf dem Schlachtfeld erfüllt hätten.

Auch innerhalb der Bischofskonferenz gab es Widerstände gegen das Seligsprechungsverfahren, und sogar in Rom sollen einflussreiche Kreise lange vor den Folgen gewarnt haben. Als Daniel Ellsberg, der Pentagon-Experte, der in den USA geheime Dokumente an die Öffentlichkeit gespielt hatte, um das Ende des Vietnamkriegs zu beschleunigen, einmal gefragt wurde, warum er seinen Job und ein paar Jahre Knast riskiert habe, erzählte der Verräter aus Überzeugung, er habe damals ein Buch über einen faszinierenden Querkopf gelesen. Sein Name: Franz Jägerstätter.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. Wer sich mit dem oberösterreichischen Bauern und Kriegsdienstverweigerer
    Franz Jägerstätter auseinandersetzt, sollte neben seiner Lebensbiographie
    unbedingt den Briefwechsel mit seiner Frau Franziska lesen, insbesondere auch
    seine Aufzeichnungen nach seiner Verurteilung zum Tod.
    Das Faszinierende an Franz Jägerstätter ist offensichtlich:
    Ein grundehrlicher, liebevoller und gewissenhafter Familienvater und tiefgläubiger
    Christ setzt mit seinem Leben einem übermächtigen totalitären System Grenzen.
    Franz Jägerstätter nimmt Opposition, Isolation, die schmerzhafte Trennung und Nachteile für seine Familie in Kauf und geht unbeirrbar (freiwillig) seinen Leidensweg.
    Seine Gotteserfahrung und seine daraus resultierende persönliche Verpflichtung, für diese christlichen Werte einzutreten, lässt ihm keinerlei Spielraum für Kompromisse. Vorbehalte aus militärischen wie auch bis zu letzt kirchlichen Kreisen gegenüber Franz Jägerstätters Gewissensentscheidung verlieren hierdurch ihre Berechtigung. Ganz im Gegenteil: Sein Lebens- und Glaubenszeugnis leuchtet heute um so heller, je mehr diese Werte in Vergessenheit geraten. Das großartige Vermächtnis Franz Jägerstätters könnte etwa wie folgt lauten:

    Macht euch eure persönliche Verantwortung bewußt.
    Es gibt keine kollektive Gewissensentlastung. Nutzt eure kleine
    Spielräume für Ehrlichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit und erhofft hierfür
    keinen Applaus.

    Dieses Leben ist ein winzig kleiner Ausschnitt einer viel größeren Wirklichkeit.
    Tut, was er (Jesus) euch sagt und versucht (jeder nach seinen Möglichkeiten) die Übel dieser Welt zu überwinden.
    Es ist wunderbar, dass Franz Jägerstätters Frau Franziska 94jährig die überfällige Seligsprechung ihres Mannes noch erleben und zumindest teilweise Genugtuung für erlittenes Unrecht erfahren durfte. Franziska Jägerstätter hat ihr „Martyrium“ zu Lebzeiten durchgemacht. Ihr Schicksal ist von dem ihres Mannes nicht zu trennen. Es bleibt unsere Verpflichtung und Auftrag, die Jägerstätters aus St. Radegund in Ehre zu halten und ihre wahrlich bewegende Lebensgeschichte in unserem Leben uns immer wieder vor Augen zu führen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Christian Feldmann
  • Datum 26.10.2007 - 04:06 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 25.10.2007 Nr. 44
  • Kommentare 1
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service